— Die Gerüchte von einer sofortigen Modi fication des Ministeriums erhalten sich. Latour d' Auvergne(Acußeres), Le Boeuf(Kriegsminister) und Rigauld de Gerouilly(Marineminister) sollen bleiben und die übrigen Minister zurücktreten. Die Hauptmitglieder des neuen Ministeriums wür⸗ den Ollivier, Darn(von dem linken Centrum) und Segris vom rechten Centrum sein.
Großbritannien. Von Seiten Englands ist dem Vernehmen nach in Betreff des türkisch ägyptischen Conflikts eine Lösung in der Richtung angeregt worden, daß die Mächte, weil hier ein allgemeines politisches Interesse und selbst ein Theil des europäischen Staatsrechts in Frage komme, von Aegypten die bestimmte und unbedingte Anerkennung der Oberlehensherrlichkeit der Pforte, von der Pforte die eben so bestimmte und un— bedingte Anerkennung der Unverrückbarkeit der ägyptischen Erbfolge zu erwirken, innerhalb dieser Grenzen aber, ohne irgend eine Einmischung ihrer— seits, die Verständigung in deu streitigen Punkten der Pforte und dem Vicekönig allein zu über— lassen hätten.
Italien. Florenz. Mehrere Zeitungen dringen gleichzeitig die Nachricht, Cialdini babe darauf verzichtet, die Bildung eines neuen Cabinets zu Stande zu bringen. Der König beabsichtigt eine Conferenz mit Menabrea, Minghetti, Digny und Mordini.
— Nachdem der König mit verschiedenen poli— tischen Persönlichkeiten, welche der bis jetzt an der Regierung befindlichen Partei angehören, Berathun⸗ gen gepflogen, wandte er sich an den früheren Finanzminister Sella mit der Anfrage, ob derselbe die Bildung eines Ministeriums übernehmen wolle.
Rom. Die Eröffnung des Coneils hat am 8. d. stattgefunden. Eine große Prozession begab sich zuerst nach dem Vatican, hierauf nach der Kathedrale, wo 803 Cardinäle und Prälaten an- wesend waren. Nach dem Gottesdienst und der Ertbeilung des Sakraments begab sich die Ver— sammlung in den Sitzungssaal des Coneils. Der Cardinal Patrizzi celebrirte die Messe, der Erz⸗ bischof von Itonium hielt die Eröffnungsrede und der Papst ertheilte den Segen.
Türkei. Konstantinopel. Ein am 8. d. hier eingegangenes Telegramm meldet die Zu— stimmung des Viecekönigs von Aegypten zu den Bedingungen des Ultimatums. Der Vicekönig wird selbst nach Konstantinopel kommen, um dem Sultan die Versicherungen seiner Ergebenheit und seine Zustimmung zu den Hauptpunkten des Ulti— matums zu überbringen.
Nußland. Petersburg. Der Kaiser schloß die Anrede, welche er beim Georgenfeste hielt, mit folgenden Worten:„Gott gebe, daß wir Frieden behalten, wenn aber der Krieg vom Schicksal bestimmt ist, so bin ich überzeugt, daß die Land⸗ und Seemacht den Ruhm unserer Waffen und die Ehre Rußlands aufrecht erhalten werden.“
— Die Rekrutenaushebung in Polen, welche für den Januar 1870 bevorsteht, verbreitet, wie von dort berichtet wird, unter der Bevölkerung des Königreichs große Bestürzung. Eine Menge von militärpflichtigen jungen Leuten flieht schon jetzt über die Grenze und die Gemeinden müssen für jeden Flüchtigen, der ihnen aygehört, 400 Rubel Strafe zahlen. In vielen kleinen Gemein— den wird die Strafsumme für die Entflohenen sich auf mebrere tausend Rubel belaufen.
Amerika Cuba. Amerikanische Blätter veröffentlichen einen Brief des Generaladjutanten der cubanischen Insurgenten-Armee, worin er ere klärt, daß die Cubaner keine fremden Soldaten, sondern nur Waffen und Uniform brauchen. Die cubanische Armee zählt 26,800 bewaffnete Sol— daten, denen 40,000 emancipirte Neger zur Seite stehen, die als Waffe nur die Machetas, halb Beil halb Fleischax', führen. Mit 75,000 Ge— wehren hofft General Jordan die cubanische Un— abhängigkeit in 90 Tagen herzustellen. Gleich— zeitig bittet er die amerikanische Frauenwelt um
Unterstützung für 30,000 cubanische balbnackte wür n Frauen, die, wie er schreibt, auf den Bergen ein Sch I
Bei
urweltliches Leben führen.
