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Nr. 20
Gießen, Freitag, den 24. Jannar
1896.
Ausgabe
Gießen.
eilung.
Redaktion: 688 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. N Expedition: Kreuzplatz Nr. 4. 8 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile. 24 Kreuzplatz 9 Die Kommunalbesteuerung der und hierbei sichtlich den Jutentionen des Aus- lehnung des Ministeriums gründe. Auch die versichern.§ 2 der Statuten läßt 5 Versiche⸗ E. W. Fernie'sehen Braunstein⸗ schußberichtes folgend eine noch weitere Gliede- hierüber erwachsenen Kreisamtsakten geben in rung zu Rinder über/ Jahr, Bullen, Ochsen,
Bergwerke. II
Gießen, 22. Jan. Das Gutachten des Herrn Rechtsanwalt Grünewald fährt dann fort: Nur ein Bedenken scheint sich der hier vertretenen Ansicht entgegen zu stellen. Deun wenn es richtig ist, daß für
die Heranziehung der Einkommensteuerkapitalien
zu den Gemeindeumlagen der Wohnsitz des
Steuerpflichtigen bezw. der Sitz des Gewerbe—
. betriebes schlechthin maßgebend sein soll, so können
alle diejenigen, welche in unserem Großherzogtum zwar ein Gewerbe betreiben, in Hessen aber weder wohnen, noch das Gewerbe domiziliert haben, mit ihrem aus diesem Gewerbe erzielten Ein— kommen in keiner Gemeinde Hessens zur Kom⸗ munalsteuer herangezogen werden. Diese Folge⸗ rung ist allerdings eine unabwendbare, sie ent⸗ spricht aber auch dem Willen des Gesetzgebers. Denn daß es in der That nicht beabsichtigt war, für die Fälle der letzterwähnten Art, eine Verteilung des Einkommens nach den Quellen desselben in der Art eintreten zu lassen, daß mangels eines in Hessen befindlichen Sitzes des Gewerbes das Einkommen aus demselben anteil— 1 5 überall da zur Versteuerung kommt, wo das Gewerbe betrieben wird, geht aus dem Be⸗ richt des I. Ausschusses hervor(Beilage Nr. 108 der Verh. der II. Kammer XXV. Abt. 1885,88 pag. 5). Es heißt daselbst „Der Ausschuß glaubt bei den sich ergebenden Schwierigkeiten von einer gleichen Verteilung nach den Quellen des Einkommens absehen zu sollen und will sie nur auf den besonderen Fall beschränken, wenn für einen Ausländer im Inlande besondere Steuerkapitalien zu bilden sind.“ Es erhielt hiermit der Art. 1 Abs. 4 des Gesetzes vom 24. September 1887 seine jetzige
Fassung, wonach bei einem Reichsausländer mit
besonderem Einkommen im Sinne des Art. I des Gesetzes vom 8. Juli 1884, insofern eine Trennung nach den Quellen seines Einkommens angeordnet ist,— als nicht etwa sein gesamtes Einkommen tan einem Ort zu versteuern ist— bielmehr sein Einkommen aus Grundbesitz an
dem Ort der belegenen Sache und sein Einkommen
aus einem Gewerbebetriebe am Sitze dieses Betriebes zur Versteuerung gelangt. f Daß aber auch inuerhalb des Gesamtein—
kommens aus einem Gewerbebetriebe für den
Fall, daß ein Sitz dieses Betriebes in Hessen ficht vorhanden ist, darauf weiter zurückgegangen werden soll, aus welchen Gemeindebezirken dieses Gewerbe-Einkommen herrührt, ist durch nichts begründet, es würde dies vielmehr dem ganzen
Gedankengang des schon mitgeteilten Ausschußbe⸗
richtes widersprechen, der eine Gliederung des Ein—
kommens nach seinen Quellen überhaupt
prinzipiell vermeiden will, wie ja auch ein
olches Verfahren dem Wortlaut des Gesetzes fach entsprechen würde, das den Quellen nach nur zwischen Einkommen aus Grundbesitz und solchen aus Gewerbe schlechthin scharf unterscheidet
rung des Einkommens nach den Quellen aus—⸗ schließen will.— In solchen Fällen sollen sich aber die einzelnen bei dem Gewerbebetriebe in räumlicher Beziehung beteiligten Gemeinden damit begnügen, daß die Inhaber des Gewerbe— betriebes nur mit ihrem Gewerbesteuerkapital anteilmäßig zu den Gemeindeumlagen heran— ezogen werden, im Uebrigen aber mit ihren Linkommensteuerkapitalien in Hessen überhaupt nicht zu den Kommunalsteuern beizutragen ver— pflichtet sind, wie die Gemeinde auch nach Maß— gabe des Gesetzes von 1887 sich damit zufrieden geben und es nicht hindern kann, daß die In— haber von Gewerbebetrieben sich willkürlich in einer Gemeinde niederlassen, wo sich auch nicht eine einzige ihrer gewerblichen Anlagen befindet, und dort ihr gesamtes Einkommen zur Ver— steuerung bringen, mit Umgehung aller an ihrem Gewerbebetriebe räumlich beteiligten Gemeinden.
