Ausgabe 
19.5.1870
 
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zwei Stimmen der Reichsräthe Frhr. v. Thüngen und Frhr. v. Aretin zum Ausschußgutachten erhoben.

Oesterreich. Wien. Die amtlicheWiener Zeitung veröffentlicht ein kaiserliches Handschreiben, durch welches FM. v. Koller von der Leitung der Statthalterei Böhmens unter Anerkennung seiner vorzüglichen Dienste enthoben wird. Ein zweites von derWiener Ztg. publicirtes kaiser- liches Handschreiben ernennt den Fürsten Dietrich⸗ stein Mensdorff zum Statthalter von Böhmen. Das Landesvertheidigungsministerium erläßt in dem amtlichen Organ, eine Kundmachung, welche bekannt gibt, daß in Folge der Aufkündigung der russischen Regierung die Wirksamkeit des auddro-russischen Cartells wegen Auslieferung von Deserteurs vom 27. Juni d. J. aufzuhören hat.

Der Gemeinderath von Wien faßte mit geringer Majorität den Beschluß, das Präsidium des Magistrats möge dem Ministerpräsidenten die Mißstimmung der Bevölkerung Wiens wegen Er⸗ nennung des Barons von Widmann zum Landes vertheidigungsminister bekannt geben

Schweiz. Solothurn. DasVolksbl. bringt die Kunde, daß die letzten Nachrichten über den Tod des Afrika⸗Reisenden Werner Munzinger unrichtig waren. Mit Datum vom 27. März sei an seine Angebörigen ein Brief eingetroffen, der beweise, daß seine Genesung nach Wunsch vorgeschritten ist.

Frankreich. Paris. DasJournal officiel veröffentlicht ein kaiserliches Decret, durch welches der Herzog von Gramont zum Minister des Aeußeren, Hr. de Moͤge zum Minister des öffentlichen Unterrichts, Hr. Plichon zum Minister der öffentlichen Arbeiten ernannt werden.

DasJournal officiel veröffeutlicht einen

Bericht des Justizministes an den Kaiser. Er lautet:Sire! Der Fortschritt besteht für eine Nation nicht lediglich in der Reform ihres Ver fassungsmechanismus. Auch die Institutionen müssen vervollkommnet, umgewandelt, den Fort- schritten der Wissenschaft und den veränderten Sitten angepaßt werden. So lange die Freiheit nicht besteht, begreift man, daß tore Einführung die erste Obsorge eines Volkes ist, welches das Bewußtsein seiner Würde hat. Sobald aber die Freiheit gesichert ist, würde das Volk, welches seine Thätigkeit noch weiter in eitlen politischen Recriminationen verschwendete, in Verfall gerathen und bald ganz zusammenbrechen, In Frankreich gibt es gegenwärtig ebenso viel Freiheit, wie in irgend einem Lande Europas, und die Verfassung, welche das Volk soeben mit seinen Zurufen be⸗ grüßt hat, ist die am Wahrhastesten liberale, die seit 1789 bestanden hat. Der Verfassungsstreitig⸗ keiten ertledigt, wird die Regierung jetzt alle ihre Mühe der Verbesserung der Institutionen zuwenden können. Von allen Seiten wird sie dazu durch die individuelle Initiative im Parlament und in der Presse aufgefordert. Diese Bewegung, Sire, ehrt unser Land. Man muß sie begünstigen und sich ihr anschließen. Nach dieser Eiuleitung ge⸗ langt Herr Emile Ollivier zu dem Antrage, zu einer Gesammlrevision der herrschenden Ge⸗ setzgebung und zwar, da an einem neuen Code rural schon gearbeitet wird, in folgender je nach der Dringlichkeit des Gegenstandes beslimmter Reihenfolge zu schreiten: 1) Strafproceßord- nung; 2) Civilproceßordnung; 3) Gerichts- verfassung; 4) Strafrecht; 5) bürgerliches Recht; 6) Verwaltungsgesetze. Was insbesondere das Criminalperfahren anlangt, so faßt der Minister das Ziel ins Auge, daß die in demselben ver bliebenen Spuren des inquisitorischen Systems, wenn nicht ganz beseitigt, so doch noch weiter eingeschränkt werden sollen.

Die neuen Minister haben ihren Eid in die Hände des Kaisers abgelegt und darauf so gleich einem Conseil beigewohnt.

Spanien. Madrid. Berichte aus der Havanna bringen die Kunde von einem durch zwei Bataillone spanischer Truppen unter dem

Befehl des Generals Balmaseda über die Insur⸗

genten errungenen Siege. Die letzteren zersteeuten sich mit Zurücklassung von 170 Todten nach allen Seiten hlu. Die Insurrection ist jetzt auf einige

wenige, im östlichen Theile der Insel belegene unbedeutende Punkte beschränkt, muß aber auch dort ihr baldiges Ende finden, da dieselbe von allen Seiten von den spanischen Truppen cernirt und den Insurgenten von außen her alle Zuzüge gänzlich abgeschnitten sind.

