Nr. 270
seslüche
Gießen, Mittwoch, den 17. November 1897.
undeszeitung.
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Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
Ausgabe
Gießen.
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Lokales und Provinzielles. * Gießen, 16. Nov.(Stadttheater.) Zum dritten Male gelangte gestern Abend„Die
versunkene Glocke“ von Gerhart Haupt- mann zur Aufführung. Gespielt wurde recht
gut. Das Haus war leider nicht besonders besetzt. * Gießen, 16. Nov. An die zweite
Kammer der Stände des Großherzogtums richtet sich ein Ansinnen des großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, worin es heißt: In dem Hauptvoranschlag für die Finanzperiode 1897/1900 sind verschiedene bauliche Herstellungen vorgesehen, deren Ausführung nicht bis zur be⸗ endigten Beratung und Feststellung dieses Vor⸗ anschlags verschoben werden kann. Dieselben sind untenfolgend speziell aufgeführt. Der weit⸗ aus größte Teil entfällt auf die Badean⸗ stalten in Salzhausen und Bad Nau⸗ heim. Es ist nun im dringenden Interesse dieser Anstalten gelegen, die bezüglichen Arbeiten, wenn irgend thunlich, bis zum Beginn der nächstjährigen Badezeit zur Ausführung zu bringen. as die übrigen in der Anlage auf⸗ geführten Herstellungen betrifft, so lassen sich die⸗ selben mit Rücksicht auf den dermaligen Zustand der betreffenden Gebäude nicht länger verschieben. Die Fruchthalle auf dem Dauernheimer Hof (Ordn.⸗Nr. 20 des Verzeichnisses) mußte schon zur Ausführung gebracht werden, da die vor⸗ handen gewesene Feldscheuer mit Einsturz drohte. Auch wurden die staubfreien Räume auf dem Dachboden des neuen Kanzleigebäudes zu Darm⸗ stadt(Ordn.⸗Nr. 17 des Verzeichnisses) bereits hergestellt. Die laufende Unterhaltung des In⸗ ventars, der Gebäude, sowie der Quellen und Röhrenleitungen in Bad Nauheim konnte bisher mit den hierfür vorgesehenen Mitteln nicht in wünschenswerter Weise vorgenommen werden, weshalb in dem Hauptvoranschlag pro 1899/1900 unter Kap. 2 Tit. 3 Pos. 21, 23 und 25 der Einnahme höhere Beträge wie seither eingestellt werden mußten, deren Verwendung nicht länger hinausgeschoben werden kann. Das Ministerium beehrt sich hiernach, an die Stände des Groß⸗ herzogtums, zunächst an die zweite Kammer der⸗ selben, das Ansuchen zu richten: in Berücksich⸗ tigung der dargelegten Verhältnisse eine beschleu⸗ nigte Beratung und Beschlußfassung wegen der fraglichen Herstellungen herbeiführen und die hierfür veranschlagten Summen vorläufig be⸗ willigen zu wollen.
1. Bade anstalt Salzhausen. Herrichtung einer Kesselanlage für das Badehaus, Lieferung eines Wärme⸗ schrankes für die Wäsche, sowie Lieferung und Montage eines Süßwasser⸗Reservoirs und der Süßwasserlettung nach allen Badezellen des Badehauses 4900 l. Herstellung eines Kesselhauses 2860 A. Verschiedene Herstellungen iu dem Badehaus(Einrichtung von 5 neuen Zellen usw.) 3360 J. Verschiedene Herstellungen an den Kurgebäuden 2680 J. Zusammen 13 800 l; nach Aufrechnung der noch disponiblen 12 730 l bleiben zu verwilligen 1070 Kl.
2. Badeanstalt Bad Nauheim. Errichtung des Schwimmbades im großen Teich 8000. Für Anpflanzung und Wegherstellung in dem neu erworbenen, bezw. von der Gemeinde gepachteten Gelände westlich des Nauheimer Teichs 15 000. Herstellungen im Innern des Kurhauses 14000 l. Anbringen von Blitzableitern
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an die Badehäuser I, II und III 2970 XJ. Herstellung der Aborte im Badehaus III 2400&. Neubedornung
des Gradierbaues bei Badehaus IV 4600 4. Anschluß der vorhandenen Bedürfnishäuschen an den städtischen Kanal 2820 J. Herstellung eines Bedürfnishäuschens nördlich des Kurhauses 11900 J. Herstellungen am alten Kurhaus 7800 J. Einführung der Quelle 12 von der Nordseite des Badehauses 1 1250 J. Herstellung eines stärkeren Drucks der Douchen in Badehaus IV durch Höherlegung der Reservoire 2100 J. Einrichtung gewöhnlicher Bäder an Stelle elektrischer Bäder in sechs Zellen des Badehauses IV 1250 Xl.
