Nl. 74 Gießen, Sonntag den 28. März 1897.
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Hessischer Landtag.
* Darmstadt, 26. März. (Schluß des Berichts der Sitzung vom 25. März.) Der Vertrag mit der Stadt Kreuznach wegen Ver⸗
kaufs der Saline Theodorshalle wird nach längerer Debatte mit allen gegen 8 Stimmen genehmigt. Zur Vorlage über die Abtretung des Steinkohlenwerkes „Ludwigshoffnung“ in der Gemarkung Melbach an die Fürsten Solms ⸗Braunfelssche Verwaltung um den Preis 390 000& ergreift Abg. Köhler das Wort gegen den Verkauf, der in Melbach allgemein bedauert werde. An der Unrentabilität des Bergwerks trage allein die Verwaltung die Schuld. Der Betrieb sei veraltet, das Werk in schlechtem Zustande. Eine Ausdehnung der Standesherrschaft wolle das Volk nicht. Finanzminister Weber, Oberfinanzrat Braun und Abg. Metz sprechen für Annahme des Vertrages. Prutz ist dagegen; ebenso Dr. David, welcher kein Vertrauen zu der Solms⸗ Braunfelsschen Verwaltung hat, namentlich in Bezug auf Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse. Man möge das Werk erhalten, da es gerade für einen Staatsbetrieb besonders geeignet sei. Schließlich wurde die Angelegenheit auf Antrag der Abgg. Weidner und Weith an den Finanz⸗ ausschuß zur Prüfung der Rentabilitätsverhältnisse des Bergwerks und der Kosten einer etwaigen Instandsetzung desselben zurückverwiesen. Schluß der Sitzung nach 2 Uhr. Sitzung vom 26. März:
Die zweite Kammer nahm heute die Vorlage auf anderweite Organisation der Staatsschulden-Ver⸗ waltung nach den Anträgen ihres Finanzausschusses an. Die geforderten Mittel zur Mainregulierung oberhalb Offenbach wurden bewilligt, ein von der ersten Kammer zum Nebenbahngesetz beschlossenes Ersuchen auf Vorlage eines Bahnprojekts Weinheim⸗Lampertheim wurde abgelehnt. Staatsminister Finger beantwortete die Interpellation Jöckel über die Vorkommnisse am Fried⸗ berger Lehrerseminar. Es geht aus der Antwort hervor, daß die obere Schulbehörde festgestellt hat, daß sich anfangs Februar eine gewisse nervöse Erregtheit und geistige Müdigkeit gezeigt hatte, die an Influenza er⸗ innerten. Es wurde daher angeordnet, die Fastnachts⸗ ferien auf 8 Tage auszudehnen. Die Maßregel sollte den Eintritt wirklicher Erkrankungen verhüten. Anlaß zu ernstlichen Bedenken bestand nicht. Es wurden außerdem Erhebungen über die Wohnungsverhältnisse angeordnet. Nach ärztlicher Ansicht ist das Vorkommnis auf Ueber⸗ bürdung nicht zurückzuführen.— Es folgte eine kurze Besprechung, an der Abg. Jöckel und Oberschulrat Eisen⸗ huth teilnahmen.
Es folgte die Beantwortung der Interpellation der Antisemiten wegen Maß regelung eines Mainzer Gym⸗ nasialschullehrers infolge Beteiligung an der anti⸗ semitischen Bewegung bei der letzten Mainzer Reichstags⸗ ersatzwahl. Danach ist die Versetzung aus dienstlichen Rücksichten erfolgt. Ein Eingriff in staatsbürgerliche Rechte lag angeblich nicht vor. Es folgte eine sehr ein⸗ gehende Besprechung der Antwort, von welcher namentlich die Abgg. Schmidt, Jöckel und Metz befriedigt sind. Schmidt warnte davor, den Antisemitismus ähnlich zu behandeln, wie das Zentrum und die Sozialdemokraten, die gerade unter dem Druck der Ausnahmegesetze groß und stark wurden. Das Hineintragen der Politik in die Schule müsse energisch zurückgewiesen werden, aber das sollte auch nationalliberalen Lehrern gegenüber der Fall sein. An der Besprechung beteiligten sich die Abgg. Joutz, Bähr, David, Köhler, Metz, Friedrich, Osann, Schröder, Geheimer Staatsrat von Knorr und Staatsminister Finger.— Zum Schluß der Sitzung gab Finanzminister Weber eine Uebersicht über die Er⸗ gebnisse der Finanzperiode von 1891—94 und über die voraussichtlichen Ergebnisse der laufenden Finanzperiode.
