treffen. Die bloße Ablehnung der Vorlagen hält der Minister für höchst verderblich. Waldeck ist gegen eine neue Steuerbewilligung, so lange ein unantastbares interimistisches Militärbudget bestehe. Er hält die Verminderung der Militär⸗ ausgaben für ein Hauptmittel, um der Steuer belastung abzuhelsen. Lasker kritisirt mit scharfen Worten die preußische Finanzverwaltung seit 1866 und weist die Zumuthung zurück, 14 Tage vor dem Schlusse des Reichstags zehn neue Steuer- vorlagen gründlich prüfen zu sollen. Graf Bis⸗ marck bekämpft den Vorredner, indem er anführt, daß die Steuern nicht zum Besten der Regierungen, sondern für die Wohlfahrt des Volkes nothwendig seien. Der Graf hebt alsdann hervor, daß bei einer Ablehnung der Steuervorlagen weniger der norddeutsche Bund, als Preußen getroffen werde. Wenn die Steuern jetzt nicht bewilligt würden, so bleibe für Preußen nur ein 50 prozentiger Zuschlag zur Einkommensteuer übrig; würde der Bedarf nicht gedeckt, so würde Gref Bismarck es niemals zugeben, daß man vom Capital lebe; es würden dann Beschränkungen in den Ausgaben nöthig werden. Vertagung der Sitzung.
— In der Reichstagssitzung vom 22. ds. wurde die Steuerdebatte fortgesetzt. Der Bundes Commissär Scheele begründete die Vorlage über die Braumalzsteuer. Graf Kleist erklärte sich für, Oehmichen gegen die Vorlagen. Kar- dorff spricht sich für das Tabaksmonopol aus. v. d. Heydt rechtfertigt sich gegen die Angriffe Benda's und Lasker's und sagt, daß zwischen seinen Erklärungen in der Denkschrift über die Finanzlage und in dem preußischen Abgeordneten- hause ein thatsächlicher Unterschied nicht vorhan- den sei. v. Bennigsen ist der Ansicht, die Frage in Betreff der Deckung des Defizits gehöre nicht in den Reichstag sondern in den preußischen Landtag, welcher entscheiden müsse, ob ein dauern des Mehrbedürfniß vorhanden sei. Becker er⸗ klärt sich gegen alle indirekten Steuern überhaupt, weil sie den Armen stärker treffen als den Be— mittelten. Graf Bismarck wandte sich in seiner Rede namentlich gegen die Ausführungen der Abg. Bennigsen und Becker(Dortmund). Die Befürchtung eines Conflikts zwischen dem Reichs- tage und dem Landtage sei unbegründet. Die Opposition scheine principiell zu sein, da man keine Amendements zu den Vorlagen eingebracht habe. Man fordere Ersparnisse, sage aber nicht, wo solche eintreten sollten. Was die Forderung der zweijährigen Dienstzeit betreffe, so sei in Wirklichkeit die 2½ jährige vorhanden. Eine weitere Reducirung derselben sei unmöglich. Das Ansehen der Staaten beruhe auf ihrer Macht und ihrer Selbstständigkeit; darüber seien alle einig. Der Redner sagte, er sei zu sofortiger Einberufung des Landtags bereit, wenn aber der Landtag wieder die erforderlichen Mittel versage, so werde man ihm schwerlich zumuthen wollen, seine Stellung fortzuführen. Miquel führt an, daß das Defzit nicht ein dauerndes sein werde. Löwe bezeichnet Ersparnisse an dem Militäretat als das einzige Hülfsmittel.— Das schließliche Ergebniß der längeren Debatte war der Beschluß der Plenar⸗ vorberathung für beide Steuervorlagen.
— Die von Wiener Blättern gebrachte Nach- richt von einer beabsichtigten Zusammenkunft detz Königs von Preußen mit dem Kaiser von Oester⸗ reich wird hier als durchaus grundlos angesehen.
