Ausgabe 
21.11.1920
 
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Zur rechten Zeit

führte mich die Gnade Gottes mitsamt den Meinen

auf einige Zeit in das Elternhaus meiner lieben Frau. Dort in der Nähe wohnte ein mir bekannter Prediger, der allerdings ohne Einfluß auf mich ge⸗ blieben war. Diesem offenbarte ich jetzt einiges von

der in mir statthabenden Umwandlung. Er schien

zwar mehr verwundert als erfreut, lieh mir aber ein schlichtes Büchelchen, das er mir sehr empfahl; es war:Der Weg dem Lamme nach von Georg Steinberger.

Gleich in der Straßenbahn begann ich das Heftchen zu lesen. Im schwiegerelterlichen Hause las ich es zu Ende und noch einmal. Das Büchlein vollbrachte ein Wunderwerk in mir. Es verwandelte mir näm⸗ lich endgültig Jesum von Nazareth, den vornehm⸗ überlegenen, heroischen Weisen, in Jesum Christum, das demütig dienende, tragende, geschlachtete Lamm Gottes, das der Welt Sünde und auch meine Sünde trägt. Es bewies mir den Sieg des Schwachen und Nichtigen in der Welt gegenüber dem Starken und Großen. Es stellte mir den Lammesweg über den Löwenweg. Es weckte in mir Lammes⸗ und Leidenssinn,Ja zu meinem Elende zu sagen. Und damit machte es mich bereit,Ja zu Gottes Willen zu sagen, der mir dieses Elend geschickt hatte. Es machte mich also fähig, Gott als einen HErrn über mir anzuerkennen und mich nichtig zu Seinen Füßen zu werfen. Es hatte also das nichtige, schlichte Büchlein mehr vollbringen können, als alle Bücher zusammen, die ich jemals in meinem Leben gelesen hatte. Und dies geschah unter demselben Dache, unter welchem damals mein Schwiegervater meine ungläubigen Bücher nicht dulden wollte, unter demselben Dache, unter welchem ich Gott abgesetzt und in Sünden gelebt hatte, und in demselben Zimmer, in welchem mein Schwiegervater aus Gram über mein Leben und unsere Ehe gestorben war.

Ich warbekehrt,

verstand die Bedeutung jener Stunden aber erst viel später und werde sie später noch besser verstehen lernen. Damals war mir das WortBekehrung noch sehr widerlich und albern; ich hätte es nimmer⸗ mehr auf mein Erlebnis anwenden mögen. Ich wußte nur, daß ich eins mit blitzschneller Deutlich keit erfahren hatte, nämlich: Gott ist dein Vater, Er hat dir alles durch Jesum vergeben, und du bist nun in den besten Händen. Aus dieser Gedankenreihe strahlte mir ein wunder barer Strom der Ruhe und des Friedens entgegen. Es war wie sonniger, warmer Frühlingshauch. Ich lief hinunter in den Garten, staunte den Himmel, die Bäume, die Blumen an, alles frohlockte; Gott ist dein Vater durch Jesum, du bist nun in den besten Händen! Ich jauchzte laut. Es war der erste Lebensschrei der wiedergebornen neuen Kreatur.

Laugsam lernte ich Zeugnis von der Gnade meines Heilands

ablegen, langsam beten. Wie freute ich mich nun der so lange vergessen gewesenen Gesangbuchverse und Bibelsprüche aus meinen Kindertagen! In dem Maße, als ich beten lernte, ging es auch mit meinen Nerven besser. Allmählich kehrte etwas Arbeitskraft zurück. Natürlich wollte ich in den alten Verhält⸗ nissen weiterwirken, nur sollte in alles der Name Jesus hinein. Wo hätte aber Jesus, der Gekreuzigte, Raum in modernen Kunstblättern und Literatur- heftchen? Wo in Theatern, Gemäldeausstellungen

und Nachtkaffees? Eher schon konnte man in freien

Vorträgen zeugen. Doch merkte ich täglich deut⸗ licher: das neue innere Leben und der äußere Lebens- kreis paßten nicht zusammen. Als ich meinem ver⸗ trautesten Freunde, mit dem ich ein Jahrzehnt zu⸗ sammen gestrebt und gerungen hatte, eines Tages erklärte, ich wolle nunmehr nur noch nach der Bibel leben, kündigte er mir sofort die Freundschaft. Ahn⸗ liches vollzog sich nach allen Seiten. Dazu kamen die Versuche, mich wiedervernünftig zu machen Aber was konnte man einwenden? Nicht mehr als ich selbst wußte und früher gegen den Bibelglauben eingewendet hatte. Wo waren aber Entwickelungs⸗ lehre, Philosophie und Bibelkritik geblieben? Spur⸗ los vernichtet waren sie worden vom Hauche des lebendigen Gottes, der mich angeweht hatte mit lebenserneuernder Allgewalt. Zu diesem starken Gott schrie ich um einen Ausweg in die Zukunft, und Er erhörte mich.

Ich hatte in einer Stadt einen Vortrag über ZolaIbsenTolstoi gehalten und mich eben nachsinnend über das Widerspruchsvolle meiner Tätig⸗ keit zur Ruhe niedergelegt, als ich aus der Tasche meines an der Wand hängenden Überziehers eine Schrift herausragen sah. Nachforschend fand ich: Lebst du in der Gegenwart Gottes? von G. Steinberger. Ein gläubiger Student, den ich damals kennen gelernt hatte, mußte mir wohl die Schrift in die Tasche gesteckt haben. Sofort begann ich zu lesen, und während des Lesens überkam mich eine solche Flut von lichten Gottesschauern, daß ich nach her in dem dunkeln Zimmer wie in einem überirdisch erleuchteten Raume lag. Und plötzlich hieß es:Du mußt nach R. in die Schweiz zu Georg Stein- berger! Es war wie ein königlicher Marschbefehl Am nächsten Abend trug mich der Schnellzug in die Schweiz.

Der Aufenthalt in R.

war für mich von der allerentscheidendsten Bedeutung. Denn hätte mein beobachtendes Auge hier irgendwie Spuren der verhaßten Allerwelts-Sehnsucht oder gar der frommen Heuchelei gefunden, so wäre es um meinen jungen Glauben geschehen gewesen. Aber ich fand nichts als überströmende Liebe, kindliche Gläu⸗ bigkeit und wohlgefällige biblische Lebensordnung.

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