Ausgabe 
1.6.1871
 
Einzelbild herunterladen

würdigen Empfang rüsten. Auch der Zuzug der Landbevölkerung wird voraussichtlich ein colossaler werden.(Neueren Nachrichten zufolge, die aus ziemlich zuverlässiger Quelle uns zukommen, haben wir den Einmarsch zwischen dem 20. und 25. Juni zu erwarten. Die Red.)

Die über die Abänderung und Modification der preußisch⸗hessischen Militär-Convention ge⸗ pflogenen Verhandlungen sind nunmehr beendigt und sind die diesseitigen Commissäre, Brigade⸗ Commandeur Oberst v. Lyncker und Oberkriegs- rath Niepoth am gestrigen Tage wieder dahier eingetroffen. Die Friedensdislocation der hessischen Truppen ist noch nicht in jeder Beziehung festge⸗ stellt; Babenhausen und Butzbach wird indeß seine Garnison nicht verlieren.

Berlin, 26. Mai. Reichstag. Zweite Be⸗ rathung des Gesetzentwurfes, betreffend die privat rechtliche Stellung von Vereinen. Regierungs- commissär Eck erklärt, der Bundesrath habe über die zu dem Gesetzentwurf einzunehmende Stellung noch nicht Beschluß gefaßt. Graf Rittberg be antragt die Vertagung der Verhandlungen bis zur nächsten Session. Der hierauf erfolgte Namens- aufruf ergibt Beschlußunfähigkeit.

DieSpener'sche Zeitung meldet: Der Kaiser hat gestern Befehl ertheilt, daß die Ein- zugsfeier des Gardecorps und der die gesammte deutsche Armee vertretenden Deputationen am 16. Juni stattzufinden habe. Am 18. Juni soll in allen Kirchen ein Friedensdankfest gefeiert werden.

Die Commission für den Gesetzentwurf, betreffend Elsaß-Lothringen, beschloß mit Zustim⸗ mung des Fürsten Bismarck, in§. 2 den auf den 1. Januar 1873 festgesetzten Termin des Ablaufs der Dictaturperiode beizubehalten. Die Com- mission nahm ferner ein Amendement von Frie- denthal⸗Lamey an, durch welches Al. 2 des F. 3 dahin lautend gefaßt wird, daß bei Aufnahme von Anleihen oder Uebernahme von Garantien auf Elsaß⸗Lothringen, durch welche irgend eine Belastung des Reiches herbeigeführt werde, die Zustimmung des Reichstages erforderlich sei. Somit ist ein Compromiß erzielt.

Laut Beschlusses des italienischen Minister rathes wird der italienische Gesandtschaftsposten in allen deutschen Residenzen aufgehoben und bloß ein Vertreter für das ganze deutsche Reich er⸗ nannt werden.

DieNordd. Allg. veröffentlicht eine Liste der mit Bruch des Ehrenworte aus der deutschen Gefangenschaft entflohenen französischen Offiziere, und hofft von demritterlichen Sinne, den militärische Stimmen in Versailles in Bezug auf diese Sache bereits in erfreulichster Weise kundgaben, daß die nothwendige Sühne erfolgen wird.

DerReichsanzeiger veröffentlicht den Friedensvertrag mit Zusatzartikel vom 10. Mai 1871 in der bereits bekannten Form; ferner das Pro- tokoll vom 20. Mai, betreffend die Auswechslung der Ratification des Friedensvertrages, und des Vertrages, betreffend den Gebietsaustausch; endlich das Uebereinkommen vom 20. Mai bezüglich der ersten Seitens Frankreich zu leistenden Zahlungen. Die Bestimmungen des letzteren entsprechen den gestern vom Fürsten Bismarck im Reichstage ge machten Mittheilungen.

Anfang dieses Monats waren sämmtliche Gefangenen Depots des deutschen Bundes noch mit 1400 Offizieren und 185,000 Mann belegt, welche Zahl sich in letzter Zeit durch die Rückkehr sämmtlicher Turkos um mehrere Tausend ver⸗ ringert hat.

Die Reichsregierung befürwortet in Florenz die Beschleunigung der Gotthardsbahn⸗Angelegen⸗ heit. Das italienische Parlament wird voraus- sichtlich eine Subvention noch im Juni vor der Uebersiedelung nach Rom bewilligen.

München, 30. Mai. Das 2, bahyerische Armeecorps tritt am 2. Juni seinen Rückmarsch aus den französischen Cantonnements zu Fuß an. Der Marsch geht vorläufig von Coulommiers bis Nancy.

f a Ausland.