— Die„Berl. Autogr. Corr.“ sagt:„Der Reichstag ist nicht der Ort, wo das preußische Defizit zu decken ist. Die Ausfälle bei der Post⸗ verwaltung und bei den Eingangszöllen wirken genau in demselben Verhältnisse auf die Finanzen aller übrigen Bundesstaaten ein, und keiner der— selben hat, soweit es wenigstens öffentlich bekannt geworden ist, vom Reichstage die Deckung dieser Ausfälle erwartet. Wie aber der Reichstag dazu kommen soll, für diejenigen Ausfälle Deckung zu schaffen, welche„der Erlaß der Penstonsbeiträge der Staatsbeamten, der Erlaß des Zuschlages zu den Gerichtskosten, die Ermäßigung der Hafen-, Schifffahrts- und Canal⸗Abgaben, die Abänderung der Stempelsteuer von Kalendern, die Aufhebung der Jagdschein-Abgaben, so wie Revier-Sporteln
und Gebühren in Verwaltungssachen, gewerblicher Abgaben und Gefälle in den neuen Landestheilen“ verursacht hat— dafür fehlt uns jedes Verständ⸗ niß, denn bei allen diesen Gegenständen handelt es sich um Erleichterungen, welche ausschließlich der preußischen Bevölkerung zu Gute gekommen sind und welche mit den Einrichtungen des Nord- deutschen Bundes auch rein gar nichts zu thun haben. Für die Ausfälle dieser Art hat der preußische Staat aus sich selber die Deckung zu schaffen.“ ö
— Aus der mehrerwähnten Denkschrift des preußischen Finanzministers entnimmt man, daß die„Steuer von Reisenden auf den Eisenbahnen“ auf einen Ertrag von 3,154,450 Thlr. berechnet ist. Die Einnahme für Personen(überhaupt auf 35,600,000 Thlr. veranschlagt) soll mit 10 Proz. besteuert werden; die Fahrpreise von 3 Sgr. und darunter sollen unbesteuert bleiben.
— Die„Kreuzztg.“ vernimmt, daß die Re— gierung beabsichtige, den preußischen Landtag auf den 15. Juni einzuberufen, wenn eine Verein- barung mit dem Reichstage über die Steuervor⸗ lagen zur Deckung des Desfficits nicht zu erreichen sei.
— Die allgemeine deutsche Lehrerversammlung, die unter Theilnahme von mehr als 4000 Per— sonen während der Pfingstwoche dahier tagte, hat in einer ihrer Sitzungen nachstehende Thesen mit Beifall und nahezu einstimmig angenommen:„1) Die bisher in vielen Seminarien geübte willkür⸗ liche Beschränkung der Lehrerbildung ist verwerf— lich. 2) Die Wahl der Methode und der Lehr- bücher ist den Lehrern zu überlassen. Die Uni⸗ formirung der Schulen in dieser Hinsicht ist verwerflich. 3) Die Schulgesetzgebung muß ein Minimum des Bildungszieles vorschreiben, darf aber nicht hindern, über dieses Ziel hinauszugehen. 4) Die Verwaltung der Schulen darf nur unter Mitwirkung pädagogisch gebildeter Männer geschehenz die Aufsicht oder Inspektion ist nur durch Schul— männer zu üben. 5) Die Schule ist nicht Sache einer religiösen oder politischen Partei, sondern Sache des ganzen Volkes. 6) Das Correktiv in Schulsachen ist die unbedingte Oeffentlichkeit.“
Vom Rhein. Die in Schierstein ver⸗ sammelt gewesene Conferenz des Gustav-Adolf— Vereins faßte bezüglich der Wormser Protestanten⸗ versammlung folgenden Beschluß:„es sei Pflicht aller evangelischen Gemeinden, ihre Vertreter am 31. Mai nach Worms zu senden, damit der beabsichtigte Protest des evangelischen Volkes in Deutschland zu einem der Wichtigkeit der Sache entsprechenden Ausdrucke gelange.
