Ausgabe 
18.12.1869
 
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erwiderte, es sei dies eine große Frage, die er nicht mit nein oder ja beantworten könne. Die fremden Journale, welche nicht dieselben Lasten zu tragen haben wie die französischen, könnten nicht in Frankreich dieselbe Freiheit genießen. Garnier Pages erwiederte hierauf, es beweise diese Antwort, daß die Regierung trotz der liberalen Worte nicht einen Schritt vorwärts gehe.

France glaubt, die Frage der Minister- krists werde erst nach der Verifikation der Wahlen zur Entscheidung kommen. Das jetzige Cabinet babe sich dahin entschieden, das Votum der Kammer abzuwarten. l

Italien. Florenz. Das neue Cabinet hat bereits den Eid geleistet und sich dem Par- lament vorgestellt. Der Ministerprästdent Lanza hielt bei dieser Gelegenheit eine Ansprache, in welcher er erklärte:Ich lege großes Gewicht auf die absolute Nothwendigkeit von Ersparungen in allen Zweigen der Verwaltung. Die dringendste Frage ist die Finanzfrage. Damit Italien seinen übernommenen Verpflichtungen nachkommen könne, sind nicht nur Ersparungen nöthig, sondern auch irgend eine provisorische Vermehrung der Ein⸗ nahmequellen. Das Ministerium hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Desizit auf 7080 Mill. zu reduciren und rechnet auf die Opferfähigkeit des Landes und die Mitwirkung der Kammer, um dies Ziel zu erreichen. Es wird einen Gesetzes- vorschlag zur Einführung von Ersparungen im Kriegs⸗ und Marinebudget vorlegen.

Friedberg, am 15. Dez. Der 2. der für diesen Winter veranstaltelen öffentlichen Vorträge wurde gestern Abend von Herrn Vergrentmeister Nebhuth gehalten. Derselbe sprach über die verschiedenen wirthschaftlichen Be⸗ ziehungen der Familie. Der Redner hat damit ein ver⸗ dienstliches Thema behandelt. Trotz aller kolossalen Fort⸗ schritte der Neuzeit in Handel und Verkehr, in Gewerbe und Industrie muß es mit Volkswohl und Volksglück schließlich zu bösen Häusern hinausgehen, wenn wir jene Forischritte erkaufen durch Zersetzung des Familienlebens. Zwar die Tiefe und Innigkeit des deutschen Geistes slräubt sich mit aller Kraft gegen das Aufgeben dieses hohen Gutes, und ungleich schlimmer ist es damit bestellt bei den romanischen Völkern, den Franzosen zumal. Daß aber auch in Deutlschland das Familienleben mehr und mehr krankt, wer wollte es läugnen? Die öffentliche Auf⸗ merksamkeit wieder einmal kräftig darauf hinzulenken, war die wohlgemeinte Absicht des Vortrags. Der Redner be⸗ rührte gleich Anfangs die nahen Beziehungen zwischen der wirihschaftlichen und sittlichen Seite des Familienlebens. In der That, der wirihschastlich gründlich in Unordnung Gerathene wandert mindestens immer nahe an der Gränze, auch ein sittlicher Lump zu werden, wie umgekehrt Zertüt tung auf sittlichem Gebiet den wirthschaftlichen Ruin nach sich zieht. Beide Gebiete brauchten darum nicht scharf getrennt zu werden. Der Vortrag widmete der Frau, als der Seele des Familienlebens, mit Recht die meiste Auf⸗ merksamkeit. Nach Vorführung einer Reihe von Urtypen ächt deutscher Frauen aus früherer Zeit, in dem Glorien⸗ schein ihrer stillen Häuslichkeit, sucht er nach denselben edlen Zügen in dem Bilde unserer heutigen Frauen und findet sie nicht. Was er da sagt von der modernen Töchtererziehung zu Zierpuppen und Putzäfschen mit einem schimmernden Firniß sog. Bildung, der die Unwissenhett überkleistert und die gesunden Empfindungen des Herzens erstickt, von der Sucht vieler Frauen, in der Gesellschaft zu glänzen, statt dem Hause die segenspendende Priesterin zu sein, von der Thorheit, die körperliche Arbeiten für gemein und entehrend hält, und von dem geschäftigen Müßiggang, der viel Zeit, Geld und Kunstfertigkeit auf⸗ bietet, um zierliche Nichtse zu schaffen, wo Strümpfe ge⸗ strickt und gestopft werden solllen, von der Modewuth, die mit Vorliebe das erfaßt, was auffällig, ja anstößig ist, und von der durch all das hervorgerufenen gefährlichen Neigung zur

Büdgetüberschreitung, das und noch vieles Andere, was.

