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Gießen, Dienstag, den 31. August
Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
Postetg. Nr. 3819— Telephon⸗Nr. 112.
Medaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Sozialdemokratische Landes⸗
konferenz für das Großherzogtum Hessen. * Gießen, 29. August 1897. Heute Vormittag 10 Uhr wurde durch den Reichstags⸗ abgeordneten Ulrich⸗Offenbach die diesjährige Landes⸗ konferenz der Sozialdemokraten des Großherzogtums Hessen im Lokale des Herrn Gastwirt Orbig eröffnet. Die Feststellung der Präsenzliste ergab die Anwesenheit bon 66 Delegierten, durch welche 62 Orte vertreten sind. Auf der Tagesordnung standen folgende Punkte: 1. Ge⸗ schüftsbericht des Landeskomitees. Referent: Genosse Ulrich⸗Offenbach. 2. Rechnungsablage. Referent: Ge⸗ nosse Orb⸗ Offenbach. 3. Berichte der Provinzial⸗Ver⸗
treter. Referenten: Die Genossen Berthold-Darm⸗ stadt, Stock⸗Mainz, Orbig⸗Gießen. 4. Bericht der Landtags⸗Fraktion. Referent Genosse Dr. David⸗
Mainz. 5. Die bevorstehende Reichstagswahl. Genosse Haas⸗Mainz. 6. Der Parteitag in Hamburg. Referent: Genosse Müller⸗Darmstadt. 7. Vorliegende Anträge. 8. Wahl des Landes⸗Komitees.— Aus dem Geschäftsbericht des Herrn Ulrich ist zu entnehmen, daß dle Partei im verflossenen Jahre durch die rege Agitation der Genossen im Großherzogtum Hessen eine erfreuliche Zunahme zu verzeichnen hat. Die Rechnungsablage er⸗ gab eine Einnahme von 1063,90 Mk., eine Ausgabe von 793,62 Mk., sodaß ein Ueberschuß von 270,38 Mk. ver⸗ bleibt.— Die Herren Berthold-Darmstadt, Stock- Mainz und Orbig⸗Gießen, welche als Vertreter Bericht elstatteten, wußten alle von Fortschritten in der Partei⸗ bewegung zu berichten.— Das Referat des Herrn Dr. Dapvid⸗Mainz über die Landtagsfraktion, sowie des⸗ lenigen des Herrn Haas⸗Mainz über die bevorstehende Reichstagswahl wurden mit großen Beifall entgegenge⸗ nommen. Es gelangten u. a. folgende Anträge zur Be⸗ ratung:
Die Landeskonferenz wolle beschließen, zur Herbei⸗ führung einer einheitlichen Organisation im Großherzog⸗ tum Hessen, das Landeskomitee zu beauftragen, eine Bei⸗ tragsmarke à 10„ anfertigen zu lassen, wovon 2 8 der Landeskasse, 3 3 der Lokalkasse und 5 5 der Kreis— kasse zufallen sollen.
„Sämtliche zur Landesorganisation gehörigen Lokal⸗ und Kreisorganisationen führen, unter Beseitigung ihrer derzeitigen besonderen Marken, eine allgemeine vom Landes⸗ Komitee ausgegebene Beitrags⸗ resp. Agitationsmarke ein. Diese Marke wird vom Landeskomitee an die Vorstände der Kreisorganisationen für 2 3, von den Letzteren an die Vorstände der Lokalorganisationen für 5% und von diesen an die einzelnen Genossen für 10& abgegeben.“
„Es wird vom Landeskomitee eine Wochenbeitrags⸗ marke über 5„ herausgegeben. 1 6 davon fließt in die Landeskasse, 2 3 fließen in die Kreiskasse und 2 in die Ortskasse der Organtisationen.“
Sämtliche Anträge wurden nach langer Debatte abge⸗ lehnt, sodaß es bei der alten Bestimmung nach§ 11 des Organisations⸗Statuts bleibt, welcher lautet:
Die bei dem Landeskomitee durch die Bestimmungen des§ 2 der Satzungen entstehenden Kosten werden durch Beiträge der Parteigenossen gedeckt und zwar pro Mit⸗ glied und Vierteljahr 10.