79 026 000 4, die Ausgaben 77 560 000&,, was gegen⸗ über dem Voranschlag eine Besserung von 3 300 000, bedeutet. Das Extraordinarium weist 11695 000/ in Einnahmen und 17 740 000/ in Ausgaben nach. Die mutmaßlichen Ergebnisse für 1894/97 stellen sich für die ordentlichen Einnahmen auf 33 419 000, die Ausgaben auf 85 212000 J. Infolge des stetig steigenden Ver⸗ kehrs sind die Einnahmen aus Eisenbahnen um 910 000 Mark gestiegen. Interessant sind die Ergebnisse der direkten Steuern. Sie betrugen von 1894/95 9440 000 Mark, 1895/96 9 631000& und 1896/97 10 112000 Mark, woraus ersichtlich ist, daß sich die übergroßen Hoffnungen auf höhere Einnahmen aus der Einkommen⸗ steuerdeklarationspflicht nicht erfüllt haben. Die außer⸗ ordentlichen Einnahmen in 1894/97 werden sich voraus⸗ sichtlich auf 42 866 000, die Ausgaben auf etwas über 40 000 000&&“ stellen. Die Finanzperiode wird ungefähr mit einem Defizit von 4 900 000& abschließen. Die Finanzlage wurde nach wie vor als eine wohl⸗ geordnete bezeichnet. Aus der Betriebsgemeinschaft mit Preußen wird Hessen, wie ausdrücklich bemerkt wurde, im Jahre 1897/98 einen Reinüberschuß von 1780 000. erzielen. Die Kammer wurde alsdann auf unbestimmte Zeit vertagt.
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 27. März. Der Hauptlehrer an der erweiterten Handwerkerschule zu Alsfeld, Gustav Kilp ist auf sein Nachsuchen und mit Wirkung vom 1. Mai 1897 ab, aus dem Staats⸗ dienste entlassen.
Gießen, 27. März. Das hessische Finanz⸗ ministerium veröffentlicht, daß die Groß— herzogliche Baubehörde für die Zellenstraf— anstalt Butzbach mit Wirkung vom 1. April l. J. aufgehoben wird und daß mit Rücksicht darauf, daß durch das am 1. April l. J. in Kraft tretende Gesetz vom 12. August 1896, den Bau und die Unterhaltung der Kunststraßen im Großherzogtum betreffend, die Staatsstraßen in die Verwaltung der Kreise über⸗ gehen und die seitherige Organisation des Straßenbauwesens hierdurch beseitigt ist, mit Wirkung vom 1. April d. J. ab die Groß⸗ herzoglichen Straßenbauämter aufge— hoben sind.
* Gießen, 27. März. Die Stadt erwarb von der an der Wolkengasse gelegenen Hofraithe des Photographen Becker eine Fläche, um von der Bahnhofstraße aus die Verbreiterung der Wolkengasse vornehmen zu können.
