Gießen, Wonkag, den 30. Avril 1923.
erhessischen Volkszeitung Nr. 98
3. Beilage zur Ob
Wochenschau.
Der Marksturz, der Aufruhr in Mühlheim an der Ruhr, die Auflehnung der bayerischen„Nationalaktivisten“ gegen die Rechtsprechung des Staatsgerichtshofes— alle drei Vor⸗ gänge derselben Gesinnung der Anarchie entsprossen— sind warnende Anzeichen der schweren Erkrankung unseres Volks⸗ körpers. a Diese Tatsachen stimmen schlecht zu den großen Kultur⸗ gedanken, die unserem heutigen Weltfeiertag zugrunde liegen und die in den Worten ihren Ausdruck finden: Friede, Freiheit und Wohlfahrt für alle!
ö Daß der Einbruch der Spekulation und der Hamsterer in den Devisenmarkt„verbrecherisch“ ist, mußte selbst der Fapitalisische Dr. Becker der schwerindustriele Fachmini⸗ stter einer verfehlten Wirtschaftspolitik, zugeben. Die ge⸗ 0 ö fährlichen Quertreibereien der Banken und einzelner In⸗ 1 dustrieller gegen die Interessen des Volkes werden vollinhalt⸗ lich bestätigt durch einen Mann, der es auch wissen muß, ö den Reichsbankpräsidenten Havenstein. Der Schwer⸗ 8 industrie, die ihr Bestes getan hat um die Ruhrbesetzung nicht zu verhindern, geht das Privatgeschäft über das Ge⸗ 5 lingen des Ruhrkampfes. N
* An den wüsten Tumulten in Mülheim sind gewiß die Franzosen in erster Linie schuld. Durch die Auflösung und N Vertreibung der Schutzpolizei, durch die Ausweisung zahl⸗ reicher Beamter der staatlichen wie der kommunalen Ver⸗ waltung haben sie alles getan, um das Ruhrgebiet in Unord⸗ 1 nung hineinzutreiben. So ist es schon richtig, was das kommunistische Ruhrecho feststellt:„Nachdem die Franzosen in ihren Bemühungen, die Arbeiterschaft zu korrumpieren, kein Glück gehabt haben, hoffen sie jetzt, an dem Lumpen⸗ Froletariat Bundesgenossen zu finden.“ Aber wer die Selbst. 1 disziplin der Massen so untergräbt, wie die Kommunisten, ist ö Mitschuldiger und Helfer jenes hemmungslosen Militaris⸗
mus. i d In Bayern, dieser Keimzelle der Unordnung, weigern sich angeklagte Redakteure völkischer Blätter, vor Gericht zu erscheinen. Die wilde Hetze gegen die Gerichtsbarkeit des Rreiches ist auf dem Boden einer Radaugesinnung gewachsen, die jeglichen wirklich nationalen Verantwortlichkeitsgefühls entbehrt. Im Grunde noch schlimmer als die Finanz. und Ruhranarchie! Denn in München wird mit der Einheit des ANreiches ein frivoles Spiel getrieben. 5 Der plötzliche Marksturz, die Straßenkämpfe in Mül⸗ beim, die vergiftete Atmosphäre in München konnten wirklich die Sorge aufkommen lassen, daß der beste Zeitpunkt zur Einleitung von Verhandlungen zwischen Deutschland und Die Kernfrage unserer
Frankreich schon versäumt sei. f 2 N
. Bilder aus Alt⸗Gießen.
Unter diefer Ueberschrift hielt unser Parteigenosse Rechtsanwalt rger vor einiger Zeit einen Vortrag in den von unserer
Partei veranstal teten Bildungskursen. einen Beifall, daß wir
Deer gut besuchte Vortrag fand so allgem ö uns entschlossen haben, ihn möglichst wortgetreu unseren Lesern mit⸗ 0 en. ingen n Vortrag e wortgetreu: zuteilen. Wir bri also den V heut tg
: Werte Parteigenossinnen und Genossen!*
Als Sie die Ankündigung meines Vortrages in der Oborhessischen Volkszeitung lasen, da dachten Sie gewiß an einen Lichtbildervor⸗ trag, und Sie werden enttäuscht sein, auf einen solchen verzichten zu müssen. Ich bin nur in der Lage, mit den mir zur Verfügung stehenden bescheidenen sprachlichen Mitteln, Ihnen mancherlei zu schildern, wie es in Gießen früher ausgesehen hat. was sich da⸗ ö sselbst ereignete und was wert ist im Gedächtnis aller derer festge⸗
1 halten zu werden, die Gießen kennen und beurteilen gelernt haben. Was ich Ihnen bringe so wahr sein, soweit ich es selbst ge⸗ sehen und miterlebt habe in mehr als vierzig Jahren, garantiere ich
bus liessen
Telephon.