Mit einem Hoch auf die sozialdemokratische Partei wurde die Konferenz geschlossen. Die neu umgebauten Lokalitäten waren den ganzen Tag überfüllt.
Lokales und Provinzielles.
„Gießen, 30. August. Gerichts ⸗Assessor Pfeifer sst vom 3. September an vertretungs⸗ weise zur Wahrnehmung der Geschäfte des Amtsanwalts beim Amtsgerichte Gießen bestellt.
* Gießen, 30. August. Von den Verhand⸗ lungen der großh. Handelskammer. Ende Sep⸗ tember, oder Anfang Ottober l. Is. findet in Mainz ein hessischer Handelskammertag statt, auf dessen Tagesordnung 1. g, der von der Kammer beantragte Gegenstand:„Ge⸗ wührung von 25 Kllogramm Freigepäck auf Fahrschein⸗ hefte im inländischen Verkehr, sowie eine Besprechung über bie event, über die Lage des Kleinhandels zu veranstalten⸗ den Erhebungen stehen. Zu erstem Punkte erstattet der Ver⸗ treter der Kammer das Referat. Als Delegierte hierzu werden der Herr Vorsitzende Kommerzienrat Koch, sowie Herr Balser gewählt. Die Kammer hat am 7. d. Mts. bel königl. Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. einen An⸗ trag auf Herstellung einer Unterführung vom Personen⸗ bahnhofe der Main⸗Weserbahn zum neuen Güterbahnhof, resp. der Bieberthalbahn gestellt. Dieser Antrag ist von genannter Direktion abgelehnt worden. Die Kammer ist der Ansicht, daß diese Verkehrserleichterung nicht zu entbehren sei und wird darum ferner für die Verwirk⸗ lichung derselben in geeigneter Weise eintreten. Zum Ver⸗ treter bezw. Stellvertreter im Bezirks⸗Eisenbahnrat in Frankfurt a. M. werden die Herren Koch und Heichelheim für die nächsten drei Jahre gewählt.— Am 1. Oktober L. Js. findet die Eröffnung der Neubahnstrecken Friedberg⸗ Belenheim, Hungen und Beienhelm⸗Nidda statt. Das Mähere über die Güterabfertigung usw. ist auf der Kam⸗ mer zu erfahren.— Die von der Stadt Barletta für den Mal d. Js. zugesagte Wiederaufnahme der Auslosung von Antellscheinen ihrer Loosanleihe vom Jahr 1870 ist unterblieben und es erscheint die Erfüllung der von der Stadt Barletta übernommenen Verpflichtungen vorläufig
Referent:
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Fetertagen.
Preis der Auzeigen t 10 Pfg. für die spaltige Petltzeile.
die Maschineneinfuhr nach Indien und eine Mitteilung über zweifelhafte Firmen in den Niederlanden zugegangen; Interessenten können im Geschäftszimmer der Kammer hier⸗ von Kenntnis nehmen.
* Gießen, 30. August. Das gestern ein⸗ geweihte israelitische Gemeindehaus ist nach Plänen der Architekten Stein und Meyer erbaut. Es stellt sich dem Beschauer als Putzbau in maurischen Formen dar und gereicht unserer Stadt zur Zierde. Im Parterre des Gebäudes ist ein Betsaal, für 100 Personen Raum ge⸗ während, ein Klassenzimmer für Schulzwecke, das Sitzungszimmer für den Vorstand und ein Almosenzimmer für durchreisende bedürstige Glaubensgenossen untergebracht. Im Betsaal ist zur Ehrung des Kommerzienrats Heichelheim und dessen Ehefrau eine Tafel angebracht; be— kanntlich stiftete das Heichelheimsche Ehepaar aus Anlaß ihrer silbernen Hochzeit einen nam— haften Betrag für den Bau des Hauses. Eine Treppe hoch befindet sich die Wohnung für den Religionslehrer der Gemeinde, während die Mansarde als spätere Dienerwohnung vorge— sehen ist.
* Gießen, 30. August. Für den Monat September sind als Beisitzer des Gewerbe⸗ gerichts für die Arbeitgeber Uhrmacher Otto Schmidt, für die Arbeitnehmer Drechsler Bock bestellt.
