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Nr. 181
Gießen, Donnerstag, den 5. August
1897.
Postztg. Nr. 3319. Telephou⸗Nr. 112.
Ausgabe
essische Landeszeiln
Gießen.
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Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.
Rebaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 4. August. Eltern und solchen,
deren Aufsicht Kinder unterstellt sind,
dann ein Rechtsstreit zur Beachtung und Warnung dienen, der kürzlich von der ersten Ziwilkammer des Darmstädter Landgerichts und
vom Oberlandesgericht endgültig entschieden wurde. Im Jahr 1890 hatte die Witwe K.
ihrem stebenjährigen Sohn eine Armbrust als Spielzeug gegeben, womit der wilde Junge als⸗ bald die Nachbarschaft belästigte, eines Tages auch auf das dreijährige Söhnchen des Weiß⸗ Uindergesellen S. schoß und dasselbe an dem einen Auge schwer verletzte. Durch den Anprall dec Bolzens war die Hornhaut geplatzt und ein
vorgefallen. Der Getroffene mußte alsbald von Dr. Brückner unter Chloroformanwendung operiert
Tell der Regenbogenhaut und des Glaskörpers
perden, war aber bereits nach vierzehn Tagen,
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Schwachsichtigkeit beider Augen heraus, sodaß . die Minderung seines Sehvermögens jetzt 50 pCt. beträgt.
gegen die Witwe K. Klage mit dem Antrag, dbegen der fünfjährigen Verjährung alsbald fest⸗
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Beklagte, welche ihrem Sohne,
eine etwas entstellende Veränderung der Pupille abgerechnet, anscheinend vollkommen wieder her⸗ gestellt. Sehproben konnten seines jugendlichen Alters wegen damals nicht vorgenommen werden;
bon der Familie wurde eine Beeinträchtigung
des Sehvermögens nicht wahrgenommen. Als zun nach drei Jahren der Junge in die Schule eingetreten war, stellte sich im Verlauf der ersten Schuljahre eine hochgradige Kurzsichtigkeit und
Der Weißbinder S. erhob deshalb
zustellen, daß die Beklagte für den durch ihren Sohn angerichteten Schaden haftbar sei, und dieselbe zur Tragung des entstandenen(Kur⸗ losten) und noch entstehenden Schadens(gemin⸗ derte Erwerbsfähigkeit) zu verurteilen. Beklagte bestritt die Hingabe der Armbrust, behauptete einen unglücklichen Wurf als Ursache des Un⸗ salles und beantragte Klageabweisung. Das borerst über den Grund des Anspruches erlassene Urteil erkannte die Klage als begründet, weil von dem ein vor⸗
N 6 sichtiger Gebrauch der Armbrust nicht zu erwarten
wär, trotz der Warnungen Dritter in der engen dicht bevölkerten Altstadt ein so gefährliches Spielzeug ohne jede Beaufsichtigung anvertraute, hierdurch die aus der elterlichen Gewalt hervor. gehende Rechtspflicht der Vorsorge in gröblicher Weise verletzt habe. Dies gehe aus den Grund⸗ sützen des Aquilischen Gesetzes hervor, das die Eltern für allen Schaden haftbar mache, welcher von den ihrer Aufsicht unterstehenden Unmündigen infolge mangelnder Aufsicht verübt werde. Im welteren Verlauf des nunmehr bezüglich der Höhe der Entschädigung geführten Prozesses war settens der Sachverständigen, dreier hiesiger Augenärzte, die mangels genügender Feststellung dem Unfall außerordent⸗ lich schwierige Frage zu begutachten, —————— 5
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. Preis der Anzeigen t 10 Peg. für die öspaltige Petitzeile.