damit in Verbindung erörtert worden, wie z. B. über Gesindedemoralisation, über Kinderasyle, öffentliche Speise anstalten für Familien ꝛc., kann hier keine Stelle finden. Gleichwohl war der Redner weit entfernt, Geschlechts parteilichkeit walten zu lassen. Das Conto der Männer ist nicht minder schwer belastet, sagt er. Oder wäre es nicht an dem, daß die Männer mehr als gut ist, Zeit und Geld im Wirthshaus und am Spieltisch, sogat beim Frühschoppen verthun und sich dafür Unlust zur Arbeit und Scheu vor Anstrengung einhandeln? Wird das Mühen und Sorgen der Frau, deren ganzes Leben oft ein einziges Martyrium ist, auch immer von dem Manne nur aner- kannt und gewürdigt? Die Frauen würden in hundert Fällen mehr stillen Fleiß, mehr Häuslichkeit, mehr Zufrie denheit in der ihr angewiesenen Sphäre als Hausfrau und Mutter und weniger Neigung zu verkehrten Eman⸗ cipation sbestrebungen zeigen, wenn und sobald die Männer mehr Männec wären. Der Redner hat über seinen Gegenstand reiflich nachgedacht, scharf beobachtet und sich in der einschlägigen Literatur fleißig umgesehen. Nicht vorzugsweise Neues will er bieten; aber das Gebotene ist darum nicht minder beherzigungswerth. Sätze wie: Es geht ein Schwindelgeist durch die Welt Jedermann will

mehr scheinen als er ist Einfachheit, Genügsamkeit, Zucht und gute Sitten in den Familien weichen allmählich

das Wirthshaus- und Allerweltsleben tritt an die Stelle des Familienlebens der wirthschaftliche Krebs⸗ gang ist die unausbleibliche Folge davon solche und ähnliche Sätze müsse man nicht blos für den Nachbar gemünzt, sondern auch als an die eigene Adresse gerichtet erachten. 1

N Friedberg. Der vor etwa einem Jahr begrün⸗ dete und kürzlich neu constituirte Musikverein, der sich aus kleinen Anfängen rasch zu einer verhältnißmäßig recht staltlichen Mitgliederzahl emporgeschwungen hat, wird in den ersten Tagen des kommenden Jahres sein erstes Concert abhalten. Es muß dies ein für Friedberg um so erfreulicheres Ereigniß sein, als, während die hiesigen Männer gesangvereine schon seit einer Reihe von Jahren Tüchtiges leisteten, die Pflege des Gesangs für gemisch⸗ ten Chor leider hier lange gänzlich darniederlag und somit in dem kommenden Concert ihre hoffentlich recht lebens⸗ kräftige Auferstehung feiert. Daß dies aber auch wirk⸗ lich der Fall sei, ist nicht allein Sache des Vereins, son dern in eben demselben Grade Sache des empfangenden Publikums. Ein Blick in das vorläufig festgesetzte Pro⸗ gramm, aus dem wir entnehmen, daß neben der Auf⸗ führung von Haydn'schen, Mendelsohn'schen und Schu⸗ mann'schen Chören Sosovorträge von tüchtigen auswärtigen Kräften in Aussicht genommen sind, läßt uns einem genuß reichen Abend entgegensehen; wir wünschen daher dem jungen Verein und besonders dem ersten Concert desselben recht sehr die entgegenkommende und fördernde Theilnahme des hiesigen kunstsinnigen Publikums.

