Gießen, Sonntag, den 22. März
1896.
Ausgabe
Gießen.
ische Laudeszeilung.
ad 1 Redaktion: 2 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.. Expedition: a. Kreuzplatz Nr. 4.. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die öspaltige Petitzeile. 7 2 Kreuzplatz Nr. 4. 0 9* Reichstag begeht heute, am einundzwanzigstenzieher in Stellen, die mehr einbringen und um-] Ausstellungen werden, die in Südwestdeutschland ügemeinde. Aus dem Bei waltungsbericht März, eine erhebende Feier. Heute nämlich, vor[gekehrt.— Es würde dieser Antrag dem ganzen abgehalten wurden. Sonntag, den 22. März, der Großh. Bürgermeisterei. fünfundzwanzig Jahren, trat in Berlin der erste, Geist dieser Institution widersprechen und die Ge- nachmittags 4 Uhr, findet auf dem Felsenkeller ue Gießen, den 21. März 1896. aus allgemeinen unmittelbaren Wahlen hervor⸗ richtsvollzieher in guter Position würden gewiß von Paetow eine gemeinsame Versammlung des b alsunde VIII gegangene Reichstag zusammen. Blicken wir mit einem solchen Wandel nicht zufrieden sein. landwirtschaftlichen Bezirksvereins Friedberg und 00 in Märktwesen heute, in unserer politisch so unfruchtbaren und 1 Gießen. 21. März. Heute Morgen wurde des Wetterauer Geflügelzuchtvereins statt, in . ff. 1 8 5 8 1. 99 vielfach zerklüfteten Zeit, auf jene Tage zurück, der 18jährige Seibert, der bei der Spar- und welcher Herr Landwirtschaftslehrer Pozniczek aus 0 Die für 189495 vorgesehenen 36 Vieh⸗ die dem ersten deutschen Reichstag so reiches An⸗ Leihkasse hier beschäftigt gewesen war, wegen Mainz einen Vortrag über„Hühnerzuchtstationen“ 8 üb und Krämer märkte konnten insgesamt abge⸗ sehen verliehen, so könnte fast eine Regung des Unterschlagung von/ ca. 280— in Haft halten wird. isabäln alten werden; auf den ersteren waren im ganzen Neids uns beschleichen; denn welch ein Unterschied genommen. Ein Schaden wird die Kasse aller⸗ Darmstadt, 20. März. Um Störungen N 9 1. 5 f 8 zwischen einst und jetzt! Das Heim, in welchem dings nicht treffen, da sie durch gemachte Spar-im Schulbetrieb bei Zuziehung von Lehrern 0715 Stück Rindvieh gegen 15 394 in 189394 der deutsche Reichstag jetzt wirkt, ist zwar prunk⸗ einlagen des Seibert gedeckt sein soll. zu gerichtlichen Verhandlungen behufs Verneh⸗ 8s„ Schweine„ 10 528„„ voller, imponierender geworden, aber die That⸗ Gießen, 21. März. Die gestrige Vor- mung derselben als Sachverständige oder Zeugen Die bei Abhaltung der Viehmärkte neuerdings kraft, die ihn im alten bescheidenen Hause beseelte, stellung im Zirkus Lorch war leider thunlichst vorzubeugen, hat das Ministerjum in Jahn serstärkt hervorgetretenen Uebelstände hatten Großh. fehlt, es fehlen die neuen, frischen Impulse: müde wiederum nicht besonders gut besucht. Die einem an die Gerichte und Staatsanwaltschaften 55 ßolizeiamt Gießen zur Ausarbeitung des Ent⸗ und gelangweilt schleppt er sich von Session zu prächtigen Leistungen verdienten wahrlich bessere] gerichteten Ausschreiben angeordnet, daß bei Hburfs einer Lokalpolizeiordnung veranlaßt; es Session und nur selten wird er durch außer- Unterstützung seitens des Publikums. Das Pro⸗
üllte danach insbesondere alles zum Zweck des
. 100 berkaufes hierher gebrachte Markt⸗Vieh auch auf * em Viehmarkt aufgetrieben werden und nur ei bort 3 werden dürfen, während der handel mit solchem in hiesigen Wirtschaften und brivatställen sowohl als auch an anderen Orten,
atv, e, benso wie das Hausteren mit solchem Vieh inner⸗ Ottmann, salb der Stadt verboten werden sollte; des Weiteren sollte vor der Beendigung der mit Beginn der Viehmärkte anfangenden tierärztlichen Untersuchung kein Vieh abgetrieben werden dürfen. Ohne das Vorhandensein der den Erlaß einer olchen Verordnung rechtfertigenden schweren l Nißstände bestreiten zu wollen, konnte man sich 5 doch der Einsicht nicht verschließen, daß eine der⸗ artige, zeitliche und räumliche Zusammenfassung
des ganzen Viehmarktverkehrs nur zulässig und lurchführbar sein würde, wenn der Marktplatz selbst, wie die zur Untersuchung des aufgetriebenen 1 Hbiehs getroffenen Einrichtungen auch geeignet bend. würden, die geplanten strengen Vorschriften hne allzu empfindliche Belästigungen und Ver⸗ ögerungen für die Marktbesucher durchzuführen.
