Wiesbaden. Die biesigen Mitglieder der Handelskammer haben in einer am 9. d. statt. gehabten Berathung beschlossen, in einer besonders zu berufenden Sitzung eine Petition um Ableh⸗ nung sämmtlicher dem Reichstag unterbreiteter Steuero jekte in Antrag zu bringen.
Bremen. Die Vertreter des hiesigen Co mite's für die Nordpolexpedition und die aus Bremerhaven, Oldenburg, Göttingen, Gotha, Hamburg und Kiel hier anwesenden Förderer des Unternehmens haben in einer stattgehabten Ver⸗ sammlung den Beschluß gefaßt, daß die Expedition am 7. Juni mit einem Begleitschiff von 200 Tons in See gehen soll, welches so ausgerüstet ist, daß mit ihm eine Ueberwinterung ermöglicht
werden kann. Oesterreich. Wien. Die„N. fr. Pr.“ Baron v. Beust,
meldet, daß der Reichskanzler, ein Rundschreiben an die auswärtigen Vertreter Oesterreichs erlassen habe, worin er aufs Bündigste erkläre, daß das auswärtige Amt an der Ver⸗ öffentlichung der Depesche des Grafen Bismarck an Hrn. v. d. Goltz unbetheiligt sei.
— Da das vom niederösterreichischen Landtag beschlossene Gesetz zum Schutze der nützlichen Vögel nicht gehörig besolgt wird, so hat der Wiener Thierschutzverein einen gedruckten„Mahnruf“ an die Vorstände von 1580 Gemeinden und 1050 Volksschulen versendet Die Wiener Marktpolizei ist heuer in derselben Richtung besonders thätig. In den letzten Tagen wurden spekulativen slova⸗ kischen Bauern über 400 Singvögel, darunter 96 Nachtigallen, confiscirt und im Prater frei⸗ gelassen.
— Der consessionelle Ausschuß des Abgeord— netenhauses hat seine Thätigkeit mit der Annahme der Rechbauer'schen Anträge abgeschlossen, das Haus möge die Regierung auffordern, gleich im Beginn der nächsten Session einen Gesetzentwurf über die gänzliche Aufhebung des Concordats vorzulegen; ferner möge das Haus beschließen, daß der von dem confessionellen Ausschuß aus- gearbeitete Gesetzentwurf über die Einsührung der obligatorischen Civilehe in den ersten Tagen der nächsten Session auf die Tagesordnung gesetzi werde.
Frankreich. Paris. Nicht weniger als vierzehn Versammlungen fanden am 10. d. M. in Paris statt. Diese Zahl mag eine Vorstellung von der hiesigen Wahlbewegung gebea. Die Wahl ⸗ Circulare erscheinen nach der Reihe. Aufsehen erregt das Wahlschreiben von Renan, der im Seine und Marne⸗ Departement als Candidat auftrat. Renan spricht sich gegen die Revolution, gegen den Krieg und für die Reform aus. Die Idee des Krieges wird überall mit Nachdruck be ⸗ kämpft, und es ist unmöglich, daß Napoleon III. durch so vielfache und energische Kundgebungen nicht beeinflußt werden sollte. In der Umgebung des Kaisers wird fortwährend davon gesprochen, daß die Zeit der Mittelpartti gekommen und daß unmittelbar nach den Wahlen die Regierung in die Hände Ollivier's als erstem Minister gelegt werden soll.
