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Nr. 66
1897.
Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
sesliche
Gießen, Freitag. den 19. Mürz
Ausgabe
Gießen.
undeszeitung.
Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 18. März.(Stadttheater.) Wir machen die Theaterbesucher auf die morgige Aufführung des Lustspiels„Spielt nicht mit dem Feuer“ ganz besonders aufmerksam, um so mehr, als in derselben Frl. Louise Müller aus Frankfurt und Frl. Hertha Jensen in den hauptsächlichsten Rollen vertreten sind.
* Gießen, 18. März. Es wird uns aus Lehrerkreisen mit Bezug auf unsere jüngste Nachricht betreffend die Ablehnung des Gesuches um Gehaltserhöhung seitens der Stadtverordneten— versammlung berichtet, daß es unrichtig sei, wenn man in der Bürgermeisterei glaube, die Gehälter der Lehrer in allen anderen hessischen Städten seien die gleichen wie bei uns, und richten sich nach der Wormser Skala. In Worms nämlich 10— so behauptet unser Gewährsmann— urch Beschluß der Stadtverordnetenversammlung im Januar thatsächlich über diese Skala hinaus eine Erhöhung der Gehälter der Volksschullehrer eingetreten. Unsere Lehrer glauben aus diesem Grunde durch eine erneute Vorstellung beim Stadtvorstand zu erreichen, daß ihnen doch noch eine Gehaltsaufbesserung zuteil wird, damit sie den seminaristisch gebildeten Lehrern der höheren Schulen gehaltlich gleich gestellt werden.
Gießen, 18. März.(Gelände⸗Ver⸗ kauf. Die Stadt hat das ihr gehörige Gelände an der Bismarckstraße(längs der Wieseck ge⸗ legen) an den Staat für 28 000. verkauft. Es soll auf demselben, wie man hört, ein Ge⸗ bäude zur Unterbringung des Steuer⸗ kommissariats und der beiden Distrikts⸗ einnehmereien errichtet werden.
* Gießen, 18. März. Zum Ankaufe von Remonten im Alter von drei und aus⸗ nahmsweise von vier Jahren sind im Bereiche des Großherzogtums Hessen für dieses Jahr mehrere Märkte anberaumt worden, u. a. am 20. Mai vormittags 8 Uhr in Nidda. Die von der Remonte⸗Ankaufs⸗Kommisston erkauften Pferde werden zur Stelle abgenommen und bez gegen Quittung bar bezahlt. Pferde mit
olchen Fehlern, welche nach den Landesgesetzen en Kauf rückgängig machen, sind vom Verkäufer 55 en Erstattung des Kaufpreises und der Un⸗ ollen zurückzunehmen, ebenso Krippensetzer und Klophengste, sowie Wallache mit ausgeprägter Hengstmanier, welche sich in den ersten zehn bezw. acht und zwanzig Tagen nach Einlieferung in den Depots als solche erweisen. Pferde, welche den Verkäufern nicht eigentümlich gehören, oder durch einen nicht legitimierten Bevollmäch⸗ tigten der Kommisston vorgestellt werden, sind vom Kauf ausgeschlossen. Die Verkäufer sind verpflichtet, jedem verkauften Pferde eine neue starke rindslederne Trense mit starkem Gebiß und eine neue Kopfhalfter von Leder oder Hanf mit zwei mindestens 2 Meter langen Stricken obne besondere Vergütung mitzugeben. Um die Abstammung der vorgeführten Pferde feststellen u können, sind die Deckscheine, resp. Füllen⸗ scheine mitzubringen, auch werden die Verkäufer
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.
Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
pieren oder übermäßig zu verkürzen. Ferner ist es dringend erwünscht, daß ein zu massiger oder zu weicher Futterzustand bei den zum Verkauf zu stellenden Remonten nicht stattfindet, weil dadurch die in den Remonte⸗Debots vorkommen⸗ den Krankheiten sehr viel schwerer zu überstehen sind, als dies bei rationell und nicht übermäßig gefütterten Remonten der Fall ist. Die auf den Märkten vorzustellenden Remonten müssen daher in solcher Verfassung sein, daß sie durch mangel— hafte Ernährung nicht gelitten haben und bei
der Musterung ihrem Alter entsprechend in Knochen und Muskulatur ausgebildet sind.
