Ausgabe 
28.8.1855
 
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Erſcheint wö⸗ chentlich zweimal, Dienſtag u. Frei⸗ tag. Preis jährl. fl. 1. 12 kr.; durch die Poſt bezogen

fl. 1. 30 kr.

Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen, Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg.

Einrückungsge⸗ bühren für die ge⸗ ſpaltene Petitzeile oder deren Raum 2 kr.; die beiden erſten Zeilen zu⸗

ſammen 7 kr.

87.

Dienſtag, den 28. Auguſt.

1855.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Kuͤnftigen Donnerſtag den 30. Auguſt wird der Zahltag ausgeſetzt. ö Die Herren Bürgermeiſter wollen dieſes im Intereſſe ihrer Ortsangehörigen veröffentlichen laſſen.

Friedberg den 27. Auguſt 1855.

Der Großherzogliche Bergrentmeiſter Ni bach ünt h.

Der gelehrte Poſtmeiſter.

(Fortſetzung.)

Er kehrt in unverkennbarer Erregung zu dem Wagen zurück und beſieht ihn ſich von vorn und hinten.Es iſt eine Jagddroſchke, die ſchon lange mitgegangen, vielleicht auf dem Trödel gekauft iſt und paßt gar nicht zu Cou⸗ rierpferden! Was hat denn der Herr Iks für eine ſo große Eile, denkt er weiter,daß er doppelte Trinkgelder gibt und mit harten Thalern um ſich wirft und nun gar mit Courierpferden weiter will? Die Sache hat einen Haken?

Sie wünſchen Courierpferde, mein Herr? iſt's nicht ſo?, ſpricht er in den Wagen hinein.

Ja! ja! ich hab's ja ſchon geſagt! ſo raſch wie möglich! tönt's ungeduldig hinter dem Mantel hervor, denn der Morgen war kühl und rauh und der Prinz hatte den Mantelkragen aufgeſchlagen und ſich in eine Ecke der verdeckten Droſchke gelegt.

Darf ich bitten um ihren Paß 2 fuhr der Poſt meiſter gravitätiſch fort.

Paß? ich führe keinen.

Nun, ſo werden Sie ſonſt eine Reiſelegitimation bei ſich führen, eine Eiſenbahnkarte?

Kann ſein! rief's ungeduldig hinter dem Mantel hervor.Mein Jäger wird hoffentlich dafür geſorgt haben!

Der Jäger war abſeits gegangen. Der Poſtmeiſter ſucht ihn auf dem Hofe auf.

Hören Sie, Jäger, inquirirt er dieſen,heißt Ihr Herr wirklich nur Iks?,

Iks? ich dächte gar! da iſt nichts zu ikſen! ant wortete dieſer mit Achſelzucken.Prinz Biron heißt mein Herr, wenn Sie's wiſſen müſſen.

Biron? Prinz Biron? fragt der gelehrte Poſtmei ſter und wird roth vor innerer Aufregung,Prinz Biron?

Nun ja, Biron! erwidert der Jäger ſpitzig,warum ſoll mein Herr nicht Biron heißen?

Und wie ſchreibt er ſich denn?, fragt der Poſtmei ſter weiter.

Nun gerade wie er ſich ſpricht, Bi-Bi ron ron, Biron.

Die Sache hat einen Haken, einen gewaltigen Ha ken! ſpricht eine innere Stimme in der Bruſt des poli⸗ zeiverwaltenden Poſtmeiſters.Hm! hm! und dazu die ſchlechte Droſchke! die fabelhaften Trinkgelder! die gewal tige Eile! Die Courierpferde! Ich will nicht Poſtmeiſter ſein, wenn nicht's dahinterſteckt. So wahr mir Gott gnädig

iſt, fuhrt einen falſchen Namen und kann ihn nicht einmal ausſprechen.

Wohin reiſt denn der Prinz Biron ſo eilig 2 fragt er ironiſch.

Auf den Pferdehandel! erwidert der Jäger.

So? ſo? Courierpferde? und auf den Pferdehandel fahren? murmelte er vor ſich in größter Aufregung. Ich will ewig verdammt ſein, wenn das nicht Gaunerei iſt. Hören Sie Jäger, ſpricht er dann laut,zeigen Sie mir Ihres Herrn Paß oder Reiſelegitimation.

Der Jaͤger eilt an den Wagen, nimmt ein verſchloſ ſenes Portefeuille heraus, begleitet damit den Poſtmeiſter in's Expeditionszimmer, ſchließt die Saffianmappe auf und kramt die darin befindlichen Effecten aus, aber ein Paß oder eine Eiſenbahnkarte iſt nicht darunter. Aber was der Poſtmeiſter mit ſeinen polizeilichen Luchsaugen in der Eile erſpäht, iſt ihm wichtiger als Paß und Reiſelegiti⸗ mation. Denn das Portefeuille iſt gefüllt mit Werthpa pieren und Caſſenanweiſungen; ein ganzes Packet fünfund⸗ zwanzigthälerger Bankſcheine iſt auch dabei. Ihm flimmerts nur ſo vor den Augen vor Aufregung.

Ich muß die Karte meines Herrn vergeſſen haben, beendigt der Jäger endlich ſein vergebliches Suchen.

Das iſt ſchlimm! erwidert der Poſtmeiſter und eilt ſofort an den Wagen, um den darin Sitzenden wo möglich von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen.

Wie iſt Ihr Name, mein Herr? ruft er in die Droſchke hinein.

Prinz Biron! Aber ich ſehe noch immer keine Pferde! erwidert der Prinz und ſteckt den Kopf unge⸗ duldig zum Wagen hinaus, reißt dann die Uhr heraus und ſagt:Schon ganzer drei Minuten halte ich hier. Ich habe Eile. Wie lange ſoll's noch währen?

Der Poſtmeiſter fixirt ihn mit ſtarren, kritiſchen Au gen; es iſt ein junger Mann mit ſchwarzem Schnurrbart und verdächtigem, ſehr verdächtigem Geſicht, gerade wie ihn der durchreiſende Offizier beſchrieben hate Sein Herz ſchlägt ihm wie ein ſchwerer Hammer in der Bruſt und ſeine Augen zittern vor Erregung. Er wiederholt leiſe für ſich die lange Kette von Schlußfolgerungen; großer Diebſtahl in Berlin... viele Tauſend Thaler in Papier geld geſtohlen... mit Extrapoſt in einer alten Droſchke ankommen,.. mit Thalern um ſich werfen und doppelte Trinkgelder geben... mit Courierpferden weiter wollen ... Pferdehandel vorſchützen... viel Geld in Papieren aber keinen Paß und keine Reiſelegitimation mit ſich füh