3. Zentralbauwesen im Ressort des Minste⸗ riums der Finanzen. Herstellung von staubfreien Räumen auf dem Dachboden des neuen Kanzleigebäudes zu Darmstadt 3400 I.
4. Domanialbauwesen. Herstellung der Schweine⸗ ställe auf Hofgut Sensfelden 5000 J. Erneuerung der Dachstühle auf der Pachterswohnung und dem Brauerei⸗ gebäude zu Hof Heina 9300&. Erbauung einer Frucht⸗ halle auf Hof Dauernheim 2840 J. Erneuerung des Dachwerks auf dem Rindviehstall, Errichtung eines Knie⸗ stocks auf demselben und einer Wagenhalle an der nord⸗ östlichen Einfriedigungsmauer, sowie Errichtung eines neuen Kuhstalls auf Hof Gräbenbruch 29 430 4. Er⸗ bauung eines neuen Schweinestalls auf Hofgut Wasser⸗ biblos 4000 XI.
* Gießen, 16. Nov. Zur Ueberbürdung der niederen Bahnbeamten in dem Dienste des Eisenbahndirektionsbezirks Mainz schreibt ein Bahnwärter einem Mainzer Blatte folgendes: „Wir Bahnwärter von Weisenau bis Oppenheim haben eine Diensteinteilung, von der ich glaube, daß es nichts dergleichen mehr giebt. Wir haben einen halben Monat lang von morgens 4 Uhr bis abends 6 Uhr Dienst, gleich 14 Stunden, den andern halben Monat von abends 6 Uhr bis den anderen Mittag 12 Uhr, gleich 18 Stunden. Dann haben wir für einen freien Tag 24 Stunden Dienst, damit der Hilfswärter gespart wird. Die Hilfswärter haben täglich 16—17 Stunden Dienst, sie gehen vormittags 11 Uhr 30 Min. von Hause fort und kommen erst am andern Morgen früh 4 Uhr 30 Min. wieder heim. Ich glaube nicht, daß unsere höheren Vorgesetzten eine Ahnung von solchen Zuständen haben.“
R. Laugsdorf, 16. Nov.(Endlich ein Bürgermeister!) Gestern Nachmittag fand die Verpflichtung unseres neu gewählten Bürgermeisters, des Reichs⸗ und Landtags⸗ abgeordneten Ph. Köhler, auf dem hiesigen Rathause durch den Provinzialdirektor Freiherrn von Gagern statt. Nahezu ein Vierteljahr— die Stichwahl war am 20. August— hielt das „unerklärliche“ Ausbleiben der behördlichen Be⸗ stätigung die Anhänger und Freunde Köhlers, aber auch seine Gegner, in einer gewissen Auf⸗ regung. Es nimmt daher nicht Wunder, daß die gestrige Amtseinführung von dem größten Teil unserer Einwohnerschaft, insonderheit aber von den Freunden Köhlers, gefeiert wurde. Abends brachte der Gesangverein dem neuen Gemeindeoberhaupt einen Fackelzug mit an⸗ schließendem Ständchen. Sowohl der neue Bürgermeister, als auch der Dirigent des Gesang⸗ vereins hielten der Feier des Tages entsprechende Reden. Alsdann versammelten sich die„Fest“⸗ teilnehmer in der Schäferschen Wirtschaft, wo es bis zur späten Nachtstunde sehr solenn herging. (Neben den zahlreichen sonstigen Aemtern ist nun Köhler, noch mit dem sehr verantwortungs⸗ vollen Posten eines Bürgermeisters betraut, ein mit Arbeit überbürdeter
Redaktion und Expedbitlon: Kreuzplatz Nr. 4.
ilialen: Alten⸗Buseck, Daubringen, Fpellingshausen, Flensungen, Garbenteich, Or Buseck r.-Linden, Grünberg, Hausen, Heuchelheim, Hochelheim, Kinzenbach, Kl Linden, Krofdorf, Lang⸗ Göns, Launsbach, Lauter, Leihgestern, Lollar, Mainzlar, Queckborn, Rödgen, Rodheim, Stangen⸗ rod, Staufenberg, Steinbach, Steinberg, Ulrichstein, Watzenborn, Wetzlar, Wieseck, Wißmar.
