Ausgabe 
18.3.1869
 
Einzelbild herunterladen

und Hessen Verhandlungen zum Erlasse eines gemeinschaftlichen Gesetzes zur Abhaltung und Unterdrückung der Rinderpest einzuleiten. Der Gesetzentwurf, betreffend die Feststelluug des Nach- trags zum Etat des norddeutschen Bundes von 1869, wurde nach zweiter Lesung angenommen. Hiernach belaufen sich die fortdauernden Ausgaben auf 100,800 Thlr., die einmalige auf 9000 Thlr. Die Einnahmen sind auf 4000 Thlr. berechnet. Die Mittel zur Deckung des Deficits werden durch Beiträge der Bundesstaaten, nach Maßgabe ihrer Bevölkerung, aufgebracht.

Im Reichstag wurde der Antrag Lasker's auf Redefreiheit der Mitglieder der Einzellandtage trotz Bismarck's Widerspruch mit 140 gegen 51 Stimmen angenommen.

Ueber den Gesundheitszustand des Augen- arztes Professor Dr. von Gräfe wird aus zu⸗ verlässiger Quelle mitgetheilt, daß derselbe ein durchaus befriedigender ist und dem berühmten Manne gestattet, in heiterster Laune bei bestem Wohlbefinden größere Ausflüge zu unternehmen. Am 15. April gedenkt er wieder in Berlin fune tionsmäßig einzutreffen. 0

Der Herzog Christian von Schleswig Holstein-Augustenburg, der Vater des Prinzen Christian, starb dieser Tage auf dem Schlosse Primkenau in Schlesien.

Köln. Von den wegen des Theaterbrandes verhafteten Personen im Ganzen zehn sind mehrere in Freiheit gesetzt worden, so daß sich jetzt nur noch vier, und zwar die angebliche Brandstifterin und drei Männer, in Haft befinden.

Sachsen. Dresden. In Lem bekannten Dienstmänner⸗Prozeß sind nach beendeter Verhand lung von den letzten noch in Untersuchung befind- lich gewesenen October-Tumultuanten sechs ganz freigesprochen und sechs andere, je nach ihrer Betheiligung, zu 1 Tagen Gefängniß bis zu einem Jahre Arbeitshausstrafe verurtheilt worden.

Bayern. München. An der hiesigen polytechnischen Hochschule wird nun auch ein Cursus für Landwirthschaft errichtet. Die dadurch mit der landwirthschaftlichen Schule in Weihen- stephan hervorgerufene Concurrenz wird nur die besten Folgen haben.

Oesterreich. Wien. Im Abgeordneten⸗ haus begann die Debatte über das Landwehr gesetz. Die Ausschußmajorität empfiehlt die An⸗ nahme der Regierungsporlage, wonach die Land wehr den Militärbehörden untersteht. Die Aus schußminorität bingegen beantragt vollständige Sonderung der Landwehr vom stehenden Heere, analog der Einrichtung der ungarischen Honveds. In der Generaldebatte sprachen die Linken und die Polen für die Minoritätsanträge. Der Lan desvertheidigungsminister Graf Taase vertheidigte die Regierungsvorlage.

Der Reichsrath lehnte nach einer mehr- stündigen Debatte fast einstimmig den Antrag ab: über das Landwehrgesetz zur Tagesordnung über zugehen.

DiePresse meldet, daß Victor Ema⸗ nuel den Marquis Pepoli beauftragt habe, dem Kaiser Franz Joseph für die freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Gefühle, welche dieser dem Könige zu seinem Namensfeste durch den Baron Kübeck hatte ausdrücken lassen, zu danken.

Lemberg. Ein gräßliches Ereigniß fand am 7. d. Abends 8 Uhr auf der Promenade dahier statt. Mehrere betrunkene Husaren excedirten in einer Schenke. Die herbeigerufene Infanterie⸗ Patrouille führte sie ab. Unterwegs auf der Brücke, gegenüber dem Appellationsgebäude, zogen die Husaren vom Leder und stellten sich zur Wehre. Der Patrouilleführer konnte sich keinen Rath schaffen und commandirte, von Säbelhieben stark bedrängt, schließlichFeuer. Drei Schüsse wurden auf die renitenten Cavalleristen mitten unter die spazierende Menge, größtentheils Damen, abgefeuert. Ein Husar siel mit zerschmettertem Schädel und war auf der Stelle todt, ein an derer wurde schwer verwundet. Die Scene war schauerlich, und es verfloß eine halbe Stunde, bis die auf dem Platze Gebliebenen weggeschafft wurden. Unterdessen schritten die Passanten durch