Friedberg. Ein rheinisches Blatt bemerkt u. A. über die Vorlesungen, welche Herr L. Burmeister auch in unserer Stadt über Fritz Reuter's Dichtungen halten wird: Zu den populärsten unserer neuen deutschen Dichter gehört unstreilig Fritz Reuter. Seine Werke im mecklenburgischen Plattdeuisch haben ihren Weg in Palast und Hütie gefunden, und hier wie dort fand der gemüth liche, echt deulsche Dichter eine Aufnahme, wie wenige vor ibm. Fragt man, woher es komme, daß diese originellen Dichtungen sich so schnell Bahn gebrochen, so ist die Ant⸗ wort eine sehr einfache. Nichts spricht den Menschen mehr an, als das Natürliche, und in Reuter's Büchern findet man die Natur, wie sie lebt und webt, vom ersten bis zum letzten Blatt. Das Ganze ist srotz und eben durch eine Natürlichkeit vom Hauche reinster Poesie durchwoben. Das ist ses, was den Leser einestheils überrascht(denn es wird in andern Büchern selten oder niemals so geboten) und gleichzeilig sesselnd in die Handlung mit hinkinzieht. Wir geben zu, daß es für Viele schwer ist, in das Ver ständniß der eigenthümlichen Sprache einzudringen, namentlich ist es für die Mittel- und Süddeutschen kein Leichtes, diese breite, schwere Sprache mit ihren oft son⸗ derbaren Wortverdrehungen sofort zu verstehen: um so dankenswerther ist es, wenn das Verständniß derselben durch den lebendigen Vortrag erleichtert wird. Alle, welche schon einmal Gelegenheit hatten, der Vorlesung des Herrn Bur⸗ meister beizuwohnen, werden darin mit uns übereinstimmen, daß derselbe eine seltene Begabung besitzt, die Reuter'schen Dichtungen verständnißvoll und drastisch vorzutragen. Auch Solchen, denen Fritz Reuter's Werke bisher noch unbekannt sind, wird es durch die klare, bestimmte Aussprache des Vorlesers leicht gemacht, sich in die Form der Sprache zu finden. Doppellen Genuß aber finden Diejenigen, welche sich schon früher mit diesem originellsten der Dichter ver⸗ traut gemacht haben und die in den zum Vortrage kom⸗ menden Sachen liebe, alte Bekannte begrüßen, die uns jedoch aus dem Munde des Herrn Burmeister in anderer, lichter Gestalt erscheinen. Wir verfehlen nicht, jedem Ge⸗ bildeten und jedem Freund einer heiteren Stunde den Be⸗ such der in Aussicht stehenden Vorlesung anzuempfehlen.

Frankfurt. Der Bildhauer Ed. von der Launitz, der Schöpfer des Guttenbergdenkmals in Frankfurt und vieler anderer Kunstwerke, ist nach längerem Leiden ge⸗ storben. Bei seiner Beerdigung war das Guttenbergdenk⸗ mal, die bedeulendste Schöpfung des Verblichenen, mit Immortellenkränzen geschmückt. Während der Leichen⸗ condukt sich an demselben vorüber bewegte, spielte ein Musikcorps einen Trauermarsch. Dem Sarge folgte, was Frankfurt an Künstlern und Kunstfreunden aufzuweisen hatte.

Australien. Eine Schreckensgeschichte von einem Kuli⸗ Schiffe. Vor elwa 6 Monaten schickte die Tahiti Cotton Company ein Schiff nach den Gilbert-Inseln, um dort 300 Kulis aufzutreiben. Auf der Rückreise brach eine Meuterei aus und der Capitän sowie zwei Offiziere fielen den wüthenden Kulis zum Opfer. Der Mate ent rann in den Schiffsraum und es gelang ihm, ein Faß Schießpulver auf das Deck in die Näbe der Treppe zu bringen. Mit Hülfe von Pulver und Lunte legte er so dann eine Verbindung an und lockte die unvorsichtigen Kulis in die Nähe der Lucke, wo sie durch die Explosion größtentheils getödtet wurden. Der Rest sprang ins Meer oder wurde von der Mannschaft niedergehauen. Das Schiff kehrte nach Tahiti zurück.

* Mittel gegen Hühneraugen. Frische Epheu⸗ blätter, 48 Stunden in Essig gebeizt und dann 8 Tage lang aufgelegt, sollen die Hühneraugen mit der Wurzel vertreiben, nur bei älteren muß das Verfahren zuweilen wiederholt werden..

% Der Ursprung des Hutabnehmens. In einer Abhandlung über dieses Thema in Dickens Wochen⸗ schrift:All the Tear Round wird hervorgehoben, daß die alten Britanier und Gallier ihr Haar ungestört wachsen ließen, so daß es öfter die Hüfte erreichte. Den Römern, welche späler die Länder der beiden Völkerstämme eroberten, war dieser lange Haarwuchs ein Gräuel, und sie unter

zogen die Gallser und Briten einer schimpflichen Schur. Zum Beginne des fünften Jahrhunderts gründete Phara⸗ mond sein Königreich in der Provinz, welche seither den Namen Frankreich trägt. Knechtschaft herabgewürdigt und die Eroberer legten die Scheere an die Häupter ihrer Opfer. Seitdem wurde es in ganz Europa zur Regel, daß langes Haar die aus⸗ schließliche Apanage der Großen und Edlen des Landes sei. Nicht nur Leibeignen und Vasallen, sondern freien Bürgern und Bauern wurde nicht gestattet, ihr Haar lang zu tragen. Den Leibeignen eines adeligen Gutsbesitzers schor man sogar während des fünften, sechsten und siebenten Jahrhunderts gänzlich den Kopf kahl, und von dieser Zeit datirt sich die Sitte des Hutabnehmens beim Grüßen. Das Entblößen des Hauptes hieß so viel als:Sehen, Sie, mein Herr, ich bin ihr Diener, ich habe kein Haar!

