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Nr. 156
Gießen, Mittwoch, den 7. Juli
1897.
Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
Ausgabe
Gießen.
Hessische Landeszeitung.
Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
NMedaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Lokales und Provinzielles.
Gießen, 6. Juli. Erledigt ist: Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrer⸗ stelle an der Gemeindeschule zu Heppenheim g. d. B. mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden Anfangsgehalt von 1000 Mark jährlich.
Gießen, 6. Juli. Personalverände— rungen im Bezirke der kaiserlichen Oberpostdirektion Darmstadt. Es tritt in den Ru hestand: der kaiserliche Ober-Post⸗ direktor, Geh. Ober⸗Postrat Clavel in Darm⸗ stadt. Versetzt sind: der kaiserliche Ober— Postdirektor Maier von Liegnitz nach Darmstadt, der Ober⸗Postassistent Meisinger von Elberfeld tach Mainz, der Ober⸗Postassistent Guthier unter Ernennung zum Postverwalter von Offenbach (Main) nach Ehringshausen(Hessen), der Post⸗ assistent Hahn von Darmstadt nach Groß-Gerau, der Postassistent Jachmich von Bingen(Rhein) nach Mülheim(Rhein). Angestellt ist: als Postassistent der Postauwärter Jäger in Mainz. Angenommen ist zum Postagenten: der Land⸗ wirt Menz in Renzendorf.
Gießen, 6. Juli. Dem„Krampf“ im Wasser fallen jährlich viele Personen, darunter borzügliche Schwimmer, zum Opfer. Der bis zum letzten Augenblick noch muntere Schwimmer macht plötzlich ungewöhnliche Bewegungen mit den Armen, sinkt lautlos in die Tiefe und ver— schwindet zum Schrecken der Badenden— der
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„Krampf“ hat ihn befallen! In Wirklichkeit ist s aber niemals Krampf im gewöhnlichen Sinne, der den Schwimmer befallen hat. Das schnelle flachlassen der Muskelkraft wird dadurch erzeugt, baß Schaum oder Wasserstaub in den Schlund⸗ sopf mit der Einatmung gelangt und in die falsche Kehle“ gerät, wodurch eine fast augen⸗ lickliche Stockung sämtlicher Atmungsorgane tritt. Kommt das Wasser bei Beginn einer Atmung in die Luftröhre, wenn die Lungen ganz luftleer sind, so sinkt der Körper sofort. benn daher die Mitbadenden bemerken, daß emand beim Baden ungewöhnliche Bewegungen lacht, so müssen sofort Hülfe leisten, weil der betreffende unter den beschriebenen Umständen keinen Hülferuf ausstoßen kann.
Vermischtes.
— Eine neue Brotmaschine, die Weizen⸗ oder koggenkörner direkt in Brot verwandelt, wurde dieser dage in der Werkstatt von A. Jungs Nachfolger in berlin einem geladenen Publikum vorgeführt. In sser Brotmaschine ist die raffinierte Kultur unserer Zeit ur zurückgekehrt zu dem primitiven Mittel frühester Tage, denen das Brot direkt aus den zermalmten Getreide⸗ mern gebacken wurde. Das Korn wird, nachdem es Stunden in einem Blechtroge gewässert worden, durch ten Trichter einem rotierenden Zylinder zugeführt, alcher es in eine schlangenförmige Masse als fertigen, um Kneten geeigneten Teig aufweicht. An diesem Teig n nun der Bäcker ohne weiteres seine Kunst üben. So iT mittelst dieser Maschine der Mahlprozeß überflüssig fporden, und für die Hygiene ergiebt sich der Vorteil, aß das Korn in seiner vollen Kraft zu menschlicher Kost Hklarbeitet worden ist. Der Geschmack ist ein außer⸗
ordentlich angenehmer. Für seinen gesundheitlichen Wert spricht die Thatsache, daß der Chemiker des Kaiser⸗ und Kaiserin⸗Friedrich⸗Ktrankenhauses, Herr Dr. Sommerfeld, festgestellt hat, daß zwei Kilo so hergestellten Brotes den Nährwert von einem Kilo Fleisch besitzen. Neben der volkswirtschaftlichen Wichtigkeit hat die Sache auch eine militärische Bedeutung, indem es dank dieser Maschine für die Truppen nur des Einsammelns der Körner bedarf, um ein schmackhaftes kräftiges Brot für die Armee her⸗ zustellen. Nach dem Erfinder der Maschine heißt das Gebäck„Avediks Vollbrot“.
