Ausgabe 
1.1.1870
 
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und versöhnen? Wird das Concil in Rom in gemäßigter Stimmung seine Thätigkeit darauf richten, innerhalb der kath. Kirche das religiöse Leben zu kräftigen, der Macht des Bösen zu wehren, Frieden zu stiften in den Staaten und zwischen den Völkern? Oder wird es neue Dogmen schaffen, der Wissenschaft und der ge⸗ sammten Kultur des 19. Jahrhunderts und den Grundlagen des modernen Staatslebens den Krieg erklären? Was ist zu hoffen, was ist zu fürchten? Und dann der Protestantismus in Deutsch land. Ihm scheint vorzugsweise die Aufgabe geworden, die Gegensätze zwischen Wissenschaft und Glauben, morderner Bildung und religiösem Leben zu versöhnen, und eine neue Periode zu schaffen, wo das wahre reine Christenthum Wissen- schaft und Kultur verklärt und immer höheren Zielen entgegenführt. Diese Aufgabe tritt zwei⸗ felsohne an unsere Zeit heran. Wird das Jahr 1870 sie fördern? Wird insbesondere die Kirchen- verfassungsfrage in unserm Hessen eine gedeihliche Lösung finden? Viel ist zu hoffen, viel ist zu fürchten! N Betreten wir das Gebiet der Politik. Schon oben wurde erwähnt, daß die Constellationen, unter denen das neue Jahr erscheint, einen ziemlich friedlichen Charakter tragen. Als eine neue Be- stätigung dieser Ansicht darf wohl die jüngsthin in ungewöhnlich herzlicher Weise geschehene Verleihung des höchsten russischen Militärordens an Preußens König gelten. Rußland und Preußen im Einvernehmen, das vielbesprochene Bündniß zwischen Frankreich, Oesterreich und Italien auf der andern Seite in den Brüchen schließt wohl vorläufig eine ernstliche Kriegsbefürchtung aus. Darum aber in die Dauer der europäischen Zu- stände Vertrauen setzen wollen, wäre Irrthum. Im Gegentheil, wohin wir blicken, entweder Un⸗ fertiges, Provisorisches oder das fieberhafte Stre ben, die seitherige Ordnung der Dinge über den Haufen zu werfen. In Frankreich ist zwar das Jahr 1869, das für Napoleons Dynastie, wie nicht minder für seine Person ein rechtes Schmer⸗ zensjahr war und beide dem Grabe nahe brachte, gegen Erwarten ruhig abgelaufen. Der 26. Okt. und der 2. Dezember fanden Paris leidlich still, die Kaiserin ist vom Orient zurückgekehrt, der Kaiser wieder ziemlich wohl auf, der kleine Louis kann schon rauchen, und Rochefort ist im gesetzgebenden Körper, dessen Wahlprüfungsdebatten den Pariser schließlich gelangweilt haben, bei weitem nicht so fürchterlich als hinter derLaterne. So hat man Kraft und Muße gefunden, zur Abwechselung das parlamentarische Schild aus- zuhängen und ist eben in der Bildung des dazu benöthigten Ministeriums(Ollivier) begriffen. Wie lange es vorhält! Die Republikaner und Unversöhnlichen sind zwar in der Minderheit, auf Seite des Kaiserthums die Landbevölkerung und Alle, die die Furcht vor dem rothen Gespenst an die Ordnung fesselt; Paris dagegen hat dem Napoleoniden den Rücken gekehrt, und die Presse ist der auffallend unsicheren Haltung der Regierung gegenüber maßlos, jede Schranke von sich wer⸗ fend: Paris ist ein Vulkan. Nur wann er zum Ausbruch kommt, läßt sich nicht bestimmen. In Spanien hat man die karlistische Bewegung im Keime erstickt, die republikanische Erhebung niedergeworfen. Einen König sucht man immer noch vergebens; auch den jungen Herzog von Genua gelüstet's nicht nach dem theuren Lohn. Einstweilen will man wenigstens die Krone parat halten, stößt dabei aber auf eine merkwürdige Abwesenheit von Krondiamanten. Italien krankt. Ministerkrisis und Defizit, Defizit und Minister⸗ krisis! Erscheint ihm seine Einheit immer so kost bar, als sie kostspielig geworden, ist sie für alle Zeiten gesichert. Der kleine Grieche, der noch vor Jahresfrist so viel Rumor gemacht, verhält

