Ausgabe 
15.1.1870
 
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Elenden solidarisch? Vickor Noir antwortete: Wir sind solidarisch mit unseren Freunden. Der Prinz trat hierauf einen Schritt vor und gab, ohne alle Herausforderung von unserer Seite, Victor Noir eine Ohrfeige mit der linken Hand, indem er zugleich einen zehnläufigen Revolver bervorzog, den er versteckt und gespannt in seiner Tasche hielt, und feuerte ihn aus nächster Nähe auf ihn ab. Noir spraug rückwärts, griff mit beiden Händen nach seiner Brust und eilte der Thüre zu, durch die wir eingetreten waren. Der feige Mörder stürzte hierauf auf mich zu und feuerte auf mich. Ich ergriff nun ein Pistol, das ich in meiner Tasche trug, und wäbrend ich es aus seinem Etui herauszuholen suchte, fiel der Elende über mich her, als er mich aber bewaffnet sab, prallte er zurück und zielte von der Thüre aus auf mich. Da begriff ich den Hinterhalt, in den wir gefallen waren, und indem ich mir Rechenschaft darüber ablegte, daß, wenn ich einen Schuß thäte, man nicht verfehlen würde, uns als die Angreifer hinzustellen, öffnete ich eine Thüre, die sich hinter mir befand, und stürzte zum Zimmer hinaus, indem ich: Mörder! Mörder! rief. In diesem Augenblick erfolgte ein zweiter Schuß, der weinen Paletot durchlöcherte. In der Straße, wohin zu gelangen Victor Noir die Kraft gehabt hatte, fand ich diesen sterbend. Dies sinddie Facta, wie sie sich zugetragen haben. Dieser Darstellung gänzlich widersprechend bringt der Figaro eine von Prinz Peter Bonaparte selbst herstammende Mittheilung, in welcher es heißt: Sie sind mit drohender Miene, die Hände in den Taschen, bei mir erschienen und haben mir Grousset's Brief überreicht, der eine Herausfor- derung enthielt. Als ich diesen Brief gelesen, sagte ich: Mit Hrn. Rochefort recht gern, mit einem seiner Handlanger nicht! Lesen Sie den Brief, sagte der Große(Victor Noir) in eigen thümlichem Tone. Ich antwortete: Ich habe ihn ganz gelesen; sind Sie etwa mit ihm soldarisch? Dabei hatte ich die rechte Hand in der Hosen tasche auf meinem kleinen fänfläufigen Revolver; mein linker Arm war halb erhoben, in entschie dener Haltung, als der Große mich heftig ins Gesicht schlug. Der Kleine(Fonvielle) zog ein sechsläufiges Pistol aus der Tasche; ich(rat zwei Schritte zurück und schoß auf Den, welcher mich geschlagen hatte. Der Andere kauerte sich hinter einen Sessel und suchte von dort zu schießen, konnte aber seine Pistole nicht schußfertig machen. Ich trat zwei Schritte vor und löste auf ihn einen Schuß, der ihn, wie es scheint, nicht ge⸗ troffen hat. Da ergriff er die Flucht und erreichte die Thür. Ich hätie noch einmal schießen können, aber da er mich nicht geschlagen hatte, so ließ ich ihn gehen, obgleich er die Pistole noch immer in der Hand hielt. Die Thür blieb offen. In dem Nebenzimmer blieb er noch einmal stehen und kehrte seine Pistele gegen mich; da gab ich wieder Feuer und nun ging er davon. Bei so voll⸗ ständig sich widersprechenden Darstellungen ist ab- zuwarten, wie der wahre Sachverhalt durch die Untersuchung festgestellt werden kann.

DieMarsellaise, welche mit schwarzem Rande erscheint, bringt einen Artikel, wegen dessen gerichtliche Verfolgung eingeleitet werden soll. Es ist von Interesse, diesen Artikel kennen zu lernen. Er lautet:Mord, verübt von dem Prinzen Peter

Napoleon Bonaparte an dem Bürger Victor Noir.