— Das jüngste Großfeuer in Berlin. In⸗ folge des Brandes in der Chausseestraße zu Berlin wird ein Sattler der Omnibusgesellschaft noch vermißt. 65 Pferde wurden tot aufgefunden. 100 Wagen und 10 Lokomobilen sind verbrannt. Das Befinden der verun— glückten Feuerwehrleute ist leidlich; anscheinend schwebt keiner in Lebensgefahr. Die Feuerwehr wird voraus⸗ sichtlich durch 8 Tage auf dem Brandplatze beschäftigt sein. Als Entstehungsursache wird ein aus einer Schlosserei in die Häckselschneiderei geflogener Feuerfunke angenommen. Bei den Rettungsarbeiten in einem auf der Brandstätte in der Chausseestraße verschont gebliebenen kleinen Hause, das der Fuhrherr Raehse bewohnte, ist übel gehaust worden. Eine gewisse Art von„Rettern“ hat die Möbel mit Gewalt zerschlagen. Aus einem Schreibtisch ist bares Geld gestohlen worden, wieviel, steht noch nicht fest. Ein Strolch hat ein Paar gute Stiefel angezogen und seine abgetragenen dafür zurückgelassen. Von dem großen Vor⸗ rat an Schinken und Speck ist von den Dieben nur eine Seite und ein Schinken dagelassen worden, diese auch nur, weil ein Schutzmann dazu kam. Der Fuhrherr Raehse hat 40 Kuppees, 4 Kremser, mehrere Kutsch- und Hoch⸗ zeitswagen, Arbeits⸗ und Lastfuhrwerk verloren. Von der Hitze, in der die Feuerwehr gearbeitet hat, macht man sich eine Vorstellung, wenn man sieht, wie den Feuer⸗ wehrleuten der Lack von den Helmen heruntergeschmolzen ist.
— Ein Duell vor geladenen Gästen. Ein bei Paris ausgefochtenes Duell, in welchem der berühmte italienische Fechtprofesstonal Pini und der französische Amateur Thomeguex zusammentrafen, hat vom Anfang an in Paris die Behandlung eines echt pariserischen Sen⸗ sationsereignisses erfahren und zu vielen hunderten zählten die wirklichen oder soi-disant Sportsmen, welche Alles daran setzten, um Zeugen des Renkontres zu sein, in welchem sie weniger ein ernsthaftes Duell, als ein von dem Amateur mit großem Geschick herbeigeführtes Tur⸗ nier auf knopflose Stoßdegen erblickten. Vergeblich, so berichtet der„Figaro“ in einem Artikel, dessen Ernsthaf⸗ tigkeit überwältigend humoristisch wirkt— vergeblich ent⸗ schieden noch im letzten Moment die Zeugen, daß man sich auf dem Rennplatze von Saint⸗Quen schlagen werde, um so Jene abzuschütteln, die per Rad oder Bahn nach Versailles, dem ursprünglich in Aussicht genommenen Kampfterrain, sich begeben wollten. Die Neugierigen organisierten einen förmlichen Ueberwachungsdienst, durch welchen Zeugen, Gegner und die— Fiaker fortwährend im Auge behalten wurden. Etwa 60 Personen waren überdies von den Zeugen benachrichtigt worden und diese „geladenen Gäste“ des Duells promenieren von 1 Uhr nachmittags an bei den Tribünen des Rennplatzes von Saint⸗Quen. Die nicht derart Begünstigten— Deputirte, Fechtamateure und Professionals, Aerzte, Photographen, Männer der guten Gesellschaft ꝛc. ꝛc. gingen in der langen Avenue auf und ab, in der Hoffnung, als Ge— folge der Duellanten auf den Kampfplatz dringen zu können. Das Warten wurde den Herren aber schließlich zu langweilig, sie fanden sich alle beim Gitterthor ein und fanden alle liebenswürdigen Einlaß! Um 2 Uhr waren nicht weniger als 300 Per- sonen auf dem Kampfplatz, die trotz Wind und Kälte in höchst animierter Weise über das Duell sprachen. Zwischen den konversierenden Gruppen sah man die Photographen, die
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Fetertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Bspaltige Petitzeile.
