Ausgabe 
15.2.1856
 
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Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen,

Friedberger Intelligenzblatt.

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Hes Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg. e

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II.

Freitag, den 15. Februar.

1856.

Drei Monate dato. (Fortſetzung und Schluß.)

Abermals waren acht Tage vergangen, ohne daß Glitſch den Flüchtigen erwiſcht hatte, und er kam eines Abends ſehr unwirſch auf Gall's Stube.Was iſt Ihnen denn? fragte Max.

Nein, es iſt um raſend zu werden! rief Meiſter Glitſch;der Kerl muß wahrlich hexen können! Mein ganzes Renommee büße ich noch ein über dem verwünſch⸗ ten Hensgen! Er ſoll hier ſein, er muß hier ſein, An dere haben ihn geſehen. Da iſt der Aaron Levi aus Polch, der ihn gut kennt; der hat ihn vor acht Tagen an der Schiffbrücke geſehen; und Feiler's Schreiber, der ihn eben⸗ falls kennt, hat mit eigenen Augen beobachtet, wie er geſtern mit dem Lieutenant Wentzel aus dem Trier'ſchen Hof kam! Nun bin ich zu dem Lieutenant hingegangen, aber der hat mich mit tollem Lachen angehört und hernach aus dem Zimmer werfen wollen! Wenn das ſo fort geht, ſo verlier' ich noch den Verſtand!

Sie dauern mich in der That, lieber Glitſch! Ich wollte, ich könnte Ihnen helfen! ſagte Gall;bitte, be ſchreiben Sie mir einmal den Herrn Hensgen genau. Viel leicht ſtößt er mir auf, und dann werd' ich Sie auf ſeine Fährte bringen!

Glitſch wiederholte noch einmal das ganze Signale ment und legte ein beſondres Gewicht darauf, daß der Flüchtling Herrn Gall ziemlich ähnlich ſehe eine Be zeichnung, welche dieſem einiges Unbehagen verurſachte.

Hm, hm! ſagte Gall endlich,ich müßte mich irren, wenn ich dieſen Mann nicht ſchon geſehen hätte, und zwar erſt in den letzten Tagen! Wenn ich nicht irre, war's in der Reſtauration, wo ich zuweilen Abendbrod eſſe!

O liebſter Herr Gall, wenn Sie mir helfen könn ten! rief Glitſch;meiner Treu'! auf das Geld käme es mir nicht an, aber mein Ruf ſteht auf dem Spiele! Meine Vorgeſetzten mißtrauen mir, meine Kollegen uzen mich, ich werde ordentlich mager von der dummen Geſchichte. Auf Ehre und Seligkeit! hundert Thaler wollt' ich geben, wenn ich den Kerl erwiſchte!

Zwei Tage darauf kam Max nach dem Mittagseſſen herunter in Glitſch's Wohnſtube, um etwas zu holen. Glitſch ſaß ganz alterirt am Fenſter mit einem offenen Brief in der Hand und raufte ſich in den Haaren.Was iſt Ihnen denn, Herr Glitſch? fragte Gall.

O die alte Geſchichte! rief Glitſch voll Bitterkeit.

Wenn doch nur den Hensgen der T....

Apropos, ich weiß nun etwas von ihm; aber es iſt eine kitzliche Sache und kann Geld koſten!

Koſte es was wolle, ich muß ihn haben! Liebſter Herr Gall, wenn Sie mir den Burſchen liefern können, kommt es mir auf ein ſchönes Stück nicht an!

Wollen Sie 250 Thaler daran rücken? rief Max.

's iſt eine verdammt hohe Summe, aber ich gebe ſie her!, rief Glitſch beinahe wild;ja, wohl oder übel,

ich muß ſie dran ruͤcken, denn im Vertrauen geſagt, ich habe da eben einen Brief von dem Prokurator aus Köln bekommen, worin er mir mittheilt, daß er mir die Sache abnehmen werde, falls ich ihm nicht binnen drei Tagen den Flüchtling ſchaffe und das iſt mein Ruin, lieber Herr Gall!

Dieſer betrachtete ſeinen Hausherrn eine Weile über den Tiſch hinüber, und ſagte endlich!Herr Glitſch?

Na 97

Wo iſt das Geld? fragte Gall.

Was für Geld?,

Die 250 Thaler?

Wie? ſind Sie Ihrer Sache ſo gewiß, lieber Gall? können Sie mir deu Kerl noch heute in die Hände liefern?

Noch dieſen Nachmittag!

Gut, dann ſollen Sie das Geld haben, und mein Ruf iſt gerettet!

Schön! meinte Gall zögernd,aber nun noch Eins! Sie müſſen mir nicht übel nehmen, wenn ich Nummer Sicher gehen will! Die Sache iſt kitzlich, zumal für mich, und der Handel ein ſehr ungewöhnlicher! Wie wär's, wenn Sie mir's ſchriftlich gäben?

Glitſch verſtand ſich nur ungern dazu, aber er mußte am Ende und ſchrieb:

Ich Endesunterzeichneter Franz Sales Glitſch, Huiſ ier am Königl. Appellhofe dahier, verpflichte mich hiemit ausdrücklich, dem Inhaber dieſes 250 Thlr. baar zu bezahlen, wenn er mir innerhalb einer Stunde den frühern Premierlieutenant Max Hensgen in die Hände liefert, ſo daß ich ihn zur Verhaftung bringen kann. Kraft meiner eigenen Unterſchrift.

F. S. Glitſch.

Dann reichte er das Document über den Tiſch hin über ſeinem Miethsmann.Halt! rief Gall;da fehlt noch etwas: Sie müſſen noch hinzuſetzen, wem das Docu ment gilt!

Gut, ich will es nachtragen! Was ſoll ich ſchrei ben?

Geben Sie her, ich will's hinein ſetzen! Und er ſchrieb hinein:Dem Inhaber dieſes, Herrn Max Hensgen vom Glashof bei W.; dann las er es Hrn. Glitſch vor.

Was Teufels! rief Glitſch,das iſt der Flücht ling ſelber!

Natürlich! das Document muß auch Geltung haben, wenn ſich der Gefangene ſelber ſtellt, und damit Sie es nur wiſſen: Ihr Gefangener bin ich: ich ſelber bin der frühere Premierlieutenant Heusgen, der ſeither zu größerer Sicherheit bei Herrn Huiſſier Glitſch wohnte!

Sie? Sie? rief Glitſch, nach Luft ſchnappend, und fand vor Wuth keine Worte,Sie... Sie ſind Hensgen, der Mann, den ich gejagt und der mich herum⸗ gejagt und in's Gerede gebracht und zum Kinderſpott ge macht hat?...

So iſt's, und nun bitte ich um die 250 Thaler!

KL

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