al. eschlt
dafür. Im Uebrigen stütze ich mich auf gute Quellen, mündliche
7 ul Kerl Traditionen von Eltern und Großeltern, auf die trefflichen humor⸗
l 1 vollen Wiedergaben von Karl Vogt, und soweit der historische Teil
n Betracht kommt, auf einen guten Aufsatz des besten Kenners der
Weärbelt Gießener Geschichte, Herrn Professor Dr. Karl Evel, dem als lang⸗
busen jährigen Stadtverordneten alle Archive offen standen, und der aus
guten mancherlei zu schöpfen wußte, was ein anderer vielleicht für m0 75 ee le 1 sich nicht, und Sie in den wi
9 fe, Sie weilen sich nicht, wenn Sie n wie⸗
gener Wer en Anekdoten und Personenbeschreibungen Verwandte oder
Bedannte entdecken sollten, die etwa libelnehmerisch sind, dann ver⸗ sie etwas übelnehmen, was auch bloß eine
auf dem unser Gießen aufgebaut Aft Siedelungen hin, die in der 1 Lindener Mark, auf dem Trieb und im Stadtwald bei den städtischen 9 Sandgruben gemacht worden sind. Di Funde zeugen davon, daß
9 schon vor mehr als 4000 Jahren hier Menschen in ständiger An⸗ Ffcschlung wohnten. Die älteste Ansteblumg, von der uns die Ueber⸗
7 lieferung berichtet, war das alte Urselheim, nach dem noch heute
0 ein Flurname zwischen Gießen und Wieseck besteht, und das noch im
8 1 achten Jahrhundert urkundlich erwähnt, mindestens 4000 Jahre alt 0 gewesen fein muß. Hatte sich so nach und nach schon, insbesondere
durch den Verkehr mit den Römern, Kultur und Wohlstand breit
5 wacht, so hat scheints die Völkerwanderung doch arg aufgeräumt, bpas indes die eingesessene Urbevölkerung ganz zu vertreiben oder Indio. eeckten Wiel biene id gahr dieser Zeit nicht auf 9 ia gekommen, und erst im 8. und 9. Jahrhundert wissen Urkun⸗ den„ berichten, zunäckst von dem alten Urselheim, dam aber auch
legenes von der Lindener und Wiesecker Mork, und was uns hier besonders 0 b 88e angeht, von den Dörfern Selters und Achstadt. Zur gleichen Zeit Fablis 1 herrs auf dem Gleiberg die Konradiner und die Luxemburger. 1 See stifteten den Schiffenberg, ein Kloster, und legten offenbar zu
ul e nen echt auf dem inter Laer in en Genen wir Lahn lire 0 und Wieseck eine Wasserburg zu den Ginszen an. Genau wird das 1000 Rätsel über die Gründung Gießens wohl nimmer gelöst werden
von fes Schon 1197 wird Clementia v. Gleiberg As Gräfin v. Gießen bezeich⸗ une ee, e aide lieg die Grirkung der elke dune hen dieser Zeit ti 1 1 yre erste Anlage ist nicht wie man früher amnahem, am Kanzlei⸗ 15 gelbe, berg un den Heiden urrm herum zu suchen, sondemn hinter der Strdt.
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Kirche beim Färber Wallenselsschen One; hier sind noch Liesle alter Umsassungamauern gefunden worden, und der N. bezieht sich auch darauf. Im Jahre 1248 werden zum ersten Male
Notzeit! Zeigen sich bei uns Zeichen der hereinbrechenden wirtschaftlichen und politischen Zersetzung— letztere von den hemmungslosen Extremparteien links und rechts ausgehend und begünstigt—, dann schwillt den Großkapitalisten und Uebermilitaristen drüben der Kamm. Ist es doch ihr Ziel, über einem Trümmerhaufen Europas die Alleinherrschaft anzutreten!