die Blutlachen, denn die Stelle lag gerade außer halb des Bereiches unserer sehr schwach leuchten⸗ den Gaslaternen.* 5 Frankreich. Paris. DerPublic de⸗ mentirt die Nachricht, daß die französische Regle⸗ rung in Betreff der belgischen Angelegenheit den Mächten Mittheilungen gemacht habe. Die Frage, welche eine wirthschaftliche bleibe, gebe zu der⸗

artigen Mittheilungen keine Veranlassung.

Großbritannien. Im Oberhause ging Graf Russell nach einer Hindeutung auf die vom Parlamente für den Volksunterricht geneh- migten Summen dazu über, die erzielten Erfolge mit denen anderer Staaten zu vergleichen, und gab der Ansicht Ausdruck, daß England und Irland bezüglich ihter Schulen weit hinter Deutsch land und den Neu-England-Staaten der Union zurückständen. 5

Spanien. Madrid. An der Kundgebung zu Gunsten der Abschaffung der Militär-Aus hebung betheiligten sich ungefähr 3000 Personen unter dem Rufe:Es lebe die Föderativ- Republik! Eine Störung der Ruhe und Ordnung fand da bei nicht statt.

In der Sitzung der Cortes machten die Minister den Abgeordneten Pierrad und Orense den Vorwurf, sie hätten bei der am 14. d. ver- anstalteten Kundgebung die Rebellion gegen die Ent scheidungen der Cortes und zerstörende Grundsätze dem Volke gepredigt. Auf diese Vorwürfe erklärte Pierrad, er übernehme volle Verantwortlichkeit für Alles, was er bei dieser Demonstration ge sprochen, während Orense die Behauptung auf recht hält, die Manifestation habe einen durchaus friedlichen Charakter gehabt. Figueras und Andere erklärten, daß die Republikaner sich der Entschei dung der Cortes über die Regierungsform fügen würden.

Portugal. Von Lissabon wird gemel det, der Herzog v. Montpensier habe erklärt, er würde die Königswürde in Spanien nur dann annehmen, wenn er durch eine respectable Majo rität gewählt würde, indem er keine Wahl wolle, die nur ein Vorwand für den Bürgerkrieg wäre.

2 Friedberg.(Schluß. Siehe Nr. 31 des Anz!) Nachdem der Redner die Hauptkstützen des Laplace'schen Systems noch einmal aufgezählt, daß nämlich die fernsten Planeten die größesten sind(weil die ersten losgelös'ten Ringe naturgemäß die bedeutendsten waren), daß dieselben zugleich die geringste Dichtigkeit ihrer Masse zeigen(weil nach dem Centrum des Sonnenkörpers hin die Masse sich arst mehr und mehr verdichtete), daß die Schwingungs geschwindigkeit der Planeten in dem Maaße abnimmt, als sie der Sonne näher sind(eine Drehung der Erde um sich selbst erfordert 24 Stunden, eine solche des Saturn nur eiwa 10 Stunden) ꝛc., kommt er zu dem Haupt⸗ resumé: Das Laplace'sche System von der Entstehung der Planeten ist unantastbar. Wolle man daraus die Con- sequenzen ziehen, daß der Sonnenkörper demnach einst allmählich erkalten und endlich aufhören werde, die Erde zu erleuchten und zu erwärmen, so daß alles Leben auf derselben erstarren müsse, so sei darauf zu antworten: Ja, das werde gewiß einmal geschehen, wenn auch erst nach Millionen von Jahren. Ven Verblendung und Be⸗ schränktheit zeuge es aber, wenn man vor dem Natur- forscher und seinen Zahlen ein geheimes Grauen empfinde. Der Naturforscher suche nur, unablässig ringend, nach der Wahrheit(der fast erblindete Kirchhoff in Heidelberg), und seine Zahlen seien das Ergebniß von Berechn ingen, die von sicheren Grundlagen ausgingen, so sicher, daß jene Zahlen(Redner weis't auf einen Schiffsalmanach hin mit über 100,000 solcher Zahlen als den sicheren Führer auf der endlosen Wüste des Oceans) Hunderitausenden schon das Leben gerettet.