Italien. Florenz. DieGazelta uffi⸗ ciale meldet, daß die aus den toskanischen Provinzen eingetroffenen Nachrichten das Bestehen einer einzigen Bande bestätigen, welche, von den Truppen verfolgt, in der Auflösung begriffen ist. In Calabrien fand kein neuer Ausstandsversuch stattt.

Amerika. New Nork. Die Veran- lassung zu dem Zusammensturze eines Theils des Capitols der Hauptssadt Virginiens, der ganz Richmond in Trauer versetzt hat, gab der Streit zwischen zwei rivalisirenden Majors, Cahoun und Ellison mit Namen, von denen Jeder behauptete, der rechtmäßige zu sein. Der Apellhof sollte den Streit entscheiden und trat am 27. v. M. in einem Saal im oberen Stockwerk des Staatsge bäudes zusammen. Der Andrang zu den Gerichts. verhandlungen war ungeheuer. Das Capitol ist verhältnißmäßig klein. Im unteren Stockwerk tagt die Legislatur; gerade über dem Repräsen- tantenhause befindet sich der Gerichtssaal. Er ist fünfundzwanzig Fuß lang und zwanzig Fuß breit; die Richter sitzen an dem einen Ende auf einer etwas erhöhten Plattform; ihnen gegenüber be findet sich eine schmale Tribüne. Um 11 Uhr Vormittags sollten die Verhandlungen beginnen. Mehr als 300 Personen waren in dem kleinen Raume zusammengedrängt. Eben hatten die zuerst gekommenen zwei Richtet ihre Sitze auf der Tribüne eingenommen, und man erwartete mit höchster Spannung die übrigen, als man unter dem Fußboden ein Dröhnen wie von fernem Kanonendonner vernahm. Jedermann sprang in die Höhe und blickte umher, von wo das seltsame Geräusch kam. Man sollte nicht lange warten. Aus dem dumpfen Dröhnen ward ein Krachen, wie wenn Balken zusammenbrachen und unmittel- bar darauf sah man den Fußboden in der Mitte des Saales sich senken. Jedermann ahnte die unmittelbare Nähe der Gefahr und suchte sich in Sicherheit zu bringen, aber fast für alle zu spät. Der Fußboden, die kleine Galerie mit sich nehmend, stürzte mit entsetzlichem Gekrach etwa 25 Fuß tief in den Saal unten hinab, die Decke des Gerichts- saals hinterdrein; nur die etwa 12 Fuß breite Plattform, der Platz für die Richter, hielt Stand und manche konnten sich auf sie retten. Andere

der Balken. So wurden etwa 30 Personen ge rettet. Das Schauspiel, das diesen einen Blick nach unten eröffnete, war entsetzlich und noch grausiger das Geschrei der Verwundeten und Hülferufenden. Draußen läuteten die Glocken und führten alsbald die ganze Feuerbrigade und eine Menge Menschen heran. Governor Walker, der zur Zeit im Capitol auwesend war, organi- sirte sofort den Rettungsdienst. Es wurden Leitern angesetzt und herabgelassen, auf denen die Verwundeten und Todten allmälig herausgeschafft wurden Es kostete Stunden, ehe aus den Balken, dem Kalk- und Steingerölle die Opfer der Kata- strophe, die Todten und Verstümmelten, hervorge holt waren. Eine Stunde später, und das Un- glück wäre noch viel größer gewesen, denn nach 12 Uhr wäre die Legislatur in Session gewesen. So befanden sich uur etwa 20 Mitglieder im Repräsentantenhaussaal, von denen ein Theil ge tödtet wurde und von den übrigen keiner unbe schädigt davonkam. Die beiden streitenden Majors fuhren mit den andern im Gerichtssaal in die Tiefe hinab, doch wurden sie nicht lebensgefährlich verletzt. Unter den(59) Todten befinden sich verschiedene Richmonder Notabilitäten, gegen dreißig politische Persönlichkeiten aus allen Theilen des Staates, Advokaten, ein Reporter, ein Neger

Senator u. s. w.

K Büdingen. Vor einigen Tagen stürzte ein Aibeiter im biesigen Tunnelbau vom Gerüste zwischen einen Haufen Steine und zerschmetterte sich den Kopf derart, daß, mau au seinem Aufkommen zweifelt. Der Unglückliche ist ein

Jlaliener und Familienvater von 3 Kindern. 37 bei dem Tunnelbau zu Effolberbach ereignete sich dieser Unglücksfall: Ein Arbeiter wollte