0 In beiderlei Hinsicht mußte aber der derzeitige . Zustand als unzureichend anerkannt werden, in—
dal, dem der vorhandene Marktplatz weder Raum 19 ur gleichzeitigen Aufstellung des gesamten, nach rstand. der Verordnung ihm zukommenden Viehes bietet,
— och die tierärztliche Untersuchung aller Tiere in den wenigen Marktstunden durchführbar sein er pürde ohne unerträgliche Hemmungen im Ver⸗ 0 und Abtrieb des noch nicht untersuchten jeder 5, iehes. Anders, wenn— wie geplant— ein 1 hoh. eber gerumiger Viehmarktplgs init direttem en hohe Bahnanschluß und Viehbof(Stallungen) vor⸗ ht. Cab hauden sein würde, wobei es ermöglicht wäre, äheres„ das vor den Markttagen eintreffende, im Viehhof , Aten eingestellt werdende Vieh alsbald nach seiner Ankunft, jedenfalls aber vor dem eigentlichen Ae arkt in Ruhe zu untersuchen. Unter diesen haus K e
Umständen mußte die Stadtverordnetenversamm⸗ lung beschließen, ihre Zustimmung zu der vor⸗ selegten Polizeiverordnung oder zu ähnlichen 45 estimmungen zu versagen bis zur Anlage eines neuen Viehmarktplatzes mit Viehhof.(Stallungen).
— Die in dieser Richtung im Gang befindlichen, mit dem Umbau des hiestgen Bahnhofes zusam⸗ sch mienhängenden Vorarbeiten konnten im Berichts⸗ f„Jahr noch nicht zum Abschluß gebracht werden.
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 21. März. Der deutsche
gewöhnliche Ereignisse aus seinem trägen Hin— dammern aufgeschreckt. Möchte der heutige Ge— denktag eine Umkehr zum bessern bringen. Der deutsche Reichstag sieht auf stolze Tage geistiger Kämpfe und Siege zurück; wünschen wir, daß er sich fürder seiner Vergangenheit würdig zeigt, daß er sich bald wieder die Achtung und Teil⸗ nahme zurückgewinnt, die ihm damals, am ersten Tage seines Bestehens, in so reichem und berech— tigtem Maße vom ganzen deutschen Volke ent⸗ gegengebracht wurde!
* Gießen, 20. März. Im Oktober haben wir in Gießen den letzten Viehmarkt gehabt. Die Maul⸗ und Klauenseuche ist Schuld daran, daß unsere Märkte vorerst aufgehoben wurden. Während dessen werden in unserer Umgegend im Kreise Marburg, Kirchhain, Wetzlar, Friedberg, in welchen ebenfalls an mehrere Orten die Seuche ausgebrochen, Märkte abgehalten. Warum man bei uns so ängstlich thut, ist schlechterdings nicht zu begreifen. Wir meinen, das, was in Butzbach, Kirchhain, Wetzlar gc. gestattet ist, sollte man im Interesse des legitimen Handels und ganz besonders im Inte⸗ resse der Landwirte der Provinz Oberhessen nicht hindern. Der nördliche Teil der Provinz, welcher auf seine Viehzucht angewiesen ist, bedarf die Gießener Märkte als sein naturgemäßes Absatz⸗ gebiet. Auch die Direktion der Oberhessischen Eisenbahn dürfte in der Lage sein, Mitteilung machen zu können, wie sehr ihre Einnahmen im Güterverkehr durch das Nichtabhalten der Gießener Märkte gelitten haben.
