Ausgabe 
20.8.1870
 
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Beilage.

Aberhessischer Anzeiger.

M 98

Hessen. Darmstadt. Hiesige Blätter melden: Bis zu welcher Höhe die Franzosen ihre tolle Verfolgungssucht gegen die in Frankreich lebenden Deutschen treiben, möge folgender Vor- fall beweisen, der gewiß nicht vereinzelt dasteht. Eine hiesige Dame, seit einiger Zeit an einen deutschen Fabrikbesitzer in Compiegne, welcher bereits neun Jahre lang in Frankreich ansässig ist, verheirathet, meldet ihrer Familie aus Bonn, wohin sie sich begeben, daß sie aus Frankreich auegewiesen sind. Vor einigen Tagen machte ein Polizei⸗Commissär ihrem Mann die Anzeige, daß er sich mit seiner Familie binnen 24 Stunden aus Frankreich zu entfernen habe. Er übergab seine Fabrik und sein Haus an seinen Buchhalter und reiste mit Frau und Kind nach Bonn zu seinen Eltern. Was aus seinem Eigenthum wird, mag der Himmel wissen. Mit ihnen auf demselben Zug befanden sich an hundert deutsche Arbeiter- familien, die man fortgeschickt hatte, wie sie eben gingen und standen, theilweise, weil sie sich ge weigert hatten, an den Schanzarbeiten von Paris Theil zu nehmen.

Bad- Nauheim, 17. Aug. Vorgestern Nachmittag besichtigten S. K. H. der Großherzog ganz unerwartet das hiesige zur Aufnahme der Verwundeten fertige Militär⸗Reserve-⸗Lazareth, und sprachen sich gegen mehrere gerade anwesende Mitglieder aus dem Vorstande des freiwilligen Hülfsvereins sehr befriedigt aus über innere Ein⸗ richtung und gute Ventilation der Säle. Se. Kgl. Hoh. verweilten circa/ Stunden, unter- hielten sich währenddem in der leutseligsten Weise mit den anwesenden Herren, und ertheilten letz⸗ teren viele praktische Winke für den kommenden Lazarethbetrieb. Heute wurde allen bei Einrich- tung des Militär- Reserve-Lazaretbs betheiligten Bewohnern Bad⸗Nauheims der landesherrliche Dank für diese ihre Leistungen öffentlich verkündigt.

Offenbach. Die ersten Verwundeten vom Kriegsschauplatz bei Metz, beinahe 200 in. 20 Waggons, sind am 17. in unserer Stadt ange- kommen. Die Vorkehrungen zu ihrer Aufnahme und Pflege sind mit aller Sorgfalt getroffen.

Worms. Am Dienstag Abend tras per Riedbahn der k. russische Oberst vom Generalstabe des Kaisers von Rußland, Baron Fedler hier ein. Derselbe fuhr nach kurzem Aufenthalt mit der Ludwigsbahn in's Hauptquartier des Königs von Preußen um dem Könige im Auftrage des Kaisers von Rußland zu den bis jetzt erfochtenen Siegen über Frankreich zu gratuliren.

Preußen. Berlin. Aus dem Haupt- quartier ist die Weisung hier eingegangen, für Rechnung der preußischen Staatskasse und durch Vermittlung des hiesigen amerikanischen Gesandten dem amerikanischen Gesandten in Paris zunächst 50,000 Thlr. zur Unterstützung der preußischen aus Paris ausgewiesenen Staats angehörigen als erste Rate zur Verfügung zu stellen. Wie die B. B. Z. hört, ist dieser Weisung bereits Seitens der Seehandlung nachgekommen worden. Die Organisation der von deutschen Truppen besetzten französischen Gebietstheile schreitet schnell vorwärts. In Nancy ist ein norddeutsches Haupt- pestamt eröffnet. Eine große Anzahl preußischer Beamten ist nach jenen Landestheilen dirigirt. Die Grafen Johannes Renard und Guido von Henckel Donnersmarck sind soeben in das Haupt- quartier des Königs berufen worden und bereits dahin abgereist. Wie es heißt, ist der Erstere zum Civil- Gouverneur des Elsaß, ver Letztere aber zum Civil- Gouverneur von Lothringen designirt.

