Ausgabe 
26.4.1870
 
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In einervertraulichen Sitzung des Wiener Gemeinderaths wurde mit 70 gegen 9 Stimmen beschlossen, dem Exminister Giskra wegen der Verdienste, die er sich in der Donauregulirungs⸗, Wasserleitungs⸗ und Rathhausfrage um die Stadt erworben, das Ehrenbürgerrecht zu ertheilen. Die Annahme, daß damit eine politische Demonstration gemacht werden solle, wurde ausdrücklich zurück gewiesen.

Frankreich. Paris. Nach ihrer Haltung in der großen Frage des Tages kann man die Pariser Blätter in folgende Gruppen theilen: 1) dem Plebiscit von Anfang an geneigt: Peuple frangais, Parlement, Liberts, Constitutionnel, Figaro, Patrie und Public; 2) zu dem Plebiscit früher oder später bekehrt: France, Presse, Pays, Journal des Débats; 3) gemäßigte Gegner des Plebiscits: Journal de Paris, Moniteur, Fran⸗ gais, Centre gauche, Monde, Gazette de France, Gaulois und Soir; 4) entschiedene Gegner des Plebiscits: Avenir national, Réveil, Rappel, Citoyen, Sidele, Temps. National und Cloche; 5) abstentionistisch: die Marseillaise. Von diesen Gruppen ist es die vierte, welche das Manifest der Linken veröffentlicht. Aus Arras, Marseille, Bordeaux, Lyon, Toulouse, Nimes, Montpellier und Perpignan wird bereits gemeldet, daß die alten radicalen Comites von 1869 sich wieder tonstituirt und eine starke Agitation eingeleitet haben. Was dieser oppositionellen Bewegung wenigstens an einigen Orten sehr zu Hülfe kommen dürste, das ist die fortwährend sehr schwierige Stimmung der Arbeiter. i

Das am 23. d. später als gewöhnlich erschieneneJournal officiel veröffentlicht ein kaiserliches Dekret von demselben Tage. Dasselbe beruft das Volk auf den 8. Mai, um über ein Plebiscit abzustimmen, durch welches das Volk die liberalen Reformen, welche seit 1860 in der Ver- fassung durch den Kaiser mit Unterstützung der großen Staatskörper vollzogen sind, genehmigt und den Senatusconsult vom 20. April d. J. ratificirt.

Die Proklamation des Kaisers ist am 24. d. erschienen. Dieselbe besagt: Die Verfassung von 1852, ratificirt durch 8 Millionen Stimmen, hat Frankreich 18 Jahre der Ruhe und des Ge⸗ deibens gegeben, welche nicht ohne Ruhm sind. Sie hat die Ordnung gesichert und gleichzeitig allen Verbesserungen offene Bahn gelassen. Je mehr die Sicherheit befestigt wurde, desto mehr wurde die Freiheit erweitert, aber die ununter⸗ brochenen Veränderungen haben die Grundlage der Bolksbeschlüsse alterirt. Es wird also un⸗ umgänglich nothwendig, daß ein neues verfassungs⸗ mäßiges Verhältniß die Zustimmung des Volkes erhalte. Die kaiserliche und demokratische Ver⸗ fassung Frankreichs, auf wenige Bestimmungen beschränkt, wird den Vortheil haben, die voll⸗ zogenen Fortschritte zu definitiven zu machen und die Gegensätze der Regierung vor den politischen Strömungen zu schützen. Nur zu häufig ist die Zeit in unfruchtbaren leidenschaftlichen Streitig · keiten verloren gegangen, sie wird von jetzt an auf nützlichere Weise angewendet werden können, indem man die Mittel sucht, wie die moralische und materielle Wohlfahrt bis zur höchsten Stufe gefördert wird. Geben Sie mir einen Beweis Ihres Vertrauens. Indem Sie mitJa vo- tiren, werden Sie die Drohungen der Revolution beschwören, Ordnung und die Freiheit auf eine feste Basis stellen, den Uebergang der Krone auf meinen Sohn in Zukunft leichter gestalten. Sie waren fast einmüthig im Jahre 1851, indem Sie mir ausgedehnte Vollmachten auvertrauten. Sein Sie heute ebenso zahlreich, wo es sich darum handelt, der Umwandlung des Regimes zuzustimmen. Eine große Nation könnte nicht zu ihrer voll⸗ ständigen Entwickelung gelangen, ohne sich auf die Institutionen zu stützen, welche zu gleicher Zeit die Dauerhaftigkeit und den Fortschritt ver⸗ bürgen. Auf die Fragen, die liberalen Reformen der letzten 10 Jahre zu ratificiren, antworten SieJa. Treu meiner Herkunft werde ich Ihre Gedanken ergründen, mich durch Ihren Willen kräftigen und niemals aufhören, ohne Unterlaß

