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Friedberger Jutelligenzblatt.
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benen Amts- und Verkündigungsblatt für den Kreis Friedberg.
r.
ſammen 7 kr.
„90.
Freitag, den
1851.
17. November.
Des Schulzen Fritz. (Fortſetzung.)
Des Schulzen Fritz ſaß den andern Tag in aller Frühe ſchon auf ſeinem Rappen, um hinaus in's Blachfeld zu fahren, wo er heute ackern wollte. Es war ihm dabei nicht gar wohl zu Muth, als er ſo dahin fuhr,— er hatte beim Ausfahren geſehen, daß des Bürgermeiſters Michel mit einem Geſichte, als wollte er ihn auffreſſen, an ihm vorbeigegangen und in ſeiner Eltern Haus getreten war. Indem er ſeine Pferde noch aus dem Brunnentroge tränkte, hatte er die Gelegenheit benutzt, auf das laute, heftige Reden im Hauſe zu merken, und bald ſchwand aller Zwei— fel, ob er verrathen ſei. Seine Ahnung von geſtern Abend hatte ihn nicht betrogen.
„Sollen wir das erleben,“ hörte er deutlich den Michel rufen,„daß es noch heißt: des Bürgermeiſters Ihre hat's mit dem Knecht im Hauſe! Sollen wir ſo in den Leuten ihren Mäulern herum geh'n? Lieber dreh ich der Schlange den Halz um, lieber brech' ich dem Lausbuben das Genick, als daß ich ſo etwas zugebe!“
Fritz richtete ſich bei dieſen Worten des brutalen Michels in ſeiner ganzen Höhe auf dem Rappen empor, — ſein Geſicht überflog die Röthe die Zornes, und er wäre gerne abgeſtiegen, um dem Wüthenden in der Stube zu ſagen, daß er hiebei doch vielleicht zu kurz kommen würde; aber er dachte an die Kathel, deren Ruf ein ſolcher Lärm nur ſchaden könnte, und fuhr weiter zum Dorf hinaus. In der Wohnſtube ſeiner Eltern wüͤthete aber der Michel immer fort und fuhr um ſich mit einem„Heilig Donnerwetter um das andere. Der alte Bürgermeiſter hatte ſich im Bette aufgerichtet, rieb ſich die Augen und ſagte in Einem fort:„Ja, Hotz Streich! So Eine iſt unſre Kathel! Wer hätte das von dem Mädel geglaubt? Will ſie ſich die Kinderpoſſen nicht aus dem Kopfe ſchla⸗ gen? Hotz Streich! das wär' mir eine ſchöne Geſchichte?“
Jetzt aber winkte die Frau Buͤrgermeiſterin ihrem Sohn und Manne zu ſchweigen und keinen Lärmen zu machen, damit es nicht unter die Leute komme.„Wenn man ſich die Naſ' abſchneidet, verſchändet man ſich's Ge— ſicht!“ ſagte die kluge Alte.„Still jetzt von der ganzen Sache,— der Fritz muß aus dem Hauſe und zwar auf der Stelle,— Unſere aber macht ſich gefaßt, des Ochſen— wirths Sohn zu heirathen. Damit hat die Geſchicht' ein Ende.“— Darin hat ſich aber die Frau Bürgermeiſterin geirrt: die Geſchichte ſollte mit dem Wegſchicken des von ihrer Tochter Geliebten noch kein Ende haben, und ihr ſelber ſauer genug aufſtoßen in der Folge.—
Während dieß Alles in dem Hauſe ſeines Dienſtherrn vorging, machte unſerm Fritz das Ackern gar keine Freude. Mehrmals hielt er die Pferde an, ſetzte ſich auf den Pflug und ſtarrte in den Nebel hinein, der dick und ſchwer über'm Felde lag,— oder ſchlug mit der Peitſche nach den Raben und Krähen, die in den friſchen Ackerfurchen ſich die Regen— würmer und Maden aufhackten; ſo ließ er an den ſchreienden
dreiſten Vögeln ſeinen Unmuth aus, denn er konnte die heute Morgen gehörten Worte nicht ſo leicht verſchmerzen; — zum erſtenmale grollte er ſo recht dem Schickſale, das ihn— den Enkel des alten, reichen Dorfſchulzen— zum Dienſtknechte werden ließ und ihm ſeine junge Liebe ſo ſehr verbittern wolle. Aber dann tröſtete er ſich, daß die Kathel ihn trotz ſeiner Armuth nimmermehr laſſen würde, — er dachte daran, wie herzlich ſie, wenn er im Stalle oder ſonſt im Hauſe etwas arbeitete, ihm von ihrem Zim— mer aus das Lied herüber ſchallen ließ, worin es heißt:
Vater und Mutter wollen es nicht leiden,
Gelt, mein Schatz, das weißt du wobl;
Vater und Mutter und Schweſter und Brüder,
Daß ich dich nicht nehmen ſoll!