Zieht man nun die Nutzanwendung der vor— stehenden Ausführungen auf den konkreten Fall Fernie, so ist wohl unbestritten der Sitz des Gießener Braunsteinbergwerks in Gießen und deshalb auch in Gießen das Einkommen aus diesem Gewerbebetriebe total in Gießen zu ver— steuern, dagegen wird das Gewerbesteuerkapital anteilmäßig in den Gemeinden Gießen und Großen-Linden zu den Kommunalsteuern heran— zuziehen sein, da in beiden Gemeindebezirken sich Gewerbeanlagen befinden.
Die zu Anfang des Gutachtens an zweiter Stelle aufgeworfene Frage, ob der zur Zeit be—⸗ stehende Verurteilungsmodus bezüglch der Herau— ziehung des Einkommensteuerkapitals zu den Ge⸗ meindeumlagen in der Gemeinde Gießen und Großen-Linden der richtige sei, beantwortet das Gutachten des Rechtsanwalts Grünewald kurz dahin, daß in dieser Beziehung wenigstens auf jeden Fall eine Abänderung zu Gunsten der Stadt Gießen zu erzielen sein dürfte. Es ist nach dem Dafürhalten des Gutachters bei der Veranlagung der Firma Fernie zu den Umlagen der Gemeinde Großen-Linden, dem äußeren Umfang des in deren Gemarkung ge⸗ legenen Realbetriebes zu sehr Rechnung getragen worden, was auch Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch in seinem gutachtlichen Bericht hervorgehoben habe. Das Gutachten des Rechtsanwalt Grüne—⸗ wald fügt hinzu, daß der äußere Umfang des in der Großen-Lindener Gemarkung betriebenen Gewerbes schon um dessentwillen nicht allein maßgebend sein kann, weil doch auch in Rücksicht gezogen werden muß, daß, wie bereits angeführt, gerade schon durch die bloße Thatsache, daß in einer Gemeinde ein umfangreiches Gewerbe be— trieben wird, die Steuerkraft der Bewohner dieser Gemeinde um ein Echebliches gesteigert wird.
Das Gutachten empfahl s. Zt. in dieser Au⸗ gelegenheit sich mit einer begründeten Eingabe an das Ministerium der Finanzen zu wenden, um eine nochmalige Prüfung der einschläglichen Fragen herbeizuführen und schließt mit dem Hin— weis, daß ein schon früher ergangener Entscheid ohne Motive gegeben sei und daher nicht ersicht⸗ lich sei, auf welche Erwägnungen sich die Ab—
dieser Beziehung keinen Aufschluß.
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Lokales und Provinzielles.
r. Gießen, 23. Jan. Eine Pestalozzi⸗ Feier war bekanntlich bereits vor einiger Zeit von den Volksschullehrern unserer Stadt geplant, kam jedoch nicht zu Stande. Jetzt hat der hie— sige Arbeiterbildungsverein die Sache in die Hand genommen, und es ist ihm ge⸗ lungen, in der Person des Herrn Dr. Eduard David aus Bad-Nauheim, einen sachkundigen Festredner zu gewinnen. Die Pesta⸗ lozzifeier findet nun, durch Vorträge des Ge— sangvereins„Eintracht“ verschönt, am näch⸗ sten Sonntag, den 25. d. M., Abends 9 Uhr,
im Saale der Restauration Böhm, Neustadt, statt. Wir wünschen der Feier, zu der Jeder— mann freien Zuteitt hat, einen recht zahlreichen Besuch.