für das Gedeihen und die Größe Frankreichs zu arbeiten.

DiePresse kann versichern, daß am 12. Mai gleichzeitig mit der Verkündung des offiziellen Ergebnisses der Volksabstimmung eine Amnestie für alle wegen Preßvergehen Verurtheilte erlassen werden wird. Den Soldaten wird es durch die für ihre Betheiligung am Plebiseite getroffenen Bestimmungen unmöglich gemacht, sich der Abstimmung zu enthalten, und da in den Kasernen Stimmzettel mitNein wohl schwerlich feilgeboten werden dürften, so sichert das betreffende Rescript des Kriegsministers allein der Regierung etwa eine halbe Million Stimmen.

Karl Hugo erzählt imRappel folgen- des Märchen über das Plebiscit:Es war ein- mal im Mittelalter eine allgemeine Abstimmung. Weil er Republikaner war, nannte man ihn den kleinen rothen Chaperon. Eines Tages hatte das Reich ein Plebiscit auf's Tapet gebracht und sein Adoptiv- Vater sagte zu ihm:Sieh' mal nach, wie sich deine Großmutter, die Freiheit, befindet, und bring ihr deine Stimme in diesem Butter-

töpfchen. Der kleine rothe Chaperon machte sich sofort auf den Weg zu seiner Groß mutter. Als er durch den Wald von Bondy

kam, traf er seinen Gevatter, denStaatsstreich, der ihn fragte, wohin er gehe. Der arme Junge, der nicht wußte, daß es gefährlich sei, sich auf dem Wege zu verhalten und Wölfe anzuhören, sagte zu ihm:Ich will meine Großmutter be- suchen und ihr meine Stimme in diesem Butter⸗ töpfchen überbringen.Gut, sagte der Wolf, ich gehe mit dir und besuche sie auch. Nun hatte aber der Wolf schon vor achtzehn Jahren die Großmutter zermalmt. Er ging also eiligst voraus, um sich zu Bette zu legen und den kleinen rothen Chaperon zu erwarten, der kurze Zeit darauf an die Thüre pochte und eintrat. Der kleine Chaperon war nicht wenig erstaunt, seine Großmutter in solchem Negligé zu finden, und sagte zu ihr:Großmutter, du hast aber starke Arme!Um die Gesellschaft vor der Anarchie schützen zu können, mein Kind. Großmutter, du hast aber große Beine! Um mich leichter aus Mexico retten zu können, mein Kind. Großmutter, du hast aber große Augen!Um besser die Rechnungen Hauß

mann's verificiren zu können.Großmutter, du hast aber große Zähne!Um dich leichter auffressen zu können, du Bengel! Und nach

dtesen Worten warf sich der böse Staatsstreich auf das allgemeine Stimmrecht und verschlang es.