die vorhandene Kurzsichtigkeit Folge der Ver⸗ letzung und wie hoch der Schaden zu berechnen sei. Aufgrund der Gutachten, welche die Min— derung der Sehkraft durch den Unfall auf 25 Prozent bemessen, sprach das Gericht dem Ver⸗ letzten 200. für Entstellung und erlittene Schmerzen, sowie unter Annahme des 36. Lebens⸗ jahres als Durchschnittsalter und des Weißbinder⸗ oder eines ähnlichen Gewerbes als zukünftigen Beruf des Verletzten eine stufenmäßig sich er— höhende Rente bis zum 36. Jahre zu. Auf beiderseitige Berufung erkannte das Oberlandes— gericht statt der ausgesprochenen Rente auf eine einmalige Entschädigung von 1200/ nebst 5 pCt. Zinsen vom Tage der Klagezustellung an. Gegen die Form der Rente spräche bei Festsetzung, wie geschehen bis zum 36. Jahr, daß Kläger dadurch verkürzt, bei Festsetzung auf Lebenszeit, daß Beklagte ungebührlich belastet; weiter die Unmöglichkeit einer späteren, wie bei den Versicherungsgesetzen vorgesehenen Aenderung. Bei dem jugendlichen Alter des Klägers und der Ungewißheit seines Entwickelungsganges em— pfehle sich deshalb die Kapitalentschädigung, welche eine angemessene Ausbildung des Ver⸗ letzten ermögliche und dadurch die Folgen der Verletzung für die Zukunft thunlichst ausgleiche. * Gießen, 4. August. Im Großherzogtum Hessen wurden 1896/97 3551 Mann zum Mili⸗ tär eingestellt. Darunter befanden sich 4 ohne jede Schulbildung. Je einer dieser 4 war aus Oberhessen und Rheinhessen, zwei aus Starkenburg. In den letzten 20 Jahren wurden in Hessen insgesamt 56 176 Mann ausgehoben, von denen zusammen 57 ohne jede Schulbildung waren. ö * Gießen, 4. Aug. Der heutige Krämer⸗ markt war von Verkäufern ziemlich besucht, dagegen mangelte es an Abnehmern, woran das günstige Erntewetter wohl die Hauptschuld tragen mag. Die Verkäufer werfen vielfach die. Frage auf, ob es sich denn nicht empfehle, die Kram⸗ märkte überhaupt abzuschaffen und sogen. Frühjahrs⸗ und Herbstmessen, ähnlich wie in Frankfurt und anderen größeren Städten, einzurichten? Ob ein großer Teil unserer Ge⸗ schäftswelt dieser Frage sympathisch gegenübersteht, ist fraglich. g * Gießen, 4. Aug.(Viehmarkt.) Der einen Auftrieb von
estrige Kuhmarkt hatte 0 ba 500 Stück, darunter etwa 100 Kälber.
Das Geschäft machte sich, wie seit lange nicht, äußerst flott, trotzdem die von den Verkäufern geforderten Preise sehr hoch waren und auch ein Abbieten wenig Erfolg hatte. Schwere Milch⸗ kühe waren wieder, wie bei jedem unserer Märkte, sehr gesucht, doch genügte der vorhandene Vorrat nicht der Nachfrage. Doch darin wird für die Folge durch die Zulassung des Viehs aus Preußen ohne die lästigen Beschränkungen Wandel geschaffen werden. Es wurden ge⸗
handelt: Kühe, frischmelkend und tragend, beste
am Markt befindliche Ware 450—500., 2. Qualität 350400, geringe Ware ganz nach Wert. Die Kälber zogen im Preise etwas an und kostete 1. Qualität 56—60, 2. Qual. 50—55 K pro 100 Pfund Schlachtgewicht. Fette Rinder, die nur vereinzelt am Markt waren, wurden zu guten Preisen von hiesigen Metzgern gekauft. Der Markt war schon früh— zeitig geräumt.— Auf dem Schweinemarkt waren 4—500 Stück aufgetrieben. Nach Einlege— schweinen war die Nachfrage sehr gering, daher der Handel sehr flau. Die Ferkel waren sehr teuer; für sechs Wochen alte wurden pro Paar 36 4, für acht Wochen alte 45-50&.. gezahlt.
* Bad Nauheim, 3. August. Heute Vor⸗ mittag wurden 14 Badezimmer vom nördlichen Flügel des neuen Badehauses Nr. 6 dem Betriebe übergeben. Die provisorische Eröffnung des neuen Badehauses verlief ohne jede Festlich— keit, dieselbe soll erst bei der Eröffnung des ge⸗ samten Baues stattfinden. Eine Kommission von Darmstadt hatte am Montag Abend die fertige Abteilung übernommen; danach regten sich noch viele fleißische Hände, um Alles für Dienstag früh fertig zu stellen. Das neue Badehaus wird erbaut unter der Oberleitung des Geh. Ober— Bergrats Braun in Darmstadt. Die Bade— zimmer, Vorplätze usw. sind mit allen Neuerungen und vielem Komfort versehen. Die Wände der Badezimmer sind mit eleganten Steinplättchen und mit Holzgetäfel belegt, die Zuleitungsröhren zu den Badewannen sind von Kupfer und Messing. Jedes Zimmer besitzt eine Ruhebank oder Chaiselongne; die Fensterscheiben sind von buntem Glas, durch das ein angenehmes Licht dringt. In den fertig gestellten 14 Badezim⸗ mern werden nur Sprudelbäder gegeben. Die übrigen Badezimmer, etwa noch 60, sollen erst in nächster Saison dem Betriebe übergeben werden.