* Gießen, 20. März. Auf Anregung des Fraukfurter Detaillisten⸗Vereins wird am 3. Mai ein Detaillistentag in Mainz abgehalten, zu dem vornehmlich die Vereine Frankfurt, Mannheim, Hanau, Offenbach, Gießen, Homburg v. d. H., Karlsruhe und Cassel eingeladen werden. Zur Diskussion stehen u. A. der Gesetzentwurf über den unlauteren Wettbewerb, die sogenannten Aus⸗ verkäufe und die Postschalterstunden an Sonn— und Feiertagen.
* Gießen, 20. März. Wir hören, daß die Gerichtsvollzieher der kleineren Plätze der Pro—⸗ vinz Oberhessen sich mit einer Beschwerde an das Landgericht gewendet haben, in welcher sie darauf hinweisen, daß ihr Verdienst ein zu ge⸗ ringer im Verhältnis zu dem ihrer Kollegen in Gießen sei, und dabei hätten sie noch die große Landpraxis. Die Petenten stellen den Antrag auf Versetzung der schlecht dotirten Gerichtsvoll—
gramm war ein durchaus neues. Von den gestern Abend durch besonders reichen Beifall Ausge— zeichneten erwähnen wir die Damen Jeanette und Amalie, Geschwister Lorch(karische Spiele), Geschwister Rose und Jules Lorch(Akro— baten auf dem hochgespannten doppelten Draht⸗ seil.) Herr Geni(als Jokeyreiter) und Frau Direktor Adolf Lorch(als Schulreiterin.) In den Zwischenpausen sorgten die Clowus dafür, daß das Publikum nicht aus dem Lachen herauskam.
* Grünberg, 20. März. Der landwirt⸗ schaftliche Bezirksverein Gießen hat innerhalb des Kreises Gießen fünf Versuchs⸗ stationen zum Anbau von neuen Kartoffel- sorten errichtet, um zu ermitteln, ob die em⸗ pfohlenen neuen Sorten in Bezug auf Güte und Menge den Anpreisungen und Angaben ent⸗ sprechen und ob sich dieselben zum Anbau eignen. Auch in unserer Gemarkung war im vorigen Jahre eine solche Versuchsstation, und waren nach dem betreffenden Bericht fünf neue Sorten auf mildem Lehmboden verpflanzt worden. Den höchsten Ertrag lieferte die„Borussia“, nämlich von je 20 Pfund Saatkartoffeln 360 Pfund, auf 1 Quadratmeter 5 Pfund gute und schmack— hafte Kartoffeln, die zum größten Teil gleich— mäßig dick waren.„Gloria“, eine hornähnliche, sehr feine Speisekaxrtoffel, brachte 365 Pfund, auf 1 Quadratmeter 5 Pfund.„Max Eyth“, eine runde, rotschalige, sehr mehlige Kartoffel, brachte nur 226 Pfund, pro Quadratmeter 4,1 Pfund.„Wilhelm Hern“, eine weißschalige, mehlige Kartoffel, lieferte 218 Pfund, pro Quadratmeter 3,6 Pfund.„v. Seidwitz“, eine feine Speisekartoffel, brachte den geringsten Er⸗ trag mit 132 Pfd. pro Quadratmeter 2,8 Pfd. Für unsre Gemarkung und Gegend dürfte sich also die Anpflanzung der beiden erstgenannten Sorten am meisten empfehlen.
* Friedberg, 20. März. Die Geflügel⸗ und Vogelausstellung, die der Wetterauer Geflügelzüchter Verein auf Steinheimers Felsen⸗ keller in Friedberg abhält, wird Samstag den 21. März, vormittags 11 Uhr, durch den Präsi⸗ denten des Vereins, Herrn Geheimen Regierungs⸗ rat Dr. Braden, feierlich eröffnet. Sie wird mit 180 Stämmen Nutz- u. Zierhühnern, 230 Paaren Nutz⸗ und Ziertauben, einer großen Menge Groß⸗ geflügels und etwa 400 Papageien und Zier⸗ vögel beschickt sein. Sie soll nach Aussage aus⸗ wärtiger Sachverständiger eine der größten
jeder Ladung eines Lehrers als Zeugen oder Sachverständigen mit Absendung der Ladnng, der zunächst vorgesetzten Behörde des Lehrers Mitteilung zu machen ist. Insoweit nicht Strafsachen in Frage stehen, soll bei Anbe⸗ raumung der Termine möglichst auf die schul⸗ freie Zeit Rücksicht genommen werden.
