Agrarische Demagogie. Um den Großgrundbesitz. Der sozialdemokratische Antrag zur Bodenreform hat 5 Deutsche Tageszeitung, das Organ des Großgrund⸗ besitzes, vollkommen außer Fassung gebracht. Indem sie ihren Lesern nur Bruchstücke aus dem Vorschlag mitteilt, glaubt sie feststellen zu können, daß die Idee des Antrages die„Sozialisierung des Grund und Bodens sei“, daß durch sie die Produktion zurückgehen müsse und daß also der Vor⸗ schlag nichts anderes als eine großzügige Organisation des Hungerelends bedeute. Die Erregung ist begreiflich, wenn man bedenkt, daß mit einer Bodenpolitik, wie sie die So⸗ zialdemokratie verlangt, den Magnaten, die das Agrarier⸗ organ bezahlen, die Alleinherrschaft über ihren riesigen Be⸗ itz entzogen würde. Das arbeitende Volk in Stadt und Land, der land⸗ bhungrige Siedler und der rechtschaffen tätige Bauer wird den Sinn unseres Antrages besser verstehen als es die 7 strupellose Demagogie des Landbundes glauben machen will. Vor allem wird ihm auffallen, daß nur ein Teil des Eigentums derjenigen Grundbesitzer von der Enteignung bedroht ist, die ihren ganzen Besitz unmöglich bewirtschaften können und daß darüber hinaus in der Landwirtschaft die Vorbedingungen zu einer gemeinschaftlichen Produktions⸗ politik in der Landwirtschaft geschaffen werden sollen. Das und die tatkräftige Siedlungspolitik, die von den Groß⸗ agrariern planmäßig und mit allen Mitteln bekämpft wird, fl natürlich den Hütern des heiligen Großgrundbesitzes mit ihren Oldenburg⸗Januschauern, die selbst während des Krieges die Hungerblockade gegen das deutsche Volk an⸗ kündigten, schon eine kleine Hetze wert.
Aber es wird den Agrariern nicht helfen. Früher oder später wird das Bodenmonopl der Großgrundbesitzer zu⸗ sammenbrechen; es nicht in der Weise zusammeibrechen zu lassen, daß für die Produktion ungeheurer Schaden entsteht, sondern auch die Agrarwirtschaft in diejenigen Formen überzuleiten, die durch die Fortentwicklung von Wirtschaft und Technik vorgezeichnet sind. ist Ziel und Aufgabe der Sozialdemokratie. Wollten die Agrarier sachlich daran mit⸗ arbeiten, so würde ihr Rat wohl zu beachten sein. Es handelt sich in dem Antrag doch um Richtlinien, nicht um fertige Paragraphen. Aber an dem Grundgedanken und an den Zielen dieser Richtlinien ist nicht zu rütteln! Statt aber gn ihrer Ausgestaltung mitzuarbeiten, stellt sich die Deutsche (Tageszeitung hinter die wenigen Großgrundbesitzer und berteidigt um jeden Preis deren Privilegien. Man merkt ihr leider nur zu deutlich die Furcht an, sie könnte den Ast absägen, auf dem sie sitzt!
Die neuen Kohlenpreise.