mit wahrer Wut ihre Momentapparate spielen Clubmen in nußbraunen Ueberziehern lorgnettierten nach allen Seiten kurz, es war Alles wie im Theater. Nach ¾2 Uhr kam Pini mit einem seiner Zeugen, Bep⸗ pino Montefiore; der andere Zeuge, Georges Breittmayer, war früher eingetroffen, um das Terrain zu wählen. Pini wurde sofort umringt, in aller Seelenruhe, lächelnd, teilte er nach rechts und links Händedrücke aus. Er ist ganz vorbereitet für die Auslage; unter dem offenen schwarzen Sacko sieht man das weiße Flanellhemd. Die Photographen umdrängen den Chevalier noch mehr als die Fechter; sie schleppen ihn förmlich fort und nun posiert er vor mehreren Objektiven zugleich, die Amateure nicht zu rechnen, die ihn zugleich im Profil und sogar von rück⸗ wärts aufnahmen. Die Ankunft des„Gegners“, Mr. Albert Thomeguex befreit ihn von dieser vielleicht nicht unwillkommenen Belästigung; denn nunmehr wird auch dieser photographiert. Gegen 2 Uhr begibt man sich zum Kampfplatze, einer schön gerechelten Allee neben den Totalisateurhütten. Die Photographen arbeiten ohne Unterlaß; rechts und links rangiert sich das Publikum. Der„Figaro“ nennt einen Teil der Anwesenden. Die Liste schließt mit einem gottvollen„Ete. etc.“ Herr Thomeguex macht im Wägeraum Toilette; er erscheint wieder, geradezu freudestrahlend, in einem blauen Seiden⸗ hemde mit angeknöpfeltem steifen Kragen und schwarzer
Kravatte... Endlich ertönt das„Allez messieurs!“ und es folgen die acht Gänge, deren letzter Herrn Thomeguex eine Wunde am Halse eintrug. Pini und
Thomeguex drücken einander die Hände. Der Amateur sagt dem livornischen Meister:„Sie sind stärker, als ich dachte.“ Pint erwidert das Kompliment und versichert auf Ehrenwort, er habe nie im Leben Herrn Thomeguex gesehen, könne also ihm nie„ausgekniffen“ sein. Die Photographen klappen endlich ihre Apparate zusammen; es war sogar ein Cinématograph dagewesen, der alle Phasen des Assants aufnahm. Die Duellanten, die Zeugen, das Publikum kehren höchst befriedigt in die Stadt zurück... Und das nennt man ein Duell.
— Eine heruntergekommene Infantin. In einem gewöhnlichen Gasthofszimmer in Paris ver⸗ schied vor einigen Wochen die Schwester Franz v. Assisis, des Gemahls der Exkönigin Isabella, die Infantin der Isabella von Bourbon. Weder ihre Verwandten noch ihre Kinder umstanden ihr Totenbett; es hieß, sie sei exzen⸗ trischen Charakters gewesen, habe elend gelebt und sei ohne Hinzuziehung eines Priesters gestorben, weil sie es nicht anders gewollt. Nachträglich aber stellt sich heraus, daß sie, tragischer als die im vorigen Jahre hier er⸗ mordete Baronin de Valley, eine gefallene Größe war, die erbärmlich endete, verlassen von der ganzen Welt, bis über die Ohren verschuldet. Ihre Familie hatte sich von ihr abgewandt, seitdem sie sich von dem polnischen Grafen Gurowski im Jahre 1847 hatte entführen lassen. Nach seinem Tode 1887 lebte sie kümmerlich von der kleinen Pension, die sie von der spanischeu Regierung bezog, trank unmäßig viel Portwein und Malaga, schimpfte auf die katholischen Priester, besonders auf die spanischen, die sie alle als Heuchler bezeichnete, ward aber schließlich so fett, daß sie seit Jahren ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte. Als sie dem Tode nahe war, telegraphierte der Wirt an ihren Bruder, den König Franz, und an ihre in Paris wohnende Schwägerin, die Exkönigin; aber weder er noch sie sandten irgend eine Unterstützung. Schanden⸗ halber ließen sie ihr allerdings schließlich ein prächtiges Begräbnis zu Teil werdeu; aber wie die Infantin selbst nicht zu zahlen pflegte, so blieben auch sie die Rechnung schuldig, sodaß der Wirt für die Kosten von 10,000 Franken aufzukommen hat. Im Ganzen beansprucht er 13,000 Franken, ohne aber bis jetzt vom spanischen Hofe eine Peseta erhalten zu haben.