DerFigaro wälzt eine schwere Be⸗ schuldigung auf die beiden kürzlich aus dem Mi⸗ nisterium geschiedenen Männer, indem er folgendes angeblich in Abgeordnetenkreisen umlaufende Ge⸗ rücht verzeichnet: Die Herren Buffet und Daru hätten auf Grund eines ihnen von dem Herzog von Aumale zugegangenen Schreibens ihre Ent⸗ lassung gegeben. Der Herzog von Aumale hätte ihnen in diesem Briefe gesagt, daß ihr Verbleiben bei den Staatsgeschäften, welches noch vor Kurzem vortheilhaft sein konnte, mit dem Augenblick, da ein Plebiscit in Vorbereitung sei, gefährlich würde, weil die Orleanisten dadurch zu dem Irrthum verleitet werden könnten, als sollten sie für das Plebiscit stimmen. Der Kaiser hätte eine Copie dieses Briefes in Händen und soll gesagt haben:Das ist mir eine werthvolle Lehre und eine sehr einfache Aufklärung für so manche Zwischenfälle. Darum hätten die Herren Buffet und Daru, nachdem sie erst dem Senatsconsult beigetreten wären, hinterher im Artikel 83 und dann im Artikel 13 einen Vorwand gesucht, um sich zurückzuziehen.

Italien. Rom. Der WienerPresse wird von Rom geschrieben:Man trägt sich hier mit einem neuen colossalen Project, welches be stimmt sein soll, auch die weltliche Herrschaft Pius IX. zu verewigen, und das in nichts Ge⸗ ringerem besteht, als Rom zu einem Seehafen ersten Ranges umzugestalten. Zu diesem Behufe soll von der Stadt bis zu dem Meere ein sechs

Kilometres langer und hundert Metres breiter Schiffahrteanal angelegt werden, von welchem

man sich einen außerordentlichen Aufschwung des maritimen Verkehrs nicht blos für den Kirchen⸗ staat, sondern auch für ganz Italien verspricht. Die hierzu erforderlichen Pläne des Ingenieurs Philipp Costa sind ausgearbeitet und bereits vom Pabste genehmigt; es sehlt zur Ausführung dieses Schwindelprojectes nichts als das Geld. Doch hat man schon hier und in Turin zwei Bank⸗ häuser bezeichnet, wo Subseriptionen auf solche Actien angenommen werden! Bis zur Stunde hat sich aber noch kein einziger Liebhaber dafür gefunden.

Amerika. Zu den mit den letzten amtri⸗ kanischen Posten eingelaufenen Mittheilungen über das Ende des Exdictators Lopez von Paraguay wird neuerdings gemeldet, daß die mehrgenannte Frau Lynch, die Irländerin, welche als seine Gattin mit ihm lebte, ebenso wie deren Kinder, dem Sieger General Camara, in die Hände ge⸗ fallen seien. Die Mutter und die Schwestern Lopez, welche schon so oft todtgesagt wurden, be⸗ finden sich ebenfalls unter den Gefangenen.

Niederwöllstadt wird in Scandinavien bald einen

Ruf erhalten. Nächster Tage trifft ein zweiter großer Transport schwedischer Arbeiter, darunter auch Frauen⸗ zimmer, ein.

J. Frankfurt a. M. Der lange und schwere Winter hat nicht vermocht, auf die reichhaltige Thier⸗ sammlung des hiesigen Zoologischen Gartens seine nach⸗ theilige Wirkung geltend zu machen, sondern es hat im Gegentheile eine sehr erhebliche Vermehrung derselben statigefunden. So wurde ein männlicher Löwe aus Afrika erworben, der, obwohl noch sehr jung, doch bereits von colossalem Körperbau ist und sich gut mit der Löwin verträgt. Ferner sind ein Paar Silberlöwen oder Puma aus Brasilien eingetroffen, die durch ihre Leb⸗ hafligkeit und die Gewandheit ihrer Bewegungen; allge⸗ mein Aufsehen erregen. Als eine sehr aus de dürsen wir außerdem die Anlage eines Mehüälters für Hunde bezeichnen, in welchem die hervorragendsten Racen dieses allgemein beliebten Hausthieres durch be sonders schöne und edle Exemplare vertreten sind. Durch eine geschmackvolle und zweckmäßige Veränderung des südwestlichen Theils des Gartens gelang es eine Voltere für Fasanen herzustellen, welche mit den schönsten Arten bevölkert ist, unter denen sich namentlich auch ganz neu entdeckte befinden, von deren Vorhandensein man vor wenigen Jahren kaum Kenntniß hatte.