Die 25prozentige Kohlenpreiserhöhung, die soeben erfolgt ist, wird in ihrer Wirkung auf den Warenmarkt die bedenklichsten Fol⸗ gen zeitigen. Die Arbeitnehmer im Reichskohlenrat haben sich der Preishergufsetzung nicht verschließen können, weil tatsächlich eine
. wesentliche Erhöhung der Löhne, um ungefähr 40 Proz., im Kohlen⸗
bergbau unvermeidlich war und weil andererseits die vorgeschlagene
Preiserhöhung in einem Ausmaß von 25,9 Prozent hinter der Stei⸗ gerung der Produltionskosten, wie man sie sonst den Kohlenpreis⸗ festsetzungen zugrunde legte, wesentlich zurückblieb. Das Erschütternde an dieser Kohlenpreiserhöhung ist, daß sie bis zu einem hohen Grade zwangsläufig durch die Geldentwertung herbeigeführt wurde und daß sie mit einem einzigen Schlage die Kohlenpreise über den höchsten Stand hinausführte, den sie vor Herabsetzung der Kohlen⸗ steuer innegehabt haben. So kostet jetzt rheinisch⸗westfälische Fett⸗ förderkohle die Tonne 143 510 Mk., während sie bisher 141 117 Mk. und vor der Herabsetzung der Kohlensteuer 123 400 Mk. gekostet hatte. Die Wirkung der Herabsetzung der Kohlensteuer aber auf die allgemeine Wirtschaft ist gering geblieben. Nur die gemeinnützigen Betriebe, insbesondere kommunale Gas⸗ und Elektrizitätsgesell⸗ gin ben ihre Tarife wesentlich ermäßigt. Im allgemeinen aber sind die Fabrikatpreise des Inlands ohne Riicksicht auf die Ver⸗ billigung der Kohle weiter erhöht worden und der Verzicht des Reiches auf eine wesentliche Einnahme hat, wie von Warnern vor⸗ ausgesehen wurde, lediglich zu einer Bereicherung der Interessenten geführt. Trotz der Kohlenpreisermäßigung haben sich insbesondere die Hilfsmaterialien der Kohlenerzeugung, vor allem Eisen und Holz, mit der Valuta weiter verteuert, die Steigerung der Lebens⸗ Haltungskosten hat die Erhöhung der Bergarbeiterlöhne nach sich ge⸗ zogen und so die Kohlenpreissteigerung beschleunigt. Danach ist es gänzlich falsch, zu behaupten, daß die Kohlenpreiserhöhung ledig⸗ lich uf die gestiegenen Löhne zurückzuführen ist. Die Ermäßigung der Kohlenstener erweist sich als ein schwerer Fehlschlag. Hatte man diese Ermäßigung der Preise für das Urprodukt am Anfang April nicht zum Anlaß genommen, die Fabrikatpreise zu senken, so werden dafür jetzt die Interessenten die Preiserhöhung umso eifriger zum
Vorwand nehmen, um neue Preiserhöhungen auch für andere Waren durchzusetzen. Hier hätte eine plmäßige Wirtschaft einzugreifen, und es wäre Sache des Reichswirtschaftsministers, ungerechtfertigten (Preissteigerungen auf das entschiedenste entgegenzutreten. Denn soviel steht schon jetzt fest: Wenn man der Teuerung auf allen an⸗ deren Gebieten freien Lauf läßt und nicht mit einem entschiedenen Ausbau der Markstlitzungsaktion endlich einmal die Preisschraube zum Anhalten bringt, so wird auch diese Kohlenpreiserhöhung nicht die letzte gewesen sein und der verhängnisvolle Kreislauf der Geld⸗ entwertung wird sie weiter fortsetzen. Selbstverständlich ist, daß mit der Verteuerung der Bedarfswaren, die jetzt schon allerwärts in dödrlickendem Maße spürbar ist, auch die Löhne anderer Berufsgruppen
unberzüglich in die Höhe gesetzt werden müssen.
—
Eine internationale Notwendigkeit.
Die Rekonstituierung der Internationale, die in der kommenden Woche in Hamburg vor sich gehen soll, kann und darf sich nicht darauf beschränken, durch vorsichtig aus⸗ gearbeitete Entschließungen die politischen Gesichtspunkte hervorzuheben, die den sozialistischen Parteien aller Länder gemeinsam sind. Es ist gewiß gut und nützlich, angesichts des neuen englisch⸗russischen Konfliktes, angesichts des unge⸗ lösten türkischen Problems, angesichts des latenten Kriegs⸗ zustandes, den die sogenannten Friedensverträge geschaffen und die kapitalistisch⸗imperialistischen Bestrebungen ver⸗ schärft haben, festzustellen, daß der Sozialismus allein der Frieden ist. Man darf aber ohne Uebertreibung und Selbst⸗ überhebung sagen, daß diese Tatsache nicht allein uns be⸗ Fannt ist, sondern daß sie nachgerade das öffentliche Geheim⸗ nis der gesamten politisch denkenden Welt ist. Selbst der Itkrieg und der Zerfall der Internationale hat diese emein verbreitete Ueberzeugung nicht zerstören können. amburg kommt es also nicht in erster Linie darauf an,
Der Hamburger Weltkongreß.
