Ausgabe 
13.7.1897
 
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Gießen, Dienstag, den 13. Juli

1897.

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ostztg. Nr. 3319. 3 Aus abe Gie en e 8

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Aithagig 9 Redaktion: 5 Erscheint 1. 00 äglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. edition:

Hatt a Kreuzplatz Nr. 4. 2 wreis der Auzeigen t 10 Pfg. für die Sspaltigt Betlczelle. 1 l p Nr. 4. ige Preise. 1

Lees Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 12. Juli. Der Amtsrichter bei fe

hem Amtsgericht Schotten, Richard Nispel, ist zum Oberamtsrichter bei diesem Gericht ernannt. Gießen, 12. Juli. Am Samstag Mittag

gegen 1 Uhr hatte sich eine zahlreiche Festver⸗ ammlung zur feierlichen Weihe des Hauses für

gen Kaufmännischen Verein eingefunden. Seitens der großherzoglichen Staatsregierung war Re⸗ iierungsrat Dr. Wallau, seitens der Stadt gießen Beigeordneter Wolff erschienen. Die Nitglieder der großherzoglichen Handelskammer varen fast vollständig am Platze, auch der Land⸗ agsabgeordnete Metz⸗Gießen hatte der an ihn ugangenen Einladung Folge geleistet. Als Ver⸗ lter des Unterverbandes für das kaufmännische Interrichtswesen hatte sich dessen Präsident Trauner⸗Frankfurt a. M. eingefunden. An der Ichwelle des Hauses stehend, übergab der Archi⸗ akt Meyer namens der Firma Stein und Meyer um Vorsitzenden des Kaufmännischen Vereins, Irbig, den Schlüssel. Der erste Vorsitzende bernahm darauf namens des Vereins das Haus, Adem er bemerkte, daß dasselbe glücklich und ihne jeden Unfall fertig gestellt sei, und sprach en Wunsch aus, daß alle an dieses Vereinshaus cknüpften freudigen Erwartungen in Erfüllung hen mögen, daß der gute Stern, der beim dau bis zur Vollendung über demselben geleuchtet, uch fernerhin bis in Ewigkeit über demselben

läuser.

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galten möge. An die bet der Feier vertretenen

eee gehörden aber wolle er die Bitte richten, das 3 Sher für dieses Haus bethätigte Interesse für e Folge dadurch zu bethätigen, indem sie das⸗ be in ihren Schutz nehmen mögen. Die Ver⸗

findenden ammelten unternahmen hierauf einen Rundgang urch die Räume des Hauses. Betritt man

asselbe von der Nordanlage aus, so kommt

ö gan zuerst in das einfach, aber vornehm ge⸗ altene Vestibule, dessen Fußboden mit Marmor⸗

latten belegt, welche ebenso wie die darin an⸗ brachten Treppenstufen von der Lahnkalk⸗ und Aarmor⸗Industrie Aug. Gabriel jun. geliefert

l id. Die Decke dieses Raumes und der daran

aber. ich schließenden Korridors ist in Kreuzgewölbe B gesührt. Rechts und links, nach vorn heraus 1 5 befindet sich je ein Raum, welcher für

wecke der Handelskammer von dieser gegen

ue Jahresmiete von 400 l. gemietet sind.

2. Jul cel ach hinten heraus liegen die Vereinszimmer, tern 9 0 nd zwar das Restaurationszimmer, in dem die tel a, en Schreiner Schäfer geschmackvoll gearbeitete eisten. Balle echenke mit Marmorplatte von Biebergestein * Häuser und der in Kupfer gehaltene Bierzapfapparat sich J. indet. Gegenüber diesem Raume liegt das Ausschan immer für den Vorstand und das Bibliothek⸗ 3 mer, in welchem ein neuer, von Reiber-Gießen ere- 19 f großer Schrank zur Aufnahme der i ist 000 Bände zählenden Vereins⸗Bibliothek Auf⸗ mesga lung gefunden hat. Sämtliche Räume des ten Stockes sind für die Fachschule bestimmt, Juli: ehen aus drei Lehrsälen und dem Lehrlings⸗