— Das„Frankf. Journ.“ schreibt in Bezug auf die bevorstehenden Wahlen zum gesetzgebenden Körper: Paris ist in einer Aufregung, wie es sie lange nicht erlebt hat. Die Wahlen nehmen alle Geister in Anspruch. Selbst die friedlichen Bürger und Krämer, die gewohnt sind, nur nach dem jährlichen Nutzen zu schauen, den ihre Geschäfts⸗ bücher ihnen beim Abschluß zeigen, sind mißmuthig geworden über den Zustand der Unsicherheit, des Mißtrauens, der vom persönlichen Regimente des Cäsarismus unzertrennlich ist; sie möchten ihrem Unwillen gegen die Regierung gern Luft machen. Diese kennt die Stimmung der Bürger ganz wohl und darum auch hält sie fürs Erste mit der Ver⸗ öffentlichung ihrer eigenen Candidaten hinter dem Berge. Ihre Aussicht auf Erfolg in der Haupt stadt ist so gering, daß sie schon recht sehr damit zufrieden wäre, wenn der persönliche Gegner Rouher's, Emil Ollivier, der aber in wohlbekannter, vertraulicher Beziehung zum Staatsoberhaupte steht, oder Augustin Cochin, ein clericaler Anhänger des
nion nationale“, aus der Urne hervorging. Die Wahlen von 1869 haben eine unberechenbare Bedeutung. Jahre. Diese Zeit möchte Napoleon III. langsam benutzen, seinen Thron durch einzelne Concesstonen zu befestigen, wohl gar populär zu machen. Das Gebäude des Kaiserthums, an dem er allein nur baute, würde er, wenn er seine Dynastie genügend festgestellt glaubt, mit liberalem Säulenschmuck krönen: Parlamentarismus, Minister verantwort- lichkeit, ja selbst mittelst weiterer Ausdehnung der Preßfreiheit und des Versammlungsrechts. Genügt ihm das, so mag er vor Ablauf der nächsten Legislatur, wenn sein Sohn das 20. Jahr er⸗ reicht hat, abdanken und seinen Nachfolger regieren
sehen. Der Cäsarismus wäre damit neu begrün det. Auf dies Ziel hinsteuernd, sucht sich der
Kaiser eine dynastische Oppositionspartti selbst zu schaffen, darum läßt er sich einen kleinen Zwang anthun von den liberalisirenden Ehrgeizigen, die nur für seine Zwecke arbeiten. Deßhalb gibt er aus seiner Schatulle Gelder her zur Gründung von Zeitungen, denen nur kurzes Leben bevorsteht und die viel kosten, deßhalb freut es ihn heute, wenn seine besten Anhänger ein bischen Opposition treiben. Der Pariser versteht aber das Spiel und wird darauf Antwort geben bei den Wahlen.
— Es verlautet, daß die Reise der Kaiserin nach dem Orient mit Rücksicht auf die mit einem solchen Unternehmen verbundenen Kosten, welche auf nicht weniger als 2,400,000 Franes ange- schlagen werden, wahrscheinlich unterbleiben würde. — Hagelwetter hat im Aude⸗Departement unge- heuere Verwüstungen angerichtet. Fünfundzwanzig Gemeinden sind heimgesucht worden. Die ap⸗ proximativen Verluste betragen 1¼ Millionen. Auch das Arrondissement Muret ist vom Hagel arg heimgesucht worden, welcher eine Strecke von fünf Kilometern ruinirt hat.
Spanien. Madrid. Die Cortes haben mit 180 Stimmen gegen 48 den Artikel 28 be— züglich der Verpflichtung angenommen, die jedem Spanier obliegt, das Vaterland mit den Waffen zu vertheidigen, wenn er durchs Gesetz dazu be⸗ rufen wird, und im Verhältniß seines Vermögens zu den Staatsausgaben beizutragen.
— In der Cortessitzung erklärte der Justiz⸗ minister auf eine an ihn gerichtete Interpellation des Abgeordneten Ochoa: er habe einen Priester ins Gefängniß setzen lassen, weil derselbe am Schlusse einer Predigt ausgesprochen habe: Tod den Prolestanten, den Ketzern, welche für die Freiheit der Religiousbekenntnisse gestimmt haben.
Italien. Florenz. Das neue Ministerium soll nunmehr in folgender Weise zusammengesetzt sein: Menabrea, Conseilpräsident und Aeußeres; Ferraris, Inneres; Cambray Digny, Finanzen; Filippo, Justiz; Bertole Viale, Krieg; Ribotti, Marine; Minghetti, Agricultur; Mordini, öffent⸗ liche Arbeiten; Bargoni, Unterricht.