* Gießen, 30. August. Nach Mitteilungen der großh. Zentralstelle für das Gewerbe sind im Großherzogtum Hessen pro 1895/96 für sämt⸗ liche gewerbliche Uuterrichtsanstalten, einschließlich der größeren Schulen zu Darmstadt, Mainz und Offenbach, 265 167 1 aufgewendet, und zwar aus Staatsmitteln 130 307 A4, 81 533. aus Zuschüssen der Ortsgewerbevereine, Sparkassen und der Gemeinden und anderer Körperschaften und 53 237. aus Schulgeldern. Der Gesamt⸗ aufwand belief sich um 11 000 4. mehr als im Vorjahr. Außerdem wurden die Lehranstalten von den betreffenden Gemeinden unterstützt durch freie Hergabe von Schullokalen, Beleuchtung und Heizung.
* Gießen, 30. August. Unter großem An⸗ drang des Publikums wurden gestern Nachmittag 3 Uhr die Opfer der noch immer das Tages⸗ gespräch bildenden Familienkatastrophe, der Kaufmann Noll nebst seinen drei Kindern,
beerdigt. Die Grabrede hielt Herr Pfarrer Schlosser. Wie uns mitgeteilt wird, hat sich das Befinden der unglücklichen Frau Noll ge— bessert.
* Gießen, 30. August. Gestern Vormittag brach im Anatom ie gebäude, an der Bahnhof⸗ straße gelegen, auf unerklärliche Weise Feuer aus. Mit Hilfe von Postbeamten, welche den Brand zuerst wahrnahmen, wurde derselbe ge⸗ löscht. Von der Sammlung ausgestopfter Vögel sind sehr wertvolle Exemplare vernichtet.
* Gießen, 30. Aug. 99 10 5 5 50 Alkerschen Hofraithe in der Südanlage wurde in 5 ede von der. Nachbarschaft am Samstag Mittag ein auffälliges Rauchen wahrgenommen. Man machte schleunigst die Bewohner des Hauses darauf aufmerksam, welche durch ihr eiliges Dazwischenkommen ein gräß⸗ liches Unglück verhüteten. In der Wohnung der erblindeten Frau Zinßer waren an der Thür hängende Kleider in Brand geraten und trotzdem die Retter vor Qualm kaum den Raum betreten konnten, hatte die Blinde von der Gefahr, in der sie schwebte, nichts gemerkt. Das Feuer wurde, nachdem man die Bewohner aus dem Raum entfernt hatte, leicht gelöscht. N
* Gießen, 30. August. Nach dem Bericht für 1896/97 der Verwaltung der Unter- stützungskasse der Hessischen Landes- Irrenanstalten erhielt die Kasse einen Staats⸗ beitrag von 1000., Beiträge aus Spar⸗, Kreis⸗, Gemeinde⸗, Armen-Kirchenkassen usw. mit 2965.04 4, darunter aus Starkenburg 1306,54 J Oberhessen 907,50, Rheinhessen 751. Im ganzen gingen ein von Privaten und öffentlichen Kassen 14 301,38„ darunter aus Starkenburg 6451,73, von 7543 Gebern, aus Sberhessen 5040,88, von 15012 Gebern, aus Rheinhessen 5202,66.. von 7101 Gebern; von den 395 Unterstützungen fielen 271 auf Starkenburg, 59 auf Oberhessen, 65 Rheinhesseu. Der Gesamt-Abschluß für 1896/97, die Kasse zeigt eine Einnahme von 26 156,52, eine Ausgabe von 24 573,88.; das Vermögen am Ende des in Rede stehenden Rechnungsjahres war 62 537,50. Die Zahl der erklarten Freunde der Anstalt ist letzthin um 4646 und damit auf 21 556 gestiegen. Die freiwilligen
1 Frage gestellt, zumal die über die Neuordnung des Ausleihedienstes eingeletteten Verhandlungen ins Stocken gergten sind.— Der Kammer ist ferner ein Bericht über
ben erreichten den Betrag von 18 368,27 KA. Während der seit der Gründung der Kasse bis
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Apedbition: Kreuzplatz Nr. 4.
jetzt verflossenen 23 Jahre sind über 201000.
an Unterstützungen verausgabt worden.
