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1869.

Donnerstag den 3. Juni.

M 63.

berhessischer Anzeiger.

Enthält die amtlichen Erlasse für den Kreis Friedberg.

Friedberger Intelligenzblalt.

Erscheint jeben Dienstag, Donnerstag und Samstag.

Expedition mit

Für den Monat Juni kann auf denOberhessischen Anzeiger bei der Verlags

10 kr., bei den Poststellen mit 16 kr.

abonnirt werden.

Hessen. Darmstadt. Die feierliche Er öffnung der Riedbahn bis Worms fand am 30. Mai statt. Ein Extrazug von Worms, welcher die Spitzen der Rheinhessischen Behörden, den Verwaltungsrath der Ludwigs-Eisenbahn sowie eine Anzahl von Vertretern der Gemeinden Worms, Hofheim, Biblis, Groß-Rohrheim und Gernsheim mit sich führte, traf um 11 Uhr bier ein. Nach eingenommenem Frühstück in der Stengel'schen Restauration wurde um 12 Uhr die Rückfahrt nach Worms angetreten, wo in dem schön geschmückten Worret'schen Lokale ein Festessen etwa 130 Per sonen vereinigte. Am 31. wurde die Bahn dem öffentlichen Verkehre übergeben.

Oberst Wolff, Commandant der Militär strafanstalt Babenhausen, ist auf sein Nachsuchen unter Anerkennung feiner mehr als fünfzigjährigen mit Treue und Eifer geleisteten Dienste in den Ruhestand versetzt worden.

1. Juni. Zweite Kammer. Heute be- gannen die Berathungen über den Hauptvoranschlag der Ausgaben in der Finanzperiode 1869 71. In der Abtheilung 1Lasten und Abgänge ent- spinnt sich eine Debatte erst bei der Anforderung für die geistliche Wittwenkasse. Die Kasse ist bekanntlich sehr gut ausgestattet. Trotzdem hält die Regierung eine Forderung von 6000 fl. auf⸗ recht, während der Referent des Ausschusses Abg. Fink nur 3000 fl., die Majorität dagegen gar nichts bewilligen will. Die Kammer bewilligt 3000 fl. unter der Bedingung, daß die Einnahmen aus den Intercallargefällen nach der Bestimmung der Verordnung vom 8. Sept. 1843 der geist⸗ lichen Wittwenkasse zugewiesen und nicht zu andern kirchlichen Zwecken verwendet werden. Eine längere spezisisch juristische Debatte entspinnt sich weiter bei der Anforderung von 6596 fl. 37 kr. für Rheinzollrenten. Zwei Mitglieder des Ausschusses beantragen 1) Verwilligung der auf dem früheren Rheinzolloctroi haftenden direkten Renten mit zu sammen 5189 fl. 52 kr. unter der Bedingung, daß deren Auszahlung in Folge eines richterlichen Beschlusses geboten wird. Der Antrag wird jedoch gegen 10 Stimmen abgelehnt und die Regierungs- forderung bewilligt.

Die Schulamtsaspiranten des Großherzog thums werden wie bekannt auf zwei getrennten Seminarien, die evangelischen zu Friedberg, die fatholischen zu Bensheim ausgebildet. Die Vor- berathung des Budgets im Ausschusse hat nun dem Abg. Dumont Gelegenheit zu dem Antrage gegeben, die Regierung zu ersuchen, die beiden Cehrerseminare zu einem einzigen, auf dem nur der Religionsunterricht getrennt ertheilt werde, zu vereinigen. Die Realisirung dieses Wunsches würde einen wesentlichen Schritt zur Herstellung der confessionslosen Schulen involviren, doch wird dieser Wunsch in Folge der innerhalb der ersten Kammer und der Regierungskreise obwaltenden Strömungen wohl ein frommer bleiben.

Gießen. S. K. H. der Großherzog be suchte am 31. Mai von Friedberg aus unsere Stadt und inspicirte das auf dem Brande auf gestellte 2. Inf-Regt. Nach Besichtigung unserer neuen Kaserne kehrte S. K. H. wieder nach Fried berg zurück.