* Gießen, 27. März.(Stadttheater.) Zum Benifiz für Herrn James Kunert ging gestern Abend Anzengrubers„Pfarrer von Kirchfeld“ in Szene. Auf den Inhalt des bekannten Volksstückes einzugehen, können wir uns wohl ersparen. Gespielt wurde wieder recht gut. Die Titelrolle führte Herr Fritzschler in bester Weise zu Ende. Der„Wurzelsepp“ fand einen vorzüglichen Vertreter in dem Bene⸗ fizianten, Herrn Kunert, der die großen An⸗ forderungen, welche an den Darsteller dieses eigenartigen Menschenkindes gestellt wurden, in glücklichster Weise überwand. Das Publikum welches sich gestern Abend zahlreich eingefunden hatte, zollte dann auch für die Kunertsche Musterleistung reichlichen Beifall und rief den beliebten Künstler, dem gleich bei seinem Auf⸗ treten ein Lorbeerkranz geworfen wurde, nach jedem Aktschluß wiederholt hervor.— Nächst
den Herren Kunert und Fritzschler ist Fräulein Egger zu nennen, die das„Dirndl Anna“ in anmutiger Weise darstellte. Die übrigen Rollen sind mehr untergeordneter Natur, waren aber durchweg in guten Händen. Erwähnenswert sind noch Herr Helm als„Pfarrer Vetter“ und Frau Kruse als Brigitte. Herr Helm gehört zu jenen Schauspielern, die so ziemlich in al len Sätteln sicher sind. Herr Leuschner spielte gut, sprach aber gar zu undeutlich gestern Abend. Benefiziant, Direktion und Publikum können mit dem gestrigen Abend zufrieden sein.
* Gießen, 27. März.(Stadttheater.) Um unseren lieben Kleinen noch einmal eine Freude zu bereiten, veranstaltet die hiesige Theaterdirektion am Sonntag Nachmittag noch- mals eine Kindervorstellung. Diese ist die letzte in dieser Saison und bringt das Zimmer⸗ mannsche Zaubermärchen in 6 Bildern„Prinz Nachtigall“.— Sonntag Abend wird zum Benefiz für den verdienstvollen Regisseur und Komiker unserer Bühne, Herrn Direktor Helm, Schönthans„Raub der Sabinerinnen“ gegeben, in welchem Herrn Helm Gelegenheit gegeben ist, in einer seiner besten Rollen, die der Künstler an großen und größten Bühnen mit ungeteiltem Beifall gespielt hat, aufzutreten. — Da die Spielzeit nur noch wenige Tage um⸗ faßt, so folgt am Montag abermals ein Benefiz für Fräulein Dellmar, die Soubrette unseres Stadttheaters. Zur Aufführung gelangt die große vieraktige Gesangsposse„Der Walzer⸗ könig“ von Mannstädt⸗Steffens, eine der besten neueren Possen. Der jungen Dame, welche sich durch ihr dezentes, anmutiges Spiel hier sehr beliebt gemacht hat, wünschen wir ein volles Haus.