Schweiz. Bern. Der Bundesrath hat in Betreff der Pariser Flüchtlinge, welche an den Ereignissen der letzten Tage Theil genommen haben, beschlossen, von allgemeinen Maßregeln ab⸗ zustehen, dagegen aber jeden einzelnen Fall zu untersuchen, den gemeinen Verbrechern das Asyl⸗ recht zu verweigern und solche auf Verlangen auch auszuliefern.

Frankreich. Paris, 28. Mai. Die Ruinen der Tuilerien, des Palais Royal, des Stadt- hauses rauchen noch immer. Die Feuerspritzen arbeiten ohne Unterlaß und man hielt alle Vorüber⸗ gehenden an, um dabei zu helfen. Die Mehrzahl der Läden und Restaurationen bleiben geschlossen. Die Versailler Generale Leroy und Deday sind gefallen. Die Gobelin-Manufactur ist nicht ver⸗ brannt, doch sind die Schäden in den Ateliers

sehr groß.

Versailles, 25. Mai. DasJournal officiel meldet:Das Palais Royal(ausge nommen dessen Galerien), der Rechnungshof und die Bibliothek des Louvre sind verbrannt. Die Gemäldegalerien des Louvre wurden gerettet.

Abends. Der Angriff auf Belleville wurde wegen Ermüdung der Truppenmomentan aus- gesetzt.

Thiers erließ ein Circulair an die Prä fecten, worin er die in Paris commandirenden Generäle gegen die wider sie erhobenen Vorwürfe zu vertheidigen und nachzuweisen sucht, daß die furchtbaren Ereignisse in Paris nicht durch ihr Verschulden ermöglicht worden sind. Das diplo matische Corps beglückwünsche Thiers zu der Bewältigung des Pariser Aufstandes. Den bonapartistischen Agenten und Journalisten ist es gelungen, aus Paris zu entkommen. Seit Sonntag bis heute früh sind im Ganzen aus Paris 15,000 Gefangene hier eingebracht, die sich meistens im zerlumptesten Zustande befinden.

26. Mai, Morgens. Die Insurgenten hielten heute Morgen noch folgende Quartiere besetzt: Berey, Charonne, Belleville, Menilmontant und Vilette, sowie den Bastillenplatz. Unsere Truppen nahmen gestern Mazas und die Bahn höfe von Lyon und Orleans. Die Insurgenten hatten die gefangenen Geißeln von Mazas nach Roquette gebracht. Die Truppen haben diesen Morgen den Angriff auf den Bastillenplatz be gonnen. Die Insurgenten sprengten gestern Abend das Fort Jvry, nachdem sie es geräumt hatten, in die Luft.

8 Uhr Morgens. Auch im Quartier Mouffetard(auf dem linken Seine⸗Ufer, das einzige, wo sich die Insurgenten noch hielten) ist der Aufstand diese Nacht unterdrückt. Die Unsrigen machten dabei 6000 Gefangene. Die Insurgenten sind nun nach Belleville und den Buttes Chaumont zurückgedrängt, wo sie fortfahren, mit Petroleum gefüllte Bomben auf die ganze Stadt zu werfen, neue Brände hervorrufend. Die bisher zerstörten Staatsgebäude sind: die Tuilerien, das Finanz⸗ ministerium, die Polizeipräfectur, der Rechnungshof, das Palais der Ehrenlegion, die Caserne am Quai d'Orsay, das Stadthaus und der Mont de Piété(Leihhaus.) Gerettet sind die Mi nisterien der Marine, des Innern, des Aeußern und des Ackerbaues, das Pantheon, die Sainte Chapelle, die Ecole des Beaux-Arts, die Bank von Frankreich, das Gebäude des Crédit foncier und sämmtliche Kirchen. Unter den erschossenen Chefs der Insurrection werden genannt: Jules Valles, Amouroux, Brunet, Rigault, Parisel, Dombrowski, Lefrangais und Bosquet. Die Meldung von der Verhaftung Pyat's, Delescluze's, Ranvier's und Cluseret's hat sich bislang nicht bestätigt. Das Schicksal der Geißeln ist noch nicht bekannt. Man versichert, der Marschall Mac Mahon habe eine letzte Aufforderung, sich zu ergeben, an die Insurgenten gerichtet, mit der Erklärung, daß alle Diejenigen, welche fortab mit den Waffen in der Hand ergriffen würden, er schossen werden sollen.

Nachts. Der Südost⸗Sturm hat aufge⸗ hört. Die Röthe des Himmels zeigt, daß die Feuersbrünste sortdauern.