Die Staptverordnetenversammlung geneh- migte am 16. d. mit großer Majorität den Antrag des Magistrats, an sämmtliche Städte der seche östlichen Provinzen und Schleswig⸗Holsteins einen Aufruf zur Linderung des Nothstandes in der Rheinpfalz zu erlassen, sowie eine Beihülfe von

50,000 Thlrn. zu bewilligen.

DieProvinzial ⸗Correspondenz sagt be⸗ züglich der Ausweisung der Deutschen aus Frank- reich, daß vorläufig die nothwendigsten Unter⸗ stützungen gewährt seien, und fügt hinzu: Wirksame Abhülfemittel werden demnächst in Angriff zu nehmen sein, auch die Besitznahme der vormals deutschen Provinzen Frankreichs wird dazu vor⸗ aussichtlich Gelegenheit bieten.

Die Ersatztruppentheile aller Waffengattungen det preußischen Armee sind seit der kurzen Zeit ihrer Formation durch Einstellung von ein- und dreijährigen Freiwilligen überall bereits über die Etats hinaus zu solcher Kopfzahl angewachsen, daß dieselben angesichts der überraschend fort schreitenden militaͤrischen Ausbildung der jungen Leute im Stande sein werden, der Feldarmee nöthigenfalls schon in nächster Zeit einen Succurs von circa 200,000 kräftigen Kriegern nachfolgen zu lassen.

Die durch die Zeitungen laufende Nach- richt, daß vom Consistorium der Provinz Bran- denburg gegen einzelne Geistliche, welche in ihrer am außerordentlichen Bettage, den 27. Juli, ge haltenen Predigt den Krieg als Strafgericht Gottes dargestellt haben, die Disciplinaruntersuchung ein- geleitet sei, wird von derK. Ztg. als unbe- gründet bezeichnet.

Der Eroberer der ersten französischen Kanone in diesem Feldzuge ist, wie die in Görlitz erschei nendeNied. Ztg. berichtet, der Feldwebel Meyer der 1. Compagnie des 5. Jägerbataillons. Die demselben resp. den sonst bei dieser Waffenthat betheiligten Jägern zufallenden Prämien sind sehr bedeutend. Eine flüchtige Zusammenzählung der⸗ selben ergibt die Summe von circa 3000 Thlrn.

Stade, 15. August. Soeben trifft hier die Nachricht ein, daß der der Hamburg-Newyorker Gesellschaft gehörige DampferCuxhaven gestern Morgen vor der Mündung der Elbe von fran zosischen Kriegsschiffen verfolgt und beschossen, jedoch glücklich den feindlichen Angriffen ent- gangen sei.

Köln, 11. August. In Folge der massen⸗ haften Ausweisung von Deutschen aus Frankreich ist vom norddeutschen Bunde angeordnet worden, daß allen bedürftigen ausgewiesenen Deutschen das erforderliche Reisegeld gewährt werden soll. Die Einleitung zur freien Beförderung der Ausge wiesenen ist getroffen.

Hanau. Die Zahl der Verwundeten im Philippsruher Schloß, in der Kaserne, im Alt- städter Schloß und in Wilbelmsbad dürfte sich auf 11 1200 belaufen.

Hamburg, 15. August. Der Hamburger Senat veröffentlicht die ihm von dem großbritanni⸗ schen Consul zugestellte französische Anzeige der Blokade.

Bayern. München. In dem auf die Dauer der Kriegszeit für die protestantische Kirche unseres Landes vom Oberconsistorium verordneten Kirchengebet kommt u. A. die bemerkenswerthe Stelle vor, Gott wolle die rechte Einig keit im ganzen deutschen Volkerhalten, damites demselben gelinge seine Selbst⸗ ständigkeit und Freiheit durch diesen Kampf zu wahren.

Frankreich. Paris. Die mit der Be⸗ aussichtigung des norddeutschen Botschaftshötels beauftragten Hausdiener sind ebenfalls ausgewiesen worden. Der mit der Vertretung der Deutschen in Paris beauftragte Gesandte der Vereinigten Staaten hat das Hötel unter die Aussicht einiger Amerikaner gestellt.