* Gießen, 27. März. Als ein genialer Anfänger in der Zunft der Langfinger entpuppte sich gestern der 29 jährige Gärtnergehilfe Lud wig Hinze aus Bremen vor der Strafkammer. Der Angeklagte war vom April bis Oktober v. J. beim Gärtner Wilhelm Gehrhardt hier⸗ selbst als Gehilfe in Arbeit und hat als solcher seine Schuldigkeit gethan. Er nannte sich seinem Arbeitgeber und zahlreichen andern Personen gegenüber nicht mit seinem eigentlichen Namen, sondern bezeichnete sich auf Grund von Legiti⸗ mationspapiere als Friedrich Wilh. Busse. Er log allen Leuten vor, daß er in Berlin einen Bruder habe, der Lieutenant bei der Garde sei, ein anderer Bruder sei Gesellschafter eines Grafen und sein Vater sei ein sehr distinguierter
err, der in Afrika auf der Tigerjagd sich be⸗ finde. Das Auftreten des Pseudo⸗Busse war auch das eines Menschen aus besserer Familie. Als er im April bei Gehrhardt seine Stelle angetreten, brachte der Spediteur eines Tages den Koffer des neuen Gehilfen und gleichzeitig ein Zweirad. Im Juni fuhr der Angeklagte eines Sonntags nach Frankfurt a. M., bon wo er am Montag mit einem Fahrrad zurückkehrte. Er erzählte, daß er seinen Bruder, den Gesellschafter des Grafen, bis Frankfurt begleitet. Derselbe habe ihm das Zweirad geschenkt, ihm auch ganz heimlich noch 200/ in die Satteltasche gesteckt. Das andere Zweirad verkaufte der Angeklagte nach Rödgen. Im Juli fuhr der Angeklagte wieder nach Frank⸗ furt, stellte sich nach wenigen Tagen in Gießen
wieder ein und brachte dabei abends ein Fahr⸗ rad mit, von dem er behauptete, daß sein Bruder, der Gardelieutenant, es ihm gespendet habe. Fahrrad Nr. 2 war wieder überflüssig und wurde vom Angeklagten versilbert. Ende Oktober ver⸗ schwand der Angeklagte von der Bildfläche, nachdem er seinen Bekannten vorgelogen, er übernehme in Sachsen eine große Gärtnerei.
Ehe er aber die Stelle seines Wirkens verließ, stieg er nachts in den Scheydaschen Garteu, öffnete mittels Nachschlüssels die
darin befindliche Gartenhütte und eignete sich dabei an, was er fand. Die Gegenstände hatten einen Wert von etwa 20 4. Drei Tage später stieg er mittels einer Leiter in das Haus seines ehemaligen Arbeitgebers Wilhelm Gerhardt ein und entwendete aus dem Zimmer seines Arbeits⸗ kollegen Julius Beppler, während dieser schlief, einen Anzug, einen Ueberzieher, eine 1 eine Weckeruhr, ein Kistchen Zigarren usw., zu⸗ sammen im Werte von etwa 110. Den Scheydaschen Diebstahl sowohl, wie den bei Beppler giebt der Angeklagte zu. Die Anklage behauptet aber auch, Hinze habe, wenn nicht alle drei Fahrräder, doch mindestens eines davon in Wiesbaden aus der Villa Lachner gestohlen. Der Angeklagte bestreitet dies. Bankier Lachner aus Wiesbaden erklärte, eines der Räder sei das seinige und ihm im Oktober v. J. mittels Einbruchs gestohlen. Dieser Zeuge legte einen Brief vor, wonach ein gewisser Busse es gewesen, der als Gärtnergehilfe früher einmal seinen Garten hergerichtet habe, sodaß es außer Zweifel bleibt, wer den Diebstahl vollführt hat. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten wegen drei schwerer Diebstähle zu 4 Jahre Zuchthaus, 5 Jahre Ehrverlust und Polizeiaufsicht. Der Staatsanwalt hatte 3 Jahre 9 Monate Zucht⸗ haus beantragt.
Vermischtes.