Mordversuch, verübt von dem Prinzen Peter Na- poleon Bonaparte gegen den Bürger Ulrie de Fonvielle.Ich habe die Schwäche gehabt zu glauben, daß ein Bonaparte etwas anderes sein könne als ein Mörder! Ich habe es gewagt, mir einzubilden, daß ein ehrliches Duell in dieser Familie möglich sei, in der der Meuchelmord traditionell und gebräuchlich ist. Unser Mit- arbeiter, Paschal Grousset, hat diesen Irrthum

getheilt und heute beweinen wir unseren armen

und theuren Freund Victor Noir, der von dem Banditen Peter Napoleon Bonaparte ermordet worden ist.

Frankreich sich in den Händen dieser Gurgelab⸗ auf den der Amnestieaet anzuwenden sei.

sie noch in Hinterhalte locken, um sie da umzu bringen. Französisches Volk, sindest du nicht, daß es nunmehr genug und das Maß voll ist 2 Heuri Rochefort.

Der bei dem Vorfalle mit Peter Bona⸗ parte betheiligte v. Fonvielle sagt in einer neuer⸗ dings veröffentlichten Erklärung: Auch erkläre ich auf meine Ehre, an der man noch nie gezweifelt hat, Folgendes: Es ist falsch, daß Victor Noir oder ich Peter Bonaparte insultirt, bedroht oder geschlagen hätten. Es ist falsch, daß ich den Mörder mit einem Pistol bedroht habe, denn ich trug diese Waffe in einem Etui eingeschlossen in der Tasche meines Paletot. Erst als er sich wie ein Wilder auf mich stürzte und aus nächster Nähe einen Schuß auf mich abfeuerte, konnte ich meine Waffe hervorziehen. Ist es nicht einleuchtend, daß wenn ich meinen Revolver in der Hand ge⸗ habt hätte, er sich zunächst gegen mich vertheidigt und nicht daran gedacht haben würde, auf Victor Noir zu feuern, der ohne Waffen war. Wenn ich hinter einem Lehnsessel Schutz gesucht habe, so erklärt sich das aus dem Umstande, daß ich den Revolver erst aus dem Etui ziehen und spannen mußte. Es ist falsch, daß sich der Stockdegen in Victor Noir's Händen befand, er gehörte mir und ich hielt ihn in der linken Hand mit meinem Hute, während ich mit der rechten den Brief von Grousset an Peter Bonaparte hatte. Es ist falsch, daß Victor Noir bewaffnet war; der Unglückliche hielt, wie ich, den Hut in der Hand, was auf absolute Weise beweist, daß wir unsere Hände nicht in den Taschen hatten. Alle Diejenigen, welche eine entgegengesetzte Ver sion verörcitet haben, haben gelogen.

Die Beerdigung Victor Noir's fand am 12. d. zu Neuilly ohne jede religiöse Ceremonie statt. Ungefär 30,000 Menschen,(andere Berichte glauben die Zahl der die Leiche begleitenden Per sonen ohne Uebertreibung auf 100,000 annehmen zu können) darunter Rochefort, Bancel und Gam betta, wohnten dem Leichenbegängniß bei. Die Menge versuchte mit stürmischem Rufen den Leich⸗ nam Victor Noir's nach Paris zu führen, allein der Bruder des Getödteten, Rochefort und Deles cluze riethen, den Körper in Neuilly beerdigen zu lassen. Das Begräbniß fand dann in Neuilly statt. Delescluze sagte, es sei ein Hinterhalt ge legt, man müsse die Rache vertagen und die Volks- sache nicht durch ein unbesonnenes Benehmen com- promittiren; der Leichnam dürfe nicht nach dem Pèere-la-Chaise geführt werden. Die Aufregung war eine gewaltige, man schrie nach Rache, auch wurdeVive Rochefort! gerufen. Rochefort wurde auf dem Rückweg auf den Champs Elysees ohnmächtig. Truppen und Polizeimannschaft waren zum Schutz des gesetzgebenden Körpers ausgerückt. Auf der Avenue des Champs Elysees, sowie auf der Plate de la Concorde befanden sich zahlreiche Gruppen von Neugierigen. Die Ruhe wurde nicht gestört.