* Worms, 31. Mai. Der Zuzug von Theil gehmern an der heute dahier stattfindenden Protestan

tenversammlung übersteigt alle Erwarkungen; man schätzt die anwesenden Fremden auf mehr als 30,000. Die Verhandlungen in der Dreifaltig keitskirche, welche in allen Räumen überfüllt war, wurden um 11 Uhr eröffnet. Aus allen Gegen- den Deutschlands sind Delegirte anwesend; auch Oesterreich und Frankreich haben solche gesandt. Das Eröffnungsgebet des Pfarrers Briegleb schloß mit den Worten:Herr! Gieb dem deut schen Volke eine deutsche Kirche! Hierauf über nahm Professor Bluntschli die Leitung der Verhandlungen. Nach Begrüßung der Versamm lung durch Dr. Schröder ergriff Professor Dr. Schenkel das Wort als Referent der Erklärung gegen das sog. apostolische Schreiben des Papstes. Er führte aus: Rom erkenne die Augsburger Confession, die wahre Grundlage des religiösen Friedens, nicht an; sein Bestreben sei, Unfrieden in Deutschland zu stiften, das deutsche Bürger thum zu brechen. Ditsem Bestreben gegenüber fehle die deutsche Gemeinde. Das protestantische Volk müsse sich organisiren. Dann könne man auf die römische Anmaßung eine kerndeutsche Ant wort geben, die darin bestehe, daß wir den Pro test unserer Väter erneuern. Nach Schluß seiner Rede verlas Schenkel folgende Erklärung der Versammlung auf das päpstliche Schreiben, welche von lebhaften Rufen allseitiger Zustimmung be gleitet war:

1) Wir, die heute in Worms versammelten Protestanten, fühlen uns in unserm Gewissen gedrungen, bei voller Anerkennung der Gewissensrechte unserer kath. Miichristen, mit denen wir in Frieden leben wollen, aber auch im vollen Bewußtsein der religiösen, moralischen, politischen und socialen Segnungen der Reformation, deren wir uns erfreuen, gegen die in dem sog.apostolischen Schreiben vom 13. Sept. 1868 an uns gerichtete Zumuthung, in die Gemeinschaft der römisch-katholischen Kirche zurückzu⸗ kehren, öffentlich und feierlich Verwahrung einzulegen.

2) Immer gern bereit, auf den Grundlagen des reinen Evangeliums mit unsern katholischen Miichristen uns zu vereinigen, protestiren wir beute noch ebenso entschieden, wie vor 350 Jahren Luther in Worms und unsere Väter in Speyer, gegen jede hierarchische und priesterliche Bevor⸗ mundung, gegen allen Geisteszwang und Gewissensdruck, insonderheit gegen die, in der päpstlichen Encyclica vom 8. Dezember 1864 und in dem damit verbundenen Syllabus ausgesprochenen staatsverderblichen und culturwidrigen Grundsätze.

3) Unsern katholischen Mitbürgern und Mitchristen reichen wir, hier am Fuße des Lutherdenkmals, auf den uns mit ihnen gemeinsamen Grundlagen des christlichen Geistes, der deutschen Gesinnung und der modernen Cultur, die Bruderhand. Wir erwarten dagegen von ihnen, daß sie zum Schutze unserer gegenwärtig bedrohten höchsten nationalen und geistigen Güter sich uns auschließen werden im Kampfe gegen den uns mu ihnen gemeinsamen Feind des religiösen Friedens, der nationalen Einigung und der freien Culturentwicklung.

4) Als Hauptursache ber religiösen Spaltung, die wir tief beklagen, erklären wir die hierarchischen Irrthümer, insbesondere den Geist und das Wirken des Jesuitenordens, der den Protestantismus auf Leden und Tod bekämpft, jede geistige Freiheit unterdrückt, die moderne Cultur ver fälscht und gegenwärtig die römisch-katholische Kirche be herrscht. Nur durch entschiedene Zurückweisung der seit dem Jahre 1815 erneuerten und fortwährend gesteigerten hierarchischen Anmaßungen, nur durch Rückkehr zum reinen Evangelium und Anerkennung der Errungenschaften der Cultur kann die gelrennte Christenheit den Frieden wieder gewinnen und die Wohlfahrt dauernd sichern.

5) Endlich erklären wir alle, auf Begründung einer hierarchischen Machtstellung der Geistlichkeit und ausschließ liche Dogmenherrschaft gerichteten Bestrebungen in der protestantischen Kirche für eine Verläugnung des protestau lischen Geistes und für Brücken nach Rom. Ueberzeugt, daß die Lauhett und Gleichgültigkeit vieler Protestanten der kirch lichen Regctionspartei eine Hauptstütze gewährt und auch

in dem mächtigsten deutschen Staat ein Haupthinderniß nationaler und kirchlicher Erneuerung bildet, richten wir an unsere sämmtlichen Glaubensgenossen den Mahnruf zur Wachsamkett, zur Sammlung und zu kräftiger Abwehr aller die Geistes- und Gewissensfreiheit gefährdenden Tendenzen.

