schaftlichen und historischen Materialismus überwand. Kants Lehre von der sittlichen Selbstgesetzgebung des Einzelmenschen wurde mir Anlaß zu glauben, jeder⸗ mann müsse sein eigner Priester, Richter und Gen⸗ darm in der Weise werden, daß alle Staats-, Rechts-, Polizei⸗ oder Parteiordnungen überflüssig würden. Die„freie Persönlichkeit in der freien Genossenschaft“ wurde mein ideales Kampfziel. Freilich, zwei Jahre später lag auch dieses Ziel als erkannter Irrtum hinter mir. Ich hatte die schmerzliche Einsicht ge— wonnen, die meisten der Menschen taugen nicht zu „freien Persönlichkeiten“, sondern bleiben Sklaven niederer Instinkte. Und doch hatte ich gerade unter den Anarchisten manche ehrlich ringende Seele ge— funden, die aufrichtig hungerte und dürstete nach der Gerechtigkeit, freilich weit ab vom Weg des Lebens. Etlichen von ihnen hat es der HErr nunmehr gelingen lassen, gleich mir, den Weg des Lebens zu finden.
Jedoch vorerst ließ mich Gottes Gnade noch den letzten, nötigen Irrgang antreten. Das war der Gang von Kant zu Nietzsche und durch Nietzsche zur Kunst. Glaubte ich nicht mehr an eine Freiheit für alle, so lernte ich doch nunmehr durch den Philo— sophen Nietzsche glauben an die Freiheit der einzelnen „freien, sehr freien Geister“. Das sind die Menschen, die alle hergebrachten Grenzen des Denkens und Handelns überstiegen haben und„jenseits von gut und böse“ zu leben suchen. Aus ihnen sollte der zukünftige, höhere Mensch, der sogenannte„Über⸗ mensch“, hervorgehen. Ihr Gott ist ihr wunderbares Ich und ihr Gottesdienst das Denken und Schaffen als fröhliche Kunst. Diesem Gottesdienst weihte ich nun meine Feder und ordnete nach ihm mein immer freier und stolzer werdendes Leben. Die letzten Rücksichten des alten Gewissens fielen. Auf dieser Geisteshöhe hörte jede Sünde auf, Sünde zu sein, wenn man sie nur mit dem nötigen erhabenen Selbst⸗ bewußtsein zu heiligen verstand. Hier galt nur eins: Raum allem starken, mutigen Leben, denn in ihm offenbart sich das Göttliche! Die natürliche Folge dieses hohen Lebens war: Verrohung des Gewissens, Verwirrung der Nerven, Sünde und Sündenfolge.
Jetzt wurde ich
nervenkrank, arbeits⸗ und denkunfähig. Die Folgen meines überstudierten, übernächtigten Lebens mit seinen Auf- und Ausbrüchen, Ent⸗ täuschungen und Sünden traten nun zu tage. Schlaf⸗ lose Nächte, schreckliche Angstzustände peinigten Leib und Seele und machten mich zur Ruine. So ging ein Jahr hin, und ein neues brach an.
Verzweifelt hielt ich das abgerissene Blättchen eines Abreißkalenders in den Händen ind— begann zu lesen:.
„Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes,
macht uns rein von aller Sünde“
(1 Joh. 1, 7.)
Das„Blut“?„Unfaßbar! Das war ja heidnisch— jüdischer Opfergreuel! Ein Gott, der Blut sehen will... Hinweg!“ Zerrissen flog das Blatt ins Kohlenfaß. Und dann„Sünde“! Was war mir „Sünde“? Ein Wörtchen in Gänsefüßchen, etwas für altmodische Leute, rein relativer Begriff, not⸗ wendiges Schattenspiel im Weltgemälde, Dissonanz, die sich auflöst im Weltakkord. Jedenfalls ist's „Sünde“, schloß ich meine Betrachtungen, im Leide zu verzagen und feig zu Kreuze zu kriechen. Aber ein anderes Mal las ich:
„Die auf den HErrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“(Jes. 40, 31.)
O auf neue Kraft harrte ich wohl, aber nicht auf einen„HErrn“! Wohl glaubte ich wieder an einen Gott; aber den suchte ich nicht über mir, sondern in mir: in meinen Gaben, in den Sehn— suchten und Leidenschaften meiner Seele, in meinem bis zu den Grenzen des Alls ausgedehnten Ich, das sich mit allem Leben liebend eins wußte, und was dergleichen große Redensarten mehr waren. Mir
gehorchen, hieß deshalb Gott gehorchen: Was sollte da ein HErr„über“ mir? Aber lag nicht mein
Ich krank und bankrott im Stuhle? Wo war da der Gott„in“ mir? Nach langem Nachsinnen stellte ich das Blättchen zu weiterer Prüfung auf meinen Schreibtisch. Doch bald griff ich wieder danach, strich
entschieden das Wörtlein„HErr“ durch und stellte
das Blatt von neuem auf den verstaubten Tisch. Prüfend begann ich die Evangelien
zu lesen. Aber wie ganz anders standen die Worte nun in der Bibel als früher, wo ich Jesum als Sozialdemokraten, Anarchisten und übermenschlichen Lebenskünstler zu studieren suchte! Zum erstenmal in meinem Leben war ich wirklich mühselig und be— laden zu Jesu Worten gekommen. Wenn Er nun mein gekreuzigter Heiland werden könnte? Wenn es doch wahr wäre mit dem Blut...
Aber dann sprang ich plötzlich auf und holte mir aus der langen Bücherreihe Nietzsches„Antichristen“ heraus. Ich wollte doch nun endlich sehen, wer recht hätte. Doch da las ich in wohlbekannten Sätzen, das Christentum sei nur für die„Schwachen“, „Mißratenen“,„Überreizten“,„Erschöpften“,„die das Unglück mit dem Begriff»Sünde« beschmutzen“. „Es steht niemand frei, Christ zu werden; man wird zum Christentum nicht»bekehrt«— man muß krank genug dazu sein.“ Ich zitterte: War ich nicht ein solcher? Und deutlich hörte ich eine spitze Stimme in mir fragen:„Wenn du gesund wärest, würdest du dann diese Blätter lesen?“
Ich wankte und taumelte gegen einen Spiegel, starrte mein Bild an und erwartete den Ausbruch des Wahnsinns.
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