Prinz Peter Napoleon Bonaparte ist ein Sohn Lucian's, eines Bruders Napoleon I., 1815 geboren, betheiligte sich 1831 an dem Aufstande in der Romagna, ging dann nach Amerika, lebte 1834 in Italien, von wo er aus- gewiesen wurde; 1848 kam er wieder nach Frank- reich, war Mitglied der Bergpartei, ging aber in allen persönlichen Fragen, mit seinem Vetter, dem Prinzen Ludwig; 1859 befehligte er ein Regiment der Fremdenlegion in Italien, in letz- terer Zeit lebte er zurückgezogen meist in Belgien. Prinz Peter wird als ein abenteuerlicher, äußerst jähzorniger Mensch geschildert und deßhalb ist man auch geneigt, ihn für den angreifenden Theil bei dem Morde Noirs zu halten. DieLiberte will sogar wissen, daß man im Tuilerienpalast die Aussagen des Prinzen Peter Bonaparte, welcher

ö

behauptet, herausgefordert zu sein und sich nur ver

theidigt zu haben, für unwahr hält und den Angahzn

des Herrn de Fonvielle mehr Glauben schenkt. DasOfficielle Journal enthält den

Es ist nun 18 Jahre her, daß Bericht Ollivier's über den Fall Ledru-Rollin's,

Es ist

schneider befindet, welche, nicht zuftieden damit, somit dessen freie Rückkehr nach Frankreich verfügt bie Republikaner in der Straßen niedetzuschießen, worden und erwartet man dieselbe alsbald.

Die Burraux des gesetzgebenden Körpers haben einstimmig die Verfolgung Rochefort's gebilligt.

Die gemeldete Freigabe der auswärtigen Blätter ist keine vollständige. Der Minister des Innern hat nur entschieden, daß don 1300 aus- wärtigen Blättern, die nach Frankreich kommen, 1200 ohne vorgängige Prüfung passiren, die anderen 100 aber zuerst einer Controle unterzogen werden sollen(11), welche letztere sehr liberal ausgeübt werden würde.

t Friedberg, 12. Jan. Der neu in's Leben getreteneMusikverein hat sich mit seinem am letzten Nanssich abgehallenen Concert der Oeffentlichkeit in güu⸗ sligem Lichte präsentirt, und o die Zusammensetzung des Vereins, sein Concertprogramm, sowie die dafütk ge wonnenen anderweitigen Kräfte tüchtige Leistungen iin Aussicht stellten, so hat die Ausführung der einzelnen Piecen die gehegten Erwartungen doch bei weitem über troffen. Die herrlichen Chöre aus derSchöpfung von Haydn, ausPaulus von Mendelssohn-Bartholdy ꝛc. wurden unter der einsichtsvollen, gewandten Leitung des Herrn Seminarlehrers Schmidt trefflich exckutirt und 1 um so weniger eines durchschlagenden Erfolges bei dem zahlceichen Auditorium, als gemischte Chöre in dieser Vollendung wohl seit lauge hier nicht gehört worden sind. Auch ein von S e Dr. Bender kom⸗ ponirter ChorIm Grünen fand warmen Beifall.

Was die zugezogenen auswärtigen Kräfte anlangt, so wäre es unsererseits vergebliche Mühe, zunächst der ge⸗ fälligen Mitwirkung der Fräulein Sehrt rühmend zu erwähnen; ihre wohlgeschulte, liebliche und allezeit sym⸗ pathische Stimme entzückt immer wieder auf's neue ihre dankbaren Hörer. Gleichen Kunstgenuß gewährten die Streichquartette der Herren Dieß, Dr. Lorenz ee. Wesch' seelenvolle Musik ist das zumal bei so vollendetem Vortrag! Daß auch eine Fuge von Bach dem Programm eingereiht werden konnte, ist ein erfreulicher Beweis von der heutigen Geschmacksrichtung, sowie insbesondere don dem gediegenen Streben des jungen Vereins, nur vorzugs- weise klassische Musik zu kulliviren. Indessen hat es mit dem öffentlichen Vortrag einer Bach'schen Fuge seine Schwierigkeiten. Sie ist ein großartiges Kunstwerk, eine ästbetische Studie! Sie recht zu würdigen, dazu gehört musikalische Bildung und eine geweihte Stimmung, Dinge, die nicht bei Jedem und zu jeder Stunde voraus⸗ gesetzt werden dürfen. Es ist darum das beste Lob für das Spiel des Herrn Israel, und den gehobenen Kunst siun des anwesenden Publikums, daß auch diese Nummer eine beifällige Aufnahme fand.

