standes einen unbedingten,
1896.
he
Ausgabe
Gießen, Donnerstag, den 6. August
Gießen.
andeszeikung.
Redaktion: 7 Kreuzplatz Nr. 4..
*
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.
Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.
Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
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Lokales und Provinzielles.
Gießen, 5. August. Den Lehrern Dr. Gustav Mohr an dem Gymnasium Fridericia- num zu Laubach, Dr. Christoph Vogel an der Real- und Landwirtschaftsschule zu Groß-Um⸗ stadt, Dr. Rudolph Glaser an dem Gymna— sium zu Bensheim und Heinrich Müller an dem Realgymnasium und der Realschule zu Gießen it der Charakter als„Professor“ ver— liehen worden. * Gießen, 5. August. Ueber die Brannt⸗ weinproduktion im Großherzogtum Hessen im Betriebsjahr 1894/95 erschien eine Statistik, aus der wir ersehen, daß von 457 in Hessen be⸗ stehenden Branntweinbrennereien nur 299 si in Betrieb befinden. Die meisten Branntwein— brennereien weist der Steuerbezirk Darmstadt auf mit 121, von denen 92 in Betrieb sind, dann folgt Offenbach mit 108 und 73 im Be⸗ trieb, Gießen mit 88 und 71 im Betrieb, Worms mit 69 und 33 im Betrieb, Mainz mit 44 und 18 im Betrieb und schließlich Bingen mit 27 und 12 im Betrieb. Diejenigen Bezirke, die den wenigsten oder garkeinen Wein produzieren, stellen den meisten Brannt⸗ wein her und dort, wo der meiste Wein wächst, wird der wenigste Branntwein fab⸗ kiziert. So produzierte der weingesegnete Bezirk Bingen in dem angegebenen Betriebsjahr nur 96 Hektoliter Branntwein, Mainz nur 143, Worms 362, Darmstadt bereits 787, Offenbach schon 5352 und Gießen 11087 Hektoliter Branntwein. Da der offizielle Bericht nun angiebt, daß die Ausfuhr von Branntwein aus dem Großherzogtum Hessen ganz unerheblich 45 sei, so wurden die nahezu 18 000 Hekto⸗ iter Branntwein nur in Hessen konsumiert und wohl zumeist dorten, wo er gebrannt wurde.
Gießen, 5. August. Familien⸗Unter⸗
stützung der eingezogenen Reservisten und Landwehrleute. Im Hinblick auf die gegenwärtig vielfach stattfindenden Uebungen der Reserve und Landwehr seien die beteiligten Kreise wiederholt darauf e daß die Ehe⸗ frauen(und ehelichen Kinder unter 15 Jahren) von eingezogenen Mannschaften des Beurlaubten⸗ reichsgesetzlich
ihnen zustehenden Anspruch auf Unterstützung
wieiterzuschreiten. Name leise
Aber alle Ansprüche erlöschen, wenn
haben. . nicht binnen vier Wochen nach Beendigung
er Uebung bei der Polizeibehörde oder dem Gemeindevorstande des Ortes angemeldet werden, an welchem die Familie, nicht der Uebende, zur Zeit des Beginns des Unterstützungsanspruchs den gewöhnlichen Aufenthalt hatte. Die Ent⸗
schädigung beträgt für die Ehefrau 30 Prozent
und für jedes Kind 10 Prozent des ortsüblichen Tagelohnes. Doch darf die Gesamtunterstützung nicht mehr als 60 Prozent betragen. Die Aus⸗ zahlung der Beträge erfolgt durch die Ge⸗ meindekasse. Gießen, 5. August. Bei den Oberhes⸗ . Eisenbahn en(Hauptbahnen) sind im uni l. Js. gegen den Parallelmonat 1895 im
