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Friedberger Intelligenzblatt.

Erſcheint wo⸗ chentlich zweimal, Dienſtag u. Frei⸗ tag. Preis jährt.

Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen,

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ee Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg.

ſammen 7 kr.

Dienſtag, den 25. September.

1855.

Ein Heirathsgeſuch. (Fortſetzung.)

Wer beſchreibt das Elend meiner Lage? Der kör⸗ perliche Schmerz, den ich litt, ſchien mir ein Geringes; aber die Gefühle, die ich jetzt zum erſtenmale in meinem Leben kennen lernte, quälten mich. Nicht ein Wort von Liebe war zwiſchen uns gewechſelt, und doch hatte mein ganzes Weſen in dieſem ereignißvollen Tage ſie nur zu deutlich offeu⸗ bart. Erwiderte Lucy meine Liebe? Würde ich ſie je wieder ſehen? Wie konnte ich leben ohne ihr liebliches Lächeln? Dieſe und hundert andere Fragen nebſt einer Meuge von Plänen, die nur die Thorheit eines liebenden Her zens in einem Alter von dreiundzwanzig Jahren erfinden kann, quälten mich während der acht Tage meiner Un päßlichkeit. Ach, meine Hoffnungen waren ſehr gering! Lucy war verſchwunden wie ein Traumbild, das keine Spur zurückläßt. Ich wußte nicht, woher ſie gekommen, noch, wohin ſie gegangen, wußte nicht ihren Namen, nicht ihren Wohnort. Sie war in gleicher Unkunde über mich; es war meine Abſicht geweſen, ihr dies Alles am nächſten Tage mitzutheilen.

Gerade um dieſe Zeit, wo ich von meinen Liebes träumen voll war, kam ein Brief von meiner Tante in Cheltenham, mit dem ſeltſamſten Antrage von der Welt. Die würdige Dame wünſchte mich zu verheirathen. Sie hatte eine angenommene Tochter, welche ſie ſeit dem Tode der Eltern derſelben erzogen hatte,eine Perle, ein Juwel, die Zierde ihres Geſchlechts; der Tante liebſter Wunſch war nun, dieſe glücklich zu ſehen, und ſie hatte zugleich an mich gedacht, deſſen Glück ihr gleichfalls am Herzen lag, wenn ich mich deſſelben würdig zeigte, das heißt, wenn ich fleißig ſtudirte und gute Ausſichten in der juriſtiſchen Praxis hätte. Wir könnten einſt ein glückliches Paar werden, denn ſie würde gewiß das gute Kind wie ihre geliebte und wirkliche Tochter behandeln. Die letzten Worte waren unterſtrichen und machten vor allen den ſtärkſten Eindruck auf meinen Vater.

Nimm's anz ſagte er,ſie iſt ein Paradiesvogel! Ich will nicht! erwiderte ich mit Herz und Mund, und behandelte die Sache mit meinem gewöhnlichen Leicht ſinn. Wie konnte ich, deſſen einziger Gedanke Lucy in dieſer Zeil war, ohne Widerwillen und Schrecken an dieſe Waiſe, dieſe adoptirte Tochter denken!

ine übergütige Tante erhielt von meinem Vater einen Rſchuldigenden Brief mit einer abſchlägigen Aut⸗ wort, von mir einen luſtigen und humoriſtiſchen; dieſer letztere erregte ihren heftigen Zorn gegen mich, und zwar mit Recht. Seitdem hat keine Mittheilung zwiſchen ihr und uns ſtattgefunden; aber von einem Freunde in Chel⸗ tenham, der auch mit meiner Tante bekannt iſt, weiß ich, daß ihr Zorn gegen mich noch eben ſo groß iſt. Vielleicht haben auch meine tollen Streiche, die ſie gewiß erfahren hat, das Ihrige dazu gethan. Wenn ich nun auch meines Stolzes in ſo weit Herr werden könnte, daß ich Guade vox ihren Augen zu finden ſuchte, ſo hätte ich alle Ur⸗

ſten Blüthen der Erinnerung.