Friedberg. Wir haben noch von einer schönen Feier zu berichten, welche am 11. d. M. theils in Over⸗ Rosbach, theils hier stattsand. Es beging nämlich an jenem Tage Herr Oberförster Bingmann zu Ober⸗ Rosbach sein 50jähriges Dienstjubiläum. Geboren den 30. August 1797 zu Ober⸗Rosbach, machte er im Alter von 16 Jahren schon als freiwilliger Jäger den Feldzug von 1814 nach Frankreich mit und verwaltete seit dem 11. Mai 1819 die Oberförsterei Ober-Rosbach mit einer einzigen Unterbrech ing von 1824 bis 1832, während deren ihm die Oberförsterei Rainrod im Forste Scholten übertragen war. Am Morgen des Festtages versammelten sich zu Ober⸗Rosbach die Forsibeamten des Forstes Fried⸗ berg, das gesammte Forsischutzpersonal der Obersörsterei Ober⸗Nosbach und die Vertreter der sämmtlichen wald— besizenden Gemeinden dieser Oberförsterei, begaben sich in geordnetem Zuge in die Wohnung des Jubilars und statteten diesem dort ihre Glückwünsche ab. Zugleich überreichte ihm der dazu beauftragte Forstmeister des Forstes Friedberg ein Decret Sr. Königl. Hoheil des Groß- herzogs, durch welches ihm der Charakter als Forstmeister verliehen wurde und sprach ihm den Glückwunsch der Großh. Oberforst⸗ und Domänen-Direktion aus, worauf von Seiten der walobesitzenden Gemeinden ihm und seiner Gemahlin, die am nämlichen Tage ihren 71. Geburtstag feierte, unter schöner Ansprache des Herrn Bürgermeisters Gröninger zu Ockstadt, werthvolle Andenken an diesen Tag überreicht wurden. Die meissen der in Ober-Rosbach Erschienenen geieiteten sodann den Jubilar zu einem Fest⸗
liberalisirten Kaiserthums oder auch der Freund des kaiserlichen Vetters, Guérvult von der„Opi—
mahl, welches in dem sinnig ausgeschmückten Saale des Trapp'schen Gasthoses zu Friedbert stattfand, und zu
Die Kammer dauert wieder sechs ein
welchem sich noch viele Verwandten, Se. en en
genossen des Gefelerten, sowie ihm naht stehende
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einen mit Begeisterung aufgenommenen Toast auf Se.
Königl. Hohcit den Großherzog aus, der auch hi
erworbene Verdienste so ehr ll nn Herr Fermer Herpel 5 iese Verdienste, sowie den
Lebensgang des Jubilars näher und schloß mit ei ebenfalls warm aufgenommenen Hoch auf denselk err Bürgermeister Gröninger versscherte ihn nochm der Dankbarkeit der waldbesitzenden Gemeinden und Herr Beigeordneter Grödel von Friedberg sprach als Gerberei⸗ besitzer sich sehr anerkennend über die Hebung der Loh⸗ rindenproduktion in dem Dienstbezirk des Jubilars aus. Unter diesen und anderen Kundgebungen der lebhaftesten Sympathien für den Jubilar, für welche dieser gerührt dankte, sowie unter den Klängen der Musik des hiesigen Jägerbataillons wurde der Tag im heitersten Zusammen⸗ sein der Festgäste verbracht und man trennte sich am Abend mit dem allgemeinen Wunsche, daß dem Jubilar die ihm eigene, in solchem Alter ungewöhnliche Rüstigkeit noch recht lange erhalten bleiben möge.
+. Friedberg. Gestern Nacht hatten wir abermals das für uns seltene Phänomen eines Nordlichtes. Zwischen
11 und 12 Uhr beobachtete es Einsender dieses mit einigen
Freunden. Der Himmel erschien nach Nordwest in einem
rosenrothen Lichte, ähnlich dem Wiederscheine von hell⸗
rothem bengalischen Feuer. Es schossen dabei wechselnde
hellere Strahlen am Himmel hin. Dieselben gingen bald radienförmig von einem Mittelpunkte aus, bald waren dieselben parallel, dann wieder vereinigten sie sich zu einem kometenartigen Streifen. Dabei war die Farbe des Ganzen bald hell⸗ und bald dunkelroth. Als wir gegen 12 Uhr die Beobachtung aufgaben, zeigte es sich noch immer, wenn auch nur noch schwach.
Darmstadt. Eine auch in weiteren Kreisen wegen seines köstlichen Humors bekannte und beliebte Persönlich⸗ keit, der pensionirte Oberlieutenant Herzinger, ist nach langen, schweren Leiden dieser Tage dahier gestorben.