DerSoir signalisirt, daß eine Petition in den Provinzeu unterzeichnet wird, worin ver⸗ langt wird, daß der Regierungssitz außerhalb Paris bleiben möchte. Die Schwester von Delesecluze ist verhaftet worden. Das Palais Luxembourg ist nicht in die Luft gesprengt, sondern

unversehrt.

27. Mai. Die Werkstätten des Pariser Ostbahnhofes sind abgebrannt. Es bestäͤtigt sich, daß das Louvre ganz unversehrt geblieben ist, mit Ausnahme des dem Palais Ropal gegenüber liegenden Pavillon Richelieu. Gestern Abend be merkte man von Versailles aus eine große Feuers brunst.

Jules Favre veröffentlicht ein Rundschreiben an die auswärtigen Mächte, worin er die Aus- lieferung der Insurgenten als gemeine Verbrecher verlangt.

28. Mai. General L'Admirault hat laut Meldung desJournal officiel gestern die But⸗ tes Chaumont, Belleville und Menimontant, General Vnoh den Kirchhof Pore Lachaise genom men. Die Insurgenten sind jetzt in einem sehr beschränkten Raum eingeschlossen. Zahlteiche Be⸗ fangene wurden wieder gemacht. Man fürchtet, daß der Erzbischof Darboi und die anderen nach dem Gefängniß von la Rogquette übergeführten Geißeln ermordet worden sind. Das amtliche Blatt bestätigt auch, daß das große Buch der Staatsschuld und die in dem Staatsschatze de⸗ ponirten Rententitel gerettet wurden. Die Leiche Delescluze's ist in einer Straße gefunden worden; ihre Identität ist festgestellt.

Abends. Die Insurgenten in Paris find vollständig unterdrückt. Es existirt keine In- surgentenbande mehr. 169 Geißeln sind gerettet. 64 Geißeln wurden durch die Insurgenten er⸗ schossen, darunter der Erzbischof Pfarrer Degnert und Präsident Bonjean.

29. Mai. Blanqui ist verhaftet und hierher transportirt worden. Er wird dennächst mit Assi confrontirt werden. Ueber den Verbleib von Felix Pyat und Paschal Grousset weiß man immer noch nichts Bestimmtes.

Die letzten Insurgenten, welche sich nach Vincennes geflüchtet hatten, haben sich heute er- geben. Zahlreiche Gefangene wurden hierher ge bracht. Die Division Clinchant wird heute nach Versailles zurückkehren.

3000 Gefangene wurden gestern Abend hierher gebracht. Briefe aus Paris bestätigen, daß die letzten Insurgentenbanden hinter Belleville und hinter Pere Lachaise vernichtet worden sind. Die Militärbehörden schreiten jetzt zu Haussuchungen und Verhaftungen, ohne auf irgend einen Wider⸗ stand zu stoßen. Die Bevölkerung gibt ihre Zu- friedenheit zu erkennen, daß sie von dem Joch der Commune befreit ist. Unter den erschossenen Geißeln befinden sich außer dem Erzbischof Dar⸗ boy und Deguerry der Abbé Allard und mehrere andere Priester sowie 35 Gendarmen und der schweizerische Banquier Jecker.

Die Ordnung ist in Paris wieder soweit hergestellt, daß gestern 24 Regimenter mit 100 Kanonen zum Ausruhen hierher commandirt werden konnten. Der Eintritt in die Hauptstadt ist seit heute wieder gestattet.

Soisy, 26. Mai, Mittags. Jules Favre meldet: Der Erzbischof Darboy ist befreit; Bicétre und Jvrhy sind in den Händen der Regierungs- truppen. An der Barriere d' Italie ergaben sich 6000 Insurgenten. Auf dem rechten Seineuser umgingen die Truppen den Bastilleplatz über Mazas und die äußeren Boulevards. Neue Feuersbrünste sind heute früh gemeldet. London stellte ein Pom pierscorps zur Disposition, welches auf dem kürzesten Wege morgen früh in Paris eintreffen wird.

Abends. Von der Gardedivision laufen folgende Mittheilungen über die Vorgänge in Paris ein. Der Erzbischof und die übrigen Gei⸗ ßeln sind bisher noch nicht gefunden. Man be⸗ fürchtet, daß sie ermordet sind. Die Zahl der in den Häusern und Kellern befindlichen Leichen wird auf 50,000 geschätzt, darunter viele Kinder und Frauen. Die Weiber wütheten auf die scheußlichste Weise. Es finden fortwährend Hin⸗ richtungen durch Erschießen statt. Unter den

e