16. Aug. Gesetzgebender Körper. Der von Ferry beantragte Gesetzentwurf auf Ein- verleibung der Jahrgänge 1865 und 1866 in die Mobilgarde mit der Abänderung, daß die Ausnahmebestimmungen des Gesetzes von 1832 aufrecht erhalten bleiben, wird angenommen. In Beantwortung einer Interpellation erklärt

Ministerpräsident Palikao: Die Preußen Jaben darauf verzichtet, die Rückzugslinie der französischen Armee zu durchschneiden und die Verbindung unserer Armee zu verhindern. Telegramme, welche von der Gendarmerie stammen, aber nicht offiziell sind, sagen, daß die Preußen sich nach drei oder vier sich aufeinander gefolgten Engagements gegen Commercy gewandt haben. Die Preußen erlitten also eine Schlappe(22)(Ein Marsch der deutschen Truppen gegen Commercy ist durchaus kein Rückzug, sondern direkter Vormarsch in der Richtung nach Chalons, das 22 Stunden von Commerey, und 32 Stunden von Metz entfernt liegt. D. Red.)

17. Aug. Im gesetzgebenden Körper erklärte gestern Ferry mit Indignation und Be stürzung(Unterbrechungen) die beiden Maßregeln in der kaiserlichen Proclamation an die Einwohner von Metz gelesen zu haben. Er enthalte sich, dieselben zu qualificiren. Heftiger Tumult. Der Präsident schneidet dem Redner das Wort ab. Derselbe muß von der Tribüne herabsteigen. Un- geheure Aufregung. Das Gerücht von einer Schlacht ist verbreitet. Es bestätigt sich, daß Marschall Baraguay d'Hilliers in brüsker Weise von dem Minister Palikao seines Commando's in Paris enthoben wurde, welcher hierzu gar nicht einmal die Genehmigung des Kaisers oder derKaiserin-Regentin eingeholt haben soll.

Wie ein aus Chalons in Paris einge troffenes Schreiben eines Mobilgardisten besagt, hatte man für den 10. Gewehre versprochen. Einstweilen bezieht die Mobilgarde, mit einem Stocke bewaffnet, die Wache, und doch versichert der Kriegsminister Dejean, über drei Millionen Gewehre zu seiner Verfügung zu haben! In Paris war bertits die Rede davon, die Leute mit den alten Steinschloßgewehren zu bewaffnen.

Im Lager von Chalons ging es am 10. August Abends laut einem Briefe eines Augen- zeugen in denDaily News drunter und drüber, Man exereirte die Mobilgarde mit größtmöglichster Schuelle, aber nur wenige der Mannschaften hatten Waffen; der Rest ist mit Stöcken bewehrt. Das Lager war voll von Verwundeten, aber vom Kriegsschauplatze lagen keinerlei Nachrichten vor. Am 11. herrschte dieselbe Unordnung und die Verwirrung war so groß, daß der Berichterstatter erklärt, nie etwas Aehnliches für möglich gehalten zu haben. Jede Compagnie der Mobilgarden hatte nur 15 Gewehre, mit denen man abwechselnd die Mannschaften drillte. Es war bereits die Rede davon, die Leute mit den alten Steinschloß⸗ gewehren zu bewaffnen. Von der Stellung des Feindes hatte Niemand eine Ahnung.

Ueber die Formation, Bekleidung und Bewaffnung der Nationalgarde gibt ein Ministerial⸗ erlaß an die Präfekten und Mairs folgende Vor- schriften:Die Uniform soll in einer blauen Blouse nebst Ledergürtel mit einer kreuzförmigen rothen Tresse am Aermel, in einem Leinenbeutel mit einem Tragband und Käppi bestehen. Sagen Sie mir, ob Sie sich diese Gegenstände binnen drei, vier Tagen dort verschaffen können. Das wäre dem Zusenden von Paris aus, wobei Zeit verloren ginge, und das vielleicht unmöglich wäre, bei Weitem vorzuziehen. Die Staͤmme sollen am Vereinigungsorte einen tuchenen Waffenrock zugetheilt bekommen. Jeder Mann soll sich mit zwei Hemden und einem Paar Schuhe dersehen. Vorläufiger Sold 1 Francs täglich. Stellen Sie den Commandirenden, welche es unter die Haupt- leute vertheilen werden, gleich ein Mandat für drei Tage aus. Für die Mobilgardisten gewöhn⸗ liche Soldatenkost. Ueben Sie vorläufig auf's Gewehr ein, welches die Feuerwehrleute gern her⸗ leihen werden. Patriotische Aktion. Mit 100 Gewehren können 100 Leute sich von 57 Morgens, 100 andere von 79 Uhr u. s. w. üben.