* Bad Nauheim, 17. März. Hier wurden nächst der Louisenstraße 482 Quadratmeter Bau⸗ gelände zu 28 920, also der Quadrat⸗ meter zu sechzig Mark, verkauft. Es ist dies der höchste hier bis jetzt gezahlte Preis. Der Morgen(2000 Qm.) käme hiernach auf 120 000, zu stehen. Verkäufer war der Rentner Christoph Schwab, Käuferin die Bau⸗ firma Franz Brofft von Frankfurt. Die Käuferin war freilich in einer Zwangslage; sie hatte Ge⸗ lände zum Bau von 4—5 Villen zu auch schon recht ansehnlichen Preisen erworben und mußte das in Rede stehende Gelände haben, um über⸗ haupt bauen zu können.
* Friedberg, 17. März. Der hiesige Vor⸗ schuß⸗ und Kredit⸗Verein ist in der Lage, seinen Mitgliedern eine Dividende von acht Prozent aus dem Reingewinn des vorigen Jahres, der insgesamt über 40 000& beträgt, auszuzahlen.
* Aus dem südlichen Vogelsgebirge, 17. März. Während im hohen Vogelsgebirge noch reichlich Schnee anzutreffen ist, findet man bei uns nur noch die Reste jener Schneemassen, die sich hinter den Erdrainen und in den Höhlen im Laufe des Winters angehäuft haben. Wenn aber auch die Felder bereits schneefrei sind, ist an ein Bearbeiten derselben der Nässe wegen vor April doch nicht zu denken. Die Leute be⸗ ginnen soeben mit der ersten Arbeit im Freien, mit dem Holzschlagen, wobei sie noch gar oft durch ein heftiges Schneegestöber an die erst kürzlich gebrochene Macht des Winters, der unsere Gegend diesmal wieder mit einer besonders dicken Schneehülle bedacht hatte, nicht gerade angenehm erinnert werden. Nachdem nun die lauen Lüfte die ganze Schneeherrlichkeit zu Wasser gemacht haben, fängt bereits die junge Wintersaat kräftig zu sprossen an. Der Stand derselben ist ein durchaus befriedigender und von Winter⸗ schäden ist fast nichts zu bemerken. Auch die Kleeäcker zeigen ein ganz vorzügliches Aus⸗ sehen. Weniger günstig sieht es in den Scheunen aus, da sowohl das Heu wie auch das Stroh bedenklich knapp wird. Viele Landwirte haben infolgedessen ihren Viehstand schon stark reduziert. Hoffentlich gestattet ein zeitiger Frühling den baldigen Austrieb des Viehes zur Weide. Sehr leiden unsere Landwirte, die doch hauptsächlich ihren Vorteil in der Viehzucht suchen müssen, unter den Beschränkungen, die fortwährend dem Viehhandel mit Rücksicht auf die Maul⸗
ö edition: A Kreuzplatz Nr. 4.
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Viehhandel ist dadurch die meiste Zeit des Jahres lahm gelegt, was für den Landwirt des Vogels⸗ gebirges gleichbedeutend ist mit Versagung seiner Haupteinnahmequelle. Verschuldungen der Güter sind unter diesen Umständen bei den weniger kapitalkräftigen Leuten geradezu un⸗ vermeidlich. Hoffentlich wird es der tier⸗ ärztlichen Kunst recht bald gelingen, ein durch⸗ schlagendes Mittel zur Beseitigung und Verhütung dieser schädlichen Seuche zu finden.(Kl. Pr.)
* Nidda, 17. März. Unvorsichtigkeit beim Auslöschen einer Petroleumlampe hat hier ein Menschenleben schwer gefährdet. Am Samstag Abend sollte in der Wohnung der israelitischen Handelsfrau Witwe Daub die Lampe gelöscht werden. Da das„Gesetz“ verbietet, solches zu thun, so wurde ein alter Nachtwächter herbeigerufen; ob derselbe nun nicht ganz nüchtern war oder sich ungeschickt benahm— kurz, ehe man sich es versah, lag die Lampe auf dem Tisch und das brennende Petroleum ergoß sich über den 13 jährigen Sohn(Schüler der erwei⸗ terten Volksschule), der auf der Bank lag und schlief. Dessen Kleider fingen an zu brennen; mit Mühe wurden sie gelöscht. Die Brand⸗ wunden an Armen, Brust und an Kopf haben sich aber als so gefährlich herausgestellt, daß der Knabe nach der Klinik in Gießen verbracht werden mußte. Zum Glück sind die Augen, wie durch ein Wunder, nicht verletzt, während rings um dieselben alles mit Brandwunden be— deckt ist. Beim Löschen des Feuers, das noch den Tisch und die Tapeten ergriffen hatte, hat sich auch die Mutter des Knaben an den Händen verletzt. D. Z.
