Ausgabe 
7.9.1897
 
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Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.

Hessisch

Gießen, Dienstag, den 7. September

1897.

Ausgabe

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Gießen.

Postztg. Nr. 3319. Telephou⸗Nr. 112.

5 Medaktion:* Kreuzplatz Nr. 4.=

Heilverfahren für erkrankte

Versicherte.

Die Versicherungsanstalt Großherzogtum Hessen hat seit etwa zwei Jahren in immer steigendem Maße das Heilverfahren für erkrankte Versicherte übernommen, indem sie in geeigneten Fällen die Kosten der ärztlichen Behandlung, Arznei, Ope⸗ rationen, Bäder, in der gesamten Pflege bestreitet. Voraussetzung dafür ist: 1. daß der Antragsteller bereits so lange versichert ist, um die Wartezeit für die Invalidenrente ganz oder nahezu zu er⸗ füllen; Ausnahmen werden in besonders geeigneten Fällen gemacht; 2. daß er mit einer Krankheit oder einem Leiden behaftet ist, welche den Ein tritt dauernder Invalidität besorgen lassen, wenn nicht durchgreifend geholfen wird, und welche sich dergestalt im Anfangsstadium befinden, daß mit einiger Sicherheit zu erwarten ist, der Kranke werde in absehbarer Zeit wieder für längere Zeit größtenteils erwerbfähig werden. Es bleiben also alle Fälle außer Betracht, in denen es sich um ein unheilbares Leiden, um fortgeschrittene Leidenszustände oder Beschaffung einer guten Unterkunft für Hilflose handelt. Besonders bei Lungenleidenden ist von größter Wichtigkeit, daß das Heilverfahren frühzeitig beantragt wird; der Kranke muß auf einen kleinen Verdienst ver⸗ zichten und nicht warten, bis die Krankheit zu weit fortgeschritten ist und ihn ganz arbeits⸗ unfähig macht. Es ist falsche Humanität, wenn Aerzte, um einem Kranken die Wohlthat zu ver⸗ schaffen, den Zustand absichtlich besser darstellen. Die anderen Kranken der Anstalt werden nur irritiert und der Kranke muß aus der Anstalt entlassen werden, wenn sein Zustand keinen wesentlichen 1 0 erhoffen läßt. Der Antrag ist zu stellen bei der Krankenkasse, der Bürger⸗ meisterei oder direkt bei der Versicherungsanstalt, und zwar auf einem Formular, das von letzterer zu beziehen ist. Es ist Sache des Arztes, ge⸗ eignete Kranke möglichst frühzeitig auf das Heil⸗ verfahren pen und nicht etwa damit bis nach Aufhören der Leistungen der Krankenkasse zu warten; auch die Krankenkassen, die Orts⸗ behörden, die größeren Betriebsunter nehmer, die Vertrauensmänner haben die Pflicht, hier mit⸗ zuhelfen und vielleicht ein beim Arbeiter be⸗ stehendes Vorurteil zu überwinden. Die Ver⸗ sicherungsanstalt hat für Lungenkranke sehr gute Einrichtungen in Reichelsheim i. O. geschaffen, wo Luft, Verköstigung, ärztliche Schandlung, Kaltwasserabreibungen, Bäder gute Heilfaktoren bieten; für den gleichen Zweck stehen noch einige Betten in der Lungenheilanstalt Ruppershain i. T. Schömberg i. Schwarzwald und im Friedrichsstift zu Laubach zur Verfügung. Rheumatismuskranke werden in den Kurhospitälern zu Bad Nauheim und Wiesbaden untergebracht. In Lindenfels finden Rekonvaleszenten und Nervöse gute Unter⸗ kunft; desgleichen werden in Neuenheim i. T. männliche Personen aufgenommen, bei denen nach überstandener Krankheit noch eine Zeit der Ruhe und Pflege nötig ist. Auch in Kliniken und städtischen Krankenhäusern werden

manche

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Fetertagen.

