Ausgabe 
18.3.1856
 
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Beilage zum Friedberger Intelligenzblatt Nr.

22

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Der Gemſen jäger.

(Fortſetzung.)

Liebhaber genug, die es theuer bezahlen, verſetzte Uli mit Selbſtgefuͤhl,ich ſag' Euch, Ahne, die Nachfrage nach ſolchen Waaren iſt ſo groß, daß ich mit meinem Meſſer und Stichel in einer einzigen Woche mehr Geld ver diene, als Hans mit ſeinem Stutzen in einem ganzen Monat. Und um eine Handvoll blanker Silberthaler iſt's doch ge wiß ein hübſches Ding. Und ſeht, Ahne, fuhr Uli fort und ließ ſeinen Gedanken freien Lauf,wenn ich ſo daheim ſitze und die Hände rühre, ſo verdiene ich nicht nur mein ſchönes Stück Geld, ſondern ich bin auch nicht immer in Todesgefahr, wie die Gemsjäger droben in den Bergen. Wenn ich mir alſo dereinſt ein Weib nehme, ſo braucht es nicht jedesmal zu zittern und für meinen Kopf zu fürch ten, wenn das Brüllen einer Lawine von den Schreck höͤrnern oder vom Wetterhorn herunterdonnert.

Die Ahne warf ihm einen Blick zu, vor welchem er die Augen niederſchlug.

Richtig, ich merke es nun! Das iſt's, was Du vorhin Vreneli in aller Heimlichkeit begreiflich machen woll teſt? fragte ſie finſter.

Das Mädchen wollte mit einer Geberde den Ulrich am Antworten hindern; allein dieſer ergriff mit wahrhaft verzweiflungsvoller Begierde die Gelegenheit, ſein Schickſal ganz kennen zu lernen.Ja, ich läugne es gar nicht, daß ich mit Vreneli davon geſprochen habe, verſetzte Uli mit einiger Aufregung,und da Ihr es errathen habt, Baſe, ſo brauch ich ja vor Euch auch kein Geheimniß mehr da raus zu machen. Ich habe mir von jeher Vreneli zum Weibe gewünſcht, aber ſeit drei Jahren denken wir unſer Zwei daran, einmal Hochzeit zu machen nicht wahr, Vreneli?-

Die Alte wandte ſich raſch zu ihrer Enkelin um, die verlegen und erröthend daſtand.

Ihr kennt mich von der Wiege an, Baſe, fuhr Ulrich fort,ich bin ja hier aufgewachſen wie Euer eigenes Kind; Ihr wißt, daß ich kein heimtückiſcher, böſer, ſchlech ter Menſch bin und daß die Frau, die ich bekommen ſoll, mit mir gut auskommen wird. Meiner Treu, ich will ihr niemals eine Thräne verurſachen. Darum laßt Vreneli und mich ein Paar werden, Baſe, ein glückliches Paar, und wir werdeu es Euch kniefällig danken und Euch da für auf den Händen tragen. Seht, Vreneli bittet ja mit mir! Sagt Ja und raubt uns nicht alle Freude und Luſt am Leben! Damit hatte er mit einer Hand Vreneli's Arm erfaßt und ſie zur Ahne hingezogen, und die andere bittend zu der Alten erhoben, vor welcher das junge Paar in ſchüchterner Erwartung ſtand. Mutter Trine ließ ſie Beide eine Zeitlang unter ihrem Blicke harren, wie zwei Holztauben unter dem Auge des Geiers, dann verſetzte ſie kopfſchüttelnd:Kennſt Du Vreneli's Mitgift, Uli?

Ihre Mitgift? wiederholte der Burſche, der dieſe Frage nicht zu verſtehen ſchien;ich habe mir niemals träumen laſſen, daß ſie ein Heirathsgut bekommen werde, und ich ſehe auch nicht darauf es liegt mir nichts daran.