hochbeglückt durch den Besuch der hohen Herr- schaften des Abendlandes. N

Die orientalische Frage ist freilich damit nicht aus der Welt geschafft. Ihr Brennpunkt liegt in der nationalen Bewegung der Slaven, und früher oder später wird es krachen vom Adriameer über Oesterreich und die Türkei hin. Der Schutz- patron dieser Bewegung, der Czaar, ist zwar weit, aber mächtig, und die Slavennatur hat etwas ungemein Zähes. Der Aufstand in Dalmatien, der die Kläglichkeit der österreichischen Truppen⸗ führung auf's neue dokumentirt hat, kann als kleines Vorspiel zu jenem großen Drama angesehen werden. Ueberhaupt wird der bösterreichische Staatswagen trotz der neucreirten Beust'schen Gallauniform imwer schwieriger zu lenken. Aus dem eis⸗- und transleithanischen Zweigespann droht ein Drei-, Vier- oder R-Gespann zu werden, das, noch überdies gestachelt von aristokratischen, ultra- montanen und socialdemokratischen Sporen, nach allen Seiten ausschlägt und nach den verschieden⸗ sten Richtungen seine Rennbahn sucht. leithanischen Bürgerministerium wird's schwindelig dabei, der Verfassungsboden schwankt trotz der mann⸗

streben, haben sich in Deutschland die 1866 ge⸗ waltsam begonnenen Einheitsbestrebungen nach; gerade ziemlich fest gefahren. Das verflossene Jahr hat die Mainlinie nicht beseitigt, das kom⸗ mende wird es auch nicht thun. Die Geneigtheit in Süddeutschland zum Anschluß an den nord- deutschen Bund hat sich in der letzten Zeit kaum vermehrt. Woher das? Vaterlandsliebe ist doch nicht blos in Norddeutschland zu Hause! Der Ultramontanismus kann nicht allein die Schuld tragen, seitdem man weiß, daß derselbe in Preußen nicht übel geborgen ist, und wenn man auch den alten Begensatz zwischen den Stämmen des Südens und Nordens in Betracht zieht, so bleibt leider noch viel übrig, was auf Rechnung des Mangels an moralischen Eroberungen zu setzen ist. Alle Anerkennung, die der Tüchtigkeit des wackeren Preußenvolkes, seinen Verdiensten um die Befreiung

gezollt werden nicht hinweg.

wunderbar starkgläubig sind.

Verhängnißvolle unserer Lage bestünde,

davon.

eine eitle sein, und soll erst ein

appelliren.

vergrößert. Wir

man heute Millionen Kriegstruppen auf

sich jetzt ganz artig und geschickt. An Verdruß hat's demkranken Mann darum nicht gefehlt. Diesmal war es der Pascha von Egypten, der Soureränelers spielen wollte. Nunmehr ist er zwar nicht zu Kreuz gekrochen, hat sich aber dem Halbmond einstweilen wieder gefügt, und der Be⸗ herrscher der Gläubigen, sowie sein Khedive sind

tilgung zu beginnen.

Wir sinv mit unsern Fragen an die Zukunft wir Wenn auch über steuerkapitalien, wie Wernher vorschlägt, sondern große Schwierigkeiten hinweg, wenn auch auf, der ganze Betrag derselben ohne eine obere Grenze

zu Ende. Sie sind recht ernst. Sollen darum verzagen? Mit nichten. krummen, manchmal scheinbar rückläufigen Bahnen vorwärts geht es doch mit der Menschheit.

Dem eis⸗

haften, ehrenfesten Kundgebungen des Reichstages. Während aber Oesterreichs Völker auseinander

Deutschlands von napoleonischer Gewaltherrschaft ꝛc. muß, bilst über jene Wahrnehmung pellation in Betreff der fortgesetzten Pensionirungen Die Celler Denkmalsgeschichte, die höherer Offiziere, insbesondere die an der Spitze Kundgebungen im preuß. Herrenhaus, die sogar auf Abschaffung der Diäten für das Abgeordneten haus plaidiren, die Verhandlungen in letzterem in Volksschulfragen und über das Unterrichtsgesetz, das ganze Verhalten des Regimes gegen den Parlamentarismus und noch manches Andere im deutschen Musterstaat haben selbst diejenigen be⸗ derklich gemacht, die sonst in dieser Beziehung forderung veranlaßt, so werde er nicht unterlassen, Indeß der nord- deutsche Bund konsolidirt sich immer mehr, seine Militärmacht ist ehrfurchtgebietend und:Wir können warten! Als ob nicht gerade darin das daß Europa in Waffen starrt, seine kräftigsten Arme statt zu arbeiten, das Gewehr tragen und seine Militärbudgets die Steuerkraft der Völker bis auf's Mark aussaugen und für die Zwecke des Friedens nur einige Brosamen übrig lassen. Unsere neuen Steuerzettel singen uns wieder ein Liedchen

Wann und wie will das enden? Die Hoff nung auf Abrüstung wird noch auf lange hin surchtbarer Völkerkrieg im alten Europa diesem unnatürlichen Zustand ein Ende machen? Man sollte in unserem Zeitalter der Humanität nicht mehr an den Krieg Kriege haben überdies in Europa zu allen Zeiten nur Militärmacht und Militärlast leben nicht in Amerika, wo den Beinen hat und morgen mit 48,000 Mann aus- kommt, um übermorgen frischweg mit der Schulden-