em, in welchem Spiele und Bücher für die asucher desselben ausliegen. Alle diese Räume id einfach und geschmackvoll, dem Zweck ent⸗ gechend mit Möbeln ausgestattet, welche von b Firmen Reiber und Th. Brück hierselbst 5 gert wurden. Das Dachgeschoß des Hauses zu einer Wohnung für den Hausverwalter gebaut. An den Rundgang schloß sich in ie oberen Schulsälen hergerichtet ein Festmahl or etwa 60 Gedecken. Das Mahl wurde durch ende Reden gewürzt. Der Vorsttzende, Karl big, gab in kurzen Zügen eine Geschichte des ufmännischen Vereins. Der zweite Vorsitzende, kril Horst, toastete auf den Kaiser und Groß⸗ (30g. Regierungsrat Dr. Wallau sprach namens i Regierungsbehörde deren Glückwünsche aus. n Hoch galt dem Kaufmännischen Verein. segeor neter Wolff sprach von dem großen er⸗ lichen Wert der Fachschule. Er wolle bei heutigen Gelegenheit aber doch darauf hin⸗ uh selbst auf die Gefahr, daß mancher Anwesenden seine Ansicht vielleicht nicht billigen ide daß die Unterrichtsstunden * in eine Zeit gelegt seien, die 10 Schulbesuchern eigentlich als Er⸗ (ungszeit gegönnt sein solle. Es e dahin gestrebt werden, daß die Chefs ihren gelingen während der Geschäftszeit zwei nden des Tages frei ließen, an denen der serricht erteilt werden könne, dann würden E psolge desselgen noch weit bessere sein, Mit 7115 Wunsche, daß die kaufmännische Fachschule ghrem eigenen Heim wachsen, blühen und laben möge. Der Präsident der Handels⸗ mier toastete auf Handel und Industrie. % alan eben, 12. Juli. Der Mittel⸗ Aünische Architekten- und Ingenieur⸗

sstigung bei Lola,

tir.

Verein hielt am Samstag eine gut von außer⸗ halb besuchte Wanderversammlung in unserer Stadt ab. Zu Ehren der Teilnehmer an dieser Veranstaltung hatte die Bürgermeisterei und das Verwaltungsgebäude des Gas- und Wasser⸗ werkes Flaggenschmuck angelegt, auch sandte die Fontaine im Garten des letzteren Gebäudes das Naß unserer Wasserleitung ca. 60 Meter hoch in die Lüfte. Die Archstekten und Ingenieure besuchten am Vormittag das neue Hygienische Institut und besichtigten außer den neuen Kliniken das Liebig⸗Denkmal, um sich nachher in Steins kleinen Saal zu versammeln, wo eine Ausstellung von Plänen und Photographien von städtischen Bauten unserer Stadt arrangiert war, welche vom Stadtbaumeister Schmandt erläutert wurden und das größte Interesse der Fachleute erregte. Die Versammlung stattete darauf dem Werke der Lahnkalk⸗ und Marmor-Industrie August Gabriel je einen Besuch ab. Die in Steins Saal arrangierte Ausstellung der Pläne 2c. städtischer Bauten, welche auch für den Laien interessant, war in der Zeit von 35 Uhr nach mittags für Jedermann zugänglich. Besonders stark war das Gas- und Wasserwerk daran be teiligt. Aber auch etwas Zukunftsmusik war unter den Plänen zu finden. Es fehlte nicht die Bieberthalbahn, das von den Architekten Stein und Meyer entworfene Gießener Volksbad und die wohl als abgethan zu betrachtende An lage des Viehhofes und der Lagerhäuser, welche in der Nähe des Güterbahnhofes anzulegen pro jektiert war. 5

* Gießen, 12. Juli. Gestern Nachmittag fand im Stadtwald an der Licherstraße das diesjährige Wald fest der organisierten Arbeiter aus Gießen statt. Viele Hunderte Männer, Frauen und Kinder hatten sich eingefunden und amüsterten sich vortrefflich. Für Unterhaltungen aller Art war reichlich Sorge getragen. Schaukel, Rundlauf, ein selbstgefertigtes mit Fahnen ge⸗ schmücktes Karussell, Bretzelpolonaise, Ballspiele ꝛc. gaben den Kindern hinreichend Gelegenheit, sich gut zu unterhalten. Für Männer fand ein Preisschießen statt. Die jüngeren Paare drehten sich munter auf dem extra gelegten Tanzboden. Der Gesangverein Eintracht sang einige Lieder vor. Die Festrede hielt Herr Redakteur Scheide mann. Er wandte sich namentlich an die Frauen und Mädcken, die er aufforderte, zu ihrem Teil dazu beizutragen, die sich in der Arbeiter bewegung gleichfalls breit machendeninneren Feinde, nämlich die Gleichgiltigkeit und In⸗ teressenlosigkeit, zu überwinden. Die Frauen sollten ihre Männer nicht von der Bethätigung in der Arbeiterbewegung zurückhalten, sondern im eigenen wohlverstandenen Interesse aufmun⸗ tern zu eifrigster Bethätigung. Mit einem Hoch auf die Arbeiterbewegung schloß Redner. Mächtig durchhallten die Hochs den Wald. Bei der Heimkehr bot der Zug, in dem wohl mehr als 150 bunte Laternen getragen wurden, einen präch⸗ tigen Anblick.