Tage ein sehr trauriger während eine Anzahl Rollwagen

gerade in den Tunnel,

in raschem Laufe herausfuhren, schnell entschlossen legte

er sich zwischen die Schienen um die Wagen über sich hinweggehen zu lassen, welches auch glücklich von Statten ging bis an den vorletzten Wagen, der ihn aber ergriff und ihm den Kopf halb wegriß; er blieb auf ber Stelle lodt. Derselbe soll eine Frau mit 4 Kindern hinterlassen. Frankfurt. Hiesige Blätter melden: Wie sehr eine sirenge Fleischbeschauung ber geschlachteten Thiere am Platze ist und wie gewissenhafst das Amt des Fleisch⸗ beschauers hier ausgeübt wird und wie nothwendig es ist, daß sämmtliche Thiere in einem Schlachthaus geschlach tet werden, mag folgender Vorfall, der uns von glaub⸗ würdiger Seite mitgetheilt wird, lehren. Auf dem Trans⸗ port zu dem Viehmarkt wurde ein Ochs in dem Eisen⸗ bahnwaggon krank. Die Wärter, welche dies bemerkten, stachen das Thier sosort ab und verkauften dasselbe an einen hier elablirten Metzger. Zum Ausschlachten wurde das Thier in das Schlachthaus verbracht und hier zeigte die Fleischbeschauung, daß dasselbe milzbrandig war. So⸗ fort wurde die amtliche. Anzeige an die Wasenmeisterei gemacht und von dieser der Ochs geholt und vernichtet. Als ein Glück ist es zu bezeichnen, daß das Thier in die Stadt kin und nicht auf das Land. Offenbach. Vor einigen Abenden Schweitzertanex eine Versammlung im GasthauseZum grünen Baum, wo schwere Worte fielen. Die Behörde, durch Drohplakate aufmerklam gemacht, hatte Vorkehrungen zur Verhütung von Rubestörungen getroffen, besonders weil verlautete, daß einer der Führer der Schweitzerianer, der unlängst einem Nachtwächter ein Stück vom Daumen gebissen, aus seiner Haft befreit werden sollte. Zwei Compagnien des hier gacnisonirenden Jägerbataillons waien in der Kaserne zum Ausrücken bereit gehalten.

Darmstadt. Die Bahnhoffrage ist, wie man ver⸗ nimmt, dahin entschieden, daß der neue Bahnhof nicht nach den Vorschlägen der Ludwigsbahn angelegt wird, sonderu es soll derselbe ungefähr 120 Schritte rückwärts von der von dieser vorgeschlagenen Stelle, da, wo sich gegenwärtig die Güter-Expedition der hessischen Ludwigs⸗ bahn befindet, angelegt werden..

n. Darmstadt. In den ersten Tagen des Monats Juli veranstaltet der hiesige landwirthschaftliche a verein eine Viehschau mit Prämiirung der vorzüglich Thiere. Tags darauf findet ein größerer Zuchtviehmarkt statt, wobei von der Stadt Darmstadt bewilligte Geld- preise zur Vertheilung kommen. Auch vören wir, baß hiermit die alljährlich wiederkeyrende Ausstellung land⸗ wirthschaftlicher Maschinen verbunden werden soll.

Wildungen. Im Kurgarten sind, 100 Fuß von

der Haupt-(Georg Victorg-) Quelle, zwei, 10 Fuß von

einander liegende, neue Säuerlinge entdeckt worden.

Speyer. Der glückliche Gewinner des größten Treffers der bayerischen 4proc. Prämien- Anleihe im Be⸗ trage von 70,000 fl., Herr Einnehmer Oswald Arnold in Nodalben, hat nun leider zu seinem Gewinne eine traurige Zugabe erhalten er ist in Folge dieses Glückfalles plötzlich irrsiunig geworden.

Witten a. d. Nuhr. Dieser Tage machte eln hi siger Kaufmann gegen einen Arbeiter die Klage auf zwei Pfeunige Zinsen aus einer Forderung abhängig. Das Gericht setzte den Zinsbetrag auf 1 Pfennig herab und verfügteschleunige Mobilar-Execution, um welche der gewissenhafte Gläubiger gebeten hatte. Die Kosten des Verfahrens beliefen sich auf 4 Sgr.

Verloosung des Gustav-Adolf-Frauenpereins.

Der unterzeichnete Vorstand beabsichtigt wie schon in frühern Jahren auch in diesem wieder eine Verloosung für die Zweckt des von ihm ver⸗ tretenen Vereins, Unterstützung von Confirmanden⸗ häusern und Schulen, von Wittwen und Waisen, Ausschmückung von Kirchen, Anschaffung von Altargefäßen, Glocken u. dergl., zu veranstalten und wendet sich deßhalb an alle Freundinnen des Vereins mit der vertrauensvollen Bitte, denselben zu diesem Behufe mit weiblichen Arbeiten freund- lichst unterstützen zu wollen. Zur Empfangnahme derselben sowie anderweitiger Geben, welche bis

Ende August d. J. erbeten werden, erbicten sich

folgende Mitglieder des Vorstandes: Frau Bin⸗

dernagel, Frau Fertsch, Frau Huber,

Frau Köbler, Frau Meyer, Frau Schwabe,

bei welchen auch Loose à 0 kr. für die in nächstem

Herbste beabsichtigte Verloosung zu haben sind. Friedberg, den 11. Mai 1870.

Der Vorstand des Gustav-Adolf-Frauenvereins.

Bel Bindernagel 8 Schimpff in Friedberg ist wieder vorräthig Des alten Schäfer Thoma seine 21. Prophezeihung l für die Jahre 1870 und 1871. Preis: 4 kr.

hielten die