* Gießen, 30. August. Was gilt als Brief? Häufig findet man im Publikum die Ansicht vertreten, daß Sendungen bis 250 Gramm, dem Meistgewicht der Briefe, auch als Briefe verschickt werden können, gleichviel, wie es um die Form und die äußere Beschaffenheit steht. Das ist jedoch nicht der Fall.§ 2 der Post⸗ ordnung(Ausführungsbestimmung) besagt:„Zur Beförderung als Brief sind nur solche Sendungen geeignet, die ihrer Form und Beschaffenheit nach in die Briefbunde verpackt werden können und bei denen ohne Beschädigung des Inhaltes eine deutliche Stempelung, sowohl auf der Vorder— wie auf der Rückseite, möglich ist. Briefe mit Pappkästchen usw. dürfen in ihren Ausdehnungen 20 Centimeter Länge, 10 Centimeter Breite und 5 Centimeter in der Höhe nicht überschreiten. Gegenstände in Rollenform, mit Ausnahme von Drucksachen und Mustersendungen, dürfen zur Beförderung als Briefsendungen nicht genommen werden.“
K. Lollar, 30. Aug. Unser Ort stand gestern unter dem Zeichen der Kirmes. Von außer⸗ halb hatten sich zahlreiche Besucher eingestellt, unter denen wiederum das Gießener Publikum am meisten vertreten war. Allen Besuchern fiel es besonders auf, daß ein Teil unserer Jugend, insonderheit diejenigen jungen Leute, welche in der Gastwirtschaft Weinrich ihr Kirchweihfest abhielten, nachmittags durch einen kleinen Festzug das Vergnügen eröffneten. Ein mit Feldfrüchten sinnreich ausgeputzter Erntewagen, auf dem junge Mädchen und Burschen im Schnitterkostüme Platz genommen, wurde unter Vorantritt einer Musik— kapelle, gefolgt von der munteren Jugend, durchs Dorf zum Kirmeslokal gefahren, worauf das Tanzbeinschwingen seinen Anfang nahm. In den anderen Kirmeslokalitäten ließen die Ge⸗ sangvereine ihre munteren Lieder erschallen, während im allgemeinen das Karoussell des Herrn Krämer aus Biedenkopf, eine Schießbude und sonstiger„Mumpitz“ für Abwechslung sorgten. Wie wir hören, sind die Kirchweihfeste in Rod⸗ heim a. d. B., Alten-Buseck und Klein⸗ Linden nicht minder amüsant und ohne jeden störenden Zwischenfall verlaufen.
* Bad Nauheim, 29. Aug. Vom 20. bis 26. ds. Mts. sind 620 Fremde, also täglich durchschnittlich 88 Fremde, angemeldet worden. Die Gesamtfrequenz hat jetzt die Höhe von 16 212 erreicht; der Vorsprung gegen das Vor⸗ jahr beträgt 2285. Von Ausländern sind Russen und Engländer am stärksten vertreten. Bäder sind bis jetzt 192 513 verabfolgt worden, 23 213 mehr als zur entsprechenden Zeit des Vorjahres.
* Büdingen, 29. August. Hier ereignete sich im Sandsteinbruch ein schrecklicher Unglücks— fall. Ein Arbeiter aus Rinderbügen und ein anderer aus Wolferborn wurden von herab— fallendem Gestein verschüttet und tot unter der Schuttmasse hervorgezogen unter großer Gefahr für die Rettenden. Beide sind verheiratet; der erstere hinterläßt eine Witwe mit drei Kindern, der andere eine Witwe mit einem Kinde.