O Friedberg, 7 Dezbr. Mit dem heuligen Abend haben die öffentlichen Vorträge wieder begonnen, die auch für
diesen Winter veranstaltet worden sind. Die rege Theil⸗ nahme, die dies Unternehmen bei der gesammten Ein⸗ wohnerschaft Friedbergs findet, gereicht derselben ebenso sehr zur Ehre, als das Bestreben der dasselbe leitenden Herren, auf diese Weise durch das lebendige Wort zur Beförderung von Bildung und Wissen beizutragen, ein verdiensiliches ist.— Herr Seminarlehrer Marx sprach über„Ulrich v. Hutten.“ Der Redner gab zunächst eine treffliche Charakteristik des 15. Jahrhunderts. Das Alte stürzt in Trümmer; eine neue Welt beginnt sich aufzu⸗ bauen. Die Herrlichkeit des heiligen römischen Reiches deutscher Nation ist dahin; auf geistigem Gebiet haben die Humanisten durch das Studium der Alten die Schranken durchbrochen, in welche mittelalterliche Scholastik die Wissen— schaft eingedämmt hielt. Das führte in Italien zur Negation, zum Unglauben, in Deulschland dagegen zum lieseren Verständniß der heiligen Urkunden, zur innigeren Erfassung des Christenthums, zur Reformation. So be— reitet sich in politischer, wissenschaftlicher und religiöser Beziehung eine neue Zeit vor. Ein ächtes Kind dieser großartigen Uebergangsperiode mit allen Vorzügen und Mängeln derselben ist Ulrich v. Hutten. Geboren auf der Burg„Steckelderg“ in der Gegend von Fulda, wurde er seines schwächlichen Körpers und seiner bedeutenden Anlagen wegen für den geistlichen Stand bestimmt und dem Abt von Fulda übergeben. Aber„den Knaben vom Berge“ duldete es nicht hinter den Klostermauern, sein Wissensdurst konnte nur am lebendigen Born der neu er— wachten Wissenschaft, selne lebendige Thatenlust nur durch sreie Betheiligung bei den großen Fragen der Zeit Befriedigung finden. Er verläßt das Kloster, und ein unstäles Wanderleben beginnt, reich zwar an Abenteuern und Verirrungen, aber derklärt durch die Verbindungen, die er überall mit den edelsten Männern anknüpfte. Hie und da blitzte sein dichterisches Genie schon auf in Ergüssen, die der Zorn ihm abgepreßt. Mit dem elterlichen Haus ist er ganz verfallen. Erst nachdem er von einer Reise nach Ilalien zurückgekehrt vom Kaiser Maximilian hoher Ehre gewürdigt worden und Gelegenheit gefunden, seiner Familie in einem Ehrenhandel gegen Uleich von Württem— berg die Macht einer vielgewandten Feder zu zeigen, fand er wieder Gnade vor seinem Vater. Mittlerweile war Luther aufgetreten, und die Kämpfe des„Ritters vom Geiste“ wandten sich gleichfalls der religissen Frage zu. Den Verlauf des Reichstags von Worms verfolgte Hutten mit brennender Ungeduld von der„Ebernburg“ aus. Seine poetischen Episteln, die er wie versengende Blitze unter dem Molto:„Ich hab's gewagt!“ in die Welt binausschleuderte, zogen ihm ernstliche Verfolgungen zu. Der Papst forderte seine Auslieferung, und auch Kaiser Karl V., dem er früher näher gestanden, durfte er nicht mehr trauen. Bei Franz von Sickingen, dem hochherzigen, mächtigen Ritter, fand er auf der„Ebernburg“ bei Kreuz— nach, von ihm Herberge der Gerechtigkeit genannt, ein schützendes Dach. Warum er im Verein mit seinem mäch— tigen Freund, der trotz seiner völlig mittelalterlichen An- schzuungen in Bezug auf das Ritterthum ein offenes Herz valle für die Ideen der neu hereinbrechenden Zeit und ein aufrichtiger Freund der Predigt des Mönchs von Witten— berg war, nicht zum Schwerte griff und dem Reichstag zu Worms an der Spitze von 1200 gewappneten Reitern einen unliebsamen Besuch