Ausgabe 
19.12.1920
 
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Ich werde einen besseren Leib empfangen, einen Auf. erstehungsleib, einen verklärten Leib. Ja, meine Freunde, es ist bei mir wie bei dem Apostel:Sterben ist mein Gewinn. Ist jemand in Christo, so mag der Tod getrost kommen! D. L. M.

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Auf der letzten Station.

Einst besuchte ich einen jungen Bildhauer im St. Hedwig ⸗Spital zu Berlin, der seinerzeit ein fleißiger Zuhörer des Wortes Gottes und ein Besucher unseres Jünglingsvereins gewesen war. Längere Zeit vermißte ich ihn, bis mir ein Brief von seiner Hand aus dem Spital genügenden Aufschluß gab. Er freute sich herzlich bei meinem Kommen; er teilte mir mit, daß er an der Schwindsucht daniederliege. Die Frühlings- sonne lächelte so freundlich lockend durchs Fenster des Krankenzimmers, während ich an seinem Bette stand, und gern hätte er sich noch einmal an der wonnigen Luft erquickt; aber er war's auch zufrieden, alles dies mit dem ewigen Frühling ohne Wechsel zu vertauschen. Einer der übrigen Kranken, auch ein Schwindsüchtiger, dessen sterbensmattes Gesicht nur zu deutlich den nahen Tod erkennen ließ, hielt fest und zäh an der Hoffnung auf Genesung. Unser lieber Freund aber wußte genau, ohne darüber zu erschrecken, daß er auf der letzten Station angekommen sei. Ja, er sagte seinen Arzten, daß er wohl Ostern nicht mehr über⸗ leben werde. Und so war es auch. Ehe die Sonne am Ostertag unterging, war dieser junge Streiter zu Hause angekommen. Er starb in der festen Zuversicht, daß er, gewaschen im Blute des Lammes, seinen HErrn schauen dürfe.

Und nun, lieber Leser, wie wird dein Ende sein?

Dies kannst du jetzt schon gewiß wissen, wenn du

dein gegenwärtiges Leben im Lichte des Wortes Gottes einer genauen Prüfung unterziehst. Denn wer selig im HErrn sterben will, der muß auch im HErrn leben. Du gibst dich vielleicht dem Gedanken hin, du lebst noch lange, zur Bekehrung sei es noch Zeit. Aus was für Gründen glaubst du dies? Nichts ist ungewisser als diese Hoffnung. Gedenke daher an die letzte Station. Unser Leben ist ja eine Reise. Von dem Augenblick unseres Daseins an geht es unaufhaltsam dem Grabe der Ewig⸗ keit entgegen. Wie der Kahn auf dem Strome leicht und schnell und ohne viel Geräusch dem Ziele ent⸗ gegengleitet, so auch unser Leben. Das Bächlein eilt in den Strom, der Strom in des Meer; der Mensch, ob er daran denkt oder nicht, eilt seiner letzten Station der Ewigkeit entgegen. Schnell⸗ züge bringen uns in rasender Eile an Landschaften, Dörfern und Städten vorbei, und ehe man es oft gewahr wird, ertönt der Ruf:Aussteigen! Ebenso rasch fährt unser Leben dahin. Wie schnell ging es nicht auf den Schwingen der Zeit durch die lieblichen Gefilde unserer unvergeßlichen Kindheit! Ehe wir

uns versahen, lagen auch schon die grünen Hügel, die malerischen Täler, die lieblichen Berge mit ihrer winkenden Fernsicht, die ganze Wonne unseres Jugend. landes hinter uns. Noch eine kleine Spanne Zeit, und wir sind am Ende unserer Reise auf der letzten Station angekommen.

Wie sich da doch alles ändert! Da ist der Reiche wie der Bettler arm daran, wenn der Heimatsschein für die obere Stadt nicht vorgewiesen werden kann Alle Ehrenzeichen der Welt erbleichen hier und er weisen sich als Schaum. Welche enttäu'chte, über. raschte, hoffnungslose und schmerzdurchfurchte Gesichter zeigen sich auf der letzten Station, wenn derZug unseres Lebens ins Stocken gerät! Ein geheimes Grauen durchzittert die meisten, die kurz zuvor noch so leichtsinnig und oberflächlich von der Ewigkeit redeten. Nur wenige haben den Mut, auszusteigen, doch der Schaffner gebietet und sie müssen.

Wie verklärt sind aber die Gesichter derjenigen, die sich freuen, endlich nach der Arbeit des Tages, nach des Kampfes Schwüle, nach so mannigfaͤcher Probe und Sichtung den erstgebornen Bruder zu sehen und daheim zu sein allezeit bei dem HErrn!

Lieber Leser, schlage dein Kursbuch, die Bibel, nach und prüfe dich, auf was für einer Strecke du fährst. Siehe ja zu, ob deine Fahrkarte richtig ist, und ob sie den Stempel Gottes trägt. Bringe deine Reisepapiere in Ordnung! Suche Jesum und Sein Licht! 0

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Zum Jahresschluß.

Siehe, meine Tage sind einer Hand breit vor Dir Pf. 39, 6.

Manche ernste Frage weckt der Jahreswechsel in den Herzen aller derer, die mit Mose, dem Manne Gottes, haben beten gelernt:Herr, lehre uns unsere Tage zählen, auf daß wir ein weises Herz erlangen! Wir blicken rückwärts; 366 Tage liegen wieder hinter uns. Jeder von ihnen hat seine Schrift eingeschrieben auf den Blättern der Tagebücher, die droben geführt werden von einer untrüglichen Hand und die einmal aufgetan werden, wenn die große Abrechnung erfolgt Jeder von ihnen hat seine deutliche Spur auch in unserem Leben zurückgelassen in dem, was wir ge worden oder nicht geworden sind in der Zeit, die uns gegeben war zur Zubereitung für die Ewigkeit. Wie viele Verkläger mögen da gegen uns auftreten? Wie groß mag die Last unserer Schulden, Über. tretungen und Versäumnisse sein, wenn diese 366 Tage im einzelnen ihre Stimme wider uns erheben! Und was wird die Gesammtsumme, das Gesamtresultat sein? Hat der Feigenbaum in diesem Jahre die so oft vergeblich gesuchte Frucht gebracht? Ist es zur gründlichen inneren Umkehr und Erneuerung durch Gottes Geist bei dir gekommen, lieber Leser? Und was hat unser anvertrautes Pfund in dem verflossenen

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