Offenbach. Wie zahlreich der Besuch von hier in

Frankfurt an den Ostertagen war, mag daraus ermessen werden, daß über 16,000 Eisenbahnkarten auf der Linie Offenbach-Frankfurt ausgegeben wurden, nicht zu gedenken, daß Viele den Weg zu Fuß zurücklegten und auch durch das Dampfboot befördert wurden.

Darmstadt. Dem landw. Publikum und ins besondere den Mitgliedern der hessischen Viehversicherungsanstalt dürste die Kenntniß der Zusammensetzung der in gewissen Fällen sehr wichtigen Recursinstanz genannter Anstalt erwünschr sein. Indem wir deren Mitglieder nachstehend mittheilen, bemerken wir, daß der Präsident des Ausschusses, Herr Postmeister A. E. Schenk zu Darmstadt, nach Vorschrift der Statuten der Anstalt, auch Vorstand der Necurs instanz ist. Diese Instanz ist gebildet aus den Herren: A. L. Arnold I. zu Schaafheim, L. Diefenbach zu Mönch⸗ hof, Verwalter Dürr zu Hohenstein, Fr. Koch zu Assen⸗ heim, Oberförster Schallas zu Wickstadt und Ernst Wern⸗ her zu Nierstein. Außerdem ist zur Entscheidung in Recursfällen ein von dem Vorstande des Ausschusses zu bestimmender Jurist zuzuziehen.

Stuttgart. Ein junger Mann aus Darmstadt, welcher als Reisender in einem großen Fabrikgeschäfte in der Nähe von Stuttgart angestellt ist, machte während eines vorübergehenden Aufenthaltes in seinem Geschäfte mit einem Zimmergewehr Exercitien, wobei sich das Ge⸗ wehr entlud und den anwesenden Buchhalter, einen Familienvater, tödtlich traf. Der Thäter sieht nun den Folgen seiner Fahrlässigkeit im Gefängniß entgegen. Dieser Vorfall zeigt auf's Neue wie nothwendig es ist mit Schießwoffen Vorsicht zu üben.

Aus der Schweiz meldet man, daß die Arbeiten für den Oberbau der Rigibahn ihren raschen und ununter⸗ brochenen Fortgang nehmen. In der großen Werkstätte zu Olten ist ein Stück Oberbau aufgestellt, um den Be⸗ suchern das System auschaulich zu machen, mittelst dessen große Steigungen überwunden werden können.

Paris. In einen französischen Lesebuche, das für die Kinder bestimmt und von vielen geistlichen Würten⸗ trägern als für die Schule geeignet erkannt wurde, steht folgende Definition des WortesSoldat:Der Soldat leistet der Menschheit alle möglichen Dienste. Er bezieht die Wache, um zu verhindern, daß gestohlen und gemordet wird. Allerdings mordet er selber in den Kriegszeiten, aber die Menschen, die er mordet, sind nur Feinde. In Friedenszeiten jedoch hilft er den Bonnen bei der Kinder⸗ huth, er ist der Wächter der Kindsmädchen-Unschuld und die letzte Hoffnung der überreifen Köchinnen. Man findet ihn nicht all in in Casernen, sondern auch in den Küchen schrärken und in der Nähe der Speisck immern. Der Soldat lebt gesellig und kommt in Truppen vor; er kostet sehr viel Geld; man läßt sich aber gerne die Auslagen für ihn gefallen, weil eh eben so außerordeniliche Dienste leistet.

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