ſache zu fuͤrchten, daß ich eine unhöfliche und kurze Ab⸗ weiſung erhielte, und einer ſolchen Gefahr und Demüthi gung will ich mich nicht ausſetzen. Ich muß eben auf etwas Anderes denken.

Ein Schiffbrüchiger, wie ich es gegenwärtig bin, greift nach einem Strohhalm. Lucy zu heirathen, daran denke ich nicht mehr: alle meine Verſuche, ſie wieder zu finden, ſind fruchtlos geweſen. Dennoch kann ich ſie nicht vergeſſen: ſie ruht im Innerſten meines Herzens, wie ein geliebter und verehrter Talisman, umgeben von den ſchön⸗ Um die Wahrheit zu ſagen, es iſt mir völlig gleichgültig, ob und mit welcher Schönen ich mich verheirathe. Aber ich kann nicht eben ſo gleich gültig gegen die Stürme und Wogen ſein, die mein Lebens ſchiff haben ſcheitern laſſen und jetzt ein Brett nach dem audern wegziehen. Eine Frau könnte vielleicht das Ret tungsmittel werden, mich glücklich an's Ufer zu bringen. Ich will's verſuchen. Täglich leſe ich in den Zeitungen Heirathsanzeigen, in denen blöde junge Männer oder ehrenwerthe Wittwen auf dieſemnicht mehr ungewöhn lichen Wege Lebensgefährtinnen und Lebensgefährten ſuchen. Alle die Herren ſind trefflich, wahre Phönixe von Männern, in der Regel jung, wohl erzogen, geſund an Geiſt und Körper, ihr Auskommen habend; es iſt nur auffallend, daß ſie ſo beſcheiden in ihren Anſprüchen ſind. Es iſt natürlich, daß die gewünſchte Dame jung, hübſch, liebenswürdig, häuslich ſein muß, das iſt das Wenigſte, was man verlangen kann; ernſthafter iſt die unvermeid liche Erwähnung eines namhaften disponiblen Vermögens, welches jedoch, wenn's verlangt wird, ſichergeſtellt werden kann. Es iſt bemerkenswerth, mit welcher liebenswürdigen, ich möchte ſagen verſchämten Zurückhaltung dieſer ſchlimme Punkt, der in uuſerer argen materiellen Welt nicht über- gangen werden kann, ſtets gerade an das Ende der An zeige geſtellt und unter welchen Blumen der Beredtſamkeit er gewöhnlich verdeckt wird. Dieſenicht mehr unge wöhnliche Weiſe will ich auch verſuchen, oder vielmehr ich habe es ſchon gethan.

Ich habe dieſen Zweig der Literatur ſorgfältig ſtudirt, und glaube völlig damit vertraut zu ſein. Die Haupt⸗ ſache iſt, daß man ſorgfältig und auswählend verfährt, ſowohl in Dem, was man ſagt, als in dem, was man unerwähnt läßt. Es muß weiblicher Ahnung und Neu⸗ gier ein freies Feld an werden, damit ſie unwider⸗ ſtehlich angezogen werden, wie der Vogel durch den Ruf des Vogelſtellers. Ich glaube, daß es- mir gelungen iſt, etwas Ausgezeichnetes producirt zu haben. Meine Anz eige liegt fertig uud geſiegelt vor mir und ich will ſie ſog leich zurMorning Post befördern. Ich hoffe und wunſche den beſten Erfolg; denn noch dieſen Morgen hatte ich einen angenehmen Beſuch von einem alten Freund, der zu eng mit mir liirt iſt; er erkundigte ſich in gefühl⸗ voller Weiſe nach meiner Geſundheit und muſterte mein geringes Meublement mit ſeltſamen verlangenden Blicken.

(Fortſetzung folgt.)