Deutsches Reich.
Darmstadt. Unterm 29. März wurden ernannt der ordentliche Honorar-Professor bei der philosophischen Fakultät der Landes-Universität und zweiter Lebrer am philologischen Seminar daselbst, Dr. Eduard Lübbert zum ordentlichen Professor in der genannten Fakultät, insbesondere für das Lehrfach der classischen Philologie, sowie zum Direktor des philologischen Seminars, sodann Kreisassessor Dr. Carl Wolf zum Kreisassessor bei dem Kreisamte Bingen.
— Der Redakteur der„Rheinischen Zeitschrift für Land- und Volkswirthschaft“, Carl v. Langs dorff zu Neuwied, ist zum Generalsekretär der landwirthschaftlichen Vereine des Großherzogthums ernannt worden.
Berlin, 2. April. Der Kaiser empfing heute Mittag 1 Uhr die Deputirten des deutschen Reichstages zur Ueberreichung der Adresse.
— 3. April. Sitzung des Reichstags. Der Präsident theilt die Antwort des Kaisers bei der Entgegennahme der Adresse mit. Dieselbe lautet: „Ich habe die Verlesung der Adresse mit herz- lichem Dank entgegengenommen. Ich freue mich der Gesinnung, welche der Reichstag ausdrückt. Das beweist mir, daß die Worte der Thronrede durchaus richtig ergriffen worden sind. Wohl ist dem Heldenmuthe der deutschen Heere und ihrer unvergleichlichen Thaten Dank zu zollen, vor Allem aber der göttlichen Vorsehung. Wir wollen uns bestreben, stets so zu handeln, daß uns ihr Schutz ferner nicht fehle. Der Reichstag hat der Nieder- lage Frankreichs gedacht, welches auch jetzt, nach- dem Friede geschloͤssen, in Convulsionen liegt. Darin zeigt sich die Folge der seit 80 Jahren währenden Revolutionen, die Alles bis auf die Dynastie entwurzelten und auf deren Wege es kein Ende gab. Das soll auch uns eine War⸗ nung sein, deren es aber bei der bekundeten Ge⸗ sinnung des Reichstags nicht bedarf Wohl ist in den an Deutschland zurückgegebenen Ländern die deutsche Volksthümlichkeit nicht zerstört, aber doch sehr verwischt. Wir dürfen deßhalb keine zu rasche Wandlung erwarten, sondern müssen Geduld und Nachsicht üben. Es wäre nicht ein⸗ mal wünschenswerth, wenn die Völker, die aus dem bisberigen Verbande scheiden, ganz gleich- gültig blieben. Durch Milde werden wir die deutschen Gesinnungen wiedererwecken; erfreuliche Spuren beginnen sich schon jetzt zu zeigen. Mögen die Vertreter des deuischen Volkes in treuer Pflichterfüllung fortarbeiten, damit das deutsche Reich den Erwartungen entspreche, welche die Welt von ihm hegt. Mir in vorgerückten Jahren wird nur noch vergönnt sein, an dem Grundbau thätig zu sein; aber ich vertraue, daß mein Nach⸗ folger in gleichem Sinne, mit gleicher Innigkeit und Herzlichkeit fortbauen wird. Ich bitte meine Worte und meinen Dank dem Reichstag mitzu⸗ theilen.“ Nachdem der Kaiser in der Unterredung mit den Mitgliedern der Deputation der im October 1867 überreichten ersten Adresse und der in Versailles jüngst überreichten Adresse gedacht hatte, verabschiedete derselbe die Deputation mit den Worten: Möge der Bau fest einwurzeln und Früchte tragen.(Lebhaftes Bravo.) Bei der fortgesetzten Berathung der Verfassung veranlaßt die Debatte über den Antrag Reichenspergers, betreffend die Einschaltung von Grundrechten über das Versammlungsrecht, die Preßfreiheit und Re⸗ ligionsfreibeit in die Reichsverfassung, eine mehr⸗ stündige Diskussion, in deren Verlauf Bischof Ketteler, Greil(Passau), Windthorst, Mallinckrodt und Bebel für den Antrag Reichensperger sprachen; gegen denselben ergriffen Mitglieder sämmtlicher übrigen Fraktionen das Wort, und zwar Graf Renard, Löwe Calbe, Blankenburg, Marquard Barth, Kiefer, v. Rabenau und Miquel. Die Debatte wurde auf morgen 4 Uhr vertagt.