Die werden soll.

großen Werke des Friedens, die im Lauf des alten Jahres eröffnet oder doch gefördert worden und die die Völker sich immer näher und Verkehr und Kultur in Wüsten und Einöden bringen, der Suezkanal, die Paeiffc⸗, Mont-Cenis und die Gotthardtbahn sind leuchtende Zeichen dafür. Wie gewaltig erscheint der Fortschritt, denkt man ein, zwei Jahrhunderte zurück. Furchtbare Krankheiten, die früher als leibhaftiger Würgengel über Länder und Völker hinschritten, sind seltener und weniger schrecklich, die Kriege kürzer und menschlicher ge⸗ worden; Hungersnöthen ist durch vermehrte Pro- duktion und Erleichterung des Verkehrs, sowie durch thätigere Unterstützungsbereitwilligkeit ihre allzuverheerende Macht genommen; das physische Leben der Völker istmenschlicher geworden, so daß auch der Aermste heutzutage durchschnittlich besser wohnt,

mit ihren wilden Ausbrüchen schwinden, und Auf⸗

milde Herrschaft. Hexenprozesse und Inquisition liegen hinter uns, und nur noch in Spanien und Italien ist es möglich, daß blinde Volkswuth einsam wandernde Engländer zu Tode martert in der Meinung, sie schlachtelen Kinder, um mit deren Fett die Telegraphendrähte zu schmieren, oder arme Einwohner erschlägt, weil sie die Cholera in's Dorf gezaubert hätten.

anderen Völkern voranzuleuchten in der Pflege der geistigen Güter der Menschheit, es wird durch Wirrnisse und Zwiespalt endlich hindurchdringen zu ersehnter Einheit und fröhlicher Eintracht. Mögen nur die Machthaber beim Beginn eines neuen Jahres sich daran erinnern, Welt, zumal in unsern Tagen, außer der Macht-

oder geringeren Staaten sich bemißt. Glück auf zum neuen Jahre!!

Hessen. Darmstadt, 29. Dez. heutigen Sitzung der zweiten Kammer beantwor⸗

Edinger und Oechsner eingebrachte Inter-

der Interpellation stehende Frage: Ob Groß⸗ herzogliches Kriegsministerium, trotz solcher be⸗

minister äußerte, er sei bisher mit der verwilligten Summe ausgekommen; sähe er sich zu einer Nach⸗ dieselbe zu rechtfertigen. Der Abg. Dumont Verwahrung ein hält sie für verfassungswidrig und überreicht einen Antrag, nach welchem die Kammer im Voraus jede Mehrverwilligung ver- weigern und das Kriegsministerium für eine etwaige Ueberschreitung verantwortlich machen soll. Edinger schließt sich diesem an. K. J. Hoff⸗ mann erinnert an die Eingabe der Stadt Offen⸗ bach wegen des von dem Fürsten zu Isenburg⸗ Birstein beanspruchten Präsentationsrechtes an der höheren Töchterschule zu Offenbach und an die von der Regierung auf das Ersuchen der Kammer in Aussicht gestellte Vorlage über Verfassungs⸗ reformen innerhalb der evang. Kirche. Gegenstand der Tagesordnung ist die Recommunikation der ersten Kammer, den Steuerfuß bei außerordent lichen Steuer-Ausschlägen und Gemeinde⸗Umlagen betreffend. Die erste Kammer hat den von der zweiten Kammer mit geringer Mehrheit ver⸗ worfenen Wernher'schen Antrag wieder auf' gegriffen und denselben unter Zustimmung der Regierung zum Beschluß erhoben. Die Majori⸗ tät des diesseitigen Ausschusses empfiehlt Beitritt, während der Berichterstatter selbst, Abg. Gold- mann, sich für Aufrechthaltung des früheren Be⸗ schlusses, nach welchen nicht die halben Einkommen

: festzusetzen zu den Communalumlagen zugezogen Hunsinger behält seinen in der

besser ißt und sich besser kleidet wie früher. Der Aberglaube mit seinen Schrecken, die Brutalität

klärung und Gesittung erweitern und vertiefen ihre

Das deutsche Volk aber wird seines hohen Berufs eingedenk bleiben,

daß es in der frage noch Kulturfragen gibt, nach deren eifrigeren erung die wahre Macht der In der

tete der Kriegsminister die von den Abgg. Dumont,

deutenden Belastung des Militärbudgets mit Ruhe gehalten, mit der ihm für diese Periode verwilligten Pauschsumme auszukommen vermöge. Der Kriegs-

legt gegen jede Ueberschreitung der Pauschsumme

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