* Mainz, 17. März. Vor einigen Tagen fand die Submission für die Lieferung von Lebensmitteln für die städtischen Hospitien⸗ anstalten statt. Die Ausschreiben gingen dahin, daß die Waren nur feiner Qualität sein dürfen; minderwertige Qualitäten werden zurückgewiesen. Es ist nun eine auffallende Erscheinung, daß von den Bäckern und Metzgern hohe Beträge abgeboten worden sind. So wurde beispielsweise von den Bäckermeistern von dem Apfündigen Schwarzbrot bis zu 7„ und von dem Zpfün⸗ digen Weißbrot bis zu 12 5 abgeboten. Bei den Metzgern sind die Abgebote geradezu enorme zu nennen. Für die Lieferung des Ochsenfleisches wurde per Pfund 16 5 unter dem Laden⸗ preis abgeboten, bei Kalbfleisch 12 5. Bei dem Schweinefleisch und den Wurstwaren sind die Abgebote noch höher; sie betragen bei Schweinefleisch pro Pfund bis zu 22 H, bei den verschiedenen Wurstsorten schwanken die Ab⸗ gebote zwischen 35, 25 und 20„ per Pfund. Das Publikum kann sich einen Reim darauf machen.
* Mainz, 17. März. Der Vorstand des Mainzer Gartenbauvereins hat beschlossen, im nächsten Jahre, spätestens aber im Jahre 1899 eine große allgemeine Pflanzen⸗ und Blumenausstellung in Mainz abzuhalten.
* Mainz, 17. März. Die hiesige Handels- kammer hatte bei den hessischen und einer Reihe
ersucht, die Schweife der Pferde nicht zu kou⸗ —?2—2—ß—ß8 2...——
Heimat.
Novelle von H. René. (Schluß.)
Nun noch ein tollkühner Sprung, taumelnd stand er neben dem Riesenstein, doch um die Biegung dampfte es keuchend heran, die glühenden Feuer⸗ augen sagten ihm, daß nur Sekunden noch für das Rettungswerk ihm blieben, das er vielleicht mit dem Tode bezahlen müsse.
Keinen Augenblick besann er sich. Was lag an ihm? Sicherer Untergang lauerte ja auf hunderte von ahnungslosen Menschen. Wie viele von ihnen dort hatten nicht daheim alte Eltern, liebende Gattinnen, kleine hilflose Kinder, die durch des Vaters Tod zu Waisen würden. Und was besaß er? Ein Vermögen, unredlich erworben, eine Schaar käuflicher Menschen, die eben so gern oder unlustig ihm wie einem andern dienten.
Vorwärts! Kein Besinnen. Er war ein starker Mann, und in diesem Augenblick setzte er sein ganzes Können ein. Auf dem Geleise stehend, stemmte er sich gegen den Block; langsam hob er sich, er wich. Seine Muskeln spannten sich zum Zerspringen, nur noch wenig Ellen Entfernung; deißend drang ibm der weißflöckige Rauch in Augen und Lunge. Noch ein Ruck, dumpf polternd rollte der Stein zur Seite. Die Bahn war frei.
Ja sie war frei. Hunderte, die ahnungslos dem Verderben entgegengerollt, waren gerettet, dem Leben, den Ihren wiedergeschenkt.
Eine kurze Strecke weiter wurde der Zug zum Stehen gebracht. Hart neben dem Schienenstrang
und Klauenseuche auferlegt werden.
fand man das fortgewälzte Felsstück und dahinter bewußtlos, aus einer klaffenden Kopfwunde blutend, einen großen, breitschultrigen Mann, der um das Leben Hunderter zu retten das eigene heldenmütig eingesetzt..
Im Städtlein verbreitete sich schnell die Kunde, der Gottesdienst war gerade zu Ende. Neugierig strömte die Menge hinzu, der Sonntag⸗Vormittag gab ja Zeit zum Gaffen.