Mann geworden. Das Wohl und Wehe der Gememeinde Langsdorf wird in vieler Hinsicht von seinen Entschließungen abhängen. Wir sind überzeugt, daß er das Bürgermeisteramt zur Zufriedenheit seiner Wähler verwaltet. Wie gedenkt aber Köhler sich von jetzt ab seinen Reichstagswählern gegenüber zu verhalten? Die Red.)
* Darmstadt, 14. Nov. Die bevorstehende Errichtung eines Staatsschuldbuches hat das Finanzministerium veranlaßt, den Land⸗ ständen eine Ergänzung zu Kapitel 107 des Hauptvoranschlags für die Finanzperiode 1897— 1900 mit dem Ersuchen um beschleunigte Be⸗ ratung und Beschlußfassung vorzulegen. Es werden für einen Staatsschuldbuchführer ein Maximalgehalt von 4000, für etwa erforder— liches Hilfspersonal 1000&. gefordert, während als einmalige sachliche Ausgaben 4800 4 er⸗ scheinen. Im ganzen werden 13 550„ an⸗ gefordert, denen eine Einnahme von 2000 A an Gebühren für Einträge und Löschungen im Staatsschuldbuch gegenüberstehen. Da in den Hauptvoranschlag bereits in Kapitel 107 2550 Mark eingestellt waren, sind im ganzen 3000 A. nachträglich gefordert. Die mit der Verwaltung der Stnatsschulden verbundenen Geschäfte sollen der Abteilung für Eisenbahnwesen übertragen werden.— Die Forstwarte des Landes haben eine abermalige Eingabe um Aufbesserung ihrer Gehalte eingereicht.— Der katholische Anstalts⸗ geistliche an der Zellenstrafanstalt Butzbach ist darum eingekommen, daß für diese Stelle der gleiche Höchstgehalt wie für den evangelischen Anstaltsgeistlichen d. i.— 5000 4.— festgesetzt werde. Der Finanzausschuß beantragt die für die Verlängerung der Landesstraße bei Nierstein angeforderten 20 139 l zu bewilligen. Der vom Abg. Schmeel namens des Gesetzgebungs⸗ ausschusses erstattete Bericht empfiehlt den aus Anlaß der Eingemeindung von Neuhausen bei Worms vorgelegten Gesetzentwurf, betreffend die Bildung der Stadtverordneteuversammlung der Stadt Worms zur Annahme.
* Mainz, 15. Nov. Heute früh stürzte sich der in dem Hause Gärtnerstraße 4 wohnende frühere Lederarbeiter Friedrich Müller aus dem dritten Stock in den Hof und war sofort tot. Lebensüberdruß wegen Krankheit soll die Ursache der That sein.— Die Theaterdeputation beschloß in ihrer gestrigen Sitzung, von dem Recht der Kündigung gegen Herrn Direktor Simons keinen Gebrauch zu machen und mit ihm unter veränderten Bedingungen einen neuen Vertrag auf ein Jahr abzuschließen. Ferner wurde beschlossen, zu beantragen, im Laufe des nächsten Sommers die notwendigsten Verände⸗ rungen im Theatergebäude an der Bühne, die Einführung des elektrischen Lichtes und Anlage einer Zentralheizung zur Ausführung zu bringen. — Heute Morgen 6 Uhr brach in dem Farben⸗ lager der Amerikanischen Petroleum Company am Rheinthor Feuer aus. Das isoliert stehende hölzerne Gebäude braunte aus. Die Brandstätte hatte eine sehr gefährliche Nachbarschaft durch die daran stoßende Petrolenm-Füllhalle der ge— nannten Gesellschaft.
* Mainz, 16. Nov. Verschwunden. Am 13. September wurde die Schwester des wegen Mordversuchs an dem Wachtmeister Ditter in Untersuchungshaft befindlichen Ph. Thomas aus
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Nieder⸗Saulheim zur Prüfung ihres Geistes⸗ zustandes in eine Klinik nach Gießen ver⸗ bracht. Dort ist sie bereits am 26. Oktober aus Klinik entlassen worden und seit dieser Zeit spurlos verschwunden. Man nimmt an, daß die Thomas sich nach Amerika geflüchtet hat, wo sie bereits einmal war. Ihr geschiedener Ehemann wohnt ebenfalls drüben über dem cen Wasser in Newyork. Der in Unter⸗ uchungshaft befindliche Thomas soll auch nicht vor das Schwurgericht kommen, da die ihn beobachtenden Aerzte der Meinung sind, daß Thomas an chronischem Verfolgungswahnsinn leidet. Auch soll er aus der Haft entlassen werden, doch zuvor noch einmal in einer Anstalt auf seinen Geisteszustand geprüft werden.