Bayern. München. Das Resultat der baherischen Abgeordnetenwahlen steht nun fest und ergibt folgendes Verhältniß: 79 Mitglieder der pa- triotischen und klerikalen Partei, 59 der Fort⸗ schrittspartei, 15 der Mittelpartei, 1 der groß- deutschen Demokratie. Die Ultramontanen sind also jedenfalls in der Majorität. Unter den Ge⸗ wählten befinden sich 24 katholische und 2 prote⸗ stantische Geistliche, auch 1 Istaelit tritt zum erstenmale in die Kammer.
Oesterreich. Wien. Der aus Rom nach Wien zurückgekehrte Präsident der niederösterreichi⸗ schen St. Michaelsbruderschaft hat derselben be⸗ richtet, daß der Papst für seine 16,000 Mann starke Armee noch nicht die nöthige Zahl von Hinterladern besitze. Die französischen und bel⸗ gischen Katholiken hätten schon 12,000 Stück ge⸗ liefert; den noch erforderlichen Rest von 2500 Stück hoffe der heilige Vater durch milde Gaben der österreichischen und deutschen Katholiken beschaffen zu können. Auch sei zwar das kirchenstaatliche Deficit für 1869 durch die reichlich zugeströmten Peterspfennige gedeckt, aber für 1870 werde Pius IX. wiederum die Mildthätigkeit seiner gläubigen Kinder in Anspruch nehmen müssen.
— Böhmische Blätter berichten, daß von Wien aus an die Behörden die Weisung ertheilt worden sei, die Exkönigin Isabella von Spanien, welche sich zur Kur nach Marienbad begibl, allenthalben mit den ihrem Range entsprechenden Ehren zu empfangen.
— Der Berliner Nachricht von der beabsich— tigten Zusammenkunft zwischen dem Kaiser und
dem Könige von Preußen wird jetzt auch in
hiesigen Blättern widersprochen.— Wiener Blätter melden, daß Bischof Rudigier zu Linz sich weigere, zu verantworten. Er stütze sich auf eine Zuschrift des Papstes, worin die Ueberzeugung des Bischofs getheilt werde, daß den weltlichen Gerichten nicht das Recht zustehe, in Strafsachen gegen ihn ein⸗ zuschreiten. N
Schweiz. Bern. Mazzini hat von Lu- gano unter dem 11. d. in der„Tribuna“ eine lange, an seine„Gegner“ gerichtete Erklärung erlassen, welche die angebliche Mailänder Ver⸗ schwörung als ein Polizeimachwerk bezeichnet. Dieselbe gehöre eben zu den vielen Verläumdungen, mittels welcher die italienichen Gewalthaber die Republikaner seit 35 Jahren bei dem Volke an⸗ zuschwärzen suchen.
Frankreich. Paris. Man glaubt hier in einigen Kreisen an die Möglichkeit, daß wirk⸗ lich eine Umwandelung des jetzigen Regimes in ein constitutionelles Kaiserreich, mit dem Mini⸗ sterium Ollivier an der Spitze, nach den Wahlen erfolgen könne.
Spanien. Madrid. Cortes. Topete spricht sich für den Herzog von Montpensier aus. Die Frage in Betreff der Regierungsform erheische eine Entscheidung, damit der Knoten nicht durch eine dreiste Hand zerhauen werde. Auch Rosas vertheidigte die Familie Orleans. Der Colonial- minister erklärte, daß die Urheber der Revolution keine Republik beabsichtigt hätten. Der Artikel des Verfassungsentwurfs, die monarchische Regie- rungsform betreffend, wurde mit 214 gegen 71 Stimmen angenommen.
Mainz. Die Versammlung mittelrheinischer Aerzte fand am 18. d. M. hier im kurfürstlichen Schlosse statt. Dieselbe war recht zahlreich besucht, besonders von Herren aus Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, Mannheim, den Taunusbädern und den größeren Plätzen unserer näheren Umgebung. Zum nächsten Versammlungsorte wurbe Mannheim bestimmt.