Da kam die Rede des englischen Außeuministers Lord Curzon. Sie macht eine deutsche Initiative zur Notwendig⸗ keit, die die Sozialdemokratie und die Deutsche Volkspartei schon vorher betont haben. Zunächst ist stark hervorzuheben, daß der zukünftige englische Vermittler auf ein genaues zahlenmäßiges Angebot Deutschlands offenbar verzichtet. Wenn er sodann empfiehlt,„die Zahlungen durch ordnungs⸗ mäßig damit beauftragte Autoritäten festsetzen zu lassen“, so wird hiermit ein auch von der deutschen Regierung ange: strebter internationaler Ausschuß von Sachverständigen nach dem bekannten Plane von Hughes gemeint sein. Was den im Vordergrund stehenden Wunsch des französischen Volkes nach zukünftiger„Sicherheit“ anlangt, so hat Lord Curzon unseren Standpunkt gegenüber dem der französischen Politik wohl gewürdigt. Die letztere erstrebt unter dem Titel der Sicherheit die Loslösung der rheinischen Gebiete von Deutsch⸗ land. Wir— und das hat erst die vor einigen Tagen er⸗ folgte Reichstagsaussprache bestätigt— lehnen es einmütig und leidenschaftlich ab,„wenn immer(so drückt es Curzon aus) davon die Rede ist, daß das Rheinland in Zukunft einem besonderen Regime unterworfen werden solle.“ Die Garan⸗ tien schließlich für die Zahlungen Deutschlands, d. h. genaue Bürgschaften, die Curzon mit Bestimmtheit verlangt, werden nunmehr von den kapitalkräftigen Sachwertbesitzern über⸗ nommen werden müssen. Weder ein Kredit im Ausland noch ein innerer Ausgleich des Etats, auf den die Entente be⸗ stehen wird, ist möglich, wenn nicht diejenigen endlich Gold⸗ steuern von ihren Goldwerten bezahlen, die heute Goldpreise erhalten und Goldzinsen nehmen.
Jedenfalls: einen anderen Weg. um die Franzosen aus dem Ruhrgebiet herauszubringen, gibt es nach maßgebender
englischer und besonnener deutscher Auffassung nicht, als deutsche scharf formulierte Vorschläge. Was hat denn die Monarchie geleistet? Sie hat Schlösser sich bauen lassen und es Jahrhunderte er⸗ tragen, daß das Volk in den elendesten Wohnlöchern hauste.
Sie hat um sich herum einige Schöngeister, Dichter und Künstler zu ihrem eigenen Glanze unterhalten, die Geister aber. die unab⸗ hängig von ihr die Wahrheit erkennen und verbreiten wollten, hat sie stets umterdrückt, und damit daran gehindert, für Volk und Mensch⸗ heit segensreich zu wirken.