Kranke untergebracht. Für Verrenkungen, Glieder Affektionen, bei denen Massage und Gymnastik angezeigt sind, sind ebenfalls Einrichtungen vor⸗ handen, doch können da nur sogen. frische und keine veralteten Fälle in Betracht kommen. Die seitherigen Erfolge sind im allgemeinen gute. Die Kur findet in allen Anstalten auch im Winter statt. Für Lungenkranke ist die Winter kur sogar von besonderem Werte. Außer der körperlichen Besserung des Krankheitszustandes hat die Kur noch eine erziehliche Bedeutung. Lungenkranke lernen, wie sie leben müssen, um sich lange arbeitsfähig zu erhalten und ihre Fa⸗ milienangehörigen vor Ansteckung zu bewahren. Die Versicherungsanstalt bringt für das Heil⸗ verfahren große Opfer, die hoffentlich reichen Segen bringen, und auch Viele, die noch der Ansicht sind, daß die Invaliditätsversicherung zu wenig leiste, bekehren uud sie anspornen werden, die Beitragsleistung und Markenverwendung ordentlich und regelmäßig zu betreiben, damit nicht in der Zeit der Not die Hilfe an der unterbliebenen Versicherung scheitert.

Kosten für ärztliche Behandlung, Arzneien und dergl., die nicht von der Versicherungsanstalt wenden sind, dürfen von ihr nicht übernommen werden.

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 6. September. Das großh. Ministerium hat, unter wiederholter Aufforde rung zur Anbringung von Blitzableitern an den Schulhäusern, den Schulkommissionen Bestim⸗ mungen über das Verhalten der Lehrer bei Gewittern während der Schulzeit mitgeteilt. Danach erachtet es das Ministerium im Allge⸗ meinen nicht für rätlich, die Kinder beim Herannahen eines Gewitters oder gar während desselben aus der Schule zu entlassen, weil die Kinder auf dem Heimwege vielfach größerer Ge fahr ausgesetzt sein würden, als im Schulgebäude. Diese Gefahr bestehe besonders an solchen Orten, in denen die Schüler teilweise größere Strecken bis zu ihren Wohnungen zurückzulegen oder vielleicht über freies Feld zu gehen haben, wo die Versuchung an sie herantritt, vor heftigen Regengüssen unter Bäumen Schutz zu suchen. Sollte ein Schulhaus durch seine Lage als be⸗ sonders gefährdet erscheinen und die Möglichkeit vorliegen, daß die Wohnungen in sehr kurzer Zeit erreicht werden können, so dürfte die Enut⸗ lassung vor Ausbruch des Gewitters nicht zu

beanstanden sein. f

* Gießen, 6. Sept. Wer einen Photo⸗ graphen veranlaßt, ihm die ohne Zustim⸗ mung des Bestellers angefertigte Nachbildung eines photographischen Porträts käuflich zu über⸗ lassen, macht sich als Veranstalter eines unbe⸗ fugten Nachdrucks strafbar, wenn auch der Photograph wegen Mangels eines subjektiven Verschuldens straflos bleibt. So hat das Reichs⸗ gericht in einem ganz lehrreichen Falle ent⸗ schieden. Der Angeklagte hatte, nachdem er er⸗ fahren, daß sich ein junges Mädchen, für welches

Preis der Anzeigen t 10 Pfg. für die Espaltige Petltzeile.

N Expedition: 1 Kreuzplatz Nr. 4.

er sich interessierte, bei einem Photographen Sch. hatte photographieren lassen, ohne Zustimmung

des Mädchens drei Bilder bei Sch. bestellt und

erhalten. Das Reichsgericht hat die Ansicht des Vorderrichters dahin bestätigt, daß nach§S 7 des Gesetzes vom 10. Januar 1876 allein die Be⸗ stellerin die Genehmigung zur mechanischen Nach⸗ bildung des durch Photographie hergestellten Porträts geben konnte. Die Art und Weise des Angeklagten, sich in den Besttz der Photographien eines jungen Mädchens zu setzen, sei strafbar und der Angeklagte sei als Veranstalter einer Nach⸗ bildung im Sinne des 8 20 des Gesetzes vom 11. Juni 1870 in Anspruch zu nehmen.

* Gießen, 6. September. Ernst Rosen⸗ berg-Gießen ist unter Kl. 63 R. 10 302, Patent für Bandagen für Fahrräder, zum Schutze gegen das Gleiten erteilt.

