Beziehungen der Bundesstaaten zum Reiche ihre Regelung gefunden. Der größte Theil der Gesetz ⸗ gebung des norddeutschen Bundes ist zur Gesetz⸗ gebung des Reiches geworden, und die letztere ha“ im Beginn Ihrer gemeinsamen Thätigkeit die Haft-
pflicht der industriellen Unternehmungen in einer
Weise geregelt, deren Wohlthaten an erster Stelle den Invaliden der Arbeit zu Gute kommen werden, Für die Einrichtungen, welche in Elsaß und Lotb- ringen zu treffen sind, ist die gesetzliche Grund- lage gewonnen; die Verhandlungen, welche darüber in Ihrer Mitte stattfanden, werden den Bewohnern dieser Gebiete die Ueberzeugung gewähren, daß den deutschen Regierungen und dem deutschen Volke— wie auch über einzelne Fragen die An— sichten abweichen mögen— der eine Gedanke und der eine Wille gemeinsam ist, das rückerworbene Land unter der Schonung bewährter Einrichtungen durch eine milde Verwaltung und durch eine frei- heitliche Entwicklung seiner Gesetzgebung zu einem auch innerlich verbundenen Gliede unseres großen Vaterlandes zu machen. Während der Dauer Ihrer Versammlung ist der Frieden mit Frank- reich endgiltig abgeschlossen worden. Dieser Ab- schluß und die Wiederherstellung gesetzlicher Ge: walten in Frankreich haben es zu meiner Freude möglich gemacht, einen großen Theil des Heeres in das Vaterland zurückkehren zu lassen. Der Schluß Ihrer Thätigkeit fällt zusammen mit dem Einzuge der siegreichen Truppen aller deutschen Heerestheile in meine Hauptstadt. Sie werden, geehrte Herren, Zeugen des Einzuges sein, und wenn Sie unter dem Eindrucke dieser nationalen Feier in Ihre Heimath zurückkehren, werden Sie die freudige Gewißheit mit sich nehmen, daß die patriotische Hingebung der deutschen Volksver⸗ tretung an der großartigen Entwicklung des Vater— landes und an dem Glanze der Siegesfeier ihren Antheil hat. Möge, wie ich zu Gott hoffe und wie ich nach den neu begründeten Beziehungen des deutschen Reiches zu allen auswärtigen Mächten überzeugt sein darf, der Frieden, dessen wir uus erfreuen, ein dauernder sein!“
— 15. Juni, Abends 7 Uhr. Die Stadt trägt schon heute den vollen Festcharakter. Die Decorationen überragen weit Alles, was in dieser Beziehung hier je gesehen worden ist. Eine colossale Menschenmenge durchwogt die Straßen. Die Vor— bertitungen für morgen sind fast vollendet. Das Programm der Einzugsfeierlichkeiten bleibt un— verändert. Der Fremdenzuzug ist stündlich im Steigen begriffen, das Wetter prächtig.
— 16. Juni. Der Einzug der Truppen und die Enthüllungsfeier des Denkmals König Friedrich Wilhelm's III. fand unter dem unbeschreiblichen Enthusiasmus der gesammten Bevölkerung nach der programmäßigen Feststellung statt. Das Wetter war herrlich. Der Kaiser verlieh dem Prinzen Karl das 15. Ulanenregiment, ernannte den Prinzen Friedrich Karl zum General-Inspecteur der dritten Armee⸗Inspetion, den Kronprinzen zum General- Inspecteur der vierten, den Kronprinzen von Sachsen zum General-Inspecteur der ersten, den Großherzog von Mecklenburg zum General-⸗Juspecteur der zweiten Armee Inspection, den Prinzen Albrecht Vater zum Generalobersten der Cavallerie und den Grafen Moltke zum General-Feld marschall. Prinz Luitpold von Bayern erhielt das 4. Artillerie-Regiment, Prinz Georg von Sachsen das 16. Ulanen Re- giment, Prinzessin Friedrich Karl das 12. Dragoner- Regiment. Der Kriegsminister v. Roon ist in den Grafenstand erhoben worden. General v. Man- teuffel erhielt den schwarzen Adlerorden. Eine große Anzahl commandirender Generale wurden Chefs von Regimenteru.— Bei der Begrüßung unter dem Baldachin am Eingange der Linden⸗ promenade erwiderte der Kaiser auf die Aprede dee Bürgermeisters ungefähr wie folgt:„Ich spreche Ihnen meinen Dank aus für Das, was Sie mir gesagt haben, in meinem Namen und für meine Armee, die heute mit ihren Repräsen⸗— tanten einzieht. Was wir Großes erlebt haben, wir verdanken es dem Himmel, der uns Kraft und Ausdauer gegeben hat; wir verdanken es der Treue sowohl der Truppen im Felde, wie der Treue der Unseren in der Heimath. Diese Treue