* Darmstadt, 21. März. Im Sterbe⸗ hause von Otto Roquette sind zahl⸗ reiche Kranz⸗ und Blumenspenden eingetroffen. Der Großherzog sandte einen prachtvollen Kranz mit rot⸗weißer Schleife dem dahingeschiedenen Sänger von„Waldmeisters Brautfahrt.“ Von Korporationen haben u. a. der Instrumental⸗ verein und der Journalisten- und Schriftsteller⸗ Verein Kränze an der Bahre niederlegen lassen. Von Ludwig Fulda ging ein Kranz ein mit der Widmung: Dem unvergeßlichen Meister und Freunde in Treue und Dankbarkeit.
Darmstadt, 20. März. Der Ausschuß der ersten Kammer hat die Wiedereinbringung des Weinsteuergesetzes beschlossen. Für das Rech⸗ nungsjahr 1896/97 wird die Regierung eine Er⸗ höhung der Einkommensteuer in Aussicht nehmen.
* Mainz, 20. März. Eine größere Anzahl hiesiger Installateure, darunter die be⸗ deutendsten, richten an die Bürgermeisterei und die Stadtverordneten eine Beschwer deschrift, daß das städtische Wasserwerk ihnen eine empfindliche Konkurrenz darin mache, daß es ständig Installationsarbeiten für Private sowohl wie für städtische Anlagen mache. In dem Schriftstück heißt es u. A.:„Gerade jetzt liegt wieder ein solcher Fall vor, da die umfangreichen Installations-Arbeiten am neuen Schlacht⸗ und Viehhof nicht wie dies sonst üblich und auch bei allen übrigen Bau⸗Arbeiten daselbst der Fall gewesen in öffentlicher Submission vergeben, sondern einfach durch das städtische Wasserwerk ausgeführt werden sollen. Es ist dies nicht nur ein ungerechtes, sondern auch ein unzweckmäßiges Verfahren, da, wie sich jedermann überzeugen kann, die Preise der unterfertigten Installateure erheblich billiger sind, als die des städtischen Wasserwerks, und wir keinen Grund finden können, warum für diese Arbeiten durch Ausführung der⸗ selben durch die Stadt in eigener Regie so viel mehr verausgabt werden soll, als dies bei öffent⸗ licher Vergebung der Fall sein wird. Es be⸗ fremdet dies um so mehr, als bisher bei den Vergebungen aller übrigen Arbeiten am Schlacht⸗ und Viehhof peinlichst für die Erzielung billigster Preise gesorgt wurde; ja daß sogar Arbeiten aus
99——.———— weit aus m Spiegel wie unter dem Eindruck einer fatalen Erinnerung genug besitzen werde, mich durch diese frauenzimmer-] nur zu gut begriff und deshalb innig bemitleiden Woluuug⸗ en 1 17 5 5 über ihr schönes Gesicht. lichen Gefühlsseligkeiten hindurch zu arbeiten.“ mußte. Mit glühenden Wangen und thränennassen . Toöglig 85. 5„„Werde zum Weib!““— Welch eine lächer— Diese Befürchtung wenigstens mußte sie selber] Augen las sie weiter und weiter. Da klopfte die
(Fortsetzung.) 90 Nein, das wenigstens sollte man ihr nicht an⸗ thun! Wie es auch in ihrem Herzen aussehen
mochte, ihr Benehmen sollte den Leuten wahrlich 5 22 Anlaß geben, sie zu bemitleiden oder zu be— U lächeln. Sie wußte aus des Doktors eigenem 5 unde, daß er den heutigen Ball bei den Kom— merzienrat Linsinghoff ebenfalls besuchen würde, und 1 dort sollte nicht nur er selbst, sondern auch die ganze Gesellschaft erfahren, wie weit sie davon ent— fernt war, wegen dieser zerstörten Hoffnung an ge⸗ brochenem Herzen zu sterben. Mit einer fast fieb⸗ kischen Ungeduld sehnte sie den Abend herbei nd die Zeiger der Pendule schienen sich gerade heute mit unerträglicher Langsamkeit zu bewegen. Sie machte allerlei Pläne, wie sich die bleiern hin— schleichende Zeit am besten vertreiben lasse; schließ— lich aber feblte es ihr doch immer wieder an Lust, sie auszuführen und die Spazierfahrt unterblieb ebenso wie die Besuche, die sie hatte machen wollen. Bei einer ihrer ruhelosen Wanderungen durch die Zimmer fiel ihr das kleine Bücherpäckchen in die Augen, das wenige Stunden zuvor von ihrem Buchhändler geschickt worden war. Sie nahm gedankenlos die einzelnen Bände auf, um die Titel zu lesen und plötzlich zuckte es unmutig
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liche Benennung für einen Roman!— Und natür— lich von einer Dame! Der Buchhändler sollte doch nachgerade wissen, daß ich den Erzeug— nissen unserer Schriftstellerinnen keinen Geschmack abzugewinnen vermag.“
Sie legte den Band fast geringschätzig zurück, aber sie konnte sich damit nicht wieder aus dem Bann der Gedankenreihe befreien, die der seltsame Romantitel in ihrem trotzigen Köpfchen hervorge— rufen hatte. Waren dies doch fast die nämlichen Worte, mit denen Doktor Jordan vorhin auf ihre spöttische Erklärung geantwortet hatte.