Der Samstag war in Hamburg weiter den Vorbereitungen für den Internationalen Kongreß gewidmet. Das Organisations⸗ komitee beendete am Samstag vormittag seine Arbeiten mit einer Aufstellung des endgültigen Programms für den Kongreß. Am Sonntag abend trat das Exekutivkomitee der Internationalen Ar⸗ beitsgemeinschaft sozialistischer Parteien zusammen, um ihren am Pfingstsonntag vormittags 10 Uhr beginnenden Kongreß vorzu⸗ bereiten. Nach der Stimmung zu urteilen, ist ein fast einmütiger Beschluß für den Zusammeftschluß der Internationalen zu er⸗ warten. Beide Internationalen haben bereits in getrennten Be⸗ ratungen ihre Auflösung und die gemeinsame Bildung einer neuen, der 2 Sozialistischen Arbeiterinternationale(S. A. J.) beschlossen..
Die Kommunisten setzen in Hamburg ihre Vorbereitungen fort, um den Kongreß möglichst zu stören. Zwar haben ste der kräftigen Abwehr, die sofort von der Sozialdemokratischen Partei unternommen worden ist, dadurch zu begegnen gesucht, daß sie ein Flugblatt herausgegeben haben, daß es nicht ihre Absicht sei, den Kongreß zu stören. Dagegen hat in einer Betriebsräteversammlung der Kommunisten noch am Freitagabend der aus Moskau zurück⸗ gekehrte Thälmann aufgefordert, sich nege an den kommunistischen Vorbereitungen zu beteiligen, denn„wenn wir die Verräter durch unsere Gegendemonstration nicht stören, glaubt alle Welt, in Hamburg sei man mit der Politik des Kongresses einverstanden“. Trotz all diesen Vorbereitungen kann man dem Kongreß nur den allerbesten Verlauf voxaussagen. werkschaftshaus herrschte am Freitag und Samstag reges Treiben, hunderte Delegierte waren bereits angekommen und wurden unter⸗ gebracht, und die Vereinigung„Republik“ innerhalb der Sozial⸗ demokratischen Partei wird auf jeden Fall dafür sorgen, daß, wenn die Kommunisten irgendwelche Pläne in die Tat umzusetzen ver⸗ lache sollten, ihnen kräftig begegnet wird. g
ie
Eröffnung des Kongresses
fand am Montag vormittag um 10 Uhr statt. Das Gewerkschafts⸗ haus, in dem der Kongreß stattfindet, war in weitem Umkreis von sozialdemokratischen Ordnern umstellt, die den Delegierten und den Pressevertretern nur nach scharfer Kontrolle den Zutritt gestatteten. Man hatte Ursache, sich auf kommunistische Störungsversuche gefaßt zu machen; es hieß auch, daß gegen Mittag Radek eintreffen werde. Die fünf⸗ bis zehntausend Kommunisten Hamburgs, denen hundert⸗ tausend organisierte Sozialdemokraten gegenüberstehen, haben es aber vorläufig bei einem harmlosen Umzug bewenden lassen.
Vom Theaterorchester mit Klang und Schwung gespielt, leiteten die„Internationale“ und die„Rienzi“⸗Ouvertüre die Verhand⸗ lungen festlich ein.
Hillquitt(Amerika) schlug vor, das Zehnerkomitee, das den Kongreß organisiert hat, auch mit dessen Leitung zu betrauen; der Antrag wurde einstimmig angenommen.
5 Wels(Deutschland) und Bracke(Frankreich) führten den Vorsitz in der ersten Plenarsitzung; dieses Nebeneinander wurde mit besonderen Beifall begrüßt.