Hierauf folgte Schellenberg mit einem Vortrag, dessen Spitze sich gegen den Jesuiten- orden richtete. Nach ihm sprach Professor von Holtzendorff: die Erklärung sei auch zugleich eine Kriegserklärung gegen die römische Curie. Wie der Papst uns, so gut könnten auch wir den Papst einladen, hierher zu kommen. Keiner seiner Vorgänger habe Luther an Größe und Bedeutung erreicht. Die Versammlung wurde mehr und mehr bewegt. Lebhaften Beifall errang der folgende Redner Haase(aus Oesterreich,) welcher begeistert für Annahme der Erklärung sprach. Letztere wurde hierauf einstimmig angenommen. Hofg. Advokat Ohly von Darmstadt vertheidigte nun seine Thesen über das evangelisch-protestantische Ge meindeprincip und die Grundlagen einer Kirchen- verfassung und wurde von Lisko(Berlin), Manchot(Bremen) und Steinacker(Jena) unterstützt. Diese Thesen, von der Versammlung einstimmig angenommen, lauten:

1) Die evangelisch⸗protestantische Kirchenverfassung ruht auf dem Grundsatz der Selbstständigkeit der Gemeinde, welche auf allen Stufen der Kirchenleitung vertreten sein soll.

2) Diesem Grundsatz gemäß ist die Stellung des pro⸗ lestantischen Landesherrn innerhalb der evangelischen Kirche, sowie die Kirchenleitung überhaupt, auf verfsassungsmäßigem Wege zu regeln.

3) die evangelisch protestantischen Gemeinden sind ver⸗ treten durch Ortskirchen-Gemeindeversammlungen, durch Kreis-(Provinztal) Synoden, durch eine Landeesynode.

4) In den Synoden gebührt den weltlichen Mitgliedern eine mindestens gleiche Vertretung, wie dem geistlichen Stande. Die weltlichen Mitglieder der Synoden sind durch freie Wahl der Gemeinden zu ernennen. Die Diöcesansynoden wählen ihre Decane frei aus ihrer Mitte.

5) Das active und passive Wahlrecht steht sämmtlichen selbstständigen bürgerlich und kirchlich unbescholtenen Ge⸗ meindegliedern zu. Das Wahlrecht ist nicht durch den Rachwels besonderer kirchlicher Eigenschasten bedingt.

6) Der Gemeinde steht bei Besetzung der Pfarreien die entscheidende Stimme zu.

7) Das Recht der kirchlichen Gesetzgebung steht der Landessynode in Verbindung mit dem Kirchenregiment zu.

8) Die Landesgemeinde ist im Klrchenregiment durch einen von der Landessynode gewählten Ausschuß vertreten. Das Kirchenregiment ist der Landessynode verantwortlich.

Nach Schluß der Versammlung in der Kirche folgte der wahrhaft überwältigende Schlußakt des Wormser Festes. Auf dem großen Marktplatze stand Mann an Mann dicht gedrängt; lautlos wurde die kurze Ansprache des Präsidenten, welcher die Verlesung derErklärung solgte, vernommen; darauf ertönte das LutherliedEin' feste Burg ist unser Gott aus der Brust vieler tausend protestantischer Männer. Viele Augen füllten sich mit Thränen, Alle verstanden die Bedeutung des Worts, mit welchem der Präsident schloß;Der Tag von Worms wird fortleben im Herzen des deutschen Volkes. Das letzte Hoch auf die pro testantische Gewissens- und Geistesfreiheit wurde mit jubelndem Hüteschwenken begleitet. Mit dem Festbanket im Casinosaale schloß die ganze Feier. Es konnten sich etwa 300 Personen an demselben betheiligen. Kaufmann Mayer brachte ein Hoch auf den Großherzog, den Enkel Philipp des Großmüthigen, aus. Bluntschli toastete auf die deutsche Nation, aus der alle deutsche Fürsten hervorgegangen seien, die für die Reformation

Gut und Herzblut geopfert habe, und die auch