* Gießen, 6. Sept. Gestern Nachmittag hielt Frau Professor Edinger-Frankfurt a. M., Vorsteherin des Kaufmännischen Vereins für weibliche Angestellte, vor etwa 50 Damen(Mitglieder des Kaufmännischen Vereins waren nur 12 anwesend) im Gesellschaftshaus des Kauf⸗ männischen Vereins an der Nordanlage einen Vortrag über die Notwendigkeit der besseren Vorbildung der weiblichen Angestellten im Handelsstande. Rednerin führte einleitend die Gründe vor, warum die Frauen jetzt mehr wie früher danach trachteten, im Han⸗ delsstande Unterkunft zu finden. Die Ansprüche an das Leben seitens der Familien seien größere geworden, dabei sei der Verdienst des Familienoberhauptes und dessen Söhne nicht gewachsen, sodaß sich die Notwendigkeit heraus⸗ gestellt habe, daß auch die Töchter zur Erhaltung der Familie beitragen müßten. Dazu komme, daß die Mädchen heutzutage nicht mehr genügende Beschäftigung im Haus⸗ halt fänden. Die Näh⸗ und Strickmaschine ꝛc. habe die Frauenarbeit im Hause wesentlich verringert, es hätten nun die so entbehrlich gewordenen Frauen, besonders im

tittelstand, ein unausgefülltes und unbefriedigtes Dasein. Aber auch nicht jedes junge Mädchen habe die Garantie, daß es geheiratet werde und so müsse für seine Zukunft gesorgt werden. Dazu komme der Unabhängigkeitstrieb und gerade die Thätigkeit des Handelsstaudes mit seinen freien Abenden und freien Sonntagen sei geeignet, eine gewisse Anziehungskraft auf die Töchter des Mittelstandes auszuüben. Die Vortragende kommt auf den Einwand der männlichen Angestellten in kaufmännischen Geschäften, daß durch die Frauenarbeit das Angebot und damit die Arbeitslosigkeit im Kaufmannsstande vermehrt werde. Man müsse sich, so führte Rednerin aus, mit der Thatsache ab⸗ finden, daß die Frauenarbeit einmal eingeführt sei und daß es nicht anginge, die Damen einfach brotlos zu machen. Wollte man aber sämtliche mit Frauen besetzte Stellen mit männlichen Kräften besetzen, so fehlte es an Bewerbern, z. B. müßten in Frankfurt/ dieser Stellen unbesetzt bleiben. Rednerin tadelt die Gehaltsdrückerei im kaufmännischen Gewerbe durch die weiblichen An⸗ gestellten auf das entschiedenste. Leiste eine Dame das⸗ selbe was ein Mann leiste, so müsse sie auch denselben Lohn verlangen. Es sei allerdings nicht zu verkennen, daß unter den weiblichen Arbeitern vielfach der Diletantismus stark verbreitet sei, woran hauptsächlich die Eltern die Schuld tragen, welche hauptsächlich darauf sehen, daß ihre Töchter schnell eine Kleinigkeit verdienen sei es auch nur um sich selbst kleiden zu können statt denselben eine gründliche Lehre angedeihen zu lassen. Die Zeit zwischen dem 14. und 16. Lebensjahre sollte man dazu benutzen, um den Mädchen Gelegenheit zu geben, sich eine allgemeine Bildung anzueignen. Auf die Besetzung von

Stellen für weibliche Angestellte übergehend, bemerkt Frau Professor Edinger aus eigener Erfahrung, daß weibliche Kräfte, die etwas leisten, stehts knapp sind und daß Stellungen, die sehr hoch bezahlt werden, in denen na⸗ türlich Leistungen verlangt werden, häufig nicht besetzt werden können, weil es an geeigneten Bewerberinnen fehlt. Es sei mit Freude zu begrüßen, daß der hiesige Kauf⸗ männische Verein sich bereit habe finden lassen, Lehrkurse für weibliche Angestellte im kaufmännischen Beruf zu ver⸗ anstalten, um die Lücken und Mängel des Könnens aus⸗ zubilden, die unbestritten bei den jungen Damen, so gut wie bei den jungen Männern vorhanden sind, auszufüllen. Bei der gleichen Ausbildung der Frauen und Männer für den Beruf würde es sich zeigen, daß die ersteren den Männern keine Konkurrenz machen. Es sei denn auch eine kräftige Organisation im Interesse der Angestellten des Kaufmannstandes zu verlangen. Wie in anderen Staaten müßten die Vereinigungen nicht getrennt nach Geschlechtern, sondern gemeinsam sein. Der 1. Vorsitzende des Kaufmännischen Vereins teilte mit, daß die Schul⸗ kommission beschlossen habe, am 4. Oltober mit einem Lehrkursus für weibliche Angestellte im kauf⸗ männischen Gewerbe zu beginnen. Es sei beabsichtigt, einfache Buchführung, Rechnen, Schönschreiben und Korre⸗ spondenz pro Woche 1 Stunde für jedes Fach einzurichten. Die Schulkommission sei der Ansicht, daß die geeignetste Zeit hierfür die Stunde von 23 Uhr nachmittags sei. Das Honorar sei für alle 4 Fächer auf 10 bis 12 Mk. pro Halbjahr festgesetzt in der Voraussicht, daß sich eine größere Anzahl Damen an den Kursen beteiligen werde.

