Christus verspottet. (Matth. 27, 39—44.)
Unter den Leiden des HErrn nahm der Ihm zugefügte Spott einen großen Platz ein. Im Laufe weniger Stunden wurde Er viermal öffentlich ver⸗ spottet; zuerst in Kaiphas' Saal, dann in Herodes' Hause, darauf im Richthause und zuletzt noch auf Golgatha, da Er am Kreuze hing. Bei dieser letzten Gelegenheit vereinigten sich Menschen aus allen Klassen dazu: die Obersten und das Volk, Juden und Heiden, Soldaten und Bürger verspotteten den HErrn der Herrlichkeit— sogar der eine Schächer zeigte durch seine Schmähreden, daß er den HErrn ganz für seinesgleichen, ja noch für schlimmer hielt. Wie verschieden von dieser Szene auf Erden ist die, wovon Er jetzt im Himmel Zeuge ist, wo Wesen aller Art, wo Herrschaften und Throne, Fürstentümer und Mächte einstimmen in das Lied zu Seiner Ehre und Anbetung!
Die gottlose Menge spottete des HErrn auf ver⸗ schiedene Weise: mit spöttischen Gebärden, denn sie schüttelten ihre Häupter; durch spöttisches Tun, denn die Kriegsknechte kamen und boten Ihm Essig an(Luk. 23, 36); und über alles durch Hohn⸗ worte. Niemand scheint aber den Hohn mehr aus⸗ gesprochen zu haben als die Priester, Schriftgelehrten und Altesten; statt den Sohn Gottes selbst anzu⸗ reden, sprachen sie untereinander und zu dem Volke, und es ist ja empörender, unsere Feinde wider uns zu anderen sprechen zu hören, als wenn sie die⸗ selben häßlichen Worte an uns selbst richten. FJesus hörte, wie die Spötter unter Seinem Kreuze zu den Umstehenden sagten:„Anderen hat Er geholfen, Sich selber kann Ernichthelfen!“ Sie suchten es dadurch in Zweifel zu ziehen, ob Er wirklich wohl anderen geholfen habe, da Er Sich selbst nicht helfen könne. Wie töricht aber war solch ein Versuch! Mußten nicht die vielen von Blind⸗ heit und allerlei Krankheit Genesenen durch alle Straßen Jerusalems solchen Spott Lügen strafen? Mußten es nicht des Hohenpriesters eigne Knechte tun, die noch vor kurzem, noch den Abend vorher, Zeugen von der helfenden Macht des HErrn gewesen?
O und wären alle, die Er vom ewigen Tode errettet, als Zeugen Seiner Macht aufgetreten, welch eine glänzende Versammlung würde dann die Schädel stätte umringt und bedeckt haben! Es geschah jetzt nicht, sie werden aber dereinst erscheinen in großen Scharen mit denen, die zu der Zeit noch nicht lebten und auch jetzt noch nicht geboren sind; sie alle werden in einem Chor rufen:„Er hat uns geholfen, Er hat uns seliggemacht!“ Selig, wer von den Lesern auch sagen kann:„Er hat auch meiner Seele vom Tode zum Leben geholfen!“
Er will so gern uns allen helfen, und nur
Sich selber wollte Er nicht helfen, weil Er wußte, daß, wenn Er Sich selber hülfe und vom Kreuz
herunterkäme, Er anderen nicht helfen könnte; wäre Er vom Kreuz herniedergekommen, wir hätten nie errettet werden können.
Muß es dem HeErrn nicht in innerster Seele weh getan haben, die, für welche Er starb, sagen zu hören:„Bist Du Gottes Sohn, so steige herab vom Kreuz!“ Ja, hätten alle Satansengel sich im Spotten verbunden, solcher Hohn wäre Ihm nicht so schmerzlich gewesen als der von Menschen! Wie leicht hätte Er Sich Seinen un⸗ dankbaren Geschöpfen als der Sohn Gottes zeigen können; Er hätte nur ein Wort zu sprechen brauchen, und die Nägel wären aus Seinen Händen und Füßen gefallen. Aber Liebe fesselte Ihn ans Kreuz, Liebe zu Seinen Feinden, welche die herausforderndste, lästerlichste Sprache führten. O ist es nicht eine wunderbare, unbegreifliche Liebe?
Laßt uns oft im Geiste nach Golgatha gehen und am Fuße des Kreuzes unser blutendes Lamm anschauen!
Es hat gelitten für dich, für mich!
2 Der Tebensfürst.
„Aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet, den hat Gott auf⸗ erweckt von den Toten.“
Apg. 3, 15. Die Juden verwarfen und töteten Jesum, den Fürsten des Lebens. Vielleicht hätten sie das nicht getan, wenn Er als weltlicher König unter ihnen aufgetreten wäre. Weil Er aber ihren irdischen Hoffnungen und Erwartungen nicht entsprach, viel mehr bestimmt erklärte, Sein Reich sei nicht von
dieser Welt, sondern ein Gottesreich, ein Kreuzes—
reich, das Reich der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe, in das man nur durch Sinnesänderung und Glauben, durch Abkehr von der Welt und aller ungöttlichen, sündigen Lust und durch Hinkehr zu Ihm, dem Reinen und Heiligen, gelangen könne, darum wollten sie sich Seiner Herrschaft nicht unter⸗ werfen, sondern sie verwarfen, lästerten und ver⸗ spotteten Ihn, schlugen Ihn ans Kreuz und ver⸗ wahrten Ihn, nachdem sie Ihn getötet hatten, in einem mit Stein und Amtssiegel verschlossenen Grabe.
Zu dem allen schwieg Gott und ließ die Ver⸗ blendeten gewähren. Aber am dritten Tage nach der Kreuzigung weckte Er Seinen im Grabe ruhenden Sohn aus dem Todesschlummer auf; und als trauernde
Weiber zum Grabe kamen, tönte es ihnen aus
Engelsmunde entgegen:„Was sucht ihr den Leben⸗ digen bei den Toten? Er ist nicht hier, Er ist auferstanden!“
Ja, Er ist auferstanden und lebt! Er lebt immerdar, und wir beten Ihn an als den von Gott auferweckten Fürsten des Lebens und verehren Ihn demutsvoll als das erhöhte und verklärte Haupt