Aber mir liegt daran! rief die Alte lebhaft,denn es iſt kein Heirathsgut, das reich macht, ſondern eines, das eher Schulden aufbürdet. Sieh', dort iſt es, in jenem Kaſten, den noch Keines von Euch offen geſehen und der Euch in Euren Kinderjahren ſtets Schreck eingeflößt hat. Kommt her, ich will es Euch zeigen. Damit ſchritt die Alte zu dem wurmſtichigen, altväteriſchen Schranke, ſteckte einen roſtigen Schlüſſel in's Schloß, das ſich nur mit

Mühe drehen ließ, und öffnete raſch beide Flügelthüren. Die duͤſtere Tiefe des Schranks ließ mehrere Gemsſchädel mit großen, ſtarken Krikeln(Hörnern) ſehen und die ge bleichten, weißen Schädelknochen ſtachen in der flackernden Beleuchtung des Kienſpans ſo ſeltſam ab von dem dunklen Hintergrunde, daß Vreneli einen Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken konnte.

Nun, nun, thörichte Dirne, haſt Du ſo wenig Muth, daß ein ſolcher Anblick Dich erſchreckt? rief die Alte barſch.

Wenigſteus überraſchen muß es,, verſetzte Ulrich. Was ſoll denn das heißen, Ahne, und woher kann denn ein ſolches Heirathsgut für Vreneli rühren?

Es kommt von ihren Vätern und Vorvätern, ver ſetzte die Alte nachdrücklich;Du biſt zwar kein großer Jäger vor dem Herrn, Uli, aber Du mußt doch erkennen, daß jeder dieſer Schädel von einem Gemſenkaiſer her rührt!

Meiner Treu, ſo iſt es! erwiderte Ulrich, welcher wußte, daß der Sage und allgemeinen Annahme nach dieſe hohen ſtarken Gehoͤrne von Gemſen herrührten, die ſo alt waren, daß ihre Nachkommenſchaft eine Art Stamm bildete, als deſſen Haupt man ſie betrachtete.

Du mußt noch weiter vom Hörenſagen wiſſen, wie ſchwer es iſt, ein ſolches Wild zu Schuß zu bekommen, fuhr Mutter Trine fort,und man wird Dir vermuthlich auch geſagt haben, daß derjenige, der einen ſolchen Kai ſerſchuß thut, im Waidwerk ſo erfahren und geſchickt iſt, daß er nur den Erzengel Michael oder den wilden Jäger über ſich hat.

So ſagt man, verſetzte Ulrich.

Wohlan denn, entgegnete die Großmutter nach drücklich,ſeit vielen, vielen Menſchenaltern haben alle diejenigen, welche um Töchter unſeres Hauſes gefreit haben, ihren Liebſten einen Gemſenkaiſer zum Brautgeſchenk ge macht. Blick' hieher: unter jedem von dieſen Gehörnen kannſt Du den Namen eines unſerer Vorfahren leſen. Der letzte dort, der etwas höher hängt als die anderen, iſt von meinem Schwiegerſohn, Gott hab' ihn ſelig, dort auf gehängt worden. Als er zu mir kam und um ſein Bäs chen freite, um Vreneli's Mutter, zeigte ich ihm, was ich Dir gezeigt habe.

Und was hat er Euch geantwortet? fiel ihr Uli in die Rede.

Gar nichts, aber zwei Monate ſpäter legte er mir jenes Gehörne dort auf den Tiſch; hätte er's nicht brin gen können, ſo hätten die Dirne und ich auf einen ge ſchickteren Jäger gewartet.

Die beiden Liebenden wechſelten einen troſtloſen Blick. Aber Baſe Trine, es iſt ja kaum glaublich, daß ihr einen ſolchen eitlen Ruhm höher ſtellen ſolltet, als alles Andere? Hättet Ihr wirklich unter keiner andern Bedingung ein gewilligt aus Rückſicht für die Freundſchaft, die Eure Tochter für Vreneli's Vater hatte? Die Alte ſchüttelte mit verächtlichem Lächeln verneinend den Kopf.Gilt Euch denn der Wille des armen Mädchens gar nichts, das man verheirathet? Wollt Ihr denn nicht Eurer Tochter Glück, ſondern nur den Ruhm, daß Ihr den beſten Berg jäger in der Familie habt?

Ja, den will ich haben; wir hatten ihn von jeher! verſetzte die Alte ſtolz.

Aber was hat es Euch anders eingetragen, als Armuth, Angſt und frühe Wittwenſchaft? rief Ulrich immer lebhafter werdend.Wo ſind jetzt die Leiber aller Derer, welche jene Waidmannstrophäen, mit denen Ihr Euch ſo brüſtet, dort aufgehängt haben? Keiner davon