Der Vortrag schließt mit einer jene Beschränltheit cha raktertsirenden Parabel und einem Appell an die Schule der Zukunft.

Herr Direktor Schwabe leitet seinen Vortrag(über die neuere religiöse Lyrik) ein mit einer kurzen Betrachtung über die Entwickelung des evangelischen Kürchenliedes. Luther hatte nach schwerem Ringen im Augustineikeoster zu Erfurt endlich Trost und Frieden gefunden in der lebendigen Zuversicht zur Gnade Gottes. Dieses neue Lebensprinzip findet als ein Ausjauchzen des seiner Ver jöhnung mit Gott gewissen Herzens Ausdruck in dem Lied:Nun freue dich, liebe Christeng'mein! und Tau⸗ sende von Seelen in Deutschland und über Deuischlands Geänzen hinaus jubelten, wie von einer schweren Last befreit, diesen Klängen enigegen. Dadurch war der Anstoß gegeven zur ersten Periode der evangelischen Liederdichtung. Es waren Freudenliedec, die in objektiver Weise die großen Thaten Gottes priesen und sich um die großen Centren: Gott, Gnade, Versöhnung, Erlösung drehten. Mit dem Ansange des 17. Jahrhunderts schließt diese Periode ab. Die nachfolgenden Zeiten, insbesondere die drangsasvollen Zeiten des 3 jährigen Krieges waren dazu angethan, den

Blick nach Innen zu kehren und einen N25 tiefgefühlter Lieder enistehen zu lassen. Die besten Kirchenlieder, die Klag⸗, Trost⸗ und Vertrauenslieder, die Gesänge eines Paul Gerhardt zumal gehören dahin. Indessen gewann eine starre Rechtgläubigkeit immer mehr Raum, der die rechte Gläubigkeit abhanden gekommen war, und dagegen suchte der von dem edlen Spener begründete Pietismus anzukämpfen. Derselbe gerieth jedoch auf Ab⸗ wege. Er bewegie sich auf zu enger Grundlage, wandte sich ängstlich von allem Weltlichen, das er für sündlich hielt, ab und fühlte sich nur in kleineren Conventikeln behaglich. Wie er darum die von seinem Stifter beab sichtigte Mission der Läuterung des inwendigen Menschen und Verklärung aller Lebensbeziehungen burch die Macht des tiefreligibsen Gefühls nicht erfüllen konnte, so ver flachte sich allmählich die von ihm erzeugte Lyrik und wurde zur Karrikatur. Den Höhepunkt des Lächerlichen und Abgeschmackten erreichte ein Gesangbuch, das Lieder für alle möglichen Stände und Zustände enthielt, für Minister, höhere und niedere Beamte, Offiziere, Studen⸗ ten ꝛc., selbst für einen zum Richtplatz zu führenden De linquenten, von ihm selbst zu singen, mit eingelegten Casualstrophen, je nachdem er gerädert, gehängt, geköpft oder arkebusirt werden sollte. In dieser lächerlichen Ver⸗ flachung zeigen sich schon die Spuren der nachfolgenden Periode der Aufklärung. Wiewohl dieselbe einiges Ge⸗ diegene producirte, wie die verdienstvollen Lieder eines Gellert, so zeichnet sie sich hauptsächlich aus durch heillose Verwässerung der vorhandenen Schätze. Gesangbücher wurden fabricirt. Wie bet Katechismen wurde dafür eine Einheilung mit bestimmien Ueberschriften geschaffen, und nun unter dem Vorhandenen nach zu den Ueberschriften Passendem gesucht. Da sich das nicht finden wollte, so wurde beschnitten, ausgemerzt und an die Stelle des Gulen pocsieloses Machwerk gesetzt. Erst die neuere Zeit trüt im religiösen Leben wie in der religiösen Lyrik gleich- mäßig an die Lösung der doppelten Aufgabe heran: Wie finde ich Heil und was hab ich an meinem Theil zu thun, daß das Heil sich verwirkliche und verallgemeinere? Ein Novalis, ein E. M. Arndt, ein Max v. Schenkendorf traten auf. Welche Kraft und Tiefe in dem Arndi'schen Gesang:Wer ist ein Mann? der beten kann und Gott dem Herren vertraut! und in dem Schenkendorf'schen: Erhebt Euch von der Erde, ihr Schläfer aus der Ruh! Hieran reiht sich Albert Knapp und Spitta, die mit Glück das alte, ächte Kirchenlied reproduciren. Von be sonderer Bedeutung erscheinen dem Redner für die neuere religiöse Lyrik zwei Dichterinnen, die Katholikin Annette von Droste-Hülshoff und die Evangelische Meta Häußer Schweitzer.

