Ausgabe 
19.4.1896
 
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Gießen, Sonntag, den 19. April

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Ausgabe

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Gießen.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die ᷑5spaltige Petitzeile.

Provinzielles.

* Gießen, 18. April. Der provpisorische 12 55 an der Höheren Mädchenschule zu Gießen, Lehramtsassessor Dr. Fritz Sommerlad, ist

zum Lehrer an dieser Schule ernannt worden.

* Gießen, 18. April. Die gestrige Vor⸗ stellung des Baseler Operettenensembles war gut besucht. Zur Aufführung gelangte Der Mikado von Sullivau. Das Publikum zeigte sich für die dargebotene guten Leistungen recht dankbar und zeichnete die Künstler mehrfach sogar bei offener Szene aus. Besonderen Beifall ernteten die Herren Bömly als Oberscharfrichter

und Siebert als fahrender Musikant. Am Sonntag findet die letzte Vorstellung statt. Zur 5 Aufführung gelangt:Der Vogelhändler.

* Gießen, 18. April. Gestern Vormittag verhandelte das Schöffengericht gegen die Metzgerburschen Buß von Gießen, Heinrich Keuscher und Konrad Keuscher von Mar⸗ burg. Die beiden letzteren sind wegen Körper⸗ verletzung mehrfach vorbestraft und verbüßt

fängnisstrafe von 4 Monaten. Es handelt sich um eine Rauferei, die am Sonntag zwischen Weihnachten und Neujahr an der Lahnbrücke wischen Zivilisten und zwei Sergeanten stattge⸗ 5 10 725 wobei das Militär von der blanken Waffe 9 Gebrauch gemacht hat. Wir berichteten s. Zt., daß gegen die beteiligten Soldaten ein er ber eingeleitet sei und daß Zeugen darüber vernommen wären, wen eigentlich die Schuld an dieser Affaire, bei der es blutige Köpfe gegeben, trifft. Während der gestrigen Verhand⸗ lung wurde aus den Alten konstatiert, daß das gegen die Sergeanten anhängig gewesene Verfahren eingestellt worden ist. Alle drei Angeklagten be⸗ streiten entschieden ihre Schuld, sie wollen von dem Militär überfallen worden sein und zwar ohne Grund, und wollen sich lediglich aus Notwehr mit ihren Stöcken verteidigt haben, wobei die Sergeanten allerdings schlecht weggekommen sind. Die beiden bei der Rauferei beteiligten Sergeanten

einer der Angeklagten habe dann die Rauferei damit begonnen, daß er einen von den Soldaten

mit dem Stock über den Kopf geschlagen habe. Der Geschlagene hat darauf den Kampf mit der blanken Waffe begonnen, worauf die Hiebe der Metzger nur so gehagelt hätten. Der zweite Sergeant glaubte seinem Kameraden helfen zu müssen und zog ebenfalls die Waffe, sich in den Streit mischend. Beide Soldaten wurden als bei der That mitbeteiligt unvereidet vernommen. Mehrere einwandsfreie Zeugen, die noch ver nommen wurden, konnten auch nicht angeben, wie die Rauferei begann. Jedoch wird fest⸗ gestellt, daß, nachdem die Schutzleute Frieden gestiftet hatten, Heinrich Keuscher von neuem

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Streit begann. Amtsanwalt Brühl bean⸗ tragt bei Buß Freisprechung, für Kon rad Keuscher wegen Körperverletzung und wegen Widerstands gehn die Staatsgewalt eine Gesamtstrafe von 2 Monaten und 2 Wochen, und da dieser An⸗ geklagte eine viermonatliche Strafe wegen des⸗ selben Deliktes, um das es sich heute handelt, teilweise noch zu verbüßen habe, so bitte er um eine Zusatzstrafe von 2 Monaten und 1 Woche. Gegen Heinrich Keuscher, der die zweite Rauferei begonnen, müsse er 2 Monate und 14 Tage Ge⸗ fängnis wegen Körperverletzung und eine Geld⸗ strafe von 10. wegen Beilegung eines falschen Namens beantragen. Das Urteil wird am Freitag, den 24. ds. Mts., vormittags 10 Uhr, verkündet werden.

