Werder⸗Gewehr, daß dasselbe, auch wenn es verrostet und eingestaubt ist, anstandslos weiter benützt werden kann, ohne gereinigt zu sein; überhaupt ist kein System bekannt, das im letzten Punkte so viel leistet, insbesondere im Feldgebrauche, wie das Werder-Gewehr. Leute mit Sack und Pack feldmäßig ausgerüstet machten bei den ersten Proben durchschnittlich 10 Schuß per Minute; dei sehr gewandten Schützen steigerte sich die Feuergeschwindigkeit bis auf 16 Schuß. Das Schnellfeuer ermüdet wenig; kräftige Schützen machten 60—80 Schüsse in einem Schnellfeuer hintereinander und hatten auf 300 Schritt Ent— fernung 90 Prozent Treffer, ohne besondere Er müdung zu verspüren, da sie nach 10 Minuten Pause ein weiteres Schnellfeuer eröffneten; die Trefffähigkeit des Gewehres ist vorzüglich. Das Zündnadelgewehr verhält sich wie 1: 3 zum Werder-Gewehre, welch letzteres in seinem Ge— sammtwerthe als Kriegswaffe überhaupt nicht leicht übertroffen werden wird.
Baden. Ein Endchen des alten Censur⸗ zopfes, das noch bis in unsere Tage hineinragte: die Verpflichtung der Verlagsbuchhändler zur Ab— gabe eines s. g. Pflichtexemplars ihrer Verlags— werke ist dieser Tage entfernt, bezw. aufgehoben worden.—(Im Großh. Hessen besteht diese Verpflichtung noch und zwar sind drei Pflicht. Exemplare einzusenden, je eins an die Univer— sitätsbibliothek, die Hofbibliothek und die Biblio— thek der Stadt Mainz.)
— Das Vorhandensein eines Gutachtens der „Mehrheit des Freiburger Domcapitels in Betreff der Bereitwilligkeit, eine Ergänzung der Candidatenliste vorzunehmen, wird nun sogar von den ultramontanen Blättern des Landes zugegeben, welche zugleich eine authentische Erklärung über diesen Zwischenfall in Aussicht stellen.
Oesterreich. Wien. Privattelegramme aus Athen vom 8. melden, daß das neue Cabinet Zaimis die Deklaration der Conferenzmächte als Programm angenommen hat.
— Der österreichische Botschafter in Rom, Graf Trautmannsdorff, hat vor Kurzem wieder eine Besprechung mit dem päpstlichen Staatssekretär Cardinal Antonelli gehabt und von neuem die Ueberzeugung erhalten, daß der Standpunkt der römischen Curie gegenüber den österreichischen Reformbestrebungen ganz der alte ist.
— Man glaubt hier nicht mehr an den Mythus vom hannoverischen Attentäter, da nicht die geringsten positiven Anhaltspunkte gegeben werden. Im Feuilleton des„Wanderer“ wird der schreckliche Unbekannte als eine Erfindung des Grafen Beust humoristisch verarbeitet.
Schweiz. Im Canton Solothurn sind innerhalb zwei Tagen 5000 Unterschriften für die Vornahme einer vollständigen Revision der Ver— fassung aufgebracht worden.
Frankreich. Paris. Das„Journal officiel“ berichtet:„Der Senat beschäftigte sich am 5. d. mit den Interpellationen, betreffend die allgemeinen Wirkungen des Preßgesetzes. Die Regierung ergriff diese Gelegenheit, um aufs Neue die Grundsätze zu bekräftigen, von welchen sie sich bei der Anwendung der Gesetze über die Presse und das Vereinswesen leiten läßt. Sie erklärte, daß die in gewissen periodischen Blättern enthal⸗ tenen heftigen Angriffe in keiner Weise das Ver⸗ trauen der Nation in Einrichtungen erschüttert hat, auf welchen seit 18 Jahren das Gedeihen und die Größe des Landes beruhen.“
— Der Kaiser hat in einer Privataudienz den Minister des Aeußeren der Sandwich ⸗Inseln empfangen. Derselbe ist in einer Specialmission in Paris angekommen.