Im Namen der sozialdemokratischen Paxteiorganisation von Groß⸗Hamburg hieß das Bürgerschaftsmitglied Leuteritz den Kongreß in dem Saale willkommen, dem einst Bebel die Weihe ge⸗ geben habe. Die klassenbewußten Arbeiter Hamburgs betrachteten es als eine Ehrenpflicht, den Kongreß vor jeder Störung zu schützen. Sie hofften, daß das Einigungswerk gelingen werde. Die deutschen Arbeiter würden dafür sorgen, 0
daß der preußtisch⸗deutsche Militarismus nie mehr auferstehe; de erwarteten allerdings, daß die Arbeiterschaft der Welt dafür sorgen werde, daß statt dessen kein anderer Militarismus aufer⸗ stehe.(Großer Beifall.) Dazu möge dieser Kongreß helfen!
Auf' dem Bahnhof und im Ge⸗
die mit Talsachen rechnet.
Im Namen der Hamburgischen Senats begrüßte der
sozialdemokratische Hamburger Blürgermeister Stolten den Kongreß. Er nannte die Tatsache dieser Begrüßung der 18 1— an nen
durch die Regierung eines dl Staates schon greifbaren Beweis dafür, wieviel sich in Deutschland geändert habe. Aber ein schlimmerer Militarismus als der deutsche verhöhne heute das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Gegenüber dem Raubeinfall in das Ruhrgebiet scheine das Welt⸗ gewissen völlig eingeschlafen.
Für den Internationalen Gewerlschaftsbund(Am sterdamer Internationale) sprach Dudegee l. Er rühmt das in der Welt einzig dastehende Beispiel von Organisation, 9 7 und Ausdauer, das die Arbeiterschaft im Ruhr⸗ und im Saargebiet gebe, die
dem Imperialismus mit friedlichen Waffen so krästige Schläge versetze.„Ihnen gilt der herzliche Gruß des Kongresses.“(Brau⸗ sender Beifall.) Oudegeest führte des weiteren aus, daß die Gewerk schaftsbewegung nur auf demokratischer Grundlage möglich sei.
Zum Schluß der Sitzung sprachen die beiden Vorsizenden Wels und Bracke. Wels wünschte, es möge der deutsche Boden in seiner ganzen Ausdehnung nur von so willkommenen Gästen besucht werden, wie sie zu diesem Kongreß sich vereinigt hätten, auf den die Augen der ganzen Welt gerichtet seien. Der Kongreß dürfe die nen der Arbeiterschaft nicht enttäuschen; es gelte das Ende eines Bruber⸗ kampfes. 5
„London“,„Wien“ und„Amsterdam“ gehörten zusammen.
„Wir wollen keine Uniformierung der Gehirne, keine Diktatur des
Denkens, wir wollen jede Kühnheit der Politik, aber eine Kühnheit
Den Ruhm, die Arbeiter in no a
tieseres Elend hineinzujagen. überlassen wir neidlos den Kaom⸗
munisten!“ 5. Im Geiste der Demokratie und des Sozialismus
hieß Wels den Kongreß willkommen.
Bracke drückte seine Uebereinstimmung mit allem aus, was Wels gesagt habe und sicherte die Mitarbeit der Franzosen zu.„Wir wollen den Kampf so führen, wie Wels ihn versteht. 0
Wir bewundern das deutsche Proletariat an der Ruhr und seinen festen, aber ruhigen Widerstand, mit dem es fortfahren möge!“ Der Franzose kündigte im übrigen an, daß das wichtige
Problem der Reparationen
in den weiteren Sitzungen des Kongresses noch ausgiebig A 7
örtert werden. Er schloß unter jubelnder Zustimmung mit Worte von Anatole France, das er in deutscher Sprache mieder⸗ gab:„Die Einigkeit der Arbeiter wird den Welt⸗ frieden machen!“ a 5 g
Am Nachmittag fand auf der Moorweide, einer großen Wiese vor dem Dammtor⸗Bahnhof, eine machtvolle
Kundgebung der Arbeiterschaft Groß⸗Hamburgs
zur Begrüßung der Internationale statt. Von zehn Tribünen herab sprachen zu den Massen etwa vierzig Redner der ganzen Welt? u. a, aus Deutschland Bernstein, Breitscheid, Crispien, Hermann Müller und Scheidemann, aus England Buxton und Shaw, aus Frankreich Grumbach, Faure und Longuet, aus der. Greulich und Grimm, aus Oesterreich Renner und Seitz aus Belgien de Bronckere, Huysmans und Vandervelde, aus Sch we⸗ den Branting und aus Holland Troelstra. Languet kündigie
an, 5 wenn Frankreich das nächste Mal Gelegenheit haben werde, guf dem Wege von Wahlen seine Meinung auszudrücken, so werde ein großer Teil des französischen Volkes die Politik Poinearss verurteilen. .