WM. Gießen, 23. Januar. Gestern Abend fand die Generalversammlung der Gießener Schlachtviehversicherungs-Gesellschaft, welche nunmehr seit einem Jahre besteht, statt. Den Bericht über die Jahresrechnung pro 1895 erstattete der Cassirer des Vereins, Schlacht—⸗ hausverwalter Möhl, woraus hervorging, daß die Gesellschaft ganz ausgezeichnet prosperire. Den Einnahmen bon Mk. 15 646,42 stehen an Ausgaben Mk. 11 90,23 gegenüber, wovon Mk. 10 778,54 für Schäden bezahlt wurden. Der Rest der Ausgaben besteht in Verwaltungsun— kosten, welche sich im kommenden Jahre vermin- dern werden, weil die Anschaffung von Deuck— sachen ꝛc. bei der Neubegründung der Gesellschaft sich nicht umgehen ließen. Die Rechnung wurde von den Revisoren geprüft, für richtig befunden und ertheilte die Versammlung dem Cassirer Decharge. Der Vorsitzende erstattete hierauf den Bericht über das abgelaufene erste Jahr seit dem Bestehen der Gesellschaft und konnte mit Recht betonen, daß die Verhältnisse derselben stabile seien und man mit froher Zuversicht in die Zu— kunft schauen könne. Er dankte den in der Ver⸗ sammlung anwesenden Herren, Provinzialdirektor Freiherrn v. Gagern und Oberbürgermeister Gnauth, daß sie der Einladung hier zu erscheinen, Folge geleistet, besonders aber, daß beide Herren ihr Interesse für diese Sache dadurch bethätigt haben, indem sie die Bestrebungen der Gesellschaft damit unterstützteu, daß sie s. Z. bereitwillig das Protektorat derselben übernahmen. Es kam darauf ein Antrag Rost und Genossen zur Ver— handlung, die Gesellschaft möge auch die Asse— curanz von Schweinen während des Transpor— tes in das Bereich ihrer Thätigkeit ziehen. Die über diesen Autrag stattgefundene sehr lebhafte Debatte führte zu keinem Beschluß. Nach§ 4 Absatz 3 der Statuten können Gemeinden, welche sich zur Leistung eines vom Vorstande festzu⸗ setzenden Beitrages auf bestimmte Zeit verpflich- ten, hierdurch die Befugnis erlangen, auch andere als im§ 2 bezeichnete Thiergattungen, nähere Vereinbarung vorbehaltlich, die von Gemeinde— angehörigen zur Schlachtung gebracht werden, zu
Faselochseu im Alter bis zu 4 Jahre, Kühe bis zu 6 Jahre alt, ältere Thiere bedingungsweise, Stoppelkälber und Schweine, sofern solche lebend und unverletzt in den Gießener Schlachthof ge⸗ bracht werden. Die Versammlung beschloß nach recht lebhafter Berathung, an der sich auch Pro⸗ vinzialdixektor Frhr. v. Gagern und Oberbürger⸗ meister Gnauth betheiligten, diesem Zweig der Versicherung im kommenden Jahre mehr sein Augeumerk zu widmen, und sollen die landwirth⸗ schaftlichen Vereine veranlaßt werden, dieser Frage näher zu treten und den Gemeinden diese Art der Versicherung nach§ 4 des Statuts zu empfehlen, damit die Landwirthe vor allen Nach⸗ theilen, die dieselben sonst durch totale oder teil⸗ weise polizeiliche Beanstandung des in unserem Schlachthof eingeführten Schlachtviehes geschützt sind. Die Generalversammlung beschließt die pro 1895 bestimmt gewesene Versicherungsgebühr pro 1896 beizubehalten. Rinder Mk. 4, Kühe über 6 Jahre alt Mk, 5, Schweine Mk. 1,50 bis J, jedoch sollen pro 1896 die Vergütungen für beanstandete innere Organe wie folgt erhöht werden: 1 Schweineleber Mk. 2,50, do. Lunge Mk. 1,50, Rinderzunge Mk. 3, do. Leber Mk. 4, do. Lunge Mk. 2, Eingeweide vom Schwein (Darmtraktus) Mk. 3, dasselbe vom Rind Mk. 2. In Gemeinschaft mit der hiesigen Metzger⸗-Innung beabsichtigt die Gesellschaft feste Normen für die Berechnung von Lebend- und Schlachtgewicht für den hiesigen Platz anzubahnen und zu schaffen. Nachdem noch interne Vereinsangelegenheiten be⸗ sprochen worden, schritt die Versammlung zur Wahl des Vorstandes, deren Resultat die Wieder⸗ wahl der seitherigen Vorstandsmitglieder war. J. Vorsitzender Metzgermeister L. Vogt, 2. Vor⸗ sitzender Metzgermeister S. Rosenbaum, Kassierer Schlachthofsverwalter Möhl, technischer Beirat Tierarzt Dr. Liebe; Schiedsrichter sind die Metzgermeister Fr. Schreiner, Ludw. Schneider und Karl Schneider. Revisoren die Metzger⸗ meister Ph. Malkomesius und Karl Schneider.