* Darmstadt, 3. Aug. Dem Berichte der amtlichen chemischen Untersuchungsämter des Landes entnehmen wir, daß im abgelaufenen Jahr im Großherzogtum Hessen 7944 Proben von Nahrungs- und Genußmitteln, sowie Gebrauchs— gegenständen untersucht und daß davon 582 Proben beanstandet worden sind. Beanstandet wurden u. A.: 154 Proben von Milch, 134 von Essig, Gewürze und Spezereiwaren, 70 von Fleisch⸗ und Wurstwaren, 44 von Kaffee, Kakao und Chokolade, 48 von Wein und Obstwein, 39 von Butter, Käse und 22 von Wasser.
* Darmstadt, 3. August. In den von den Gewerbevereinen des Landes unterhaltenen Handwerkerschulen werden, nach den soeben erschienenen statistischen Mitteilungen, 7248 Schüler, darunter allein 4831 Bauhandwerker, unterrichtet; die Zahl der Lehrer an den Schulen beträgt 306.
ebitivn: Kreuzplatz Nr. 4.
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Hessische Volkkunde.
Herr Professor Behaghel in Gießen veröffentlicht in der„Darmst. Ztg.“ folgenden Artikel: Der Oberhessische Geschichtsverein hat beschlossen, die Volkskunde des Hessen⸗ landes in das Bereich seiner Forschung einzubeziehen. Er hat sich damit die Aufgabe gestellt, in umfassender Weise den Stoff zu sammeln, auf Grund dessen ein möglichst getreues Bild des Volkslebens und der Volkspersönlichkeit gezeichnet werden kann. Es soll erforscht werden, wie das Volk seine Häuser baut und seine Dörfer angelegt hat, wie es sich kleidet, wovon es sich nährt; seine Sitten und Gebräuche, sein Glaube und Aberglaube, ste ver⸗ langen Aufzeichnung ebenso gut wie seine naiven litte⸗ rarischen Erzeugnisse, seine Volkslieder und Kinderreime, seine Sagen und Märchen; und wir wünschen das Ge⸗ wand kennen zu lernen, in das es diese Schöpfungen kleidet, die Sprache, die Mundart, in der es im täglichen Ver⸗ kehr sich bewegt. Mit einem solchen Unternehmen schließen wir uns an eine Reihe gleichartiger Bestrebungen an. Vor kurzem ist eine vortreffliche Volkskunde Braunschweigs erschienen; in Mecklenburg ist man dabei, den hauptsäch⸗ lich durch die hingebende Thätigkeit eines Einzelnen her⸗ beigeschafften Stoff zu veröffentlichen; in Bayern, Sachsen und Schlesien, Baden und Oesterreich sind Vereine ge⸗ gründet worden, um die Aufgabe des Sammelns in die Hand zu nehmen; in Pommern, in Böhmen, in der Schweiz treten ähnliche Bestrebungen hervor. Und es ist höchste Zeit, daß die Arbeit beginnt; der hochgesteigerte Verkehr, die Schule, die Zeitung thun ihr möglichstes, um die kostbaren Zeugnisse der alten heimischen Art dem Untergang entgegenzuführen. Wertvoll sind die Thatsachen der Volkskunde in erster Linie für die Erkenntnis der Gegenwart: mögen die einzelnen Züge dem Fernstehenden oft unbedeutend erscheinen, in ihrer Gesamtheit gewähren sie schließlich ein volles Bild der Volksseele, zeichnen die Besonderheit der einzelneu Landschaft im Vergleich mit dem Volkstum anderer Gegenden des deutschen Bodens. Aber die Volkskunde der Gegenwart dient auch zur Auf⸗ hellung der Vergangenheit. Mit großer Zähigkeit hat bis in unser Jahrhundert der alte Brauch und Glaube im Stamm des Volkes gewurzelt, sodaß man ohne große Gefahr Rückschlüsse machen darf. Ein guter Teil des religiösen Glaubens unserer Vorfahren ist ermittelt wor⸗ den mit Hilfe von Zeugnissen der Gegenwart; es ist möglich gewesen, dunkle Andeutungen altdeutscher Dichter aus Einrichtungen und Sitten unserer Tage zu verstehen. An der Hand der Ortsbezeichnungen läßt sich unter Um⸗ ständen verfolgen, wie weit sich die Siedelungen der alten Kelten wie der Römer erstreckt haben. Vorsichtig beur⸗ teilt, kann die Gestalt der Häuser Zeugnis ablegen von der Stammesart seiner Erbauer. Selbst Fragen ganz allgemeiner Art lassen sich mit Hilfe der Volkskunde ihrer Lösung näher führen, wie die Fragen nach der Ent⸗ stehung und Verbreitung des Volksliedes, nach seinem Verhältnis zum Kunstlied. Wenn es sich etwa heraus⸗ stellen sollte, daß Sprachgrenzen mit Grenzen auf dem Gebiete der Sitte, des Brauches zusam nenfallen, so wäre das ein gewichtiger Beweis gegen gewisse Anschau⸗ ungen heutiger Gelehrten über die Entstehung der Mund⸗ arten.