Mainz, 16. Nov. Verbot öffent⸗ licher Tanzbelustigungen. Das großh. Kreisamt hat soeben an die Bürgermeistereien des Kreises Mainz ein Ausschreiben gerichtet, welches sich mit dem Verbot öffentlicher Tanzbelustigungen am 2. Pfingstfeter⸗ tage beschäftigt. Das Ministerium hat deshalb bestimmt: daß in den Landgemeinden mit über⸗ wiegend evangelischer Bevölkerung am Pfingst⸗ montag, sofern an diesem Tage die Konfirmation mit der Feier des Abendmahles stattfindet und herkömmlich an diesem Tage öffentliche Tanz⸗ belustigungen bisher nicht stattgefunden haben, die Erlaubnis zur Abhaltung von Tanzbe⸗ lustigungen auch in Zukunft nicht zu erteilen sei.
Vermischtes.
— Eine furchtbare Hungersnot. Unter den Kalmücken in der großen Steppe des Archangelschen Gou⸗ vernements im nördlichen Rußland ist der Hungertyphus ausgebrochen und fordert große Opfer. Das Aussehen der Unglücklichen spottet, wie Augenzeugen berichten, jeder Beschreibung. Die Menschen find wandelnde Skelette und nur Haut und Knochen, die Köpfe sind oft wie ein Eimer groß angeschwollen. Mit der jetzt anbrechenden Kälte wird die Lage noch bedrohlicher werden. Feste Speisen zu sich zu nehmen, sind die Meisten nicht mehr imstande, die einzige Nahrung ist(falls auch diese noch vorhanden) etwas Thee. Der hingesandte Arzt konnte nur drei Zelte aufsuchen, so furchtbar erschütterte ihn der Anblick der Kranken. Sein entsetzliche Einzelheiten enthaltender Be⸗ richt schließt:„Hier ist nicht ärztliche Hilfe, wohl aber Brot nötig.“
Tagesordnung
für die Sitzung der Stadtverordneten Versammlung,
Donnerstag, den 183. November 1897,
nachm. 3½ Uhr pünktlich.
1. Gesuch der Firma Wilhelm Reiber um Erlaubnis zur Anlage eines elektrischen Leitungsdrahtes über West⸗ anlage und Wolkengasse.
2. Gesuch der Johanna Rothenberger um Erlaubnis zur Anlage eines Rohrkanals von ihrem Hause, Linden⸗ platz 8, nach dem Stadtgraben.
3. Ausbau der Goethestraße; hier, Arbeitsvergebung.
4. Pflasterung der Verbindungsstraße zwischen West⸗ anlage und Hammstraße.
5. Beleuchtung der oberen Hammstraße und der West⸗ anlage nächst der Pumpstation.
6. Erwerb von Gelände des Heinrich Winn für den Wetzlarerweg.
7. Ausbau der Lonystraße.
8. Den städtischen Platz an der Gabelung der Garten⸗ und Bergstraße.
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Der Selbstmörder.
Humoreske von Erich Fließ. (Nachbruck verboten). (Schluß.)
Alle langten zu; an den unglücklichen Meister dachte keine Menschenseele mehr. Der bucklige Lehrjunge holte seine Ziehharmonika hervor und begann eine Mazurka zu spielen..
Die schwarze Maruscha spielte ihren Zorn mit einigen Gläsern Punsch hinunter und tanzte eine Polla nach dem andern mit dem Altgesellen, der als geborener Pollak ein galanter Kavalier und überaus flotter Tänzer war..
Endlich waren alle müde und gingen. Die Meisterin riegelte die Stubenthür zu; vielleicht als Hindernis für den Meister, der doch mal nach Hause kommen mußte!—
Inzwischen war das Verhängnis immer mehr glasweise über Meister Plizkat hereingebrochen. Ihm war jetzt alles egal!.. In den Pregel ging er doch, also war es ganz gleich, wie viel Gläser Grog er dabei im Leibe hatte!—
Endlich brachen auch die letzten Gäste der Fleckbude auf.