ber Schultheis und die Schöffen von Gießen erwähnt, die Burganlage Hatte sich also mittlerweile durch Zuzug zur Stadtgemeinde erweitert. Sie mag entstanden sein aus dem erwähnten Selters, das etwa bei der Hofmannstraße zu suchen ist, und von dem der Seltersberg und der Seltersweg zu erzählen wissen, und aus Achstabt an der Valhn hinter dem neuen Friedhof, wohin der Achstatter⸗, jetzt Asterweg, führte. Mitten im Walde muß das Städtchen gelegen haben, denn alte Flurnamen zeugen von edr Rodung des Waldes, der Rodͤberg, das Eichenrod und die Rodhohl. Im Norden muß das Gemeinwesen direkt an den Wald angegrenzt haben, denn es lag dort der Wald⸗ brummen, und das Walltor hieß ursprünglich Waldtor. Es lag an der engen Stelle zwischen dem alten Einhorn und dem gegenüber⸗ liegenden Hause, in dem jetzt die Buschsche Mufilalienhandlung ist. Das flidliche, oder Selterstor, war etwa am Eingang der Rittergasse in die Mäusburg, das westliche hinter der Stadtkirche etwa bei Leib und das östliche am Ausgang der Schloßgasse auf den Brand. Das alte Schloß am Kangleiberg lag also außerhalb der Burgwälle nud wurde erst später mit Anlage der Festungswerke in den Wallgürtel einbezogen. Gießen gehörte von Gleiberg her den Pfalzgrafen von Tübingen und wurde erst 1265 käuflich von Hessen erworben, dar⸗ auf und nicht etwa auf seine Erbauung nimmt die Jahreszahl 1265 am alten Rathause Bezug. Mit dem Uebergang an Hessen wächst die Bedeutung der Stadt, die sich im Anfang des 14. Jahrhunderts dann bedeutend vergrößerte. Die alten Städtischen Verfassungen sind uns noch einigermaßen bekannt, auf Einzelheiten einzugehen, ver⸗ bietet heute abend die Klirze der Zeit. Die alte Ratsverfassung, wenn auch vielfach abgeändert, hat sich erhalten bis 1822, wo sie durch die neue Gemeindeordnung ersetzt wurde.
Eine selbständige Kirche besaß Gießen von Anfang an nicht. Zu⸗ erst war nur eine Pankrations⸗Kapelle vorhanden, die der Peters⸗ kirche in Selters unterstand und zum Dekanat Wetzlar gehörte Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts hatte Gießen eine selbständige Kirche, zu der der noch stehende Stadtkirchturm gehörte, der 1482 zu bauen begonnen wurde. Erst im Anfang des vorigen Jahrhunderts wurde die alte Kirche abgebrochen nud an ihrer Stelle, senkrecht dazu, die jetzige Stadtkirche errichtet. Weiter war noch die Spital⸗ kirche auf dem Seltersweg vorhanden, und auch das Narrenhaus, auf dem Narrenberg, jetzt Nahrnugsberg, hatte eine eigene Kapelle. Die Einwohnerzahl läßt sich nicht genau bestimmen. Anhaltspunkte lassen darauf wohl schließen, daß es Ende des 13. Jahrhunderts 1200, und im dreißigjährigen Kriege etwa 3000 gewesen sein mögen. Der Gießener Bürger lebte von Ackerbeu und Viehzucht, und auch der Weinbau— es mag eine nette Sorte zum Abgewöhnen gewesen sein— wurde am Nahrungsberg und an der Haardt gepflegt. Auch das Handwerk, in Zünften vertreten, war da, wir finden Geschlitz⸗ und Glockengießer, Leinweber, Wollenweber und Tuchmacher, und die Färber und Gerber, die Löber genannt, sche mon eine große Nummer gehabt zu haben. Auch eine städtische Herberge„Zum weißen Roß“ war vorhanden. Das Bier wurde auf Kosten des Bestellers im städtischen Brauhaus hergestellt, und der Wein, im Monopol des Rates, im Ratskeller verzerft. Der Reingewinn des Ver⸗ kaufs diente zur Herstellung genflasterter Straßen, Steinwege ge⸗ nannt und anderer öffentlicher Anlagen und Bauten. Das Markt⸗ wesen war genau geordnet. Neben periodischen Märkten florierten die Wochenmärkte, während deren Dauer der Hausierhmdel unter⸗
sagt war.
Ueber Feste und Volkebelustigungen wissen wir nicht viel, es gab Tanzzfeste im Ratheurssaal, und die Ratsherren, deren jeder emen filbernen Becher stiften mußte, hatten neben anderem die viel leicht nicht unangenehme Aufgabe, den Wein auszusuchen und öfters zu probieren, und zwar imentgeltlich, wie sie heute Straßenbahn fahren. Im 186. Jahrhundert werden auch Schützenseste erwähnt.
Um 1530 wurde Gießen befestigt mit mächtigen Wällen aus Erde, die auf gewaltigen Steinfundamenten ruhten. Am Außenrande des Walles lief ein schützender„schurrender Weg“, daher der Name
Ste hat den Krieg immer gefördert, wenn ste auf Sieg hoffen zu können glaubte, denn im Siege erstrahlte ihr Glanz, dag Voll hatte von Krieg wie Sieg nur Verlust an Gut und Blut.