Man stand umher, zischelte untereinander, be— riet. Einige entsannen sich in den Frühstunden den Fremden durch die Straßen wandern gesehen zu haben, darunter der Provisor, der ihn um seines eleganten Reisekostüms wegen beneidet hatte.
Er leistete auch die erste Hilfe, legte den Not⸗ verband an und riet, auf schnell geflochtener Trage den Verwundeten ius Lazarett zu schaffen.
„Erst die Identität feststellen“, entschied der herbeigeeilte Bürgermeister.
Man durchsuchte den Fremden, staunte über die mit ausländischen Banknoten gefüllte Brieftasche, das schwere Portemonnaie. Endlich fand man den Paß. Großhändler Bob(Robert) Heider Stambul.
Verblüfft sah man sich an. Heider! Heider! So hieß ja der alte Justizrat, den noch Alle ge— kannt! Auch der schwermütigen, gütigen Frau er⸗ innerten sich noch Viele. Und wie war es denn
gewesen? Hatten die Beiden nicht einen einzigen Sohn besessen? Einen verschollenen, ewig be— trauerten?
Gewiß. In der Menge wurden Stimmen laut.
Robert hieß der ja, man hatte in der Schule neben
Der
benachbarter Handelskammern(Wiesbaden, Frank⸗ —————— ihm gesessen, manchen tollen Streich mit ihm
verübt. Also ein Stadtkind war der Fremde, der als Crösus heiingekehrt.———
Diesem, als er nach Wochen, in dem kleinen Krankenhause langsam der Genesung entgegen schlummerte, zog im Halbtraum sein ganzes bis⸗ heriges Leben in verworrenen Bildern vorüber.
Hustete da nicht eben Cecile? Mit ih rer fieber⸗ glühenden Hand strich sie ihm das Haar aus der Stirn. Ach, Unsinn! das war ja die Kopfwunde, die bei der leisesten Berührung brannte.
Unruhig warf er sich auf den zerwühlten Kissen umher.
Richtig da knackte der Hahn am Revolver. Die Buschklepper, die das mühsam aus dem Kali⸗ fornischen Sand geschaufelte Gold ihm wieder ab— jagen wollten. Er atmete mühsam, doch nach und nach glätteten sich seine Züge, und wie leises Lächeln glitt es über sein finsteres Gesicht.
Das war doch nicht die Krankenschwester, die leise mit den Medizinflaschen klirrte. Im Neben- zimmer rüstete ihm ja die Mutter den Geburtstags- tisch. Der Duft von Levkojen, Reseda, frischem Kuchen strömte ja zu ihm herein. Es war Soun⸗ tag Morgen. Bald würde sie kommen, den lieben Langschläfer mit einem Kuß zu wecken.
Mit plötzlichem Ruck saß er aufrecht. Er wußte Alles, besann sich haarscharf auf Alles. Er war kein klücklicher, sorgloser Knabe mehr, lagerte nicht nächtlicher Weile mit allerlei Gesindel im Kalifornischen Busch. Er war heimgekehrt, ein fremder, reicher, armer Mann.
furt, Darmstadt usw.) angefragt, ob sie bereit seien, sich an gemeinsamen Erhebungen über die Lage des Kleingewerbes zu beteiligen. Auf diese Umfrage hat nur eine Kammer mit⸗ geteilt, daß sie die Erhebungen vornehmen wolle, während die übrigen sich vollständig ablehnend verhalten, meistens mit der Motivierung, daß aus solchen Erhebungen keine Förderung des Kleinhandels zu erwarten sei oder daß solche nicht durch die Handelskammern, sondern durch einzelne geeignete Persönlichkeiten, analog wie dies bei den Erhebungen des Vereins für Sozialpolitik über die Lage des Handwerks er⸗ folgt sei, geschehen müsse. Die Kammer läßt hiernach den Gedanken fallen.
* Siegen, 17. März. Ein Scheusal in Menschengestalt treibt augenblicklich hier in den Dörfern der Umgegend sein Unwesen, indem es zur nächtlichen Stunde in die Viehställe ein⸗ dringt und die Kühe in einer scheußlichen Weise verstümmelt, sodaß sie zur 1 unbrauchbar werden. Nach der Art der Verstümmelung zu schließen, muß der Unhold ein Metzger oder eine Person sein, die mit Vieh umzugehen versteht. Obgleich eine Belohnung von 50 KA. auf den Nachweis des Thäters ausgesetzt wurde, ist es noch nicht gelungen, diesen festzustellen.