„Laß Deinen Topf nicht fallen!“ lallte der Schuhmacher.„Warte mal, so kriegst Du ihn am
sichersten nach Hause!“
Der berauschte Schuster stülpte den Henkeltopf seinem Kumpan über, so daß er wie eine hohe Grenadiermütze auf seinem dicken Schädel saß.„Gute Nacht!“, schrieen alle und wankten heimwärts.
„Gute Nacht!“ murmelte Plizkat;„ich gehe in den Pregel!“
Er torkelte die nächste Gasse hinunter, die nach dem Pregel zu auslief. Er kam nicht weit. Ein Polizist hielt den sonderbaren Nachtschwärmer fest. „Wen haben wir denn eo
In demselben Augenblicke wurde es auch dem patrouillierenden Sicherheitsbeamten klar: Das war ja der Dieb mit dem Henkeltopf, den der Wacht⸗ meister im Abendrapport erwähnt.
„Ich will in den Pregel!“ stöhnte der arme Meister. f
„Na, dann kommen Sie man mit!“ ermunterte der Polizist den ahnungslosen Topfdieb, und führte ihn auf die Wache. Daselbst wurde der Arrestant einstweilen mitsamt dem Topfe in eine Detentions⸗ zelle gebracht, wo er sofort auf eine Pritsche hin⸗ sank und sich einbildete, er fiele in den Pregel hinein, tief und immer tiefer, bis er schließlich auf dem Grunde lag— f
Auch die Schneiderfrau träumte auf dem ein⸗ samen Lager allerhand wildes Zeug durcheinander.
Als sie am nächften Morgen erwachte, fuhr ste
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nach ihrem Kopf und blickte nach rechts. Das Bett des Meisters war unberührt. Er war die Nacht also nicht nach Hause gekommen! Wo war er nur geblieben?!.. Sollte er ihre Drohung gestern Abend für ernst genommen baben und wirklich in den Preg..
Die Meisterin wagte den Satz nicht zu Ende zu denken. Ihr wurde schlecht!.. Sie sprang auf; eine Tasse Kaffee würde ihr zunächst gut thun! Sie ging in die Küche. Dort kam die kleine Litthauerin gerade vom Bäcker zurück und brachte mit der Milch und den Semmeln eine große Neuig⸗ keit mit:„Heut' Nacht hat die Polizei einen Mann aus dem Pregel geholt!“
„Halts Maul! dumme Marjelle“,— schrie die schwarze Maruscha, während ihre Kniee wankten. Sie stürzte in die Stube zurück, machte sich hastig zurecht und lief auf die Polizei.—
Zur selben Zeit erwachte Meister Plizkat in seiner Zelle. Er blickte verstört um sich, wunderte sich einen Augenblick, daß er nicht tot war und auf dem Grunde des Pregels lag. Dann kam ihm das Bewußtsein wieder. Sein erster vernünftiger Gedanke war: Nach Hause!
Der Meister sprang auf und trommelte mit Händen und Füßen an die Thür. Niemand hörte ihn. Plötzlich wurde der Arrestant still und lauschte
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gespannt nach der Wachtstube hin, wo er eine Weiberstimme lamentieren hörte, die ihm merkwürdig bekannt vorkam.
„Maruscha! Maruscha!“ schrie der Arrestant aus Leibeskräften.
Diesmal mußte man ihn gehört haben. Schritte kamen näher, das Schlüsselbund klirrte, der Riegel knirschte, die Thür drehte sich,— die beiden Gatten lagen sich in den Armen!
Die schwarze Maruscha vergaß ihren Groll und dankte dem Himmel, daß er fie nicht vorzeitig zur Witwe gemacht!
Die Unschuld des vermeintlichen Topfdiebes wurde in diesem rührenden Augenblicke noch glänzender dargethan. Ein Gendarm lieferte einen polnischen Landstreicher ein, der außer andern ge⸗ mausten Gegenständen einen großen Henkeltopf mit sich führte.
Mit glückstrahlenden Gesichtern zog das ver⸗ söhnte Ehepaar, jedes als Symbol des eben ge⸗ schlossenen Ehestandsfriedens einen Henkeltopf tragend, nach Hause.—
Meister Plizkat kam nie wieder auf den ruch— losen Gedanken, ein Selbstmörder zu werden.