Leiſe ſummte er ſelbſt das Lied für ſich hin, aber auch das Singen freute ihn heute nicht ſehr. Etwas Luſti— ges hätte er gar nicht zuwege gebracht. Immer kamen ihm wieder ſolche Lieder zu Sinne, die mit ſeiner Stim— mung harmonirten und auf ſeine eigenen Verhältniſſe Be— zug haben konnten. Trübe brummte er jetzt:
Warum iſt denn die Armuth ſo ſehr veracht't?
Man ſtellt ſie hinter die Thür.
Hätt' ich nur dreitauſend Dukaten in der Hand!
So zög' man mich herfür! und als er ſo einige Verſe vor ſich hingeſungen hatte, war er froh, von der Mittagsglocke hellen Klängen, die vom Dorfe im Nebel herüber hallten, unterbrochen zu werden. Mit bangem Herzen und der Frage, was Alles zu Hauſe heute Morgen vorgefallen ſein mochte, kehrte er mit ſeinen Pferden heim. Die Kathel ſtand heute nicht unter'm Thor, um ihm heimlich zuzublinzeln, aber die Magd vom Hauſe, die rothe Fränz, die den hochmüthigen Fritz nicht leiden konnte, ſtand dorten— und er konnte ihr etwas wie Hohn und Schadenfreude im Geſicht ableſen. Kaum hatte er die Pferde in den Stall gebracht, als auch ſchon der Bür— germeiſter herauskam und, nachdem er etwas von dem Willen der Frau Bürgermeiſterin geſtammelt, ihm kund gab, daß er ſich um einen andern Dienſt umſehen möge. Der Fritz nahm dieß ohne Erwiederung hin, putzte noch einmal ſeine Pferde und tränkte die lieben Thiere, von denen er ſich jetzt trennen ſollte, wobei ihm, ohne daß er's wußte, mehr als eine Thräne in den Waſſereimer fiel. Dann und wann ſah er auch nach den Fenſtern hinüber, aber da war kein Kathele zu ſehen, und als dann der Bürgermeiſter noch einmal mit ſeinem Dienſtlohn kam und ihm dann kalt geſagt hatte, daß er jetzt gehen könne, da nahm er ſeine ſieben Sachen zuſammen und ſchlich ohne ein Wort zu ſagen, durch die Grasgärten hinterm Dorfe hinauf, nach dem kleinen Häuschen des alten Jergmichel.
Während noch am nämlichen Abend am großen Dorf— brunnen von den Mädeln und Weibern über nichts anders geplaudert wurde, als daß des Bürgermeiſters ihren Knecht fortgeſchickt hätten: während die Eine dieß, die Andere jenes als Urſache anzugeben wußte, Alle aber darin uͤbereinkamen, daß es dem ſtolzen Schulzenfritz, der ſo hoch hinaus wolle, und ſich mit keinem Mädel aus dem
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