Gießen, 18. April. Der nächste Vieh⸗ und Krammarkt findet am 28. und 29. d. M. statt. Das Verlosen der Krämerstände findet am 23. April, morgens 7 Uhr, statt. Gießen, 18. April. Unsere heute schon geäußerte Ansicht, daß zur Kontrolle eines so großen Auftriebes von Vieh wie ihn die Gießener Märkte zeitigen, ein Tierarzt nicht genüge, scheint höheren Ortes geteilt zu werden, denn beim jüngsten Markt waren trotz des zu er wartenden kleinen Auftriebs zwei Tierärzte zur Stelle, die Stück für Stück untersuchten, ob etwa Seuchenverdacht vorhanden war. Nun, man hat bei 500 Stück Rindvieh 6 Stück als nur verdächtig ausgesondert und diese in 3 Transporten unter Begleitung je eines Schutz⸗ mannes zurückbefördert. Die Maßnahme, daß vor 6 Uhr Morgens kein Vieh mehr auf den eigentlichen Marktplatz geführt werden darf, ist eine Wohlthat nicht nur für die Menschen, son⸗ dern auch für das zu Markt gebrachte Vieh. Gießen, 18. April. Eine recht lobenswerte Neuerung scheint man jetzt in Deutschland be treffs der Einberufungen der Reservisten zu Uebungen eingeführt zu haben, wenn der uns vorgelegene Gestellschein nicht etwa einen Schreib⸗ fehler enthält. Die betreffende Ordre, die schon jetzt in die Hände des Gestellungspflichtigen ge kommen, beruft diesen auf den 11. März 1897 zu einer 14tägigen Uebung nach der Wahnerhaide ein, wozu er sich am gedachten Tage, nachmittags 3 Uhr, beim Bezirkskommando zum Transport nach Wahn zu melden hat. Der Beorderte hat also beinahe 11 Monate Zeit sich auf die Uebung einzurichten.

* Grünberg, 17. April. In unserer Ge⸗ markung treten gegenwärtig die Maul würfe in übergroßer Zahl auf und verursachen durch ihre Wühlarbeit den Landwirten viel Arbeit und Aergernis. Das Einliefern derselben wird daher städtischerseits bezahlt. Wie alljährlich im Frühjahr um diese Zeit hat auf dem letzten hie⸗ sigen Wochenmarkte der Verkauf von Kar⸗ toffeln in größerem Umfange begonnen. An

40 bis 50 Wagen voll waren größtenteils aus der Wetterau, namentlich aus der Umgegend von Lich, Hungen und Butzbach hierher zu Markte gebracht worden. Verkauft wurden nahezu 600 Zentner. Die Preise schwankten zwischen 3 l 50 und 4. 20 für 1 Malter je nach den Sorten.

Von der Rabenau, 17. April. Auf der nunmehr bald beendigten Nebenbahnstrecke Grünberg⸗Londorf sind gegenwärtig eine große Anzahl Arbeiter mit der Steindeckung be⸗ schäftigt. Außerdem werden an vielen Stellen auf beiden Seiten des Bahndammes, bezw. der Böschungen Fichtenbäumchen gepflanzt. Die Bahn dürfte voraussichtlich in wenigen Monaten voll⸗ endet sein.

* Worms, 16. April. In Gegenwart von

Vertretern der Regierung, der Stadt, der Ge⸗ werbe u. s. w. wurde gestern hier die erste deutsche Fleischerschule eröffnet. Zum ersten Kursus haben sich 40 junge Leute aus ganz Deutschland nebst einigen Ausländern ein- gefunden. Mainz, 17. April. Gestern Mittag wurde in einem Hause der Stiftsstraße von zwei un⸗ bekannten jungen Leuten ein frecher Einbruch verübt. Sie stahlen aus einem verschlossenen Zimmer eine angeschraubte Kassette, in der sich etwa 600, bares Geld, Koupons, mehrere Sparkassenbücher, eine goldene Damenuhr und sonstige Wertgegenstände befanden.

* Mainz, 17. April. Vom 15. Mai ab wird eine Dampfschiffsverbindung Mainz(Alt⸗ stadt)⸗Mainz(Neustadt)⸗Biebrich mit Anschluß an die Züge der Wiesbaden-Biebricher Dampfbahn eingerichtet. Die Bürgermeisterei veröffentlicht heute iu Angelegenheiten der Verstaat⸗ lichung der hessischen Ludwigsbahn einen Auszug aus der Denkschrift der Handels kammer an die hessische Regierung. Durch Be schluß der Stadtverordneten vom vorgestrigen Tage hat sich auch die Stadt diesen Wünschen und Bedenken vollständig angeschlossen.

