Ausgabe 
6.6.1867
 
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1867.

Donnerstag den 6. Juni.

N 67.

Anzeiger für Oberhessen.

Enthält die amtlichen Erlasse für den Kreis Friedberg.

Friedberger Intelligenzblatt.

Erscheint jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag.

Hessen. Darmstadt, 3. Juni. II. Kam

mer. Gegenstand der Berathung ist die Einfüh- tung der noͤrddeutschen Bundesverfassung für die Provinz Oberhessen und die Anträge wegen Ein sritts des ganzen Großherzogthums in den nord deutschen Bund. Die Debatte eröffnet Hall wachs, der sich für den Eintritt des ganzen Landes in den norddeutschen Bund erklärt. Im entgegen- gesetzten Sinne spricht Zentgraf, der die Eini gung auf dem Wege der Verträge herbeigeführt wissen will. Kritzler schließt sich den Aus- führungen Zentgraf's au. Seitz entwickelt in längerem Vortrag die Gründe, welche ihn be stimmen, sich gegen Anschluß des ganzen Groß- herzogthums an den Nordbund entschieden zu er klären. Goldmann rechtfertigt, unter Hin- weis auf die nothwendige Zusammengehbrigkeit des Großherzogthums, seinen Antrag auf Beitritt zum Nordbund. Wirth spricht dagegen, weil die norddeutsche Bundesverfassung nicht den Bundes staat hergestellt. Stockhausen erklärt sich für den Antrag und ist der Ansicht, daß nicht Hessen, sondern Preußen von Oesterreich die Zu stimmung zum Eintritt des Großherzogthums in den Bund zu erwirken habe. Auch Dernburg spricht in gleichem Sinne. Dumont stellt be sondere Anträge, eine Umgestaltung und Wieder- vereinigung Deutschlands, von Deutsch⸗Oesterreich abgesehen, auf Grundlage des Bundesstaats, mit Preußen an der Spitze, mit allen Kräften zu er streben. Redner steht auf dem Standpunkte der 91 Abgeordneten in der preußischen Kammer, die gegen die Vecfassung des Nordbundes gespro⸗ chen und gestimmt baben. Schließlich empfiehlt er den Regierungen Süddeutschlands ein Einlen⸗ ken in freiheitliche Bahnen. Legationsrath Neid hardt verliest, durch Metz veranlaßt, eine län gere Erklärung, nach welcher die großherzogliche Regierung den gegenwärtigen Moment für unge eignet hält, um den Anträgen der Abgg. Gold mann und Genossen Folge zu geben und den sofortigen Eintritt in den norddeutschen Bund in Erwägung zu ziehen. Metz spricht für den An. trag, da er der Ansicht ist, daß der Prager Friede das Ueberschreiten der Mainlinie nicht hindere und schließt mit dem Hinweis auf die Nothwendigkeit, in den norddeutschen Bund einzutreten, um im Verein mit den Gesinnungsgenossen im dortigen Parlament für die Freiheit kämpfen zu können. Die Debatte wird alsdann bis morgen ausgesetzt.

4. Juni. II. Kammer Die gestern abgebrochene Discussion wird fortgesetzt. Bam berger vertheidigt seinen Antrag. v. Ga gern spricht dagegen und unterzieht die nord- deutsche Bundesverfassung einer scharfen Kritik; ste sei eine Schmach und im Widerspruch mit un- serem nationalen Geist. Edinger befürwortet den Eintritt in den norddeutschen Bund. Die Kammer solle dem Auslande gegenüber zeigen, daß seine Hoffnungen auf fortdauernde Zerrissen heit unbegründet seien. Kempff äußert sich in ähnlicher Weise für den Antrag, den die zwin gende Gewalt der Thatsachen hervorgerufen. K. J. Hoffmann ist entschieden für den Ein tritt, weil er sichere Zustände geschaffen sehen will. Keil ist gegen die Anträge. v. w (Bessungen) und v. Jungenfeld erklären sich gegen den Anschluß. Heß und Volhard entschieden dafür. Nach mehr als Sstündiger Debatte nimmt die Kammer den Antrag George Goldmann auf Eintritt in den norddeutschen Bund mit allen gegen 15 Stimmen an.