wollen wir als theueres Gut für die Zukunft be⸗ wahren. Der Stadt Berlin sage ich meinen Dank für den wunderschönen Empfang.“ Bei der Enthüllungsfeier des Denkmals König Friedrich
Wilhelm's III. hielt der Kaiser folgende Ansprache
an die umstehenden Deputationen:„Was wir im, tiefsten Frieden ersonnen und vollendet, was wir hofften, im tiefsten Frieden enthüllen zu können, dieses Standbild ist nun zum Denkmal des Schlusses eines der glorreichsten, wenn auch blutigsten Kriege der Neuzeit geworden. Wenn der König uns sehen könnte, würde er mit seinem Volke, seinem Heere zufrieden sein. Möge der Frieden, den wir mit so vielen Opfern erfochten, auch ein dauernder werden! An uns Allen ist es, Hand anzulegen, daß es also geschehe. Das walte Gott!“
— 17. Juni. Bei dem heutigen Galadiner im königl. Schlosse sprach der Kaiser folgende Worte:„Der Gedenk- und Ebrentag, welcher der Welt das Erzstandbild meines königlichen Vaters, der sein Volk und Heer zu unvergänglichem Ruhme führte, überliefern sollte, war bestimmt, im tiefsten Frieden begangen zu werden. Anders war aber von der Vorsehung beschlossen. Ein zweites Mal wurde Preußen berufen, wie damals mit seinen Alliirten, so jetzt mit dem gesammten Deutschland verbunden, denselben Feind, der uns herausge- fordert, zu bezwingen, von Sieg zu Sieg, in un— bekannter Größe und Ausdauer. In der Heimath haben alle Classen in beiden Geschlechtern sich in Opferfreudigkeit und Nächstenliebe überboten. Volk und Heer stehen unübertroffen vor der Welt. Darum ergreife ich das Glas gegen Volk und Heer.“ Der Kaiser nahm bald zum zweiten Male das Wort: „Ich weihe dieses Glas in Dankbarkeit dem Wohle des jetzt geeinten Deutschland, sowie seiner Monarchen und Fürsten, der abwesenden wie an— wesenden.“
— Die„Kreuzztg.“ vernimmt, daß Prinz Albrecht(Vater) gestern, fast am Schlusse der Einzugsfeierlichkeiten, von einem glücklicherweise nur leichten Schlaganfall betroffen worden ist.
— Der„Karlsr. Ztg.“ wird officiös ge⸗ schrieben: Nachrichten aus Paris machen es wahr scheinlich, daß Mitschuldige der Pariser Commune auch auf preutzisches Gebiet kommen. Besonders dürften sich solche Individuen nach der Provinz Posen wenden. Dem Vernehmen nach ist ange- ordnet, daß gegen preußisch: Unterthanen dieser Kategorien eine gerichtliche Verfolgung eintritt. Ausländer werden verhaftet, um sich ihrer Person zu versichern. Alsdaun wird deren Auslieferung an ihre zuständigen Behörden von Verhandlungen mit den betreffenden Cabineten abhängig sein.
Frankfurt. Die diplomatischen Grenzregu⸗ lirungs⸗Conferenzen zwischen Deutschland und Frankreich sind vertagt worden. Die deutschen Herren Bevollmächtigten sind nach Berlin gereist, um der Einzugsfeier und dem Sieges und Dank⸗ feste beizubohnen. Nach den bis jetzt erzielten Geschäftsergebnissen dürfte sich die Vermuthung rechtfertigen, daß die Zrsammenkuuft noch etwa 14 Tage dauern wird. Die französischen Be— vollmächtigten werden während der Abwesenheit der deutschen Diplomaten in unserer Stadt ver— bleiben.
Meiningen. Aus Anlaß des wieder her— gestellten Friedens hat der Herzog von Meiningen eine Amnestie erlassen, die alle politischen und Preßvergehen, sowie Jagd-, Fischerei- und Forst⸗ vergehen betrifft.
München. Nach der„Allg. Ztg.“ wird gegen Ende Septembers oder, falls es nöthig erscheinen sollte, schon früher, eine größere Ver— sammlung von Allkatholiken Deutschlands statt⸗ finden, und zwar höchst wahrscheinlich in Heidel- berg, jedenfalls nicht in München, sondern in einer Stadt, welche mehr in der Mitte von Deutschland liegt.
Ausland.
Frankreich. Paris. Die republikanische Garde wird in Paris die Ordnung aufrecht er— halten.— Der„Tempe“ erklärt, daß die Berichte über die in Belleville ausgebrochenen Unruhen un— begründet seien.