Sir war immer nur der Ausdruck der Herrschaft, statt der Gleichberechtigung des ganzen Volkes. Ihr Vorrecht allein war eine Regierung der Gleichberechtigung.
Sie hat die Geschichtsschreibung dauernd in ihrem Sinne, im Sine ihrer Verherrlichung, gefälscht, und noch heute gibt es soge⸗ nannte Demokraten, die sich von diesem Fälschungsnebel nicht frei machen können.
Was die Monarchie geleistet hat, bleibt wer weiß wie weit zurück hinter dem, was sie verhindert, unterdrückt und zertreten hat. Für sie bestand die Größe der Menschheit immer nur in ihrer eigenen Größe. 5
Vom amerikanischen Frauen⸗Friedensbund.
Im letzten Mitteilungsblatt, das der Frauen⸗Friedensbund
der westlichen Hemisphäre soeben aus New Kork verschickt, werden einige Fragen an die Mütter gerichtet. Die erste lautet:
a„Wenn dein Sohn getötet wird in einem, Kriege, der um Oel⸗ quellen geführt wird, ist es dir nicht gleichgültig, ob sich das Oel in Mosul oder in Mexiko befindet? Oder macht es dir etwas aus, ob es Eigentum ist der Königl. Holländischen Shell⸗Gesellschaft oder der Standard Oel⸗Companie oder der Türkei?“
Die zweite Frage:
„Kann der Wert des Lebens junger Männer nach Oeltonnen berechnet werden? Wenn dies der Fall ist, wieviel Soldaten muß Amerika opfern für soundso viel Oeltonnen?“
Auf das schärfste wird in dem Mitteilungsblatt gegen die ae ene Stellung genommen. Und es wird gefragt, wo die französischen Gewerbschaftler sind, die die Resolution des Haager Kongresses für den Frieden annahmen. Ob sie jetzt Muni⸗ tion machen oder die Eisenbahn bedienen? Ueber Deutschlands passiven Widerstand heißt es: a 2
„Wenn diese Politik bis zum Schluß durchgeführt wird, so sagen wir im voraus, daß das Deutschland von 1929, verarmt, be⸗ siegt und entwaffnet, erfolgreicher sein wird als das mächtige, an⸗ maßende Deutschland von 1914, das die Weltmärkte mit Waffen⸗ gewalt erobern wollte.“
Man nehme nur an, daß zur Aufklärung der unteren Klassen ein Viertel der Zeit aufgewendet worden wäre, die man zu ihrer, Verdummung gebraucht hat, und man würde über das Ziel erstaunt sein, zu dem ihnen ein gutes Elementarwerk den Weg gewiesen hätte.
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De Sozialisten werden wohl viel von der Windbeutelei, von den Fransen un dem Schnickschnack der heutigen Welt beseitigen, ihre Produktion verständiger und einheitlicher halten; aber den Reichtum der Mannigfaltigkeit werben sie sich doch nicht nehmen lassen. Es ist verständig, daß wir unsere Launen und Kapricen zligeln aber die Verschiedenheit des Talents, der Gesinnung und des Ge⸗ schmacks darf nicht leiden. Nicht Armut.., sondern Reichtum ist unser Prinzip und die planmäßige demokratische Produktion kau keine berechtigte Eigentümlichkeit verkümmern lassen. 1 Jos. Dietzchen.
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ungillücklichen Schmalkaldischen Krieges geschleift werden, was durch Abtvagung der Erdwälle geschah, aber schon 15060 wurden dank der vorhanden gebliebenen Untermauerungen, und stärker hergestellt, bis sie endlich im Ansang des 19. Jahr⸗ hunderts, den weittragenden Geschützen gegenüber wertlos, endgültig stelen. Ihre letzten Reste sind noch der Berg im Botanischen Garten und im Raabchen Garten an der Schanzenstraße. Damit zogen Luft und Licht ein in die engen winkligen Gasson mit den hohen schiefen Häusern, bei deren Errichtung ein Nachbar dem undern vorzubauen
seflig am Umfallen zu verhindern.