* Gießen, 12. Juli. Zu der am Sonntag, den 25. Juli hierselbst stattfindenden 7. Ruder⸗ Regatta sind folgende Meldungen und Nennungen eingegangen: 1. Einer für Juniors:

Mainzer Ruderverein; Offenbacher Rudergesell⸗

schaftUndine; Ruderklub Witten. 2. Vierer: (Wanderpreis der Stadt Gießen.) Mainzer Ruderverein; Frankfurter Ruderklub; Gießener Rudergesellschaft. 3. Dollenzweier für Juniors: RudervereinWeser, Hammeln; Ruderverein Ems; Ruderklub Hamm: Kreuz⸗ nacher Ruderverein. 4. Zweiter Vierer: Oberrader Rudergesellschaft; Frankfurter Ruder⸗ gesellschaftSachsenhausen; Gießener Ruderge⸗ sellschaft; Ruderverein Kassel. 5. Einer, Lahn⸗Pokal: Frankfurter Ruderklub; Gießener Rudergesellschaft. 6. Vierer für Juniors: Frankfurter Ruderverein; Ruderverein Ems; Frankfurter RudergesellschaftSachsenhausen. 7. Zweiter Einer: Offenbacher Rudergesell⸗ schaftUndine; Mainzer Ruderverein; Ruder⸗ klub Witten; Hanauer Rudergesellschaft 1879. 8. Dollenzweier: Ruderklub Hamm; Kreuz⸗ nacher Ruderverein. 9. Anfänger⸗Vierer: Limburger Ruderverein; Frankfurter Ruderge⸗ sellschaftSachsenhausen; Ruderverein Kassel. 10. Achter, eee Fan unter

dergesellschaftSachsenhausen; Frankfurter 151 1 beider Ruder⸗Gesellschaft; Gießener Rudergesellschaft. 2

* Gießen, 12. Juli. In der date mit 9 en geschmückten Synagoge führte am Sheng 10 beinahe 70 Jahre im Amt gewesene Provinzial⸗Rabbiner Dr. Benedikt Levy seinen nunmehrigen Nachfolger Dr. Sander, bisher in Karlsruhe, in das

Amt ein.

* Gießen, 12. Juli. Der Gustav⸗Adolf⸗ Verein wird Dienstag und Mittwoch(13. und 14. Juli) die Jahresversammlung des Hessischen Hauptvereins in Butzbach abhalten.

* Gießen, 12. Juli.(Besitzwechsel.) Der Bauunternehmer H. Winn erwarb ca. 1000 Qm., etwa die Hälfte des am Seltersweg gelegenen Schwanschen Gartens, für den Preis von 68 000 Mark. Derselbe beabsichtigt an diese Stelle 23 Häuser, deren Untergeschosse elegante Läden erhalten werden, zu erbauen. Wie erinnerlich beabsichtigte vor etwa drei Monaten Restaura teur Esper dieses Gelände als Bauplatz zu er werben und wurden damals für dasselbe 60000

Mark verlangt.