Was bis jetzt auf dem Gebiete der hessischen Volks⸗ kunde geleistet worden, ist verhältnismäßig sehr wenig. Der große Wenkersche Sprachatlas hat selbstverständlich auch Hessen in seinen Bereich gezogen und macht es uns so möglich, uns mit unserer Wißbegierde über sprachliche Dinge im Wesentlichen auf den Wortsatz und Erscheinungen der Satzfügung zu beschränken. Soweit auf dem Geblete
inwieweit
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Eine reiche Partie.
Erzählung von Felix von Stenglin.
(Nachdruck verboten). (Fortsetzung.)
Tiefe Stille herrschte einen Augenblick. Frau von gürgen war auf einen Stuhl gesunken und hielt die Hand vor die Augen; ihr Mann stand sprachlos vor dem Sohne, bleich und entsetzt.
„Wie siehst Du mich an, Papa? Kannst Du mir nicht helfen? Nicht noch einmal? Die paar Schulden, die ich bisher machte, sind ja nicht der Rede wert, und Spielschulden hatte ich doch noch nie. Es soll gewiß auch nie wieder vorkommen, einmal und nicht wieder. Hilf mir, Papa, ich bitte, ich flehe Dich an! Wenn Dein Herz sich mir verschließt, weil ich so leichtsinnig war,— sieh,; hier lieg ich zu Deinen Füßen! Flehentlich bitt' ich Dich: Laß mich nicht zu Grunde gehen! Nur einmal, einmal noch hilf mir! Ich will es Dir danken mein Leben lang, will Dir dienen, Dein Knecht sein, alles— alles will ich thun, wenn Du
einen Sohn rettest vom Verderben!“
Herr von Jürgen seufzte tief auf. 5 „Wenn ich könnte——“ sprach er dann mit tiefer Trauer in der Stimme.
Hellmuth sprang in die Höhe.„Du— kannst nicht?“
„Nein.“ ö
„Dann— ist es— also— zu Ende— mit mir!“ Hellmuth ließ sich in einen Stuhl fallen und brütete vor sich hin.
„Laß uns einmal vernünftig reden, mein Sohn.
ir müssen klar sehen. Das Vermögen Deiner Mutter steckt im Gut. Ich habe auch lein Privat⸗ vermögen mehr. Du hast mich viel gekostet, mein
Junge, und das übrige hat bei den schlechten Zeiten Frauensee verschlungen. Etwas aufnehmen auf das Gut ist unmöglich, da es belastet ist, bis zur äußersten Grenze. Vermögende Verwandte haben wir auch nicht, Du bist der letzte, der einzige unseres Stammes. Es wäre noch eine Möglichkeit, das Gut zu verkaufen, aber das thue ich nicht, denn ich weiß, das wäre das Ende vom Liede. Und ich hoffe doch, es soll alles noch einmal wieder gut werden, das Geschlecht soll neu aufblühen in Dir und Deinen Kindern. Daß wir nur auf vier Augen gestellt sind, besagt noch nicht viel, Du kannst zehn Jungens baben, die das Geschlecht in zehn verschiedenen Linien fortpflanzen. Na, und da soll der Stammsitz verloren geben. Wir müssen etwas erdenken, auf irgend eine Weise wird es ja,
hoff' ich, zu machen gehen. Wie, das weiß ich zwar noch nicht. Dazu gehört Ueberlegung, 3e
„Papa! Lieber Papa! Du willst mich also nicht verlassen? Du giebst mich nicht auf? Ziebst Deine Vaterhand nicht von mir? Nein, laß! Ich muß Deine Hand küssen, diese liebe, väterliche Hand! Sie hat mich so viel gestreichelt im Leben, auch wenn ichs nicht wert war!“
Und Thränen strömten über die Wangen des jungen Mannes, während er inbrünstig wieder und wieder dem Vater die Hand küßte.