— 4. April. Reichstag. Fortsetzung der Berathung über die Reichsverfassung. Nach län- gerer Debatte über den Antrag Reichensperger, betteffend Einschaltung der Grundrechte in die Reichsverfassung, wobei Propst und Reichensperger (Crefeld) für, Stauffenberg, Frankenberg und Crämer gegen den Anttag Reichensperger sprechen,
wird derselbe in namentlicher Abstimmung mit 223 gegen 60 Stimmen abgelehnt, nachdem
sämmtliche dazu gehörige Unteranträge gleichfalls
vorher abgelehnt waren. Art. 3—31 wurde ohne erhebliche Debatte angenommen. Zu Artikel 32 beantragt Sonnemann, daß die Mitglieder des Reichstags Diäten und Reisekostenentschädigung beziehen sollen. Hoverbeck erklärt Namens seiner Parteigenossen, auch er werde in dieser Session den Antrag auf Gewährung von Diäten stellen, gegenwärtig sei jedoch der Zeitpunkt hierfür nicht gekommen. Nach Ablebnung des Sonnemann- schen Antrages wird Art. 32 angenommen; die Art. 33—52 werden unverändert angenommen. Der Antrag Wigger's zu Art. 53, statt„kaiser⸗ liche Marine“„Reichsmarine“ zu setzen, wird abgelehnt und Art. 53— 77 unverändert an; genommen. Nach kurzer Debatte über einen Antrag Hänel's zu Art. 78 wird abgelehnt, dem⸗ nächst Art. 78, sowie das aus zwei Paragraphen bestehende Gesetz über die Verfassung unverändert angenommen. Nächste Sitzung morgen.
— Die„Kreuzztg.“ schreibt: Die Pariser befestigen auch die Euceinte auf der Nordseite von Paris, also der Versailles enktgegengesetzten. Wie wir hören, fügt die„Kreuzzeitung“ binzu, sollen die preußischen Truppen im Fort Auber⸗ villiers auf Alles gefaßt sein.
Bonn. Die den Lehrern an der hiesigen Universität Hilgers, Langen und Reusch zur Unter- wersung unter die Concilsbeschlüsse vom Kölner Erzbischof gestellte Frist ist abgelaufen, ohne daß der Forderung der geistlichen Behörde Folge gegeben wurde. Es sind also nunmehr mit den Herren Knodt und Bürlinger an der hiesigen Universität fünf Dotenten, die zugleich katholische Priester sind, mit den höchsten Kirchenstrafen belegt. Coblenz. Sämmtliche hier befindliche ge— fangene französische Offiziere sind nach Frankreich abgereist; mit dem Rücktransporte der übrigen, in den Baraken lagernden Franzosen ist gleich— falls begonnen und sollen dieselben theils zur Ver⸗ fügung der Regierung nach Versailles, theils nach Algersen, von der Grenze aus, dirigirt werden.
München. Dem Erzbischofe von Bamberg wurde das zur Verkündigung und zum Vollzuge der Concilsbeschlüsse, insonderheit des Dogmas von der Unfehlbarkeit, erforderliche Placet durch eine ausführlich motivirte königliche Entschließung verweigert. a
Aus Mühlhausen, 27. März, wird gemel⸗ det:„Blutige Streitigkeiten haben zwischen den Preußen und den zurückgekehrten französischen Kriegsgefangenen, sowie der Bevölkerung statt- gefunden. Truppen marschiren nach Thann.“
Ausland.
Frankreich. Paris, 2. April. Ein Dekret der Commune besiehlt die Ablieferung aller Gewehre für die Zwecke der Commune. Die Commune fordert die Bewohner auf, sich zu ver proviantiren.— Das Pariser„Journal officiel“ veröffentlicht ein Dekret, welches die Neuwahlen von 16 Mitgliedern der Commune an Stelle der Demissionirten auf den 5. April ausschreibt.
— Siit gestern Abend ist es zu verschiedenen Zusammenstößen zwischen den Vorposten der Auf; ständischen und den Truppen der Versailler Re- gierung in der Richtung von Neuilly gekommen. Man will in den Champs Elysées und auf der Place de la Concorde zwischen 10 und 12 Uhr Vormittags eine starke Kanonade gehört haben. Das Comite soll wenigstens 60,000 Mann bei Puteaux versammelt haben. Die Nationalgarden haben auch Courbevoie und die Brücke von Neuillhy inne. In Paris sind die Nationalgarden in großer Bewegung. Das Comite schickt in aller Eile Garden, Munition und Artillerie nach dem Orte des Zusammenstoßes. Die„Liberté“ sagt, die Bataillone des Comites hätten sich um 9½ Uhr Vormittags gegen Courbevoie in Bewegung gesetzt, der Mont Valerien habe hierauf auf die Insurgenten ein Feuer eröffnet, die in der Nach— barschaft cantonnirenden Gendarmen und Gardes
forestiers hätten die Waffen ergriffen und wären den Truppen der Commune entgegengerückt. Nach
und nach sei die Action lebhafter geworden und habe sich dem Rond point von Courbevoie ge⸗ nähert. Das Gefecht, welches von dem rechten Flügel der Nationalgarden begonnen wurde, dehnte sich merklich auf das Centrum aus. Um 10½ Uhr begann ein Pelotonfeuer, während der Mont Valerien, welcher das Feuer unterbrochen hatte, dasselbe mit. Energie wieder aufnahm; um 11 Uhr dauerte das Gewehrfeuer noch fort. Der Besitz von Courbevoie scheint das Objekt des Kampfes zu sein.—„Temps“ und„Liberté“ erwähnen gerüchtweise, daß die Nationalgarde bedeutend gelitten habe und zum Rückzug genöthigt worden sei. Die Ambulanzen begeben sich nach dem Schlachtfelde.