Vom Main. Am 19. d. sand in Wilhelmsbad die zehnte Versammlung mittelrheinischer Gymnasiallehrer statt. Es hatten sich zwischen 50 und 60 Schulmänner und Gelehrten aus den Städten Aschaffenvurg, Darmstadt, Dillenburg, Frankfurt, Fulda, Hanau, Heidelberg, Hers⸗ feld, Cassel, Mainz, Mannheim, Marburg, Wetzlar und Wiesbaden eingesunden. Unter der Leitung des Hanauer Gymnastaldirektors Dr. Piderit, der selbst mehrere Thesen vorbrachte, wurden die Diskussionen, die zum Theil zlem⸗ lich erregte waren, vorgenommen. Die Zusammenkunst, in der manche alle Bekanntischaften erneuert und neue ge⸗ macht wurden, endete mit einer gemeinschaftlichen durch geiflreiche Toaste gewürzten Mahlzeit, nachdem beschlossen worden war, die nächste Versammlung in Worms ab⸗ zuhalten.
Lampertheim. Die in manchen Orten herrschende traurige Rohheit, bei etwa vorkommenden Thätlichkeiten gleich nach dem Messer zu greisen, hat hier wieder ein Opfer gefordert. Ein junger Fabrikarbeiter, welcher am Abend des 2. d. M. im Streike mit einem seiner Mit⸗ arbeiter einen Stich in die linke Seite erhielt, ist den anderen Tag an den Folgen dieser Verwundung gesterben.
Koblenz. Am 20. d. waren auf dem hiesigen Markte bereits neue Kartoffeln, welche in hiesiger und in der Ge⸗ markung Metternich gezogen, dem Verkaufe ausgestellt. Die Knollen hatten im Durchschnitt die Dicke eines Hühner⸗ eies und kostete das Pfund 3 Sgr
Herrieden, 18 Mai. Die gemischte fruchtbare Witle⸗ rung wird sich voraussichtlich auch in der nächsten Zeit nicht ändern. Das europäische Lufimeer ist noch immer ziem⸗ lich unruhig. In Rußland herrschte am 13. und 14. un⸗ gewöhnliche Hitze, so daß das Thermometer Morgens 7 Uhr in Moskau 17.8 und in Petersburg sogar 18.60 zeigte. Dieselbe wurde am 15 durch Gewitter abgekühll. Auch in Norddeutschland waren vom 7. bis 12. vlele
Gewitter, theilweise mit Hagelschlag. In Palermo trieb
ein wiederholter Sirokko am 14. Morgens 7 Uhr das Thermometer auf 24.20 Grad hinauf. Am 13. Abends war wieder ein prachtvolles, südlich bis Triest sichtbares Nordlicht. In Nordamerika war am 13. tiefer Barometer⸗ stand, mäßige Wärme und etwas bewölkter Horizont.
In Oschersleben bei Magdeburg wurde am 11. Mai ein Zwillingspaar weiblichen Geschlechts geboren, das mit den Hintertheilen und im ganzen Umfange der Bauchhaut bis zum Brustbeine vollständig zusammenge⸗ wachsen ist, während die Brustkasten mit den oberen Gliedmaßen frei und beweglich sind. Die unteren Glied— maßen der einen Seite sind von einander getrennt und be— weglich, die auf der andern Seite dagegen verwachsen. Die Gesichtsflächen sind einander zugekehrt und die Kinder sind völlig gesund, was sie auch durch den kräftigen Ton ihrer Stimmen zu erkennen geben.
Im Regierungbezirk Posen hat man kürzlich zum Ankauf von Maulwürfen für die königl. Forst da⸗ selbst gegen 150 Thr. verausgabt! Man besetzt mit ihnen die Waldungen zur Vertilgung des Uugeziefers,
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vor Gericht zu erscheinen und sich
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