— Das Gerücht von der Abdankung des Königs von Griechenland und die Rundschau der „Patrie“, welche die Zustände in den Donau— fürstenthümern als sehr ernst bezeichnet, wo die Actionspartei eine drohende Haltung angenommen haben solle, wirkten auf die Börse beunruhigend und bewirkten einen Rückgang der Renten und der türkischen Anleihe.
— Die Königin Isabella läßt durch eine Zuschrift ihres Kammerherrn, des Grafen Ezpeleta,
an die Journale das in mehreren Blättern unter ihrem Namen erschienene Manifest für apokryph erklären.
— Bei dem Gefecht in Algier sollen die Chassepot-Gewehre wieder, wie bei Mentana, Wunder verrichtet haben. Der„Public“ sagt: „Die Gewalt des Chassepot-Gewehres soll schreck— lich gewesen sein; alle unsere Offiziere waren von ihr betroffen und da das Gefühl der Menschlich— keit den französischen Soldaten auch in der Gefahr niemals verläßt, so hat man sich förmlich entsetzt über die Wirkungen drei auf einander folgender Dechargen der neuen Waffe.“
— Der„Constitutionel“ meldet, daß das Ministerium Zaimis das Conferenzprotoll annahm.
Großbritannien. London. Nach der „Morning Post“ hat der König von Griechenland die Absicht ausgedrückt, abzudanken und anbefohlen, Vorbereitungen zu seiner Abreise zu treffen, im Falle der Widerstand des Volkes fortdauere.
— Das neue Jahr hat bereits 180 Schiff— brüche an den Küsten von Großbritannien und Irland aufzuweisen. Im irischen Kanal scheiterte während eines dichten Nebels der Postdampfer Prinz Alfred. Passagiere, Bemannung und Post wurden gerettet.
— Die Königin wird diesmal das Parla— ment nicht persönlich eröffnen, da die Aerzte von einem solchen Schritt abrathen zu müssen glauben, weil die Königin an heftigen Migräneanfällen leide, und irgend welche Aufregung vermieden wissen wollen.
— Eine Vergleichung der heutigen irischen Aus wanderungsstatistiken mit denen vergangener Jahre ergibt insofern ein günstiges Resultat, als daraus hervorgeht, daß die Bevölkerung sich nicht mehr durch den Abgang vermindert. Von dem Höhepunkte 214,425 Menschen, die im Jahre 1851 der Heimath Lebewohl sagten, ist die Zahl bis auf 64,961 für das Jahr 1868 zusammen⸗ geschrumpft. Noch das Jahr vorher war sie um 23,661 Seelen höher angegeben.
Spanien. Isabella hat den Spaniern in Form eines Manifestes einen schönen Gruß geschickt und fragt dabei, wie's ihnen ginge. Sie meint, ihre lieben Spauier wären in den fünf Monaten nicht glücklicher geworden, und da wollte sie wieder kommen und ihnen zurückbringen Ruhe, Vermögen, Macht, die Oberherrlichkeit ihres Glaubens und noch viel schöne Sachen. Sie wolle auch gewiß recht geschickt sein, und auch der Alphons würde alle Tage bräver, und er hätte von ihr seine spanischen Brüder schon recht lieben gelernt. Zu— sammen wollten sie die ganze Affaire als einen schlimmen Traum ansehen, von dem nicht mehr die Rede sein solle.— Die Spanier werden freilich denken:„Die Botschaft hör' ich wohl; allein mir fehlt der Glaube.“
Donaufürstenthümer. Bukarest. Die Angesichts der heftigen Opposttion der Kammern gegebene Demission des Ministeriums hat der Fürst, an dessen Loyalität und Patriotismus appellirend, nicht angenommen. Die Auflösung der Kammer ist wahrscheinlich. Als das Mini- sterium der Kammer ankündigte, daß der Fürst die Demission nicht angenommen habe, erhielt es von der entschiedenen Majorität der Kammer ein Vertrauensvotum.