—
r e
*
unsere gemeinsamen Ideen zu verkünden, auszusprechen, was wir alle wollen, sondern festzustellen, was wir jeder in unserem Lande können und diese zerstreuten Kräfte durch eine rationelle Zusammenfassung zu vervielfachen und da⸗ durch die Verwirklichung des Friedens und des Sozialismus zu beschleunigen.
Würde man sich in Hamburg damit begnügen, die Internationalität des Sozialismus zu betonen, die zer⸗ störenden Wirkungen des Kapitalismus aufzuzeigen, die Unfähigkeit des Nationalismus, die wirtschaftlichen und politischen Weltprobleme zu lösen, zu unterstreichen, dann würde man zwar Wahrheiten aussprechen— aber man würde damit der Wahrheit noch nicht zum Siege verhelfen. Und darauf kommt es schließlich allein an.
Die Erfahrungen des Krieges und die Erfahrungen der letzten vier Jahre haben uns unter anderem gelehrt, daß die sozialistische Wahrheit inmitten der organisierten Lüge ohn⸗ mächtig bleiben muß, daß die Massen schließlich an ihr irre werden müssen, weil die sozialistischen Parteien praktisch und faktisch in ihrer Tätigkeit voneinander isoliert sind, während alle natonalistischen Parteien aller Länder in internationa⸗ len Fragen koaliert sind und zwar gerade dann am besten einander in die Hände arbeiten, wenn sie einander scheinbar am erbittertsten bekämpfen. Kann man sich einen besseren Bundesgenossen unserer Nationalisten denken als Herrn Poincaré? Sind unsere Hakenkreuzler nicht die besten Hilfstruppen des nationalen Blocks in Frankreich?
Und welche ungeheueren Mittel stehen diesen Nationa⸗ listen zur Verfügung! Das Getue der Hitler und Luden⸗ dorff wird, von allen Depeschenbureaus und allen Zeitungs⸗ korrespondenzen der ganzen Welt verbreitet Wenn man im Auslande die deutschen Pressestimmen zitiert, vergißt man nie die nationalistischen und monarchistischen Blätter, sodaß man sagen kann, daß die nationalistischen Blätter ihre bei weitem größte Verbreitung im Auslande haben. An dieser Gratisreklame, die nicht allein die Nationalisten, sondern die bürgerlichen Parteien und Zeitungen überhaupt fürein⸗ ander machen, könnten wir uns ein Beispiel nehmen. Wer die Arbeiterpresse der Welt während des Krieges und seit dem Ruhrkonflikt verfolgt hat, kennt die Dinge, die hier nur angedeutet werden. Es sei nur ein aktuelles Beispiel angeführt. 5
Als Frankreich den Einbruch in das Ruhrgebiet vor⸗ nahm, da war von allen internationalen Organisationen wohl der französische Gewerkschaftsbund der entschiedenste und wirksamste Gegner dieser Politik. Man hat wohl einige bankrotte französische Kommunisten eingesperrt, wegen an⸗ geblichen Komplotts gegen die Sicherheit Frankreichs, aber der französische Gewerkschaftsbund war es gewesen, der auf seinem Ende Januar abgehaltenen Kongreß den deutschen Arbeitern zurief:„Unter französischen Bajonetten habt Ihr nicht zu arbeiten!“ Die große Rede von Jouhaux ist noch in aller Erinnerung. Der französische Gewerkschaftsbund hat sich aber damit nicht begnügt. Er hat in ganz Frank⸗ reich, ganz besonders in den zerstörten Gebieten, eine ausge⸗ zeichnete Kampagne gegen das Rührabenteuer organisiert, als noch keine Partei, weder die kommunistische noch die
ee— sozialistische, die Kraft zu einer solch umfassenden Aktion aufbrachte, und er hat darüber hinaus auch die belgischen Gewerkschaften und damit die belgische Arbeiterpartei in Bewegung gebracht.