* Darmstadt, 29. August. Die„Heils⸗ armee“ hält gegenwärtig allabendlich im Hinter⸗ hause des Gebäudes Waldstraße 30 Versamm⸗ lungen ab. Bänke mit Lehnen und ein rot draviertes Pult nebst einer Bußbank geben dem Inneren des betreffenden Saales eine Art kirch— lichen Aussehens. Die vorgestrige Versammlung war nur mäßig besucht. Drei Mädchen im Alter von 16 bis 20 Jahren in der Kleidung der „Heilsarmee“ eröffnen dieselbe mit Gesang eines Chorals. Die jüngste der Damen,„Kapitänin“ Milroy, schilderte der Versammlung eingehend, wie sie zur Heilsarmee gekommen. Deutschland sei schlecht zu„bearbeiten“ für die Sache der „Heilsarmee“, trotzdem werden sie bis zur letzten Faser bei dieser aushalten. Die weiter auf⸗ tretende„Adjutantin“ führte alle Mängel der heutigen Welt den Zuhörern vor und empfahl als einzige Rettung die„Heilsarmee“ und ihre Theorien. Zum Schlusse forderte die Rednerin die anwesenden„Sünder“ und„Sünderinnen“ auf, zur Bußbank zu kommen und Buße zu thun, doch dieser Einladung leistete niemand Folge. Nach einem weiteren gemeinsamen Gesange trat ein Herr aus Frankfurt auf, der, wie es heißt, vor vier Tagen„bekehrt“ worden war. Er schilderte, jedoch nicht in Frankfurter Mundart, seine betreffenden Erlebnisse, dabei vielfach vom Halleluja der Salutistinnen be⸗ gleitet. Nach einem Schlußgesange, einer Teller⸗ sammlung und nochmaliger erfolgloser Auf— forderung der Anwesenden
die Versamulung geschlossen.
* Mainz, 28. August. Die diesjährige Rechnung des städtischen Pfandhauses schließt zum ersten Male mit einem Defizit von 5000 A ab. Es sind dedeutend weniger Pfänder zum Versatz gekommen, als in den früheren Jahren. Die Ursache dieser erfreulichen Er⸗ scheinung, die auch bei den Pfandhäusern anderer Städte wahrgenommen wird, dürfte zum Teil in der Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse
liegen. Vermischtes.
— ueber Indianer ⸗ Chirurgie macht ein Anthropologe in der Newyorker Zeitschrift„Sclence“ elne merkwürdige Mitteilung, die auf einem persönlichen Er⸗ lebnis des Verfassers bei dem Stamm der Zuini⸗Indianer beruht. Ein Indianer hatte sich eine Quetschung am Fuße zugezogen, die, wahrscheinlich durch Hinzutritt einer Blutvergiftung, zu einer heftigen Entzündung Anlaß ge⸗ geben hatte; die Erkrankung verbreitete sich über den ganzen Schenkel, sodaß das Bein über der verletzten Stelle ganz abgestorben erschien. Ein anderer Indianer über⸗ nahm daher die Overation des erkrankten Gliedes, die er mit großer Geschicklichkeit durchführte, wobei er die Adern und Bänder sorgfältig zu vermeiden wußte. Zunächst wurde die Hauptwunde mit Messern aus natürlichem Glase(Obsidian) geöffnet und mit ähnlichen Instrumensen von allen erkrankten Stellen im Fleische und an den Knochen gesäubert, dann mit einer antiseptischen() Flüssigkeit, die aus gekochten Weidenwurzeln bereitet wird, sehr gründlich ausgewaschen. Kein erfahrener Arzt hätte diese Operation sicherer und zweckmäßiger ausführen können, als der alte Indianer, und der Erfolg war dementsprechend auch ein vollständiger und führte zu einer vollkommenen Gebrauchsfähigkeit des erkrankten Gliedes. Nun höre man aber, auf Grund welcher Vorstellungen diese zweck⸗ mäßige Wundbehandlung vorgenommen wurde. Zuerst mußte das alte Blut aus dem Gliede entfernt werden, damit sich neues Blut bilden konnte; dieses neue Blut erzeugt nun wieder neues gesundes Fleisch. Ebenso wie aus dem Blut Fleisch entsteht, so entsteht das Blut oder sogar das Leben überhaupt aus Wasser, und daher muß die Wunde mit Wasser ausgewaschen werden, um dem erkrankten Glied neues Blut zuzuführen. Da nun die Weide am Wasser wächst, so müssen ihre Wurzeln natür⸗ lich besonders viel von dem lebenskräftigen Element ent⸗ halten. Die Thatsache, daß ein Aufguß von Weiden⸗ wurzeln eine rote Farbe besitzt, kann die Vorstellung, daß Blut aus demselben entsteht, natürlich nur verstärken. Die Eiterung wurde der Wirkung von Würmern zuge⸗ schrieben, und die sorgfältige Beseitigung des kranken Fleisches hatte den Hauptzweck, nicht nur die Würmer selbst, sondern auch ihre Eier zu beseitigen. Zum Schluß der Operation kam noch die Hauptsache: es wurde noch ein Fetisch auf die Wunde gelegt, dessen wunderthätige Kraft die letzten Spuren der Krankheit vertilgen sollte. Diese Erzählung ist gewiß ein interessantes Beispiel dafür, daß vollkommen wirre und phantastische Vorstellungen u ganz vernünftigen Handlungen führen können.