* Gießen, 12. Juli. Die Radfahrer und ihre Laternen. Aus Berlin wird berichtet: Eine für Radfahrer wichtige Entschei⸗ dung fällte die 8. Strafkammer des Land gerichts J bezüglich des Beleuchtens eines Zweirades. In der Wilhelmstraße hatte ein Schutzmannsposten einen Radfahrer, der seine Maschine in später Abendstunde unbeleuchtet dicht an der Bordschwelle mit der Hand führte, ange halten und wegen Uebertretung des Straßen⸗ Polizeireglements zur Anzeige gebracht. Gegen die verhängte Polizeistrafe beantragte der Rad fahrer richterliche Entscheidung und das Schöffen gericht gelangte zu einer Freisprechung. Der Staatsanwalt legte Berufung mit der Recht- fertigung ein, daß Gefährte aller Art im Inte⸗ resse des öffentlichen Verkehrs beleuchtet sein müssen. Wenn auch der Angeklagte geltend mache, daß er gerade deshalb, weil er keine Laterne bei sich hatte, sein Fahrrad neben sich führte, so befreie ihn dieser Umstand doch nicht von der Strafe, da alsdann auch ein Kutscher, der sein unbeleuchtetes Gefährt zur Nachtzeit nicht vom Bocke aus fahre, sondern am Zügel leite, straflos bleiben müsse. Da es sich nur um eine Prinzipienfrage handle, beantragte der Staatsanwalt 1 Mark Geldstrafe. Der Gerichts⸗ hof schloß sich aber der Ansicht des Verteidigers an, daß ein Zweirad kein Transportmittel sei und sich dadurch vom Dreirad, das jedem anderen Fuhrwerk gleichgestellt wird, wesentlich unterscheide. Eine Gefährdung des öffentlichen Verkehrs könne durch ein Zweirad nicht ein treten, weil der Radfahrer jederzeit Herr über seine Maschine ist und dieselbe beliebig an der Hand führen kann. Die Polizeiverordnung dürfe auch nicht zu weit ausgedehnt werden, da sonst auch Kinderwagen die des abends an der Hand geführt werden, ebenfalls beleuchtet werden müßten. Aus diesem Gesichtspunkte heraus wurde das Urteil erster Instanz bestätigt.

* Gießen, 12. Juli. Das Verschlafen auf der Bahn. Ein Urteil, das manchen Reisenden, der einen Schlafwagen benutzt, inte ressieren dürfte, wurde dieser Tage vom Frank furter Schöffengericht gefällt. Ein Frankfurter gebrauchte den Schlafwaggon eines nach Osten fahrenden D-Zuges und erteilte dem dienst habenden Schaffner die bestimmte Weisung, ihn an einer gewissen Station zu wecken. Der Schaffner vergaß den Auftrag und ließ den Reisenden ruhig schlafen, bis dieser dann viele Meilen von seinem Ziel in Königsberg in Ost⸗ preußen von selbst aufwachte. Er verlangte nun von dem dortigen Bahnhofsinspektor, auf Kosten der Bahn an seinen eigentlichen Bestimmungsort zurückgefahren zu werden. Dies wurde ihm aber auf Grund des§ 24 des Betriebsregle⸗ ments rundweg abgeschlagen. Der betreffende Paragraph besagt, daß die Bahn keinerlei Ver⸗ antwortung übernimmt, wenn ein Reisender sein Endziel verschläft und weiterfährt. Das kann aber, so meinte der Frankfurter, doch nur bei denjenigen Reisenden zutreffen, die in den ge⸗ wöhnlichen Waggons fahren, nicht aber bei Be⸗ nutzung der von der Bahn extra eingerichteten Schlafwaggons. Außer seinem Billet müsse der Reisende boch noch eine besondere Gebühr für die Benutzung des Schlafwagens bezahlen, und was habe er dann von dieser angeblichen Bequemlich- keit, wenn er im Bett liegend die ganze Nacht wachen soll? Es könne also diese alte Institution auf die neuere Einrichtung der Schlafwagen doch sicherlich keine Anwendung finden. Der nicht⸗ geweckte Reisende schrieb also an die Bahnbe⸗ hörde, wandte sich gegen die von ihr beliebte Nutzanwendung des§ 24 und bemerkte dabei, daß es Unsinn wäre, dann überhaupt noch Schlaf wagen zu führen. Die Behörde stellte Straf antrag wegen Beleidigung, das Schöffengericht sprach aber den Angeklagten frei, indem es ihm den§ 193, Wahrung berechtigter Interessen zu⸗ billigte. 78˙* Nidda, 11. Juli. Als auf der Bahn⸗ strecke Nidda Schotten der gegen 2 Uhr hier

eintreffende Zug durch Ober-Schmitten fuhr, stand ein dreijähriges Kind zwischen den Schienen des Geleises. Durch den aus den Zylindern strömenden Dampf sah der Führer das Kind nicht; die Maschine gab dem Letzteren einen Stoß und warf es zwischen die Schienen, worauf der ganze Zug über dasselbe wegfuhr; jedoch hat es außer einer Kopfwunde, verursacht durch den Stoß, keinen sonstigen Schaden gelitten.