Vermischtes.

Selbstmord aus Schamgefühl. Von einem tragischen Geschick ist die Familie des Klempners Otto Krüsel in Berlin betroffen worden. Krüsel, der seit 28 Jahren verheiratet ist und mit seiner Familie, Frau und fünf Kindern, im besten Einvernehmen lebte, arbeitete schon 15 Jahre auf derselben Stelle und war als solider Mann und fleißiger Arbeiter geschätzt. Seine Frau ver⸗ diente als Silberpoliererin durch Hausarbeit für eine Fabrik mit. Durch Sparsamkeit hatte die Familie es allmählich zu einer hübschen Wirtschaft gebracht. Den sogenannten dritten Feiertag und auch den folgenden Tag hatte Krüsel sich verleiten lassen und u. A. den Platz der Gewerbeausstellung besucht. Da er dadurch eine dringende Arbeit versäumt hatte, so schämte er sich später, wieder in die Fabrik zu gehen. Die Frau machte ihm deshalb

Vorwürfe.[Gestern Nachmittag verließ er seine Wohnung, wobei er seiner Frau gegenüber äußerte, daß der Abschied ihm sehr schwer werde. Diese Worte schienen auf die Absicht des Selbstmordes zu deuten, Frau Krüsel war aber wieder beruhigt, als ihr Mann bald zurückkehrte. 1 Scherzend bemerkte sie noch:Das Wasser war wohl noch zu kalt. Aber ihr Scherz sollte bald bitterer Ernst ö werden. Plötzlich, als es in der Wohnung schon dunkel war, trank Krüsel in der Küche aus einer kleinen Flasche Scheidewasser, das die Frau bei ihren Arbeiten gebraucht und erst vorher hatte holen lassen, lief dann in die gute Stube und brach mit einem lauten Aufschrei auf dem Teppich zusammen. Ein Arzt, der herbeigerufen wurde, konnte sein Leben nicht mehr retteu. Die Familie ist um so schwerer getroffen, als die Frau ihres kleinen Kindes wegen jetzt nicht arbeiten kann. 1 Massenbedarf für künstliche Beine. Eine 14 unheimliche Sendung ist in Neapel verladen worden. Cs sind dies dreihundert Gummibeine für jene unglücklichen Soldaten, welche nach der Schlacht bei Ada vom Feinde verstümmelt worden sind. Die Abessynier pflegen alle Schwarzen, welche im Dienste der Italiener gegen den Negus fechten, auf entsetzliche Weise zu bestrafen, indem sie ihnen mit einem Beil oberhalb der Knie das Bein abhacken und die Verstümmelten dann aus dem Lager ö jagen, wo die meisten sich verbluten. Anscheinend hat man diesmal auch viele Weiße auf dieselbe und auch auf noch schlimmere, nicht wiederzugebende Weise gepeinigt. 4 Wie das BlattKapitale behauptet, handelt es sich sogar um nahezu 1000 Verstümmelungen, welche dern Negus vor seinem Abzuge nach dem Süden an all' den Gefangenen hätte vollziehen lassen, welche krankheitshalben als Sklaven nicht verkäuflich sind. Das erwähnte Blatt will wissen, daß auch ein Teil der Aermsten durch fa natische Schoanerinnen verstümmelt worden wäre. Ge- neral Baldissera hat telegraphisch die schleunige Ent⸗ sendung von Orthopäden verlangt, welche im Feldlagen die Verunstalteten mit neuen künstlichen Gliedmaßen ver⸗ sehen soll. Der Spezialist Dr. Invernizzi befindet sicht bereits auf dem Wege nach Massauah. Gleichzeitig.

wurden in Rom, in Mailand und auch in Paris und N Berlin zahlreiche Kunstbeine bestellt mit beschleunigter Lieferfrist, welche nach Erythräa geschickt werden sollen. Danach zu urteilen, ist an der Richtigkeit jener Meldung des genannten Blattes kaum noch zu zweifeln. M