— Die Zollrevision mittelst der Röntgen⸗
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editivn: Kreuzplatz Nr. 4.
daß in Paris der Versuch gemacht wurde, die Röntgen⸗ strahlen im Zolldienste zur Durchleuchtung der zu be⸗ steuernden Postpakete zu verwenden. Am 3. d. M. setzte die Pariser Zollbehörde diese hochinteressanten Experimente mit der von Ingenieur Seguy erfundenen Lorgnette, die mittelst Röntgenstrahlen Einblick in verschlossene Post⸗ pakete verschafft, fort. Binnen einer Viertelstunde wurden mittelst der Lorgnette dreißig Pakete untersucht, die eben mit der Bahn angekommen waren. Alle zu den Experi⸗ menten geladenen Zuschauer konnten den Inhalt der Pakete erkennen, ohne daß ein Siegel gebrochen oder ein Faden gelöst war. Mehrere Zollvergehen wurden zur großen Heiterkeit der Zuschauer konstatiert. In einem Paket, das als„Wäschemuster ohne Wert“ deklariert war, fand man drei Kisten ägyptischer Cigaretten und eine Schachtel mit tausend englischen Zündhölzern versteckt. In einem Paket zwischen zwei Schuhen wurden einige Marillen und Feigen entdeckt. Die französische Zollbehörde ist nun⸗ mehr entschlossen, die Röntgenstrahlen ständig für ihre Zwecke zu verwenden. Die Zollbeamten versprechen sich von der Röntgenstrahlen-⸗Lorgnette eine bedeutende Er⸗ leichterung und Beschleunigung der Arbeit, wenngleich der Apparat nicht für alle zollamtlichen Nachforschungen ver⸗ wendbar ist.
— Der Selbstmord nach dem Dessert. In Paris wollte die siebzehnjährige Schauspielerin Amelie L., wohnhaft Rue Martrys,„aus Lebensüberdruß“ Selbstmord verüben und lud hierzu mehrere Freundinnen ein, denen sie zunächst ein lustiges Diner gab. Beim Dessert erklärte sie, daß sie sterben wolle; sie nahm eine Dosis Sublimat zu sich, die sich jedoch als ungenügend erwies. Amelie, sich in Schmerzen windend, bat, ihr weiteres Gift zu holen, und eine ihrer Freundinnen erfüllte unbegreif⸗ licherweise ihr Verlangen. Amelie nahm auch dieses Gift ein und starb. Der herbeigeholte Polizeikommissar Cor⸗ nette wollte den Thatbestand kaum glauben, er erklärte den Freundinnen, ihr Verhalten falle unter das Gesetz. Laut ihren Aussagen hielten sie mit der Verstorbenen erst Kriegsrat, welche Todesart die leichteste sel.
