Ausgabe 
11.5.1855
 
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Allgemeiner Anzeiger für Oberheſſen, Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg.

Friedberger Intelligenzblatt.

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Nu 37.

Freitag, den 11. Mai.

1855.

Der Juden Teich. (Fortſetzung.)

Die hochweiſen Herren wußten anfänglich nicht, was ſie von der Sache halten ſollten; nur ſo viel ſchien ihnen klar, daß hier etwas Uebernatürliches, ja Teufliſches vor gegangen ſein müſſe. Da erhob ſich Senator Wöhler und ſprach:

Hochgeehrte Herren und Collegen! Es unterliegt keinem Zweifel, daß hier ein Satanswerk, eine Zauberei geſchehen iſt, und der Kranke ſelbſt hat uns die Urheberin derſelben genannt: es iſt die Wittwe Hartwich. Ich klage dieſelbe der Zauberei an.

Während dieſer Rede drang von den Straßen der Ruf des fanatiſchen Pöbels herauf:Die Hartwich iſt eine Zauberſche ſie hat den Hencke behext, ſteinigt ſie!

Nach kurzer Berathung beſchloß der Rath, die Hart wich, als der Zauberei verdächtig, ſofort verhaften zu laſſen; die Schüſſel aber mit den beiden Hündchen den Geiſtlichen zu übergeben, da der Teufelsſpuck auf heilige, geiſtliche Manner gewiß keine Wirkung ausüben könne. So geſchah es. Noch in derſelben Stunde wurde die Witt we Hartwich, trotz des Jammerus der einzigen Tochter, verhaftet und in das Gefängniß abgeführt. Die Schüſſel mit den Hündchen aber übergab man dem Prediger Garbe rus, der dieſelbe in der Kirche zu St. Georgii und Jacobi ausſtellen ließ, damit Jedermann dahin gehen und das Zauberwerk ſehen könne.

Das wunderbare Ereigniß, welches ſich bei dem Schneider Hencke zugetragen hatte, bildete am folgenden Tage das allgemeine Geſpräch der Stadt. Die geſchäftige Fama vergrößerte daſſelbe bis in's Unendliche. Da ſollte der leibhafte Gottſeibeiuns die beiden Hündchen ſelbſt ge bracht und ſie durch die Hartwich in den Leib des armen Schneiders gehext haben; ja, einige gläubige Seelen ließen es nicht bei dem Paar kleinen Hunden bewenden, ſondern machten daraus ein ganzes Dutzend, das ſie mit Hörnern und Schwänzen ſtattlich ausſtaffirten. Selbſt die Geiſtlich keit nahm ſich der Sache an. Der Magiſter Garberus hielt von der Kanzel herab eine donnernde Strafpredigt über die Verderbniß der Zeit und bezeichnete die Wittwe Hartwich offen als eine Genoſſin des Satans. Es war daher natürlich, daß die Bürgerſchaft in eine gewaltige Aufregung gerieth und die Hartwich allgemein für eine Hexe gehalten wurde. Inzwiſchen hatte ſich das Gericht der Sache angenommen und gegen die Verdächtige einen jener Hexenprozeſſe eröffnet, woran das ſechszehnte Jahr hundert ſo reich iſt. Vergeblich ſuchten einige Aufgeklärte und Vernünftige aus der Einwohnerſchaft Hannovers die Angeklagte in Schutz zu nehmen; vergeblich ſuchte Johan nes Wöhler die Richter zu überzeugen, daß hier ein ge heimes Bubenſtück zum Grunde liegen müſſe; Aberglauben und Fanatismus waren mächtiger als alle Vernunftgründe und das peinliche Verfahren wurde gegen die arme alte Wittwe eingeleitet; während die unglückliche Anna, als

die Tochter einer Hexe, von Jedermann gemieden wurde und einſam und verlaſſen ſich in ihrem Stübchen in Thrä nen badete.

Vor dem Leinthore der Stadt Hannover befand ſich, von wenigen Häuſern umgeben, ein tiefes Waſſerbaſſin, der ſogenannte Juden-Teich. Nach dieſem Teiche ſtrömte am Morgen des 15. März 1580 eine zahlloſe Menge. Schon ſeit Anbruch des Tages war der Teich von den Stadtwappnern umſtellt worden, denn es ſollte in dem ſelben die ſogenannte Hexenprobe angeſtellt werden. So hatte es nämlich der hochweiſe Rath beſtimmt, da die der Zau berei angeklagte Wwe. Hartwich beharrlich leugnete, irgend welche Gemeinſchaft mit dem Teufel und ſeinen Genoſſen zu ha ben, noch auch, wie ſie angeklagt war, dem Schneider Albert Hencke, mit Hülfe des Satans, zwei weiße Hündlein in den Leib gehext zu haben. Jetzt ſollte ein Gottesurtheil entſcheiden, welches darin beſtand, daß man die Hartwich in den Teich warf. Ging ſie nicht binnen den erſten fünf Minuten unter, ſo war ſie der Zauberei als überführt be trachtet und wurde dann als Hexe verbrannt.

Im ſtattlichen Zuge und im vollen Ornate begaben ſich die Herren des Rathes der Stadt Hannover nach dem Juden-Teiche. Die Wittwe Hartwich, die in Armeſünder kleidung und mit gebundenen Händen durch Gerichtsdiener gefuhrt wurde, hatte zwei Prediger zu ihren Begleitern. Dieſe redeten ihr eifrig zu und mahnten ſie, ihr Verbrechen einzugeſtehen, da Gott, vermöge ſeiner Gerechtigkeit, nicht zugeben werde, daß ein ſo fluchwürdiges Verbrechen, wie eine Zauberei, unentdeckt und unbeſtraft bleiben könne. Die arme Wittwe, die kaum noch im Stande war, ihren durch die Folter gemarterten und zerſchlagenen Körper zu erhalten, hörte mit ſtummer Reſignation die Ermahnungen der Geiſt lichen an. Ihre Kraft war geiſtig wie körperlich gebrochen.

Nach dem das Gericht auf einer, neben dem Teiche erbauten Tribüne Platz genommen, wurde die Angeklagte vorgeführt. Der Syndicus Dr. J. Bunting las ihr die Anklage vor und ermahnte ſie noch einmal, ihr Verbrechen einzugeſtehen. Mit kaum vernehmlicher Stimme lispelte die Angeklagte:Ich kann nichts eingeſtehen; ich bin un ſchuldig.

Nun dann, ſprach der Syndicus,ſo mag Gott ſelbſt Eure Schuld darthun. Ihr habt es nicht anders ge wollt.(Fortſetzung folgt.)

Verſchiedenes.

Neue Farbe. Bekanntlich ſind in mehreren Gegen den Deutſchlands die Wortegrün undunreif gleichbe deutend. Ein Dorfſchulmeiſter hatte ſeinen Schülern die Heidel- und Schwarzbeeren mit vieler Mühe erklart; als er ſie aber darüber examinirte, konnte ihm Keiner eine Antwort geben. Erzürnt ſprang er mit den Worten in die Höhe:Ihr dummen Jungen, habt Ihr Euch denn nicht gemerkt, daß die Schwarzbeeren, wenn ſie noch grün ſind, roth ausſehen!