Vergessen wir schließlich nicht des Mädchens aus der Blindenanstalt. Ihre schöne Stimme und sichere Auf⸗ fassung(sie sang ihren Part natürlich auswendig) hat nicht unwesentlich zu der herrlichen Wirkung der Chöre beigetragen.

Der neue Verein füllt in seinem öffentlichen Auftreten schon als Vertreter des gemischten Chors neben den anderen irefflichen Gesangsleistungen unserer Stadt eine wirkliche Lücke aus. Möge er weiter gedeihen!

Friedberg. Die Feier des hundertjährigen Geburts⸗ tages Vater Arndt's, die schon während der Weihnachts⸗ feiertage bei Abendunterhaltungen und anderen geselligen Zusammenkünften der verschiedenen hiesigen Vereine einen sestlichen Ausdruck fand, wurde hier in würdiger Weise ab⸗ geschlossen durch den am Dienstag nach Neujahr von Herrn Professor Köhler gehaltenen Vortrag über das Leben und Wirken dieses deutschen Mannes. Obgleich die gesammte Zuhörerschaft mindestens durch die vorausgegangenen Festlichkeiten und die Tagespresse mehr oder weniger mit dem Gegenstand vertraut war so solgte sie doch mit der gespanntesten Aufmerksamkeit der einfach-körnigen, warm aus dem Herzen fließenden Rede, die ein lichtvolles Bild entwarf von dem, was der große Todte war und wirkte als Mensch, als Deutscher, als Dichter und als Christ. Den letzten Dienstags vortrag hielt Herr Dr. Molden⸗ hauer von Reichelsheim über das Wesen der Wärme. Nach den nöthigen vorläufigen Erörterungen über die ältere Emanations- und die neuere Undulationstheorie in Betreff des Lichtes, entwickelte der Redner in scharssinniger Weise

das Weseu der durch die neuesten Forschungen fesigestelltein

Wärmetbeorie die, entgegen der früheren Annahme, als

sei die Wärme ein unendlich feiner unwägbarer, alle Körper

durchdringender Stoff, diese ebenfalls einfach als Wirkung der Schwingungsbewegung der Körper auffaßt und so eine überraschende Einheit nachzuweisen sucht zwischen dem, was sich uns als Licht, Wärme, Eleetrict'ät ꝛc. äußert.

Der in gewandtem, hie und da von poctischem Hauch angewehtem Styl abgefaßte Vortrag war sehr interessant und instruktio, namentlich für diejenigen, die demselben physikalische Kenntnisse entgegenbrachten; im Interesse des größeren Publikums wäre vielleicht eine etwas populärere Darstellung und eine etwas langsamere Vortragsweise zu

wünschen gewesen. Es ist anstrengend, einer langen Reihe

von mit rapider Geschwindigkeit, wenn auch mit großer reduersscher Gewandtheit vorgeführten Deduktionen über einen an und für sich nicht leichten Gegenstand zu folgen. Gerade die Gediegenheit des Vortrags wird diese Bemer kung entschuldigen.

Frankfurt. Der Vorstand des landwirthschasttichen Clubs dahier hat sich veranlaßt gesehen, in Betreff der jüngst hier verbreiteten Nachricht über die Unzuverlässig keit der schwedischen Arbeiter Anfragen an Arbeitgeber zu richten, die seit längerer Zeit Schweden beschäftigen. Die

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