— Als Beitrag zur Kenntnis chinesischer Kulturzustände wird der„Allg. Ztg.“ nachstehende Uebersetzung eines am 16. April d. J. in der amtlichen „Pekinger Zeitung“ veröffentlichten kaiserlich⸗chinesischen Edikts mitgeteilt: Von Ihrer Majestät der Kasserin Ex⸗ regentin erging an uns das folgende hohe Edikt:„Die Gemahlin des verstorbenen M⸗hui, Prinzen von Fu, hat uns mitgeteilt, daß ihr Sohn, der Beile(Prinz dritten Ranges) Tsai⸗shu, von boshaftem Charakter sei und sich allen Erziehungsmaßregeln widersetze. Tagtäglich offen⸗ bart sich bei vielen Gelegenheiten seine Rohheit. Am 10. v. M. war der Geburtstag der Prinzessin; der Beile hatte aber vorher unter der fälschlichen Angabe, krank zu sein, Urlaub erbeten. Als wir unsere Geburtstagsge⸗ schenke übersandten, hat er sich geweigert, dieselben mlt der gebührenden Ehrfurcht und knieend im Empfang zu nehmen. Er hat auch seiner Mutter im prinzlichen Palaste nicht gratuliert. Eine solche Anmaßung und Verachtung der bestehenden Gesetze, welche die Grundsätze des kind⸗ lichen Gehorsams untergräbt, muß auf das Strengste ge⸗ ahndet werden, wenn die Einrichtung der den Eltern schuldigen Pietät nicht einen harten Stoß erleiden soll. Wir verordnen daher hierdurch Folgendes: Tsai⸗shu ist des Ranges als Beila zu entkleiden und dem Ministerium des kaiserlichen Hauses zu überantworten, woselbst er zu⸗ nächst mit achtzig Bambusschlägen zu bestrafen ist. Darauf ist er für ewige Zeiten im Gefängnis dieses Ministeriums zu internieren. Der Oberpräsident dieses Ministeriums, Shih⸗to, Prinz von Li, soll ihm das Ur⸗ teil überbringen und die Strafe vollstrecken. Die Ge⸗ mahlin des Prinzen Fu soll selbst eine andere Persön⸗ lichkeit zwecks Adoptierung als Sohn auswählen und nach geschehener Wahl seiner Zeit um ein genehmigendes Edikt bitten.“
strahlen. Vor kurzem haben wir bereits mitgeteilt,
Komödie.
Von Fritz Anders. (Nachdruck verboten).
1(Schluß.)
E Emilie, was ist Dir?
— Ach, August, Emma war da, Mama ist ir böse. Sie sagt Du seist ein unsittlicher ensch, und ich müßte mich von Dir scheiden sen.
August Springer war starr. Er, das Muster ies soliden Menschen und Ehemanns, ein unsitt⸗ ier Mensch. War denn die alte Dame von
unen?— Und zu heute nachmittag— fuhr uu Springer fort— ist Familienkaffee angesagt, g sollte hinkommen.
Auch das noch.— Daß Du nicht hingehst! e Springer, schwöre mir Emilie, daß Du nicht sigehst.
Das that nun zwar Emilie nicht, aber sie ver⸗ duch es, der strengen Mana ungehorsam zu sein und ging doch hin.
Hier gehen nun dem Erzähler seine Quellen 47 Denn es ist noch nie ein Wort über das daten worden, was auf einem Naumannschen u ulienrate verhandelt worden ist. Thatsache ist, dieser Rat an demselben Nachmittage gehalten 15 ist und daß sich daselbst die ganze Nau⸗ ansche Familie bis ins zweite und dritte Glied ammelt hat. Der Vorgang ist auch genau be⸗ schtet worden. Bei Rupprechts im Hause gegen⸗
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über hat das Dienstmädchen den ganzen Nachmittag Fenster geputzt, und eine Treppe höher bei Kataster⸗ kontrolleurs haben die beiden Töchter den ganzen Nachmittag hinter der Gardine zugebracht und be— obachtet, und im Da bfenster darüber lag der Schneidermeister Lobesämchen auf der Lauer. Im Vorsaal im Naumannschen Hause hatte Rieke Posto gefaßt, und ein anderer Beobachtungsposten befand sich im Waschhause. Von diesen Beobachtern sind alle Teilnehmer am Familienkaffee geprüft worden. Man hat ihre Mienen studiert und weitgehende Schlußfolgerungen angeknüpft. Es ist gesehen worden, wie Frau Emilie gleich einer Verurteilten das Taschentuch vor den Augen im Fenster ge— standen