Friedberger Jutelligenzblatt.
* doßere
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J. *
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Dienſtag, den 15. Januar.
1856.
Erinnerungen eines Londoner Polizeibeamten. Der Aſſotié.
Ich war faktiſch, wenn auch noch nicht formell aus dem Polizeidienſte ausgeſchieden, als mich eines Tages ein junger Mann von vornehmem, wenn auch etwas leicht— ſinnigem Aeußern und dem Ausſehen nach ſehr bleich und aufgeregt, in meiner Wohnung beſuchte und mir ein Brief— chen von einem der höheren Beamten der detective police einhändigte. Der Brief erſuchte mich, den Ueberbringer deſſelben, Mr. Edmund Webſter, nach Kräften zu unter— ſtützen, falls ich nach genauerer Prüfung deßfalls Anlaß zu haben glaube, und Vertrauen in ſeine Angaben über die peinlichen und außerordentlichen Verhältniſſe zu ſetzen, in welche derſelbe verwickelt ſei.
„Mr. Edmund Webſter,“ rief ich, nachdem ich das Billet raſch durchflogen;„Sie ſind alſo dieſelbe Perſon, welche angeſchuldigt iſt, Mr. Hutton den Getreidehändler beſtohlen zu haben und welchen der genannte Herr nicht gerichtlich belangen will?“
„Ich bin derſelbe, Mr Waters,“ erwiderte der junge Mann.„Allein obſchon dieſe ſchmachvolle Anklage, minde— ſtens in Betreff ihrer gerichtlichen Verfolgung zurückge— nommen zu ſein ſcheint oder vielmehr nicht weiter getrieben wird, ſo werden nichtsdeſtoweniger ich und meine Familie dadurch geſchmäht und ruinirt, wenn nicht meine gänzliche Unſchuld auch vor der Welt offenbar gemacht werden kaun. In dieſer Abſicht hat man uns nun gerathen, Ihren Bei— ſtand nachzuſuchen, und mein Vater beauftragt mich, Ihnen zu melden, daß er jeden Aufwand beſtreiten will, welcher für die vollſtäͤndigſte Durchführung Ihrer Nachſpürung erforderlich werden wird!“
„Das iſt mir lieb, Mr. Webſter! Uebrigens iſt der Wunſch des Commiſſärs bei mir ſchon die dringendſte Em— pfehlung, obſchon ich in keine weiteren derartigen Nach— forſchungen mehr verwickelt zu werden hoffte. Haben Sie alſo die Güte, ſich zu ſetzen, und mir genau und deutlich Ihre Lesart von der ganzen Angelegenheit mitzutheilen; laſſen Sie aber ja keinen Nebenumſtand aus, der ſich da— rauf bezieht, wie ſcheinbar unbedeutend oder alltäglich er auch ſein mag. Ich darf Ihnen wohl ſagen„/ ſetzte ich hinzu und legte mein Notizbuch auf den Tiſch, aus wel— chem ich nun dieſe Erinnerungen zuſammenſtelle,—„ich darf Ihnen wohl als eine kleine Ermuthigung mittheilen, daß die Vertheidigung, welche Sie auf dem Polizeiamte preis— gaben, meiner Anſicht nach allzu unwahrſcheinlich war, um eine Erfindung zu ſein, und ich habe in ſolchen Sachen eine reiche Erfahrung gehabt, wie Sie wohl wiſſen. Ich vermuthe, auch Mr. Hutton theilt dieſe Anſicht, und daher rührt nicht allein ſeine Weigerung, die Sache weiter zu verfolgen, ſondern auch der Aufwand oder die Mühe, welche er, ſoviel mir bekannt, gemacht hat, um zu verhüten, daß ſein eigener oder Ihr Name in den Zeitungen genannt
verheirathet ſehen würde.
würden. Und nun, mein Herr beginnen Sie, wenn es gefällig iſt!“
Nachdem er ſich noch entſchuldigt, daß er einige Fa— milien-Angelegenheiten berühren müſſe, um mir zu einer genauern Einſicht in die Sachlage zu verhelfen, hub Ed— mund Webſter an:„Mein Vater, welcher, wie Sie wiſſen, im Regent's Park wohnt, zog ſich vor etwa fünf Jahren aus dem Geſchäfte in Mark Lane zurück, welches ſeither von ſeinem ehemaligen jüngeren Aſſocié, Mr. Hutton, fortgeführt worden iſt. Ich ſelbſt betrachtete mich bis vor etwa ſechs Monate für die Armee beſtimmt, weil das Kauf— geld für eine Fahndrichsſtelle ſchon wenige Tage nach mei— ner Mündigwerdung auf dem Kriegs miniſterium hinterlegt worden war. Mein Vater beſann ſich jedoch plotzlich eines Andern, beſtand darauf, daß ich mich auf den Getreide— handel legen und mit Hutton aſſoeiren ſolle, und zog da—⸗ rauf das für jene Stelle im Heere deponirte Geld zurück. Ich kann noch jetzt nicht alle ſeine Beweggründe für jene Sinnesänderung begreifen, die ich für bloße Laune hielt; allein diejenigen, welche er gegen mich geltend machte, waren zunächſt mein verſchwenderiſches müſſiges Leben, ein Vorwurf, welcher, wie ich zu meiner Beſchämung ge— ſtehen muß, nur allzu begründet iſt, wiewohl ich kaum glaube, daß die Disciplin eines Comptoirs bei mir eine wohlthätige Beſſerung erzielen würde, wie mein Vater meint. Meines Erachtens lieferte meinem Papa ein anderes gewichtiges Motiv hiefür der Umſtand, daß ich mich in ein Liebesverhaltniß mit Miß Ellen Bramſton eingelaſſen, der zweiten Tochter des Kapitäns Bramſton von der oſt⸗ indiſchen Armee, welcher dermalen auf Halbſold in Hamp— ſtead lebt. Mein Vater mißbilligte dieſe beabſichtigte Ver— bindung entſchieden, weil er wie die meiſten reichgewordnen Citykaufherrn die Armuth im geſtickten Kleid noch herzlicher verachtet, als die mit Lumpen auf dem Rücken. Er wußte keinen wirkſameren Plan, um meine Wünſche zu vereiteln, als indem er meine erwartete Fähndrichſtelle mit einem Antheil an einem Getreidehandel vertauſchte, mein künf— tiges Heldenſchwert mit einem Gänſekiele. Kapitän Bram— ſton iſt nämlich mit einer gräflichen Familie weitläufig ver— wandt und in noch höherem Grade ſtolz als arm, ſo daß er ſeine Tochter lieber im Sarge als an einen Kaufmann Er meinte voll Grimm, es ſeie Herablaſſung genug geweſen, daß er Ellen Bramſton er— laubt habe, die Huldigungen des Sohns eines Empor— koͤmmlings aus der City zu ermuthigen, allein es ſei durchaus verfrüht und thöricht zu glauben, daß ſie jemals einen Kornkipperer heirathen könne.“
„Einen Kornkipperer? rief ich.
„Ja, das war Kapitän Bramſton's höflicher Aus— druck, als ich ihm die ploͤtzliche Sinnesänderung meines Vaters mittheilte. Die angebotene Aſſociation war mir zwar ebenſo zuwider als dem Kapitän Bramſton; allein mein Vater war unerbittlich, ja unbeugſam taub gegen meine flehentlichen Bitten und die meiner Schweſtern; und