— Ein Uhrmacher bei Menelik. Der aus der Gefangenschaft in Schoa nach Turin zurückgekehrte Jeilio Argenti macht interessante Mitteilungen über seine Beobachtungen am Hofe des Negus in Abessinien. „Menelik wollte wissen, welches Handwerk ich treibe. Als er hörte, daß ich Uhrmacher sei, befahl er mir, die Lum⸗ pen, die mich bedeckten die traurigen Reste meiner Uniform— auszuziehen und gab mir ein neues, blendend weißes Gewand. In Addis-Abeba mußte ich dann eine große Uhr, die den Turm seines Palastes ziert, in Ord⸗ nung bringen. Das Arbeitswerkzeug fanden wir bei einem in Entotto wohnenden Amerikaner. In den zehn Monaten, die ich in dem Palaste arbeitete, brachte ich nicht weniger als 3000 Uhren des Negus und der Heerführer in Ord⸗ nung. Die Herren hatten sich die Uhren auf dem Schlachtfelde von Abba Garima verschafft, indem sie unsere Soldaten ausplünderten. Der Negus besaß prachtvolle Uhren, die ihm von König Humbert und anderen Monarchen, Fürsten und europätschen Reisenden geschenkt worden waren. Im übrigen ist es unglaublich, was der Negus im Magazin seines Palastes besitzt. Von Petro⸗ leum bis zu Uhren, von Schuhen bis zu Möbeln, Waffen Stoffen ist alles da. Menelik und seine Familie leben sehr methodisch. Der Negus, der von seinen Unterthanen verehrt wird wie ein Heiliger— da man ihn für einen Abkömmling Salomons und der Königin von Saba hält — steht frühzeltig auf und besucht die Marlenkirche. Nach der Rückkehr aus der Kirche besichtigte der Negus die Ar⸗ beiten von uns Gefangenen Tischlern, Schlossern, Uhrmachern usw.— dann gab er, vor dem Palast auf seldenen Kissen sitzend, den zahlreichen Heerführern Audienz, die aus allen Teilen des Reiches kamen in Begleitung von berittenen Askaris.— Die Kaiserin Taitu, eine ält⸗ liche, dicke, aber immer noch hübsche Frau, lebt sehr zurück⸗ gezogen. Einen großen Teil ihrer Zeit verbringt sie mit ihrer Tochter Zurl⸗Zaritu zu, die den Fürsten Uoi geheiratet hat. Zuri⸗Zaritu, ist eine Dame von außerordentlicher Schönheit und hat sehr kleine Hände und Füße. Auf der Straße zeigt sie sich nur verschleiert und begleitet von ihren Askaris, die sie den Blicken des Volkes ent⸗ ziehen.“
— Ein spanisches Stiergefecht. Während des jüngsten Stiergefechtes zu Linares in Spanien lam es zu schrecklichen Szenen. Ein Stier setzte über die Barriere hinweg, zertrümmerte bei dem Fall eine Thülre,
zum Beitritte wurde
die in den Hof der Plaza führt, und eilte, nachdem er sich wieder erhoben hatte, in diesen hinein. Eln besonders verwegener Zuschauer stieß von der Galerie des Hofes aus