machte? Lutber selbst wies eine gewaltsame Lösung der Frage hartnäckig von sich, und Franz v. Sickingen hielten mancherlei Rücksichten gegen den Kaiser noch zurück. Wollte er doch zunächst mit dem Erzbischof von Trier ein Hühnchen rupfen. Doch dies Unternebmen mißlang, und nun erschienen der Erzbischof von Trier, der Landgraf Philipp von Hessen und der Chursücst von der Pfalz vor der Ebernburg, um gegen den gefährlichen Feind der Fürstengewalt einen entschei⸗ denden Schlag zu thun. Die„Ebernburg“ fiel, die Eroberer traten an des verwundeten Franz v. Sickingens Sterbelager. Ulrich v. Hutten aber irrte ruhelos, gleich einem gehetzten Wilde, rheinaufwärts der Schweiz entgegen. Dort noch versolgt von seinem früheren Freunde Erasmus v. Basel, fand der schwergeprüfte, an einer traurigen Kraulheit, die er sich durch jugendliche Ausschweifungen zugezogen, leidende Dulder endlich Aufnahme und Pflege in der Familie des schweizerischen Reformators Ulrich Zwingli, bis ihn bald darauf, im Jahr 1523, noch im jugendlichen Alter von 35 Jahren, der Tod ereilte.— Das sind wenige Züge aus dem Leben einer trotz ihrer Fehler und Verirrungen großartigen, für die Entwickelung der neuen weltbewegenden Ideen, sowie für die Dichtkunst der damaligen Zeit bedeutungsvollen Persönlichkeit, von welcher der Redner ein trotz der 1½stündigen Dauer des Vortrags bis an's Ende die Zuhörer fesselndes lehrreiches Bild entwarf.
T Friedberg. Nochmals die österrelchischen Sechsec. Dem in Nr. 144 d. Bl. gemachten Vorschlag, die österreichischen Sechser nach wie vor zum vollen Neun⸗ werth im Verkehr anzunehmen, stehen denn doch Bedenken entgegen. In Oesterreich selbst werden sie demnächst nicht mebr cursiren, bliebe also noch Süddeutschland für sie als Wandergebiet. Nun hätte es nicht viel zu bedeuten, wenn man sie trotz ihres geringeren Werthes auch wirklich und für immer für voll gelten ließe. Sie wären dann einfach ein adoptirtes Zeichen für den bestimmten Werth. Ist ber eine solche Uebereinstimmung vorauszusetzen? Nein! Un soll irgend ein kleiner Bezirk, etwa die Wetterau, ein Asy für die versprengten Oesterreicher abgeben? un uns von allen Seiten zuströmen, um doch über— eine widerwillige Aufnahme zu finden. Den den davon hästen in erster Linie die Desqilgeschäste. ähnen würden sich diese Sechser aufhäufen, ohne daß
Ste
sie eine ausreichende Verwendung dafür hätten, oder ihren Kunden gegenüber die Annahme verweigern könnten. Nur gegen ein Agio würden sie im Größeren dieselben umsetzen können, und die so fortgeschassten würden zum vollen Werth auf's neue wieder in den Verkeyr herein⸗ geschmuggelt werden. Das wäre doch ein interessanter Kreislauf, der gewissen Schlauköpfen ein hübsches Prostt⸗ chen abwürfe. Etwa so; Der Banquier A. nimmt sie zu 97%, zu 97½ gibt er sie an Unterhändler ab, die Ge⸗ legenheit haben, sie für voll in's Publikum zu werfen. Nach einigen Kreuz- und Querwanderungen kommen sie wieder zu 97% zu A., um von da aus den Rundgang von neuem anzutreten. Und ferner: Ein geringer Mann macht eine kleine Einnahme. Er will damit seine Steuer bezablen, aber der Steuererheber nimmt seine österreichischen Sechser nicht; er kommt damit an den Eisenbaynschalter, aber er wird mit denselben zurückgewiesen. Darum fort mit der ungesetzlichen Münze, die keine Heimath mehr hat. Es ist noch Zeit dazu da, und höchstens kostet's einen kleinen Verlust zu Gunsten des Banquiers, der dafür sie ein für allemal nach Wien spedirt. Die arme Seele hat alsdann Ruhe!