Sagen aus der Wetterau. Von Heinrich Hensler.

13. Von der Altenburg bei Holzhansen.

Mehrere hundert Schritte von dem Dorfe Holzhausen entfernt, ist eine Stelle, worauf in alten Zeiten eine Burg stand, von der man noch viele Spuren alten Gemäuers und einen Graben unweit der Huckmannsmühle sieht. In dieser Burg hatte ein alter heidnischer König seinen Sitz.

Noch jetzt haben dort allerlei Erscheinungen statt, wie z. B. die von einem schwarzen Manne, der bald auf der einen, bald auf der andern Seite zu sehen ist und unbeweglich, als ob er leblos wäre, dasteht. Niemand wagt sich in seine Nähe, da man nicht weiß, ob Gutes oder Böses von ihm zu erwarten ist.

Es zeigte sich auch einmal ein Esel, welcher einen Menschen, der sich auf ihn gesetzt hatte, durch alles Gesträuche, ohne den vorhandenen Weg zu benutzen, auf den Gipfel der Anhöhe brachte, ihn dort abwarf und verschwand. Zu

einer andern Zeit wurde ein großer Feuerklumpen

inmitten der Ruinen bemerkt.

Ein Müller aus der Nachbarschaft fand einstens dort einige Leintücher ausgebreitet, auf welchen ein großer Haufen des schönsten Waizens lag. Da nahm er sich eine Hand voll zur Probe mit. Als er diese Probe zu Hause untersuchen wollte, hatten sich die Körner in Gold verwandelt. Er eilte sogleich wieder an den Platz wo die Lein tücher gelegen hatten, sie waren aber mit den Waizen verschwunden.(Friedberger Intell.⸗Blatt von 1835, Nr. 22.). 5

Eingesandt.

Friedberg. Wir haben Polizeiverordnungen und Gesee über die Einhaltung der Sonntagsfeier. te Werkstätten sollen leer stehen, die Läden sollen geschlossen sein, alle öffentliche, die Feier des Sonntags störende Ar⸗ beiten sind verboten. Sehen wir uns aber ein wenig um, beobachten wir, wie diese Gesetze unb Verordnungen ge halten werden. Da wird selten ein Sonntag vergehen, an dem nicht Heerden von Rindvieh von jüdischen Händlern in die Stadt und durch dieselbe getrieben werden, so daß die christlichen Kirchengänger oft nicht wissen, wie sie den⸗ selben ausweichen und ohne Gefahr oder Schaden vorüber kommen sollen; und nicht minder selten sehen wir, wie jüdische Geschäftsleute ganze Kacrrenladungen und Traglasten voll blutiger Häute, stinkenden Fettes, alten Knochen und der⸗ gleichen über die Straßen transportiren und die Sonntags⸗ feier slören. Wenn man solches sieht, jahraus, jahrein, so darf man wohl fragen, sind die Juden den Gesetzen über die Sonntagsfeier nicht unterworfen, und kann man den⸗ selben nicht verbieten, am christlichen Sonntag das zu thun und zu schaffen, was sie ihres mosaischen Gesetzes wegen am Sabbath nicht thun dürfen oder nicht thun wollen?

Literarisches.

Interessante Erzählungen für die Jugend und das reifere Alter von G. Bauer. Mit vier Bildern und einer Einleitung von Professor Eisenau. Stuttgart. Verlag von Chr. Belser. 2 Bändchen. à 45 kr.

Dieses Schriftchen läßt sich als Christgeschenk für die reifere Jugend bestens empfehlen, denn die Erzählungen sind mit gutem Geschmack gewählt und wirklich interes⸗

sant. Die Darstellung ist anziehend bald spannend,

bald überraschend. Der Styl ist fließend und leicht faßlich. Das Ganze ist von sittlich⸗religibsem Ernste getragen und kann einen wohlthuenden Einoͤruck auf das Gemüth nicht verfehlen. Auch die äußere Ausstattung läßt nichts zu wünschen übrig. S

Volkskalender für 1870. Herausgegeben von Karl Steffens. Dreißigster Jahrgang. Berlin, Louis Gerschel Verlagsbuchhandlung. a

Steffens Volkskalender hat sich nicht nur in Preußen, sondern in ganz Deutschland ein dankbares Publikum er⸗ worben, das ihn jedes Jahr mit Befriedigung aufgenom⸗ men und sich auch mit jedem Jahre gemehrt hat trotz der vielen Concurrenz, die seit der Zeit seines ersten Er⸗

Die Gallier wurden bis zun

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