Gießen, 23. Jan. Ueber einen zu Heil⸗ bronn gehaltenen Vortrag des Privatdozenten Jeus Lützen schreibt die„Neckar Zeitung“: Glanz⸗ voll in der eigentlichsten und umfassendsten Be⸗ deutung des Wortes gestaltete sich der gestrige, in dieser Saison zweite Vortragabend des„Kauf⸗ männischen Vereins Heilbronn“. Glänzend war der Besuch: der große Harmoniesaal vermochte die Gäste kaum alle zu fassen. Glänzend war der Gegenstand, der von Herrn Jens Lützen, Privatdozenten an der Humbold-Akademie in Berlin, vorgeführt worden ist: es war das Sternengezelt in prächtigen Lichtbildern, wie solche in dieser Anzahl, Vollkommenheit und Schönheit hier noch nicht zu schauen waren. Glänzend war auch der Vortrag selbst: voll Wohlklang die Stimme, berechnend, knapp, klar und leicht faßlich die Anordnung des gewaltigen Stoffs, voll Schwung und Poesie die Durch⸗ führung. Glänzend war auch endlich die Aner— kennung, die dem geehrten Herrn Redner am Schlusse seiner 1èJstündigen Darbietungen ge⸗ worden ist.— Wir weisen auch an dieser Stell e
. Im Dienst.
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Keine Militär⸗Humoreske von Gottfr. König.
(Nachdruck verboten) Marie fegte die Stube aus. Die Sonnen⸗ säubchen tanzten wirbelnd in dem grellen Tages— cht, das in schmalen Streifen durch die hohen achfenster hereinbrach, und sie sah mit weitge— ffneten Augen geradewegs in die helle Sonne.
„Jetzt wird sie begraben sein“, dachte sie, nickte echanisch mit dem Kopfe, den starke braune Flechten umwanden, und setzte sich dann schwer auf den Stuhl, der am Fenster stand. Vom Hofe her, den hohe, glatte Mauern rings umschlossen, tönte eine leierkasten⸗Melodie in abgerissenen Akkorden herauf. Man hörte blos die tiefen Nudeltöne der Baß— feifen, während die helleren Stimmen dem ge— ten Instrumente in der Kehle stecken zu bleiben shienen. Es war ein ohrenzerreißendes Konzert, dem einige grelle Kinderstimmen die höchsten schrillen Töne hinzufügten. Das Mädchen hörte nichts, sie sah. Den hesen im Arm starrte sie über die Schornsteine
die heiße, blaue Sommerluft. Sie sah den Kirch— Uf, sah das offene Grab und hörte die eiligen Borte des Geistlichen, mit denen ihre tote Herrin die schwarze Erde hineingesenkt wurde.— So lung war sie gewesen, so fein und so zart wie ein kigel, rührend schön und geduldig. Und wie itte sie ihren Mann geliebt!— Nun war sie über den Knäbchen gestorben, das drüben in der Wiege
schlief.— Wie sie dagelegen hatte im Sarge! Das Hochzeitskleid hatten sie ihr angezogen und eine Blume ins helle Blondhaar gesteckt, daß sie aussah wie ein junges Mädchen.— Tot, tot!— Ein tiefes Zittern ging durch die starke Gestalt der Träumenden. Polternd entfiel ihr der Besen. Sie fuhr auf, schüttelte sich und kehrte weiter.
Wieder tanzten die Stäubchen und die Sonnen strahlen tanzten mit und überschütteten die Kehrende mit einer Flut von Licht, das in dem braunen Haargeflecht spielte und um die Füße des Mädchens huschte, während sie den Besen über die Dielen zog.