Es war ein trübes, schmtziges Nest unser Gießen, von Pflaster keine Rede. Nur hohe Steine in schrittweisem Abstand gestatten, schmutzfrei zu gehen; und begegnete sich jemand, so mußte er ein großer Flegel sein, wenn er nicht mit einem Fuß in den Kot trat umd die Hälfte der Steine dem Begegnenden überließ.
Ein Spezifikukm unserer Vaterstadt waren die sogenannten Winkel, schmele Zwischenräume zwischen den Häusern, in denen schwalbennestartig hölzerne Kästen hingen, auf denen man sich in der Luft schwebend seines irdischen Dranges zu entledigen suchte. Die Reinigung der Winkel wurde einer klasse überlassen, den sogenannten Schlammbeißern, die offenbar micht allzu eifrig ihrem Handwerk oblag, sodaß bei einem Gewitterregen der Inhalt der Winkel sich auf die Straße ergoß, während er im Winter zu schönen hohen Tropfsteinsäulen anfror. Die Schaffung der Gruben, die Kost, Heß und Kitz mit ihrer„Artillerie“ entleerten und die Tonnen, die in den Winkeln standen und auf einem Wagen abgefahren wurden, der der ganzen Straßenbreite entsprach, waren ein bedeutender Kulturfortschritt.„Hör“ emal e Wink uff“, pflegte der Tonnenabholer nach oben zu rufen, wenn das gefüllte Gefäß, von ihm gegen ein neues, leeres ausgewechselt wurde. 5
Die Bewohner trieben nach wie vor in erster Linie Ackerbau und Viehzucht, und der Austrieb des Rindviehes im Frühjahr war ein allgemeines Freudensest für Alt und Jung, das an diesem Tage schulfrei hatte. Daß das Jugendfest damit zusammenhinge, ist eine boshafte Legende. Aber jeder trieb seine„Ossen und Hömil“ hinaus. „Is Euer Oß schon fort?“ rief die alte Keilen der Frau Bürger⸗ meister Ferber zu.„Nein“, hei is noch owe uff em Rathaus“, war ob der mißverständlichen Frage die Antwort.
Von Industrie war noch keine Rede, erst 1722 begründete Georg Philipp Gail mit einer Tabakschneiderei die ersten Anfänge. Die Straßenbeleuchtung war mäßig, sie richtete sich streng nach dem Mond⸗ schein im Kalender, auch bei bedecktem Himmel. Die Sache war auch gar kostspielig, es gab nur große Oellampen, deren Inhalt noch obendrein öfters gestohlen wurde und der Herstellung von Kartoffel⸗ pfannkuchen und Kreppeln diente. 0
So blieb Gießen noch bis gegen Ende der 70er Jahre, und sein eigentlicher kultureller Ausschwung ist erst auf das Wirken seines größten Bürgermeisters, des späteren hessischen Finanzministers Gnauth, zurückzuführen.
Aber der Gießener Spießer fühlte sich wohl in seinem Dreck, und so freidenkend und liberal und fortschrittlich er sonst sein mochte, am der Erhaltung des alten Straßenbildes klebte er hartnäckig. Es gäbe noch gar viel zu erzählen aus der„guten alten Zeit“ und wer Spaß daran hat, dem empfehle ich die Lektüre der Buchnerschen Schriften„Aus Gießens Vergangenheit“ und„Gießen vor hundert Jahren“ sowie Karl Vogts Buch„Aus meinem Leben.“ Er wird bei der Lektütre auch finden, daß man einst aus Gießen ein großes Heil⸗ bad machen wollte, ein Versuch, der sich vor noch gar nicht so langer Zeit wiederholt hat. Ich gebe die Hoffnung noch nicht ganz auf: eins ist dank der Valuta erreicht, wir haben wenigstens jetzt auch in Gießen Preise qu verzeichnen für alles, was uns frommt und nottut, vor dem die früher bebannten sogenannten„Badcpreise“ den Hut abtun
können.(Fortsetzung folgt.)
Schoor, sprich Schur. 1547 mußte die Festung infolge des für Hessen
die Befestigungen neueg
trachtete und die aneinander hingen wie es schien, um sich gegen⸗
besonderen Gesellschafts⸗