Dann trat er zur Mutter.„Und Du, Mama?“
Frau von Jürgen erhob sich, indem sie Hell⸗ muth die Hand auf die Schulter legte, sagte sie: „Vergeben kann ich, aber vergessen nicht sobald. Sieh zu, daß Du es wieder gut machst, was Du an uns verschuldet hast. Und nun setz Dich, trint und iß, wenn Du kannst, das wird Dir gut thun.
Frau von Jürgen schenkte dem Sohne eine Tasse Kaffee ein, schob ihm Brot, Butter und die Schale mit Eiern hin, und ging dann hinaus, um ihre Wirtschaftsangelegenheiten zu besorgen.
Ihr Mann hatte sich neben den Sohn gesetzt und betrachtete ihn. Sein regelmäßiges, ovales Gesicht mit dem vollen, braunen Haupthaar, den offenen blauen Augen und dem kleinen, kecken Schnurrbart hatte sich wieder ein wenig belebt. Und sein Appetit war augenscheinlich nicht schlechter als sonst.
Eine gesunde Rasse, dachte Herr von Jürgen und konnte seinen Blick nicht von dem Sohne wenden.
Doch als er nun an die schwere Aufgabe dachte, die er vor sich hatte, da seufzte er tief auf.
II.
An der Büreauthüre war eine Visitenkarte be— festigt mit der Aufschrift:„Albert von Warns—
hagen, Generalagent und Kassendirektor.“ Das klang sehr schön und erweckte Vertrauen. Und darauf kams an.
Das Böreau selbst bestand aus dem besten
Zimmer der Frau Rosine Möhrchen, wies eine grüne Plüschgarnitur auf, einen hohen Spiegel mit vergoldetem Rahmen, Schrank, Tisch und Stühle von Mahagoni und blendend weiße Tüllgardinen. Nicht zu vergessen den Schreibtisch, an dem der Herr Generalagent oder der Herr Direktor, wie er sich mit Vorliebe nennen ließ, arbeitete. Nebenan war dit Schlafkammer Warnshagens, und weitere Räume besaß er nicht.
Herr Albert von Warnshagen stand vor dem Spiegel mit Goldrahmen und betrachtete sich. Die Figur war noch immer imponierend. Der Gang zwar— unn das sah man jetzt nicht— war in
hohem Grade das, was man in Berlin knickstiebelig nennt. Denn das Gesicht, Hm, hm! Es war natürlich einst jugendlicher und frischer gewesen, aber der stattliche Bart, der nur an den Enden schon etwas grau wurde, machte immerhin einen schönen Eindruck. Dafür fehlte oben desto mehr, aber eine„Anleihe“, die von der vorderen Schädel⸗ hälfte bei der hinteren gemacht war, verdeckte die Kahlköpfigkeit mit Geschick. Die Augen sahen ver⸗ schwollen und trübe aus,— nun ja, es wurde Einem ja auch nicht leicht durch die Welt zu kommen, besonders wenn man drüben in Amerika eine Frau mit neun Kindern zurückgelassen hatte, die ihre regelmäßigen Geldsendungen verlangte. Und wieviel sie brauchte! Man konnte es garnicht erzählen, man hätte sich lächerlich gemacht.
Es klopfte an der Thür, die nach Frau Möhrchens Zimmer führte.
Sofort veränderte sich Warnshagens prüfender, ernster Ausdruck, die Augen wurden noch kleiner, und man sah deshalb ihre Röte nicht so. Die Mundwinkel dehnten sich zu einem freundlichen Lächeln aus.
So blieb er in der Mitte des Zimmers stehen und rief„herein“.
In Morgenjacke und Haube, mit großer Schürze angethan, schwebte Frau Möhrchen,— schwebte trotz ihrer Körperfülle— über die Schwelle. In der Hand hielt sie einen entfalteten Brief.
Mein Gott, wie ist sie doch garstig! dachte Warnshagen, verbeugte sich lächelnd und sagte „Nun, liebe Frau Möhrchen? Frisch und gesund wie der junge Morgen! Ich bitte Sie dringend, Frau Möhrchen, geben Sie mir Ihr Rezept, wie Sie sich so jung erhalten. Wenn ich nicht wüßte, daß Sie 45 Jahre sind—“ Fortsetzung folgt.)