Frankfurt. In Folge der von dem hiesigen Handelsverein ausgegangenen Anregung baben sich bis jetzt 74 Ficmen dahin erklärt, die zsterreichischen Sechser, vorbehaltlich einer weiteren Herabsetzung bei fernerem Fallen des Wiener Courses, nur noch zu 5½ kr. in Zahlung zu nehmen. 0
» Frankfurt. Die verflossenen Montag flattgehabte Versammlung des landwirthschaftlichen Monatsclubs war außerordentlich zahlreich besucht; im Ganzen waren 72 Personen, darunter 61 Landwirthe, anwesend, welch letztere 35,100 Morgen Land bebauen. Einstimmig wurde es als zeitgemäß erkannt, weitere Schrilte zur Erlangung der Branutweinsabrikatsteuer zu thun und eine Commission, bestehend aus den Herren Dr. Krämer in Darmstadbt, Diefenbach auf dem Mönchhof, Otterberg auf dem Schwal⸗ bacher Hof, Bergsträßer auf dem Hof Haina, Dr. Hag in Fraukfurt und Baron Dael v. Käth auf Sorgenloch, erwählt, mit dem Auftrag, auf Grund der staltgehabten Discussion ein Promemoria an den Reichstag und die Regierungen zu entwersen, in welchen die Mängel der seitherigen Maischraum-Besteuerung unter besonderer Rück⸗ sichtsnahme der auf dem zweiten Congreß norddeutscher Landwirthe für solche geltend gemachten Einwürfe und die Vortheile der Fabrikatsteuer, dargelegt werden sollen. Einen andern Gegenstand der Verhandlung bildete die Frage, wie das Verhältniß der Dienstherrschaften zu dem ländlichen Gesinde und den sonstigen Arbeitern verbessert werden könne. Es wurden in dieser Beziehung verschiedene Ansichten geäußert, ohne daß die Versammlung sich sür die eine oder andere entschied. Einstimmig war man jedoch in der Klage üder Arbeitermangel, dem nothwendig abgeholfen werden müsse. Während man von der einen Seite auf Herabsetzung des Präsenzstandes des stehenden Heeres hinwies, wurde von der andern die Herbeischaffung von Arbeitern aus fremden Ländern als Mittel zur Ad⸗ hülfe betont. In letzterer Beziehung erfolgten über die schwedischen Ardeiter Mittheilungen, welche dieselben in einem sehr günstigen Lichte erscheinen ließ und viele Oeko⸗ nomen bestimmte, für das Frühjahr sich schwedische Ar⸗ beiter kommen zu lassen. Der Vorstand des Clubs wurde mit den deßfallsigen Verhandlungen betraut.
Coblenz. Durch den anhaltenden Schneefall haben sich in unseren Waldungen eine Masse von Wildschweinen eingefunden. Keuler von 150200 Pfund wurden schon mehrere erlegt. 0
Eingesandt.
Wir erlauben uns auf eine Erscheinung aufmerksam zu machen, die an Verwerflichkeit ihres Gleichen sucht. Wir meinen nämlich das Schreiben und Zusenden anonymer Schmäh briefe, was jetzt in hiesiger Stadt wie ⸗ der in Blüthe zu stehen scheint. In der Regel erfolgen dieselben bei Verlobungen, Hochzeiten und am Neujahrs⸗ tage und sind eine Folge von Neid, Mißgunst oder sonstigen Gehässigkeiten. Freilich wird sich kein vernünftiger Mensch über den Empfang eines solchen Schmutzbriefes graue Haare wachsen lassen und sich irgend wie alteriren. Er wird höchstens nur darüber entrüstet sein, daß es Menschen gibt, die sich zu den Gebdildeten zählen und die solcher Gemeinheit fäbig sind. Weun wir also gewiß sind, daß nur nichtswürdige mißgünstige Creaturen die Versasser von Schmähbriefen sind und wir durchaus kein Verlangen haben, Schlechtes kennen zu lernen, so wäre doch zu wünschen, daß die nicht so ganz unbekannten Schreiber und Schreiberinnen anonymer Schmähbriefe öffentlich ge⸗ brandmarkt würden. Wir ersuchen Jedermann hierzu sein Möglichstes beizutragen.
3416 Fast lebendig begraben. Auf einem Dorfe in Oberösterreich starb kürzlich ein schon bejahrter Mann an Starikramps. Kurz vor der anberaumten Begräbnißftunde ereignete sich der gläckliche Zufall, daß Zipfzipf der Leichen wärter in einem an der Wand aufgehängten Büchlein nach Hausmitteln suchte; da stieß er aber auf den komischen Theil desselben und mußte trotz der ernsten Situation, in der er sich befand, üder die in den Büchlein enthaltenen Späße und Bilder so fürchterlich lachen, daß der Scheintodte darüber plötz ich erwachte, aussprang und herzhaft mitlachte; ja er brüllte, kugel te sich und war gerettet. Aus Dankbarkeit ließ er nun den „luftigen Laubfroschkalender und Wetter⸗ propheten auf das Jahr 18707— denn dies war der bewußte Lebensretter— in Gold rahmen und zum ewigen Andenken über seinem Belle aufhängen.— So geschehen im Oktober anno 1869.
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