— Die von Versailles aus verbreiteten Be⸗ richte über die blutige Affaire bei Courbevoie werden hier als übertrieben bezeichnet. Die Blätter der Commune versichern, daß dieselbe nur ein bedeutungsloses Scharmützel gewesen sei. In Paris herrscht eine dumpfe Ruhe.
— 3. April. Marschall Mac Mahon ist zum Oberbefehlshaber der Armee von Versailles ernannt.— Eine Proklamation der Commune sagt:„Die Regierung in Versailles hat uns an⸗ gegriffen, und da sie nicht auf die Armee rechnen konnte, so sandte sie die Zuaven Charette's, die Bretagner Trochu's und die Gendarmen Valentin's gegen uns. Sie bombardirt Neuilly. Wir haben die Aufgabe, die Stadt zu schützen und zählen auf Eure Hülfe.“
— Während der Nacht und beute Morgen sind unaufhörlich Bataillone der Nationalgarde in voller Feldausrüstung mit ihren Ambulanzen ausgerückt. Der Generalmarsch wurde in allen Stadttheilen geschlagen, die Barrikaden auf dem Platz vor dem Stadthaus und auf mehreren anderen Plätzen werden wieder hergestellt. Seit 5 Uhr Morgens wird in Paris eine lebhafte Kanonade gehört.
— Diesen Morgen bewegten sich verschiedene Bataillone mit 20 Kanonen durch Vaugirard nach Sdvres und Meudon. Gegen 7 Uhr entspann sich, zwischen den beiderseitigen Vorposten bei Bas Meudon das Gefecht. Gegen 9½ Uhr begann ein heftiger Artilleriekampf zwischen der Artillerie von Versailles, welche zur Linken des Chateau Meudon aufgestellt war, und der Pariser Artillerie; bei Clamart war die letztere zahlreicher, aber die Artillerie von Versailles schoß besser. Hinter den Batterien von Clamart stehen Bataillone der Nationalgarde maskirt.
— Das Abendblatt des„Journal officiel“ veröffentlicht folgende Depeschen:„11 Uhr 20 Morgens. Bergeret und Flourens bewerkstelligten ihre Vereinigung und marschiren nach Versailles. Erfolg sicher. 2 Uhr Nachmittags. Gegen 4 Uhr bewerkstelligten die Colonnen von Duval und Flourens ihre Vereinigung am Rond point von Courbevoie. Sobald sie dort angekommen waren, hatten sie ein heftiges Feuer vom Mont Valerien auszuhalten. Die Truppen deckten sich hinter Mauern; auf diese Weise geschützt, gelang es ihnen, die Bewegung auszuführen, den Mont Valerien zu passiren und auf Versailles zu marschiren. a
— Heute Morgen sind 100,000 Mann Na- tionalgarden in 3 Colonnen ausmarschirt. Der linke Flügel nahm die Richtung nach Chatillon, der rechte nach Neuilly, das Centrum nach dem Point du Jour. Der Mont Valerien begann durch sein Kanonenfeuer den rechten Flügel in Unordnung zu bringen. General Bergeret wurde mit 15,000 Mann abgeschnitten; der linke Flügel erreichte glücklich Chatillon. Das Schicksal des von Flourens befehligten Centrums ift noch un- bekannt; es geht indeß das Gerücht, er habe Versailles erreicht.
— 8 uhr Abends. Die Stadt bietet ein Schauspiel der größten Demoralisation.— Die Insurgenten sind beim Mont Valerien geschlagen worden. Auf einem anderen Punkt ihrer Opera- tionslinie, bei Meudon(südlich), wird noch ge⸗ kämpft. Ja der Stadt herrscht Ruhe.
— Rochefort erklärt im„Mot d'ordre“: Thiers hat sich durch den Angriff auf Paris vogelfrei gemacht.
Slesar
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