— In der Kammersitzung rief eine Inter- pellation über die Reactivirung des Generals Macedovski äußerst heftige Debatten hervor. Die extremt Partei stellte die Motion, die Reactivirung für ungesetzlich zu erklären. Der Ministerpräsident bezeichnete Ivan Bratiano und die extreme Partei als die eigentlichen Landesfeinde. Der Rücktritt des Ministeriums oder die Auflösung der Kammer erscheint nahezu unvermeidlich, doch ist letzteres das Wahrscheinlichere.
Türkei. Konstantinopel. Der erste Kammerherr des Sultans, Djemil Bey, ein Sohn des Kriegsministers Namik, wurde abgesetzt. Der Kriegsminister selbst wurde durch Hussein Pascha, den jetzigen Gouverneur Candia's, ersetzt.
Griechenland. Athen. Das neue Ca- binet hat bereits den Eid geleistet. Minister⸗ Präsident ist Zaimis, welcher zugleich das
Ministerium des Innern übernimmt. Delyannis wird Minister des Auswärtigen, Averinos der Finanzen, Sontros des Krieges, Tringheta der der Marine, Sarava des Cultus und Petralis der Justiz. f Rußland. Ein kaiserl. Ukas ordnet an, daß nach Eintritt der Rekruten der gegenwärtigen Aushebung die überzähligen Soldaten der activen Armee, vorzugsweise aus den im Jahre 1863 Eingereihten bestehend, temporär zu entlassen seien.
V. Friedberg. In der vorigen Nummer des Anzeigers geschah der am 7. d. im Saale des Hötel Trapp dahier stattgehabten Liederkranz-Abendunterhaltung freundliche Erwähnung. Es wurde hierbei jedoch weder des wackeren und süchtigen Dirigenten des Vereins, Herrn Seminar— lehrer Schmidt, noch der speziellen Ausführung der Gesangsvorträge gedacht, weßhalb man sich hiermit er- lauben möchte, noch Einiges zu bemerken. Die Wahl der Vorträge war eine der Faschingszeit sehr enlsprechende. Sämmtliche Gesänge wurden nicht nur mit großer Präcision vorgetragen, sondern man fühlte auch so recht die tüchtige Schule heraus und schön traten die Nüancirungen hervor, welche dem Gesange erst den rechten Ausdruck verleshen. Ueberhaupt bewiesen alle Piecen, in welch gediegenen Händen sich das Direktorium des genannten Vereins be⸗ findet und können wir nicht umhin, dem Gesangverein Liederkranz, sowie seinem wackeren Dirigenten für den uns bereiteten genußreichen Abend hiermit öffentlich unsern wärnisten Dank auszusprechen und die baldige Wieder⸗ holung einer ähnlichen Abendunterhaltung zu wünschen,
S. Friedberg, 10. Febr. War das eine gelungene Geschichte gestern Abend, die Fastnachts-Abendunterhaltung des„Frohsinn“! Eine herzstärkende Zwergfellerschütterung. „Moritz Schnörche“ mit Sippe brap; der Kunstreiter⸗, der Erziehungs-Direktor und der„Herkules“ mit Umge— bung, sowie der Tannhäuser vortrefflich;„Lieb und Wein“ und„Kirmes“ durchaus nett;„Gebrüder Matula“ viel— versprechend; der kleine Paulo(Apropos,„Adelgunde“ ist doch wieder wohl?) und„die drei Nasen“ zum Bersten. Auch zum Tänzchen fand sich noch ein wenig Zeit; war es mittlerweile doch recht„früh“ geworden. Oeffentlich Dank für den schönen Abend! Einer für Alle.