— Das Ereigaiß des Tages in Paris ist der
Brief von Alexander Dumas Sohn an einen Freund. Der Verfasfer der„Cameliendame“ tritt in diesem eigentlich an Frankreich gerichteten Briefe als Moralist auf und hält den Fran, alle Sünden dec letzten hundert Jahre vor. Er sagt u. a.:„Seit 70 Jahren leben wir nur in Fic⸗ tionen, von Worten die absolut nichts enthalten, und die Haupsache ist, daß wir seit dem Anfange dieses Jahthunderts alle unsere Institutionen an— gegriffen und umgeworfen haben, für so solide und annehmbar wir sie auch immer erklärt haben mochten. Die Freiheit, die Gloire, die Charte, die Republik, das allgemeine Stimmrecht, die Opposition, die Nation, die Politik, die Diplomatie, die Alliancen, die Mitrailleusen, der Kaiser, Berlin, die Mar— saillaise, die Gleichheit, die Brüderlichkeit, die Gesetze, die Justiz, die Obrigkeit, Alles ist nach; einander bekämpft, lächerlich gemacht und unter- graben worden... An dem Tage, an welchem Herr Thiers uns aufforderte, uns 24 Stunden zu besinnen, ehe wir uns in den Krieg mit Preußen stürzten, wollten wir ihm das Haus einreißen und nun, da wir geschlagen sind, machen wir einen Gott aus ihm und votiren eine Million, damit er sich ein neues Haus baue. Wir lassen 30,000 unserer Söhne todtschlagen, das ist hart, wir bezahlen 5 Milliarden für eine Phrase des Herrn Jules Favre, das ist theuer, und wir klagen Trochu des Verrathes an, weil er uns nicht bis auf den letzten Mann umkommen lassen will— das ist dumm. Und wir erdulden die Belagerung von Paris wie Helden, und erlauben den Preußen, den Siegern, nicht, ein Glas Bier in einem Café zu trinken, lassen aber zu, daß Freudenmädchen, Leierkastenspieler, verworfene Journalisten, Italiener aus la Vilette und Polen aus allen Ländern Paris besetzen, plündern und in Brand stecken. Und zuletzt verlangen wir noch aus voller Kehle alle unsere exilirten Prinzen wieder zurück; mit andern Worten, wir erklären vor den Augen aller Welt, daß wir seit achtzig Jahren nicht mehr wissen, was wir thun: daß 1789 ·ein Mißverständniß war, 1804 ein Irrthum, 1830 eine Dummheit, 1848 ein Fehler, der 10. December eine kleine Zerstreuung, der 4. Sep⸗ tember ein Gassenjungenstreich, daß dies Alles nicht mehr zählt, daß es nur was zum Lachen war und man wieder don vorn anfangen will. Du lieber Gott! Welch ein Volk! Ich begreife, daß es die anderen Völker genirt und daß Preu— ßen von ihnen den Auftrag bekommen hat, es zu vernichten— und dahin wird es auch noch kom⸗ men, denn Preußen ist zäbe und hartnäckig,— wenn wir uns nicht bald entschließen, zu wissen, was wir wollen.“ Das„Paris-Journal“ berichtet: Ein Wahlmanifest des Centraleomites der Internationale sagt:„Arheiter, zur Wahlurne! Obgleich besiegt, sind wir noch Hunderttausende. Die Gesellschaft muß sterben; wir sind die Zahl und das Recht. Nur fehlt uns die Gewalt.“
— Die„Verité“ erklärt, die finanzielle Lage und der Credit Frankreichs sei in mehreren Punk⸗ ten erschüttert; der landwirthschaftliche Credit habe furchtbar gelitten. Der Credit foncier werde 100 Frs. per Actie erheben müssen. Nur der industrielle Credit sei wenig verändert.
— Mit der Nordbahn kommen täglich, melden die„Times“, etwa 15,000 und mit der Westbahn 10,000 Personen nach Paris. Die Ostbahn ist mit heimkehrenden deutschen Truppen überfüllt, welche, so schmähen französische Blätter frecher Weise,„großze Massen geplündeter Gegenstände“ mit sich schleppen.— Täglich treffen Truppen aus ihrer Gefangenschaft in Deutschland hier ein; sie sehen alle gesund und gut aus.— Im Garten des Luxembourg wurden drei Offiziere der National- garde in Frauenkleidern verhaftet.— Die Cafés chantants in den Champs Elyssées sind wieder er— öffnet worden.
Versailles, 15. Juni. In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung ergriff Trochu wiederum das Wort. Die Haltung Preußens gegenüber den Jasurgenten besprechend, drückte derselbe sein Erstaunen aus, daß Fürst Bismarck