Erstere ist in hohem Grade anregend, ja aufregend; ganz eigenartig tritt sie uns entgegen mit ihrem feinen Natursinn einerseits, ihrer Neigung zum Geister- und Gespensterhaften andererseits. Volle Befriedigung aber gewährt sie nicht. Die Form ist oft ungefügig und un⸗ geschmeidig, es gelingt der Dichterin vielfach nicht, die Geister zu bannen, die sie heraufbeschworen, und der In halt erscheint vorherrschend düster gefärbt, zu reich an Dissonansen. Meta Häußer dagegen zeigt in ihren Schöpfungen ein friedliches, harmonisch fühlendes Gemüth, und versteht es trefflich, ihren Empfindungen den ent⸗ sprechenden, wohllautenden Ausdruck zu geben.

Die hervorragende Stellung, die der Herr Redner auf dem Gebiete des evangelischen Kirchenliedes einnimmt, ist zu bekannt, als daß hier die Bemerkung am Ort wäre, wie auch dieser Vortrag überall den feinen Kenner und scharfen Kritiker bekundete. Es möge darum nur noch erwähnt sein die wohlthuende Weihe, mit der er über seinen Gegenstand sprach und die seelenvolle, die Zuhörer mächtig ergreifende Art des Vortrags der Citate aus den vorgeführten Lyrikern.

Gedern. Auf dem in voriger Woche dahier abge⸗ haltenen Markte wurden einem jüdischen Einwohner von Kirchbracht 90 fl. aus der Tasche entwendet. Der Be⸗ stohleue erhängte sich in Folge dessen in einem Wäldchen zwischen hier und Merkefritz.

Gießen. Vor einigen Abenden brachten die vereinigten Corps der hiesigen Studentenschaft dem Prof. Leuckhard einen glänzenden Fackelzug.

Frankfurt. Nach den geschehenen Anmeldungen wird der Früh jahrs⸗Pferdemarkt stärker als alle seine isherigen Vorgänger befahren werden. Die bis jetzt eingelaufenen Anmeldungen zeigen schon, daß 1300 Pferde, darunter fast die Hälfte edlere Racen, zum Verkauf stehen werden. Daß es an Käufern nicht sehlen wird, darf bei dem hiesigen, so günstig situirten Markte als gewiß voraus⸗ gesetzt werden.

Darmstadt. Die Verloosungscommission für den

April⸗Viehmarkt zu Darmstadt hat ihre Organisation

vollendet und an 124 Vertaufssiellen 18,000 Loose ab- gesetzt. Das erste Vorderau bis zu 13,000 ist an die Mitglieder des Viehmarklcomites veriheilt.

Jüt dit nothleidenden Zuden in Westrußland. Für den zahlreichen Besuch bei der am 13. d. Mts. abgehaltenen Abendunterhaltung sagen wir unsern ver⸗ bindlichsten Dank. Es blieb uns, nach Abzug der un⸗ vermeidlichsten Kosten ein Reinertrag von 54 fl. Der Vorstand des Thalia-Vereins.

Bei Mayer Hirsch hier ist weiter eingegangen: Aus Fauerbach bei Butzbach durch Herrn Fröhlich 5 fl. Frau S. Kitzenstein 2 fl. 30 kr. Frau Z. Grödel Wiw. f 48 kr

Bei der Expedition: Von Frau Dr. Reuner 1 fl. Herrn Pfarrer Buchhold in Ossenheim 1 fl.

Dank den edlen Gebern, fernere Beiträge nehmen ent⸗ gegen die Expedition dieses Blattes und das Comits.

60 oll chen, ttt

81% f Fran. chlag nigung den 19.