„Was nun?“ dachte sie.— Vor zwei Jahren hatte sie von Hause fort müssen„in Dienst“ uach Berlin und wie froh war sie gewesen, als die kleine junge Frau sie engagiert, die ihr gleich so gefallen. Sie erinnerte sich's noch deutlich: Theodor Müller, Maler, stand an der Thür der Dachwohnung, in die sie geführt wurde, und alle Angst, die ihr nach und nach in die Kehle gestiegen war, als es immer weiter hinausging in bie schmutzige Vor— stadt und immer höher hinauf in dem großen hohen Hinterhause, war ihr wie eine schwere Last vom
Herzen gefallen, als die kleine Malerfrau sie mit reizendem Lächeln ihrem Manne Horstellte und ihn schelmisch fragte:„Bist Du nun zufrieden, Theodor, oder fürchtest Du noch, daß ich mich zu Tode arbeiten werde mit dieser Brünnhilde?“ Und dann lachten sie beide herzlich, aber Frau Else sah ihr so freundlich dabei in die Au zen, und der große, schlanke Mann reichte ihr so gütig die Hand, daß
es ihr gleich war, ob sie über sie gelacht hatten und ob der fremde Name, den sie nicht verstanden, etwas gutes oder schlechtes bedeutete. Errötend knixte sie verlegen und sagte wie als Entschuldigung: „Ich bin ja in Ihrem Dienst, Frau Malerin!“
Und es war kein schwerer Dieust bei der jungen Frau. Wie von selber fügte sich unter ihren feinen Händen alles zusammen. Sie hatte es verstanden, die kleinen Dachstübchen zu den zierlichsten Salous, die hohen Nansarden zu lauschigen Erkern umzu— wandelu, und wenn nun vollends ihr feines lieb— liches Gesicht mit den strahlenden Augen über dem kleinen Nähtisch herübersah und ihr helles Lachen durch die engen Räume klang, dann glaubte man eher, sich auf dem Parkett einer Westend-Villa zu bewegen, als in einer im Grunde doch recht ärm— lichen Berliner Vorstadtwohnung.
Frau Elsens lachende Augen hatten denn auch nicht nur Mariens naives Herz bald gänzlich ge— wonnen, sondern auch ihr ganzes Denken und Thun unmerklich und leise, aber um so sicherer unter ihre stille Herrschaft gebeugt. Sie wurde unter den Händen der kleinen Malerfrau ein anderes Geschöpf—
Fleißig hatte sie geholfen, zugegriffen mit rascher, geschickter Hand, so lange das blühende junge Leben noch atmete. Nun war alles vorüber. Sie war zum ersten Male ganz allein. Keine Thräne war in ihre Augen gokommen die ganze Zeit. Jetzt aber lief ein großes Schluchzen durch ihren Körper, blieb ihr würgend im Halse stecken und trieb ihr
das helle Wasser unter die Wimpern.
„Was nun?“— Ihr erster und letzter Ge⸗ danke war's, während sie halb träumend das ver— nachlässigte„Atelier“ vom gröbsten Staube befreite, das seit Wochen von keinem Fuße betreten zu sein schien. Es sah traurig aus in dem halbdunkeln Raume, in dem allerlei Malgerät mit eilig aus der Hand gestellten Gegenständen durcheinanderlag, und die graue Staubschicht, die alles überzog, schien sich auch auf das Gemüt des Mädchens legen zu wollen. Sie atmete schwer und hastig und war froh, als sie aus dem drückenden Dämmer wieder in das helle Sonnenlicht hinaustrat.
Daß sie bleiben mußte, bleiben und weiter helfen, das war ihr klar, darüber kam ihr gar kein Gedanke auf. Sie hatte einen so eigentümlich starren Glanz in den Augen des Malers gesehen,
als er hochaufgerichtet dem Sarge die Treppe
hinunter nachging.— Ach, und sie wollte es ja gern, schon um des Würmchens willen, das so hilflos in seiner Wiege lag! Aber wie ihm helfen und sich, wo sie selber nicht Trost wußte?—
Der Schritt des Malers, der vom Kirchhof zurückkam, schreckte sie aus ihrem Sinnen.— Er war bleich, aber in Schweiß gebadet. Mit einem Ausdruck stumpfer Gleichgiltigkeit im Gesicht ließ er sich müde auf einem Stuhl nieder. Eine drückende Pause entstand. Man hörte deu schweren Atem des Mannes, der in scharfen Stößen aus seiner arbeitenden Brust hervordrang.
(Fortsetzung folgt.)