Weib Frau Gemahlin. In den hin⸗ terlassenen Papieren von David Strauß findet sich über die Bezeichnungen Weib Frau Gemahlin folgende treffliche Anmerkung:Wenn man aus Liebe heiratet, wird man Mann und Weib, wenn man aus Bequemlichkeit heiratet, Herr und Frau, und wer aus Verhältnissen heiratet, Gemahl und Gemahlin. Man wird geliebt von seinem Weib, geschont von seiner Frau, geduldet von seiner Gemahlin. Die Wirtschaft besorgt das Weib, das Haus die Frau, den guten Ton die Gemahlin. Den kranken Mann pflegt das Weib, ihn besucht die Frau, und nach seinem Befinden erkundigk sich die Gemahlin. Unseren Kummer teilt das Weib, unser Geld die Frau, und unsere Schulden die Gemahlin. Sind wir tot, so beweint uns

unsere Gemahlin.

Standesamtliche Nachrichten.

Geburten. 9. April dem Tapezier Daniel Linker eine Tochter.

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Eine fixe Idee? Von Martin Böttcher. (Fortsetzung.) Mit der besten Hoffnung war er fortgezogen, und das Beste hoffend hatte sie ihn gehen lassen. Aber nun saß sie daheim im reichen Hause und barg ihr verweintes Antlitz in dem weichen fühl⸗ losen Polster. Eine mitfühlende Brust, an die sie es hätte lehnen können, kannte sie nicht. *

* Und die Zeit schritt vorwärts. Es ward Abend am Tage der Trennung, und es wurde Morgen und wieder Abend und die Tage reihten sich an⸗

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einander und wurden Wochen. Die Zeit schritt vorwärts mit ewig sich gleich bleibenden taktfesten Schritten.

Warum stellt die Kunst sie dar als eine be⸗ flügelte Gestalt auf schnell rollendem Rade? Der Urheber dieser Allegorie muß sicher ein sehr glücklicher Mensch gewesen sein. Hätte er eine schwere Sorge tragen müssen, wäre er von einer

. Al verfehlt haben? So fragte das geängstigte

großen, unerfüllbaren Sehnsucht belastet gewesen 5 er hätte eher die Schnecke mit dem Haus auf dem Rücken als ihr Symbol gewählt. Auch sie kommt vorwärts, aber langsam, langsam! 5

Langsam, langsam hatte sich die Zeit vorwärts geschlichen, seit dem Tage der Trennung; aber vor⸗ wärts war sie gekommen: Es lagen schon viele Wochen zwischen damals und jetzt. Warum er⸗ schien der Brief noch immer nicht?

Lange hatte sie täglich auf der Post nach dem⸗ selben gefragt; aber der Postbeamte hatte jedesmal gleichgültig den Kopf geschüttelt. Nun schüttelte er den Kopf, ehe sie fragte, nicht gleichgültig, aber verdrießlich.

Sollte er verloren gegangen sein oder das

Herz wohl tausendmal, und der Verstand, welcher gern der Antwort vorbeugen wollte, die es selber im Begriffe stand, zu geben, antwortete so oft:Es ist ja so leicht! Und als ob er fühlte, daß er kein Vertrauen verdiene, führte er eine Menge von Gründen an.

Und die Wochen reihten sich an einander und wurden Monate, und der Postbeamte schüttelte noch immer den Kopf, wenn sie sich auf der Schwelle des Bureaus zeigte, aber nicht mehr gleichgültig oder verdrießlich. Er hatte mehrmals Gelegenheit gehabt, die Wirkung wahrzunehmen, welche sein Kopfschütteln hervorbrachte! Die eine Hand der Fragenden hatte mitunter, wenn die Gemütsbe wegung durch die immer wiederkehrende Täuschung zu gewaltsam wurde, krampfhaft den Thürgriff um⸗ klammert, während die andere das Herz gesucht hatte.

Der Brief, welcher die Ankunft hätte melden sollen, muß verloren gegangen sein, und der nächste kommt nicht, ehe er die freudige Nachricht bringen kann, daß die Spur des Glücks endlich endeckt worden ist, antwortete der Vorstand jetzt, so oft das geängstigte Herz fragte:Warum warum kommt er nicht?

Aber nun wurde seine Antwort kaum beachtet; die Gegenwart des Herzens vermochte sie nicht mehr zu übertäuben.