Personen verkehr infolge des Umstandes, daß das Pfingstfest in diesem Jahr noch in den Monat Ma fiel, Mindereinnahmen von etwa 13,38 pCt. zu verzeichnen. Im Güter- verkehr dagegen sind aus gleicher Ursache Mehreinnahmen von etwa 24 pCt. erzielt worden. Der Hauptanteil an den mehr beförderten Mengen entfällt auf Erze mit 3200 Tonnen, Holz mit 2000 Tonnen, Steine mit 1300 Tonnen, Kohlen mit 1250 Tonnen, Bau⸗ materialien mit 900 Tonnen, Dünger mit 600 Tonnen. Auch bei den Nebenbahnen beruhen die Mehreinnahmen im Güterverkehr wesentlich auf den Mehrbeförderungen von Holz. Gießen, 5. August.(Viehmarkt⸗Be⸗ richt.) Der gestrige Auftrieb auf unserem Kuhmarkt belief sich auf etwa 6—700 Stück, worunter etwa 150 Stück Jungvieh sich befanden. Die Preise zogen für Zuchtvieh in guter schwerer Ware bedeutend an, während geringere Tiere zu den alten Preisen abgingen. Fremde Ein⸗ käufer machten diesmal den Markt. Auch die Preise für Schlachtvieh, soweit Kälber und Rinder in Betracht kamen, hielten sich auf der alten Höhe. Gute Ware wurde sogar um 1 bis 2„ höher das Pfund bezahlt. Schwere Kälber waren für Badeorte wieder sehr gesucht und entsprach der vorhandene Vorrat lange nicht der Nachfrage. Für unseren lokalen Bedarf waren die Einkäufe nur minimale. Ganz schwere Milchkühe fehlten infolge der scharfen Kontrolle des Marktes wieder gänzlich. Der Handel wickelte sich im Gegensatz zum letzten Markt von Anfang an flott ab, so daß um ½11 Uhr der Vorrat bis auf wenige überständige Stücke ge⸗ räumt war. Es wurden verkauft Kühe, frisch— melkend und tragend, oberhessischer Landrasse 1. Qual. 375425, 2. Qual. 260330, 3. Qual. war wenig am Markt, mußte aber trotzdem, um Abnehmer zu finden, sehr billig abge⸗ geben werden. Fettvieh kostete: Rinder 1. Qual. 56 bis 59, 2. Qual. 53 55, Kälber, schwere Ware, wurden verkauft bis 61, leichtere Ware von 5356. per 50 Kilogramm Schlachtgewicht. — Zum heutigen Ochsenmarkt waren etwa 150—200 Stück, meistens Fahrvieh, angefahren. Es waren Magdeburger Einkäufer da, welche gleich in der Frühe sämtliche schwere Ware, die am Markte war, aufkauften und gute Preise dafür anlegten. Der vorhandene Vorrat dieser Gattung deckte jedoch nicht den Bedarf. Bezahlt wurden für die besten Ochsen 860—880, 2. Qual. 770830, 3. Qual. 670700 l. pro Paar. Billigere Ware war wenig am Markt. Der Auftrieb junger Stiere war mäßig und ging zu guten Preisen ab. Am heutigen Markt blieb nichts überständig.
* Gießen, 5. August. Auf dem gestrigen Preisschießen des Hessen⸗Nassauischen Ver⸗ baudsschießens zu Alsfeld errangen die Gießener Schützen von den 7 ersten Preisen den 3. 4. und 5., obwohl nur im Ganzen sich 3 Mann aktiv am Schießen beteiligten.
* Gießen, 5. Aug. Der Bauunternehmer Petri hat einen weiteren 1100 Quadratmeter großen Bauplatz an der Moltkestraße belegen
dem praktischen Arzt Oskar Höpfner für den Preis von 10 ¼ pro Quadratmeter veräußert. Der Erwerber beabsichtigt dort ein Institut für Orthopädie, schwedische Heilgymnastik und Massage⸗ kuren zu errichten. Petri, dem seiner Zeit das ganze Gelände von beiden Seiten der Moltke⸗ straße gehörte, hat nun noch einen einzigen Bau⸗ platz an derselben zu verkaufen.