Vermischtes.
— Die Anti⸗Barrison⸗Bewegung. Ein Berichterstatter meldet:„Die Bewegung gegen die Barri⸗ sons, die schon längst sich in einen allgemeinen Kampf der Artisten für die Entfernung aller unlauteren Elemente von den Variétébühnen verwandelt hat, zieht immer weitere Kreise. Auch unzer den Schaubudenbesitzern ist eine ähnliche Agitation im Gange, die sich namentlich gegen die sogenannten„Extrakabinets“ richtet. Inzwischen hat sich aber auch in Artistenkreisen eine Gegenströmung herausgebildet, deren Anhänger, ohne zu Gunsten der Barrisons Partei zu ergreifen, befürchten, daß der Appell an die Polizei und die Verbindung mit den Sittlichkeits⸗ vereinen für den ganzen Artistenstand zuletzt recht uner⸗ wünschte Folgen haben kann. Die Maßnahmen zur Säuberung der Spezialitätentheater können dann leicht so weit gehen, daß diesen selbst und dem ganzen leichteren Genre der Garaus gemacht wird.“
— Vom Offizier zum Zeitungskolpor⸗ teur. Richard v. Sydow, ein ehemaliger preußischer Lieutenant, ist am 23. Februar im Alter von fünfund⸗ sechzig Jahren als bettelarmer Zeitungsträger an der Nord Clark Str. in Chicago tot zusammengebrochen. Sydow wurde in Danzig geboren, wo sein Vater Oberst des vierten Grenadierregiments war. Er wurde im Kadettenkorps in Berlin erzogen und trat dann bei dem pommerschen Husarenregiment Nr. 5 ein. Im Jahre 1862 mußte er als Lieutenant seinen Abschied nehmen und wanderte nach Amerika aus. Er machte den Bürger⸗ krieg mit und ließ sich dann für ein Bundes ⸗Artillerie⸗ regiment anwerben. Im Jahre 1873 wurde er als Invalide entlassen. Er kam nach Chicago, wo er auf alle mögliche Weise sein Brot zu verdienen suchte, schließ⸗ lich Zeitungsträger wurde und als solcher seit Jahren mühsam sein Leben fristete. In deutschen Kreisen war der Greis eine bekannte Persönlichkeit und wurde all⸗ gemein„Rittmeister Sydow“ genannt. Zwei Brüder des Verstorbenen leben als verabschiedete Offiziere in Stolp in Pommern. Die verstorbene Fürstin v. Bismarck war Sydows Tante.
Und nun wußte er auch, daß in dem cypressen⸗ umrauschten Märchenschloß am Bosporus seines Bleibens nicht mehr sei. Das kleine Haus am Ring, in dem seine Wiege gestanden, aus dem man die Särge der Eltern getragen, mußte wieder sein eigen werden. Dort wollte er ein Leben des Wohlthuns, der werkthätigen Liebe beginnen.
Das Vermögen des alten Schmugglers, die reiche Mitgift, welche die arme Cecile nicht hatte genießen dürfen, in seinen Händen sollte sie zu reichem Segen werden.
Nicht allein dem alten Krause und feiner Enkelschaar, den Armen des Städtchens, nein seiner ganzen holden Bergheimat wollte er den Mangel fern halten. Alle Elenden, alle Enterbten des Glücks sollten Zuflucht finden an seiner Schwelle.
Tausend Verzweiflungsthränen würde er trocknen, blasse Leidensmienen in frohe verwandeln können.
Für Andere hatte er sterben gewollt. Nun fühlte er, daß leben, sorgen, wirken besser, segens⸗ reicher sei.
In tiesen Atemzügen hob sich vie breite Brust, ein seltsames Leuchten erhellte die düsteren Augen, so daß die freundliche Krankenschwester an sein Lager trat.
„Nicht wahr, heute geht es besser?“ fragte sie. Bold wird die Genesung kommen.
Er reichte ihr die Hand.
„Ich bin genesen, auferstanden zu besserem Leben. Eine Welt der Arbeit, freudigen Schaffens liegt vor mir!“