Wer die Aktion des französischen Gewerkschaftsbundes, wer insbesondere seine Tageszeitung, das Pariser Peuple aufmerksam verfolgt, wird beobachtet haben, wie die Kraft dieser Aktion nach und nach erlahmte, wie der klare Blick der französischen Gewerkschaften von dem dichten Nebel der Tendenzlügen der Depeschenagenturen getrübt worden it. Die ungeheuerliche Verordnung, die alle deutschen Eisen⸗ bahner, die sich weigern, für die Franzosen und Belgier zu arbeiten, mit Gefängnis, ja mit dem Tode bedroht, wurde im Peuple kommentarlos wiedergegeben. Freilich wurde sie der französischen Presse in einer Aufmachung übermittelt, daß der oberflächliche Leser glauben konnte, es handle sich um eine Verordnung gegen Sabotagehandlungen. Das un⸗ geheuerliche Urteil von Mainz ist überhaupt nicht erwähnt, wahrscheinlich von Havas nicht übermittelt worden. Das nicht minder ungeheuerliche Urteil von Werden ist kommen ⸗ tarlos abgedruckt worden. Freilich war auch die Berichter⸗ stattung der Havasagentur dementsprechend..
Opfer solcher systematischer Tendenzlügen sind wir alle tagtäglich. Man darf sich daher durchaus nicht wundern, wenn man jetzt selbst unter unseren Arbeitern täglich Aeuße rungen zu hören bekommt, die einen bedenklich starken nationalistischen Einschlag haben. Die längst veraltete Redensart von dem mangelnden nationalen Empfinden des Deutschen könnte man heute mit viel mehr Recht in ihr Gegenteil umkehren..
Wenn wir uns in Hamburg damit begnügen würden, die sozialistische Wahrheit zu verkünden und nichts tun wür⸗ den, um ihr auch zum Siege über die nationalistische Lüge zu verhelfen, dann würden wir nicht nur praktisch überhaupt nichts getan, sondern eine immense Gefahr vergrößert haben: die Gefahr, daß die sozialistischen Parteien, statt gemeinsam gegen den Nationalismus zu kämpfen, in dem immer dichter werdenden Nebel der nationalistischen Verhetzung einander bekämpfen. f b
In Hamburg muß desholb endlich der Grundstein zu einer wirklichen internationalen Verständigung gelegt wer⸗ den. Die Voraussetzung dazu ist die Organisierung der in⸗ ternationalen Berichterstattung und zwar nicht allein der Presse, sondern auch der Parteien, der Parlamentsfraktionen, wie überhaupt aller wesentlichen Organe der Arbeiterbe⸗ wegung. Wenn wir einmal einander wirklich kennen wer⸗ den, dann werden wir auch die Mittel finden, um praktisch zusammenzuarbeiten. Selbstverständlich müssen für diese Arbeit die nötigen Kräfte freigemacht, die nötigen Mittel aufgebracht werden. In Hamburg kann nur der Grundstein gelegt werden. Die sozialistischen Parteien find heute noch nicht in der Lage, die nötigen Mittel allein aufzubringen. Alle Teile der Arbeiterbewegung müssen mithelfen, denn die gesamte Arbeiterbewegung ist daran interessiert. Aber in Hamburg muß endlich mit der Organisierung der inter⸗ nationalen Verständigung ein Anfang gemacht werden.
——
1