Eines Tages, als sich das junge Mädchen nach einer wie gewöhnlich fruchtlosen Anfrage auf dem Heimwege vom Posthause befand, kam der Sturm, der wieder sein Unwesen trieb in der Lindenallee, mit Andeutungen. Er war ja vorher schon so oft mit unbarmherzigen Anspielungen gekommen; aber so unbarmherzig deutlich wie heute hatte er sich doch noch nie ausgedrückt:Hi⸗-hi⸗ hi... i⸗i!

.. Wir haben mit den Schiffen getanzt, wir,

die Winde und die Wellen! Hi⸗hi⸗ hi!. Ein Schiff tanzt nie mehr mit, nie, nie!

Klopfenden Herzens eilte sie nach Hause, und mit zitternder Hand durchsuchte sie die Zeitungs mappe im Zimmer des Vaters. Daß sie nie früher daran gedacht hatte! Aber sie war so unbekannt mit den Dingen und Verhältnissen des praktischen Lebens! Die Zeitungen mußten ja Schiffs nachrichten bringen, und wenn sie von einem größeren Unglück auf der See nichts zu erzählen hatten, dann durfte sie wieder hoffen. Hier waren schonSchiffs nachrichten die Buch staben schienen zu tanzen:Gothia, vorgestern

in St. Thomas angekommen;..Bahia... Theben!..., Polynesia.. Nein, nein, nicht hier!Fortuna war der Name des Schiffes, das ihr Glück getragen. Sie blätterte weiter in den Zeitungen. Hier, hier stand es:Fortunas Untergang.

Der Vater, welcher heute zu ungewöhnlicher Zeit vom Kontor zurückgekehrt und eben in das anstoßende Zimmer eingetreten war, hörte einen langgezogenen, verhallenden Schrei und einen dumpfen Fall. Als er hinzueilte, fand er seine Tochter in totähnlicher Ohnmacht auf dem Teppich liegen. Ihre krampfhaft zusammengeballte Hand wollte das Zeitungsblatt mit der verhängnisvollen Nachricht nicht loslassen.

Was sie nun erfahren hatte, das hatte er schon lange gewußt, und er wußte noch mehr: Er hatte die Verlustliste gelesen, aus welcher hervorging, daß sich der Pflegesohn unter den Vermißten mit anderen Worten unter den Verunglückten befand; denn sonst müßte ja ein Wunder geschehen sein. Bis jetzt hatte er nicht den Mut gehabt, der Tochter die entsetzliche Thatsache mitzuteilen. An⸗ fangs hatte ihn ein schwacher Schimmer der Hoff⸗

nung davon abgehalten; denn die Liste konnte nicht als völlig zuverlässig verbürgt werden, und es war ja früher geschehen, daß jemand, den man verloren geglaubt, durch einen Zufall gerettet worden war. Nun, da nach so langer Zeit keine nähere Nach⸗ richt gekommen, nun war auch dieser letzte schwache Hoffnungsschimmer erloschen. 5 Der Arzt konnte vorläufig nicht viel ausrichten; seine bedenkliche Miene weissagte nichts Gutes Lange lag die Kranke ohne Bewußtsein, mit ge- schlossenen Augen. Und als sie dieselben endlich öffnete und anfing zu reden, da wußte man nicht, ob man sich darüber freuen dürfe, oder ob man eine Wendung zum Schlimmeren zu befürchten habe. Die Augen hatten einen unstäten, irren Ausdruck und die Zunge war so gelähmt, daß es nicht möglich war, zu verstehen, was sie unaufhörlich lallte. Die Tante der Kranken, eine ältere Schwester ihrer verstorbenen Muttereine exzentrische Person, wie der Schwager sie nannte, unter anderem, 1 weil sie,ohne es nötig zu haben undaus bloßer Kaprice Krankenpflegerin geworden war war augenblicklich geholt worden. Sie war unermüdlich in ihrer Sorgfalt, saß Tag und Nacht am Schmerzenslager und gönnte sich kaum die aller⸗ nötigste Ruhe. Ihr gelang es nach und nach, einzelne der Worte aufzufaugen, die fortwährend wiederholt wurden im Fieberwahn. Nach und nach hatte sie den ganzen Zusammenhang derselben au gefaßt und damit die eigentliche Veraulassung de Krankheit erfahren. Eine dunkle Ahnung hatte sie schon lange gehabt. Alte unverheiratete Tanten haben in gewissen Sachen oft ein durch trübe E fahrungen geschärftes Ahnungsvermögen. 1

(Fortsetzung folgt.)