Heidelberg. Die ersten Kirschen sind dahier auf dem Markte und verspricht man sich eine sehr reiche Erndie, da die Bäume in hiesiger Gegend außerordentlich voll hängen.
Vom Rhein. Die romantisch gelegene Marxburg oberhalb Braubach hat der Direktor der Handelsschule Dr. Rolloffs in Moselweiß bei Coblenz in Pacht genommen und wird derselbe die inneren Räume prachtvoll zum angenehmen Sommeraufenihalte herstellen lassen, während die Regierung die Instandhallung der äußeren Fagaden übernehmen und ausführen wird.
Kassel. Am 11. d. feierte hier Herr A. Reunert das seltene Fest des 101jährigen Geburtstages. Unter den Gratulanten befand sich auch der König von Preußen, jerner der Oberpräsident der Provinz, der Stabtrath zc. durch Zuschriften vertceten; die Königin sandte eine Tasse mit dem Porttät des Königs; der tsraelitische Verein für Krankenpflege, dessen Vorsteher Herr Reunert noch heuie ist, erschien mit einem großen, schön gearbeiteten silbernen Pokal. Durch ihr Erscheinen am Festtage aus Leeds in England und Hamburg erhöhten drei Kinder des munteren Greises ihm die Fesisreude. Er selbst hat sich heute ein dankbares Andenken im Herzen der Bürger Kassels gesetzt, indem er 100 Thaler für israelitische und 100 Thaler für christliche Arme der Stadt Kassel schenkte und zur Vertheilung übergab; weitere 100 Thaler erhielt der Verein für Krankenpflege.
1508 Die Anfrage in Nr. 55 des„Oberh. Anz.“, den Unter ⸗ richt im Französischen in der Stadischule dahier betreffend, veranlaßt den Unterzeichneten, der diesen Unterricht ertheilt, zu nachstehenden Bemerkungen. Es sind für diesen Unter⸗ richt im Ganzen vier Stunden wöchentlich vorgese hen. die sich, da derselbe mit dem 10. Jahre beginnt, auf vier verschiedene Abiheilungen vertheilen. Wenn es nun selt⸗ her ohne allzu große Benachtheiligung der Einzelnen öster möglich war, diese vier Abtheilungen in drei zusammen⸗ zuschmelzen, so kamen für den direkzen Unterricht bei jeder Abiheilung immer nur 1¼ Stunden wöchenllich. Daß aber diese Zeit absolut unzureichend ist, muß unum⸗ wunden zugegeben werden. Bei Schulkundigen steht es außer Frage, daß vier Unterrichtsstunden wöchentlich für jede Abtheilung(oder Klasse, der Name ist hier gleich⸗ gültig) im Französischen ein Maß sind, das im Inkeresse der Sache wohl erweitert, ohne Beeinträchtigung derselben aber kaum verkürzt werden kann. Und daß in den Eltern⸗ kreisen man über die Unzulänglichkeit der dem Französischen in der Stadischule gewährten Zeit nicht im Unklaren ist, veweist eben die erwähnte Anfrage. Trotz allen Fleißes
kann dabei das erwünschte Ziel nur unrollkommen er⸗
reicht werden, ein Zustand, der für Lehrer wie Schüler
gleich wenig erquicklich ist, da beiderseits die Befriedigung
entbehrt werden muß, die nur ein erfolgreicher Unterricht gewührt. Findet man aber ein solches Verhältniß auffällig und wünscht Abhülse, so ist man jedenfalls in feinem Recht. In einer Stadt, deren öffentliches Schulwesen der männlichen Jugend Gelegenheit darbietet zur Er⸗ lernung von Griechisch, Latein, Französisch und Englisch, kann das Verlangen nichts Befremdliches haben, daß bei dem öffentlichen Unterricht sür die weibliche Jugend wenigstens dem Französischen eine genügende Stätte ge⸗
währt werde.— Uebrigens darf nicht unerwähnt bleiben,
daß der verehrl. Schulvorstand dieser Angelegenheit bereits seine wohlwollende Ausmerksamkeit zugewendet und ge— eignete Abhülfe in Aussicht gestellt hat. Friedberg am 13. Mai 1869. Bitsch, Lehrer.