„Gerade das sind Sie nicht!“ hatte er mit fast schmerzlicher Betonung gesagt, da sie sich ihm gegenüber als ein Weib bezeichnet hatte, und auf ihren erstaunten Blick hatte er wie zur Erklärung hinzugefügt:„wenigstens nicht in meinem Sinne.“ Das klang ihr jetzt unaufhörlich im Ohre wieder, und zuletzt wurde sie von einem räthselhaften see— lischen Antrieb geradezu gezwungen, abermals nach dem Buche zu greifen.
„Vielleicht kann mich Frau Ida Boy-Ed lehren, wie ich es anfangen müßte, ein Weib im Sinne des Herrn Doktor Jordan zu werden. Schade nur, daß ich vermutlich nicht Selbstüberwindung
wohl bald als eine grundlose erkannt haben, denn während sie die ersten Seiten nur halb widerwillig überflogen hatte, nahm ihr Anilitz immer mehr den Ausdruck eines gespannten Interesses an, einer Teilnahme, die wohl noch tiefere Ursachen haben mußte als nur die gedankenreiche und männlich kraftvolle Darstellungsweise der vorhin so gering— schätzig beurteilten Autorin. Die Personen dieses Romans wurden ihr sehr bald zu wirklichen, leib— haftigen Menschen von Fleisch uud Blut, und die schöne Manuela Alling trug so viele charakterische Züge, in denen sie ihre eigene Art erkannte, daß die meisterhaft geschilderten Kämpfe und Wandlungen dieser Frauenseele für sie wohl eine ganz besondere Bedeutung gewinnen mußten. Zwar nicht Alles stimmte zu ihrem Schicksal. Ihr Entwicklungsgang war ein ganz anderer gewesen als der jener in verderblicher Atmosphäre aufgewachsenen berliner Verlegertochter; aber diese echte, edle Weiblichkeit, die in der prächtigen Figur der Schriftstellerin Marie Louise Sandbach hier eine so reizvolle Ver— körperung gefunden hatte, war ihr unter dem Ein fluß einer falschen Erziehung und thörichter Lebens— gewohnheiten allgemach ebenso verloren gegangen
wie dem vielbewunderten und doch im tiefsten Innern so unglücklichen jungen Mädchen, das sie
Zofe an die Thür, um ihr mitzuteilen, daß im Toilettezimmer alles zum Ankleiden bereit sei. Fast unwillig blickte die Baronin von ihrem Buche auf.
„Packen Sie die Sachen wieder fort, Emma! — Ich werde den Ball nicht besuchen. Ich bleibe zu Haus.“
Auf dem Gesicht des Mädchens spiegelte sich deutlich eine große Bestürzung.
„Guädige Frau wollten wirklich—?— Mein Gott, gnädige Frau sind doch nicht krank?“
„Ich fühle mich nicht wohl genug, um auf ein Fest zu gehen. Sie werden sich sofort in das Haus des Kommerzienrats Linsinghoff begeben, um dort meine Entschuldigung auszurichten. Aber Sie brauchen deshalb nicht so trostlos dreinzuschauen. Bei dem Urlaub, den ich Ihnen einmal bewilligt habe, behält es sein Bewenden. Ich werde mich für diesen einen Abend schon ohne Ihre Dieunste
behelfen.“ (Schluß folgt.)
Humoristisches.
— Aus den„Fliegenden“. Unangenehmer Druck⸗ fehler. Wir suchen für unser Komptoir einen geeigneten, mit entsprechenden Zeugnissen versehenen Lau(s)buben. Meyer u. Co.