Bad Nauheim. Wahrhaft wohlthuend wirkt es auf das Gemüth, wenn wir bemerken, daß trotz der hochgehenden Wogen politischen Wahlgewühls sich auch noch Leute finden, welche ihre Gedanken praktischeren Dingen zuwenden. So erstand dahier seit Mitte Januar d. J. auf Anregung des Oeconomen Stoll und Dr. Siebert ein landwirthschaftlicher Local vere in, welcher am Abend des 6. d. seine erste fachliche Zusammen⸗ kunft bei Gastwirth Langsdorf hielt. Der Verein hat bereits seine Statuten, wählte seinen Ausschuß von 12 Mitgliedern und aus diesem Dr. Siebert zum Präsidenten, Oeconom Stoll zum Vicepräsidenten, Oeconom Peter Schäfer zum Secretär und Oeconom Christoph Grünewald zum Rechner, und zählt jetzt schon 76 der angesehensten Bürger Nauheims zu seinen Mitgliedern. Seine Ver⸗ sammlung vom 6. d. war sehr zahlreich besucht; man unterhielt sich über praktische Fragen der Landwirthschaft und verbannte der Vorsitzende ausdrücklich und überein⸗ stimmend mit dem Willen aller Anwesenden jede Dis⸗ cussien über die politische Tagesfrage. Die Gemarkung Nauheim umfaßt circa 5000 Morgen meist sehr gutes Areal. Der Verein wird daher bei gutem Zusammen⸗ halten gewiß recht gedeihlich wirken können, und zu- gleich das sicherste Bindemittel sür Nauheim mit den an⸗ erkannt vorzüglichen Leistungen des landw. Kreis- und Provinzial⸗Vereins sein. In 14 Tagen wird der junge Verein seine zweite Zusammenkunft haben.
Frankfurt. Am letztverflossenen Sonntag sprang ein Dienstmädchen, welches man schon seit drei Tagen am Mainufer am Untermainthor hatte in auffallender Weise hin⸗ und hergehen sehen, an der Kleeblatt'schen Schwimm- anstalt in den Main. Die That wurde schnell bemerkt und gelang einem Knechte des Herrn Kleeblatt die Rettung der Unglücklichen, die sich jedoch erst nach einem Kampf mit derselben bewerkstelligen ließ. 5
Frankfurt. Hiesige Blätter melden, daß auf Grund der ersten technischen Vorarbeiten dieser Tage ein provi⸗ sorisches Comite in unserer Stadt zusammentreten wird, welches sich die Gründung einer Acliengesellschaft zur Er⸗ bauung einer Eisenbahn von hier nach Cronberg(via Röbelheim) zur Aufgabe gestellt hat. Die ersten Ergeb⸗ nisse einer vorläufigen Terrainuntersuchung sollen für die Unternehmer günstig ausgefallen sein
Karlsruhe. Der in hiesiger Stadt schon längere Zeit schwebende Gasstreit ist nun dadurch beigelegt, daß die Stadt die Gasanstalt übernommen hal. In Folge dessen wird vom 1. März d. J. ab der Gaspreis von 1000 Cubikfuß engl. auf fl. 2. 54 kr. herabgesetzt werden.
Leipzig. Der von Dresden hier angekommene Schnell⸗ zug ist am 7. d. vor Riesa in der Nähe von Langenberg durch ein nichtswürdiges Verbrechen schwer bedroht ge— wesen; ruchlose Hände hatten nämlich dort nicht nur ein
Stück Schienen aus dem Geleise herausgebrochen und den
Bahndamm hinuntergeschleudert, sondern auch noch zwei andere Schienen quer über das Fahrgeleise weggelegt. Zum Glück hat der Bahnwärter den Frevel noch rechk⸗ zeitig bemerkt und dem Zuge das Nothsignal gegeben, so daß dieser noch vor der unheilvollen Stelle hat halten können. Ein in der Nähe der letzteren herumlungernder Mensch, der angebliche Schlossergeselle F. aus Lauterbach, (welches 2) wurde als verdächtig von dem Bahnpersonal ergriffen und in Riesa der Behörde überliefert.
14