* Offenbach, 11. Juli. Gestern fand man den Fabrikanten Karl Ludwig Birken⸗ stock blutüberströmt tot in seinem Bette. Er hatte sich mittels eines Rassiermessers den Hals abgeschnitten. Diese Nachricht erregt das größte Aufsehen. Birkenstock stammt aus einer sehr reichen Familie, und seine Frau brachte allein vier und eine halbe Million Mark mit in die Ehe und Alles, Alles ist fort, sodaß er vor gestern den Bankerott ansagen mußte. Als er heute Morgen zur gewohnten Zeit nicht aufge standen war, ahnte seine Frau, mit der er in nächster Zeit die silberne Hochzeit feiern wollte, nichts Gutes man öffnete sein e und fand die im Blute schwimmende Leiche. Daß bei dieser Katastrophe noch andere hies. Firmen in Mitleidenschaft gezogen werden, steht fest.

r. Weilburg, 11. Juli. Zwei Fabrik⸗ arbeiter wollten in der Lahn mit Dynamit Fische töten. Die Patrone explodierte und 115 10 8 wurden schrecklich verstümmelt und getötet.

Vermischtes.

Die Polizei als Modistin. Aus Peters⸗ burg wird demB. T. berichtet: Den Petersburger Radfahrerinnen ist seit einigen Tagen von der Poli⸗ zei ein bestimmtes Kostüm vorgeschrieben worden. Bei uns in Rußland thut die Polizei bekanntlich manches, worum sich die Polizei anderer Länder gar nicht kümmert, und so könnte man auch von der neuen Polizeivorschrift schließlich mit einem ergebenen Seufzer nur sagen:Legts zu dem Uebrigen! Aber die neue Fürsorge unserer Ad⸗ ministrativbehörde hat diesmal einen gar merkwürdigen Grund: das Lachen großfürstlicher Kinder. Das ist so zugegangen. Auf dem Marsfelde, wo Alt und Jung, Männlein und Weiblein das Stahlroß tummelt, haben auch die Kinder des einen und des anderen Großfürsten nicht verschmäht, unter der Leitung ihres Gouverneurs hre ersten kühnen Fahrversuche anzustellen. Wenn nun der Wind, was er recht häufig thut, über die weite Ebene des Marsfeldes pustet, so benimmt er sich gegen das schöne Geschlecht ziemlich ungalant und lüftet hier und da einen Rockzipfel, so daß die zierlichen Höschen ein klein, klein bischen in die Welt hinausschauen könne. Das ist shoking, würde eine Lady sagen;das ist komisch, sagten die Großfürstenkinder, und lachten vergnügt über den ungezogenen Wind. Aber unsere Polizei lachte nie, und so sann sie auf Mittel, dieses Lachen aus der Welt zu schaffen. Man informierte sich rechts, man informierte sich links, erkundigte sich, wie die prüden englischen Ladies radeln, und kam schließlich nach allen diesen Bemühungen zu folgenden Beschlüssen: Unsere Damen, so auf dem Veloziped sitzen wollen, müssen tragen: englische Jacke und mittelalterlich weite Pluderhosen, bei unsSchariwary genannt, oder statt dieserSchariwary einendress, den englischen Reformrock, welcher Kleid und Hosen in sich vereinigt. Ein solcher Rock kostet hier, je nach dem Stoffe, 1418 Rubel, so daß manche schöne Radfahrerin über die Poltzeivorschrift wohl etwas sauersüß gelächelt haben wird. Aber was kann man thun? Es ist doch nur logisch, wenn unsere Polizei folgendermaßen argumen⸗ tiert: wenn eine Dame sich ein Veloziped kaufen kann, so reichts auch noch zu einem schönen Velozipedkostüm! Deshalb geniert sich die Polizei auch nicht, für die Num⸗ mern, die sie den Radfahrern aushändigt, die Kleinigkeit von 3 Rubel 57 Kopeken zu erheben. Jetzt fehlt nur noch, daß auch die Stadt die Velozipede besteuert.

Neueste Telegramme.

Hd. Paris, 12. Juli.Gaulois schreibt: Die sozialistischen Abgeordneten beschlossen, an⸗ läßlich der Reise des Präsidenten nach Rußland in der Kammer einen allgemeinen Amnestieantrag einzubringen.

Privattelegramme der Hessischen Landeszeitung.

Kopenhagen, 12. Juli, Uhr nachmittags. In nächster Nähe ereignete sich vergangene Nacht ein schreckliches Eisenbahnunglück. Ein Schnellzug stieß mit einem Personenzug zusammen, wobei es über hundert Tote und Verwundete gab. Der Materialscha⸗ den ist bedeutend.

Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Redak⸗ teur: Wilhelm Sell in Gießen; Druck der E. Ottmannschen

Buchdruckerei, Gießen, Schloßgasse 13.