hat, wie sie von dort fortgeholt wurde und wie gleich darauf der Vorhang herabgelassen wurde. Man hat deutlich gehört, wie der alte Naumann im Zimmer auf und abgegangen ist, man will sogar verstanden haben, daß er gesagt habe: Kinder, treibt die Sache nicht zu weit, und daß Frau Rosalie geantwortet habe: Das verstehst Du nicht. Man hat Frau Emilie das Haus verlassen sehen und trotz Abendschatten und Schleier erkannt, das sie blaß und geknickt aus sah. Man hat er⸗ fahren, daß bei Springers bis tief in die Nacht Licht gebrannt hat und daß August Springer in großer Aufregung gewesen ist. Auch das was damals verhandelt wurde, läßt fich aus den Folgen der Beratungen schließen. Es ist bekannt geworden, daß der Kassierer bei Naumann und Kompagnie die Weisung erhielt, künftig das Monatsgeld nicht
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direkt an Springer, sondern an Frau Rosalie zu zahlen. Ferner steht fest, daß Springer am nächsten Tage mit einem großen Musterkoffer abgereist ist. Rechnen wir dies alles zusammen, so können wir uns der Ueberzeugung nicht verschließen, daß die Familie Naumann einen vollen Sieg davon ge— tragen und daß sich Springer gedemütigt und unter⸗ worfen hat, offenbar, um seinem würdigen Schwager nicht das Feld zu räumen. Die dichterische Lauf— bahn scheint damit vor der Hand abgeschlossen zu sein.
An demselben Tage wurde bekannt, daß auch der Theaterdirektor mit Hinterlassung namhafter Schulden und unter Mitnahme der Kasse und der jugendlichen Liebhaberin abgereist sei. Jetzt wird also seine Eile bei der Aufführung begreiflich. Die Schauspieler schlichen mit trübseligen Mienen umher. Man sprach vom Weiterspielen ohne Direktion und auf Teilung, und es blieb am Ende auch nichts anderes übrig, aber man wußte auch aus Erfahrung, daß dabei nicht viel herauskomme. Im goldenen Löwen aber herrschte Heulen und Zähnklappen. Das Heulen besorgte die Frau Wirtin und das Zähn— klappen der Wirt. Löwen⸗Malchen machte ihrem Trinkler eine Szene, wie sie noch nicht dagewesen war. Es war aber auch keine Kleinigkeit. Nicht allein, daß jeder der Schauspieler sein vollgeschrie— benes Borgblatt hatte, auch die große Bowle, die an jenem gloriosen Abend getrunken war, als Krimper in den litterarischen Kreis von Blechstedt trat, war noch nicht bezahlt. Und wer sollte sie
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bezahlen. Springer war ein unsicherer Kantonist und mit Frau Rosalie deswegen anzubinden trug Trinkler ein wohlbegründetes Bedenken. Blieb nur der Hofrat Krimper übrig. Trinkler nahm also alle seine Unverschämtheit zusammen, setzte sich in den Omnibus und fuhr nach Schlammhausen. Er traf den Herrn Hofrat bei Tisch, benutzte die günstige Gelegenheit und überreichte seine Rechnung im Betrage von 51 Mark 50 Pfg. mit dem Zusatz per acquit Trinkler. Krimper war nicht wenig erstaunt. Man sah ihm an, daß er innerlich ent— rüstet war, über die Art wie man seinen guten Willen mißbrauchte und daß ihm ein heftiges Wort auf den Lippen lag. Aber er bezwang sich und be⸗ zahlte den Betrag, ohne ein Wort zu sagen und ohne Trinkler eines Blickes zu würdigen. Dieser zog einigermaßen beschämt ab, aber er hatte sein Geld und seine Alte mußte jetzt den Mund halten.
Den Hofrat wurmte die Sache nicht wenig. Nicht als ob er die 51 Mark nicht hätte entbehren können, aber er kam sich wie verraten und beraubt vor. Einen Augenblick erwog er, ob er die Summe nicht auf den Fonds„Zur Förderung der Kunst“ nehmen könne; aber er verwarf den Gedanken so— gleich wieder als seiner nicht würdig und schrieb in sein Verlustkonto:
Eine Komödie in Blechstedt— 51 Mk. 50 Pfg.