* Gießen, 6. Sept. Aus dem Voranschlag des land wirtschaftlichen Bezirks-Vereins Gießen für 1897,98 dürften folgende Posten, welche als Ausgaben vorgesehen und genehmigt sind, Interesse haben. Subvention zum Besuche von Ackerbauschulen(2 à 100& 200. Sub⸗ vention zum Besuche von Obstbaumwärterkursen 500, Für Impfung von Gemeindebullen mit Tuberkulin 50. Beitrag an den Obst⸗ bauverein Friedberg 100. Für Wandervor⸗ träge 200. Für die Hebung der Rindvieh⸗ zucht 1300 A. Desgleichen für Ziegenzucht 100. Errichtung von Versuchsstationen zum Anbau von Kartoffeln 100. Die Haushal⸗ tungsschnle zu Lindheim erhält auch in dem Jahr einen Betrag von 50 N.

* Gießen, 6. September. Gegen die drei Wechselfälscher und Betrüger, Ludwig Ehlig, Philipp von Coevaden und Max Schütz ist nunmehr die Anklage erhoben und wird demnächst Termin zur Verhandlung ange⸗ setzt. Unsere Leser erinnern sich dieser drei Gauner, welche das Bankhaus Jakob Grüne⸗ wald hierselbst s. Zt. mit einem auf Frankfurt gezogenen gefälschten Wechsel über 6000&& rein⸗ legen wollten. Glücklicherweise mißglückte jedoch der schlau angelegte Koup.

* Gießen, 6. Sept.(Besitzwechsel.) Der Oekonom Chr. Nebe verkaufte an den Kaufmann Konrad Roth, Wallthorstraße 5, die ihm gehörige früher Wallenfelssche Hofraithe, Zozelsgasse 9 gelegen, für den Preis von 40000 Mark. Der Fuhrunternehmer Heinrich Herzberger verkaufte seine Rodheimerstraße 6, neben dem Promenadenhaus belegene Hofraithe an den Oekonomen Chr. Nebe zum Preise von 36 000 Mark. Durch diese Bestitzwechsel ist

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Eine reiche Partie.

Erzählung von Felix von Stenglin.

(Nachdruck verboten). (Fortsetzung.)

Nach dem Tanz verlor Warnshagen das junge Paar alsbald aus den Augen. Wo waren sie nur beide geblieben? Er drängte sich durch die tanzenden Paare in die Nebenräume. Auch dort nichts von ihnen zu sehen. Er fragte einen Kellner, der zuckte mit den Achseln. Nun ging Warnshagen wieder zurüd, suchte noch einmal, doch wieder ohne Erfolg. Da öffnete sich zufällig die Thür des Saales, und er sah nun Hellmuth im Reise⸗Anzug auf dem 1 7 51 stehen. Schleunigst war Warnshagen maus.

Da sind Sie ja! rief er.Und ich suche Sie überall. N

Pft! machte Hellmuth und legte den Finger auf den Mund.

Und wo ist Ihre Frau?

Mit ihrer Mutter oben.

Nun? fragte Warnshagen gespannt. Sie Erfolg g habt? 5

Freilich! Ich danke Ihnen, daß Sie mich dazu animierten, jetzt mit ihm zu reden. So bin ich eine Last los. d

Ah da gratulier' ich! Er hat Ihnen die Mitgift zugesichert? N

Nein. Er giebt nur Tochter die Zulage. 12

Ja, aber was haben Sie denn mit ihm besprochen?

och habe ihn gebeten, meine Schulden zu be⸗

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seiner

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zahlen. Sie wissen, es find nicht weniger als fünfundsechzigtausend Mark. Ich kann froh sein, daß ich so darüber hinweggekommen bin.

Warnshagen blickte den Offizier starr an. Seine Augen röteten sich.

Und meine Provision? stieß er hervor.

Hellmuth maß ihn mit unwilligem Blick.

Aber ich bitte Sie! Ich kann ihm doch heute mit solchen Sachen nicht kommen! Dazu ist ja später immer noch Zeit. Da kommt übrigens meine Frau. Adieu, Herr von Warnshagen.