— Gemütsmenschen. Folgende fast unglaub⸗ liche Geschichte wird dem„Hann. Kour.“ aus Hinterpom⸗ mern mitgeteilt:„Auf einem unserer zahlreichen Landseen — wir wollen ihn nicht näher bezeichnen ging ein Vater mit seinen beiden erwachsenen Söhnen Wilhelm und Karl auf den Fischfang aus, als der See mit Eis bedeckt war. In die Eisdecke waren Fischlöcher ge⸗ schlagen. Bei seinem gefährlichen Handwerk hatte nun der Vater das Unglück, in eines dieser Löcher zu ge⸗ raten und zu versinken. Alle Versuche der Söhne, ihm zu Hilfe zu kommen, waren vergebens; der Vater mußte elend ertrinken. Lange Wochen schwand nicht die Eisdecke vom See, bis endlich bei aufgehendem Wasser die Söhne hoffen konnten, die Leiche des Vaters aufzufinden und zu bestatten. Ihre Bemühungen wurden auch bald von Er⸗ folg gekrönt; sie fanden die Leiche nahe dem Ufer und bargen sie in ihrem Kahn. Da gewahrte einer der Söhne, daß mehrere große Aale sich aus der halb vermoderten Kleidung des Vaters wanden, und daß eine Menge Krebse ebenfalls überall an der Leiche hafteten. Da sie einmal diese Fische und Kerbtiere in ihrem Boote hatten, so machten sie als praktische Fischer bei aller aufrichtigen Trauer über den herben Verlust ihres Vaters doch von dem zufälligen Fang Gebrauch und ließen die Aale wie die Krebse in den großen Sack wandern, den sie als Fischer stets bei sich zu führen pflegten. Sie hatten eine Menge Arbeit, alle die Tiere von der Leiche zu entfernen, und als letztere ganz davon gesäubert war, äußerte Karl zu Wilhelm:„Et fünd woll soo'n twintig(zwanzig) Pund.“„Wenn nich mehr“— antwortete Wilhelm und
Die ordentlichen Einnahmen betrugen in 1891/94 ——— Ein Bank kassierer.
Amerikanische Kriminal-Erzählung von Jo seph Treumann. (Nachdruck verbsten.)
„Wie ich Ihnen bereits erklärt habe, Mr. Strut, verlange ich die zehntausend Dollars in Gold“, sagte das alte Fräulein in enischlossenem Tone.„Jetzt, wo kein Mensch weiß, was aus der politischen Bewegung für Silberfreiprägung noch werden mag, wünsche ich vor dem möglichen späteren Vorwurfe geschützt zu sein, als Vormünderin meiner Nichte nicht Alles in meiner Macht stehende gethan zu haben, sie vor Verlusten zu bewahren. Und da sie übermorgen heiratet, soll sie ihr bisher von mir verwaltetes Erbteil in guter, klingender Münze aus⸗ gezahlt erhalten; was sie oder ihr Gatte dann damit thun, geht mich nichts mehr an.“
„Schön, Miß Holt, Sie sollen befriedigt ⸗ werden, schon um Ihnen den Beweis zu liefern, daß die Bank über genügende Barmittel verfügt“, erwiderte der Kassierer, ein mittelgroßer, anscheinend nicht sehr kräftiger Herr mit blondem Vollbaxt, der sich eine Zeit lang alle erdenkliche Mühe gegeben, der alten Kundin das Unvorteilhafte und Gefährliche ihres Verlangens vorzudemonstrieren. Nachdem er dem einzigen in dem Raume neben ihm beschäftigten jungen Manne einige Worte zugeflüstert hatte, die Gesicht dem alten
denselben veranlaßten, fein
Fräulein und deren mit anwesenden Nichte zuzu⸗ wenden, begab er sich in das nebenan befindliche Kassengewölbe, kehrte jedoch schon nach einer Minute zurück und stellte ein kleines Handköfferchen auf den Zahltisch.„Hier sind die verlangten zehn⸗ tausend Dollars“, sagte er verdrossen.„Er innern Sie sich meiner Warnung, wenn Ihnen damit ein Unglück passiert!“
Miß Holt mußte indessen erst durch Augenschein überzeugt werden, daß die in dem kleinen Koffer liegenden Beutel wirklich den genannten Betrag in Gold enthielten, ehe sie vollständig befriedigt war und in Begleitung des jungen Mannes, der das Köfferchen nach ihrem draußen stehenden Wagen trug, das Bankgebäude verließ. Noch bevor sie das Gefährt bestieg, wurde sie von einem sehr herab⸗ gekommen aussehenden Landstreicher mit verwildertem schwarzem Haar und Barte, der in der Nähe herum⸗ lungernd, das Unterbringen des wertvollen Koffers unter dem Sitze beobachlet hatte, um ein Almosen zangesprochen, das indessen rundweg abgeschlagen wurde. Während der Fahrt nach dem nur etwa eine Stunde von Newbruns wick entfernten kleinen Orte, in dem sie ihren Wohnsitz hatte, ließ sie ihrem Aerger darüber Lauf, daß der Kassierer so viele Einwendungen gemacht, bevor er ihrem Ver⸗ langen nach Gold nachgegeben hatte; besonders seine Warnung vor Einbrechern fand sie sehr
überflüssig.