Von Seiten ber preußischen Verwaltung sind folgende Ernennungen im Postdienste erfolgt: Oberpostdirector Wahl zum Chef der königlichen Oberpostdirection in Darmstadt, Revisor Geil⸗ fuß in Frankfurt a. M. zum Hauptbuchhalter dahier, die Postseeretäre Silz, Holzammer und Kromm zu Beamten der Oberpostdirection, Postsecretär Bötticher zum Postkasse-Controleur des Bezirks dieser Oberpostdirection.

Künftigen Donnerstag, den 6. l. Mts., wird vor dem Bezirksstrafgericht in Gießen eine Anklage des Geheimen Justizraths, Professors Dr. Wasserschleben gegen dieHessischen Volks blätter zur Verhandlung kommen.

Der von dem Abg. George bei den Ständen gestellte Antrag wegen Abänderung un seres Weinbesteuerungssystems ist von dem betref fenden Ausschuß ablehnend beschieden worden.

Nauheim. Bei der am 3. ds. dahier vorgenommenen Wahl eines Landtags-Abgeord neten für die dem Großherzogthum zugetheilten neuen Landestheile wurde Herr Bürgermeister Rieß in Nauheim mit 17 Stimmen gewählt, also nahezu einstimmig, da nur 3 Stimmen auf andere Namen fielen.

Preußen. Berlin. Auf Befehl des Kö⸗ nigs werden zwei neue Cadetten⸗Anstalten, die eine zu Schloß Plön in Holstein, die andere zu Schloß Oranienstein, Regierungsbezirk Wies⸗ baden und beide Anstalten zu je 2 Compagnieen eingerichtet.

Wie dieKreuzzeitung vernimmt, wird die Eröffnung des Bundes raths am 15. Juli, und am 1. August dis Eröffnung des Reichstags stattfinden. Anfangs October wählen die neuen Landestheile für den preußischen Landtag, welcher Anfangs November zusammentreten soll, nachdem zuvor Ende October die Provinzial-Landtage ver sammelt waren.

Am 3. ds. beginnen hier Ministerconferen- zen über die Zollvereinsfrage. Zu dersel⸗ ben sind von der preußischen Regierung der Fürst Hohenlohe, Herr v. Varnbüler, Herr v. Freydorff und Herr v. Dalwigk eingeladen worden.

Fulda. In unserer Stadt wird demnächst ein Jesuiten-Conviet errichtet werden.

Soden. Die Kron-Prinzessin von Preußen wird demnächst zum Gebrauche der Kur dahier erwartet. Ihr Aufenthalt soll etwa zwei Monate dauern und wird sie wahrscheinlich die Villa bewohnen, welche ehedem die Herzogin von Orleans inne hatte.

Aus Thüringen. Der Schaden, den die Rinderpest im Herzogtham Meiningen an- gerichtet, ist amtlich auf 30,000 fl. festgestellt. Es gelten im Lande 19 Orte als infieirt, in wel chen im Ganzen 32 Stück gefallen und 301 Stück getödtet worden sind. Am härtesten ist der Ort Häselrieth bei Hildburghausen heimgesucht worden, der 187 Stück verloren, worunter 169 getödtet wurden. Seit dem 20. Mai ist im Herzogthum Meiningen ein weiterer Fall nicht mehr vorge kommen und darf daher die Seuche als erloschen angesehen werden.

Bremen. Den Bremer Stadtsolda ten wird demnächst das gleiche Schicksal wider fahren wie voriges Jahr dem Frankfurter Linien Bataillon. Nach der mit Preußen wohl bald zum Abschluß kommenden Militär-Convention wäre die Auflösung ber bisherigen Bremer Bataillone

gewiß. Bremen wird dann 2 Bataillone preu gzische Besatzung erhalten. Auch mit Lübeck und

Hamburg sollen ähnliche Abmachungen getroffen werden.