Flüchtig reichte Hellmuth ihm die Hand hin und wendete ihm den Rücken.

Warnshagen rührte sich nicht von der Stelle. Er sah Röschen im Reisekleid, sah, wie ihre Mutter sich schluchzend von ihr verabschiedete und wie das junge Paar dann die Treppe herunterging, um eine vor der Thür haltende Droschke zu besteigen. Erst als der Wagenschlag sich geschlossen hatte und das Gefährt von dannen rollte, blickte Warnshagen auf.

Frau Puhlmann stand vor ihm.

Se is weg, sagte sie und trocknete sich die

Augen. Ja, meinte Warnshagen trocken,und er auch. IX.

Es war acht Tage später, und das junge Ehe⸗ paar saß vor dem Gasthof eines kleinen Thüringer Städtchens. Der Abend brach heran, und über dem Gebirge stieg der Mond auf.

Sie saßen still nebeneinander und genossen das Glück ihrer Vereinigung, wie all' diese Tage, mit frohem dankbaren Herzen.

Wolkenlos heiter waren diese Wochen gewesen. Nur in den letzten Tagen, seit sie in diesem Gast hof waren, zeigte Hellmuth manchmal eine gewisse Unruhe. Er stand plötzlich von Röschens Seite auf und ging hinaus. Wenn seine Frau fragte, erwiderte er ausweichend. Er schien irgend eine Nachricht zu erwarten, denn er fragte so häufig nach Briefen. Dabei waren doch von beiden Elternpaareu erst Briefe gekommen.

Doch Röschen machte sich nicht viel Sorge darum, Hellmuth war ja sonst so gut, so lieb, war ihm auch von ganzer Seele zugethan.

Während die jungen Eheleute so still in sich versunken dasaßen, waren sie der Gegenstand des Gesprächs zwischen den Wirtsleuten. Der Wirt trat aus der Gaststube in seine Wohnung, wo die Frau damit beschäftigt war, Tischzeug auszubessern.

Wie ist es denn? Hast Du den Brief an den Lieutenant abgegeben? Du weißt, er fragte doch schon danach.

Hanne hat ihn heraufgetragen. Da finden sie ihn ja heut' Abend, erwiderte die behäbige Wirtin und ließ sich in ihrer Arbeit nicht stören.

Da schick' doch die Hanne wieder hinauf und

laß den Brief wieder herunter holen. Sie sitzen Beide vor der Thür. Er fragte doch jeden Tag so dringend. Was ist es denn für'n Brief? 41Aus Berlin. Ich glaube, ein Geschäftsbrief. 64% Schön. Ich habe keine Zeit, ich muß in die Gaststube. Aber schick nur die Hanne hinauf. Es scheint doch dem Lieutenant viel daran zu liegen. Verstehst Du?, Wenn die schicken.

Hanne kommt, werd ich sie

Der Wirt ging in die Gaststube zurück. Er trat einen Augenblick an's Fenster. Da saßen sie noch immer.

Hellmuth hatte Röschens Hand erfaßt und diese sich an ihn gelehnt.

Er blickte hinauf in den Mond.Sieh', Du kaunst die Mondberge deutlich erkennen, sagte er. Aber sie sind kalt und tot. Kein Baum, kein Grashalm wächst dort. Und wenn einer der Felsen sich löst und in die Tiefe rollt, giebts keinen Schall.

Ein eigentümlicher Gedanke.

Ja, und nun zu denken, daß es auf der Erde auch einmal so ausschauen wird.

Glaubst Du daran, Hellmuth?

Röschen drückte sich fester an ihn.

Daran kann man gar nicht zweifeln, wenns

auch noch Millionen Jahre dauern mag. Den Wald dort, die Häuser, Fluß und See, denke Dir alles fort. Und vor allem den Menschen.

Hu, es wäre ein grausiger Gedanke, wenn man nicht wüßte, daß kein Mensch es mehr so sehen wird.

Er umfaßte sie und preßte sie an sich.Daß es Menschen giebt, so schöͤne Menschen, wie be glückend ist das! Und nun sich vorzustellen, es solle einst keine mehr geben!

Sie küßten sich innig.

Dann sprach Röschen:Es hat ja schon so viele gegeben, die das gleiche Schicksal hatten. Keine Spur ist von ihnen übrig.

(Fortsetzung folgt.)

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