Nora Wilson hörte der Tante schweigend zu, obgleich sie deren Sicherheitsgefühl durchaus nicht teilte; aber die Art und Weise des alten Fräuleins kennend, unterließ sie jede gegenteilige Bemerkung. Auch als das Gold zu Hause dicht neben dem Bett Miß Holt's untergebracht war, wollte die Unruhe nicht von ihr weichen, welche sie sogar veranlaßte, des Abends, ehe sie sich nach ihrem eigenen Ge— mache zurückzog, nachzusehen, ob die Dienerin auch alle Fensterläden und Thüren gut geschlossen hätte. Beängstigende Träume verfolgten sie dann im Schlafe, den sie erst nach langer Zeit gefunden, und als sie mitten in der Nacht erwachte, glaubte sie anfangs, das aus dem Nebenzimmer herüber dringende Geräusch von vorsichtigen Schritten sei nur eine Ausgeburt ihrer überreizten Phantasie. Bald aber wurde sie anderer Ansicht und ver⸗ ließ, kurz entschlossen, ihr Lager, um zu untersuchen, was vorgehe. Da sie die Verbindungsthür nicht öffnen wollte, um sich vor der Tante möglicher⸗ weise keine Blöße zu geben, schlich sie sich, die Füße nur mit Strümpfen bekleidet, in den Korridor und an die nach dem Schlafzimmer des alten Fräuleins führende Thür. Sie fand dieselbe offen, und einen Augenblick lauschend, unterschied sie genau das Atmen von zwei Personen, das eine ruhig und regelmäßig, das andere schwer und abgebrochen, wie mit Wacht unterdrüat. Gleichzeitig drang ein scharfer, süßlicher Geruch zu ihr hinaus. Nun
zweifelte sie leinen Moment, daß sich drinnen ein Einbrecher befände, der das Gold sich aneignen wollte.
Nora war ein mutiges Mädchen; sie preßte die Lippen fest aufeinander, um sich keinen Laut ent⸗ schlüpfen zu lassen, und drang, beide Arme vor sich streckend, vorsichtig ins Zimmer. Schon nach wenigen Schritten stieß ihre Hand an ein mensch⸗ liches Wesen, das sich ihr in der nächsten Sekunde zuwandte, den Arm um ihre Taille schlang und einen mit Chloroform getränkten Schwamm an ihr Gesicht drückte. Sie hielt den Atem an und be⸗ gann mit dem Manne zu ringen, und zwar mit solcher Kraft und Gewandtheit, daß er, eine andere Taktik einschlagend, den Schwamm fallen ließ und in die Brusttasche seines Rockes griff.
„Er holt eine Waffe heraus, mit der er mich umbringen will“, sagte sich das Mädchen und als er die Hand herauszog, griff sie nach derselben. Sie erfaßte aber statt dieser den Griff eines großen Bowie⸗Messers, welchen sie mit ihren Fingern fest umschloß.
Ohne ein Wort zu sprechen, schleppte der Ein⸗ brecher Nora aus dem Zimmer und die Treppe hinab in den Hausflur. Erst dort flüsterte er ihr zu:„Ich werde Dich töten, sobald Du einen Laut von Dir giebst und das Messer nicht sofort los⸗ läßt! Hier herein mit Dir!“ dabei versuchte er, sie in die offen stehende, kleine, nur von außen ver⸗ schließbare Speisekammer zu drängen.(Forts. folgt.)