1 Bayern München. Merkwürdigerweise ist der bei der letzten Ziehung der bayerischen Prämien⸗Anleihe herausgekommene Haupt- treffer mit 100,000 Gulden noch nicht angemeldet, ja man hat bis jetzt gar keine Vermuthung, auf wen das große Loos gefallen sein könnte.

Oesterreich. Wien. Von der Commission zur Controle der Staatsschuld ist jetzt der Aus- weis über den Stand der österreichischen Sta ats schuld mit Ende December 1866 erschienen. Danach beträgt die Hauptsumme der gesammten allgemeinen Staatsschuld, exclusive Grund-Entla⸗ stungsschuld und der mit 16. October 1866 von Italien übernommenen Schuld des lombardisch⸗ venetianischen Königreiches(per 64,296,352 fl.,) 2,919,717,689 fl., was gegen das Vorjahr einer Vermehrung um 387,634,540 fl. gleichkommt. Die einjährigen Zinsen und Zahlungen für die ge sammte Staatsschuld beziffern sich mit 123,913,536fl. Die Grund⸗Entlastungsschuld betrug mit Jahres schluß 1865 523,556,424 fl. und beanspruchte zur Verzinsung 26,119,587 fl. Endlich das ga lizische Kothstands-Anlehen per 2,500,000 fl. mit den einjährigen Zinsen per 175,000 fl.

Donaufürstenthümer. Die Communal- Verwaltung in Jassy hat folgende Bestimmungen gegen die Juden erlassen: a) Es wurde beschlossen, den Juden die Erlaubniß zum Ankaufe von Häu⸗ sern und liegenden Gründen, sowie das Pachten der letzteren zu entziehen; b) es wurde beschlos⸗ sen, den Gutsbesitzern zu verbieten, ihre Guts propinationen an Juden zu verpachten; c) es wurde beschlossen, den Juden den Verkauf von Branntwein in der Stadt Jassp zu entziehen; d) es wurde den Juden verboten, Spezereihändler zu sein; e) wurde ein Gesetz zur Abschiebung von Vagabunden aus Jassy nach Ismail erlassen..! Da diese unerhörten Anordnungen obendrein noch mit großer Willkühr und Brutalität ausgeführt werden, hat sich die dortige Judengemeinde tele graphisch und schriftlich nach Paris an Rolhschild und Cremieux um Fürbitte bei der Regierung gewendet. Ersterer soll einer Mittheilung zufolge bereits erfolgreiche Schritte in Paris gethan haben.

Schweiz. Der Werth der bis jetzt einge- langten Ehrengaben für das diesjährige eidge- nössische Schützen fest bat schon die Summe von 61,603 Franes erreicht. Wir hatten in der letzten Zeit sehr naßkalte Witterung. Schnee deckte die Felder und es war kalt wie im Winter. Der Schaden an Feldfrüchten und Re ben, die entsetzlich gelitten haben, ist unberechen bar. Der Erdrutsch im Lütschinenthal im Berner Oberland hat seinen Lauf wieder begonnen und die Straße gesperrt.

Frankreich. Paris. DerTemps bringt ein Manifest, welches ein am 30. Mai zusammen- getretenes definitives Comite für eine inter natiorale Friedensliga erlassen hat, wel ches erklärt, sich eine Pflicht daraus machen zu wollen, nach allen ihm zu Gebote stehenden Kräf ten die großen Prineipien der allgemeinen Achtung auszubreiten. Das Manifest ist von vorwiegend ökonomischen Größen, so wie den Vertretern der verschiedenen Confessionen unterzeichnet: Arles Dufour, Michel Chevalier, Jean Dollfus, Pater Gratry, Großrabbiner Isidor, Baron Justus v. Liebig, Pastor Martin Paschoud, Freédeérie Passy und D.. Varrentrapp aus Frankfurt a. M.

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