Gießen, 5. August. Man schreibt uns: Der Kampf mit dem Hunde. Der Pferde⸗ metzger Keßler hatte vor einigen Wochen eine Ulmer Dogge erworben, von der er wußte, daß sie bissig war. Er benutzte das Tier als Hof— hund und legte dasselbe an die Kette. Gestern Mittag hörte er Hektor auf dem Hofe die Kette hinter sich herschleifend herum manöverieren und begab sich von seiner Wohnung dahin, um das Tier anzuketten. Kaum hatte Herr Keßler jedoch den Hofraum betreten, da stürzte sich der Hund, wie toll, auf denselben. Nur die ruhigste Ueber⸗ legung rettete Herrn Keßler vor dem Zerfleischt— werden. Mit kräftigem Griff streckte er den hoch vor ihm auf den Hinterbeinen stehenden wütenden Hund an die Kehle, gleichzeitig mit der freien zur Faust geballten Hand ihm in den offenen Rachen fahrend; so das Tier mit gewal⸗ tigem Ruck von sich schleudernd, hatte er im selben Moment einen tüchtigen Knüppel gefaßt, mit dem er den zweiten Angriff des Tieres ab⸗ wehrte, indem er durch einen wohlgezielten Schlag dem Tier den Scheitel derart verletzte, daß es die Besinnung verlor und vollends ge— tötet werden konnte. Keßler ist allerdings schwer an der Hand verletzt und mußte sich sofort in ärztliche Behandlung begeben.
Gießen, 5. August. Das Kreisamt bringt zur öffentlichen Kenntnis, daß das In⸗ fanterie-Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 116
Donnerstag, den 6. August l. Is.,
Freitag, den 7. August,
Samstag, den 8. August,
Dienstag, den 11. August,
Mittwoch, den 12. August und
Donnerstag, den 13. August, jedesmal von 6 Uhr vormittags bis 3 Uhr nach⸗ mittags Schießübungen mit scharfen Patronen in dem Gelände zwischen Beuern, Großen⸗Buseck, Daubringen, Mainzlar, Treis d. d. Eda. und Climbach abhalten wird. Das vorbemerkte Gelände ist zu diesem Zwecke an den genannten Tagen und Stunden für jeglichen Verkehr abgesperrt und das Betreten des ab— gesperrten Geländes verboten, während die Straßen Großen-Buseck, Beuern, Climbach, Treis a. d. Lda., Mainzlar, Daubringen, Alten⸗ Buseck, Großen⸗Buseck passierbar bleiben. Die Schußrichtung läuft gegen Climbach und gegen die Höhe östlich Mainzlar. Das Regiment wird an den hauptsächlichsten Kommunikations-Punkten Posten aufstellen. Die durch die Schießübungen verursachten Schäden müssen sofort nach Be⸗ endigung des Schießens durch Vermittelung der betr. Bürgermeister bei dem Regiment angemeldet werden, damit die Abschätzung dann rechtzeitig erfolgen kann.
L. Gießen, 5. Ueber
August. schreckliche
Wirkungen der Hitze, werden von Nah und Fern die aberteuerlichsten Berichte laut. Fälle von Tobsucht und Wahnsinn werden erzählt, die natürlich mit aller Vorsicht zu lesen und zu hören sind, und schreckhafte Leute nicht gleich ins Bockshorn zu jagen brauchen: sie kommen nämlich fast einzig im Auslande, in Frankreich und in Italien vor, was sehr dafür spricht, daß der Deutsche sich selbst bei tropischen Thermometergraden seinen kühlen Ver⸗ stand zu bewahren weiß, oder stark darauf hindeutet, daß die vom Stapel gelassenen Schauergeschichten weiter nichts als harmlose— Zeitungsenten sind. Im allgemeinen entspricht freilich die diesjährige journalistische Entenzucht durchaus nicht den gehegten Erwartungen und lebt küm⸗ merlich von den Brosamen vergangener besserer Zeiten.
Es ist, als ob den hellsten, phantasievollsten Köpfen bei
der herrschenden Glnt das letzte bischen Erfindergenie hoff⸗
nungslos eingetrocknet sei, leer und öde sieht's in den
Spalten der Blätter aus, und wäre nicht ab und zu
etwas Stadtklatsch zu melden, eine sensationelle Mordthat oder dergleichen, so schliefe der Leser bei der Lektüre mit, sanftem Schnarchen ein. Wir benutzen die günstige Ge⸗
legenheit der sommerlichen Hitze, um ein paar Worte über
das augenblicklich zeitgemäßeste Thema der Welt, über die
Hilfeleistung bei Hitzschlägen oder Sonnenstichen, zu sagen.
Von überallher werden Todesfälle infolge von Hitzschlägen
berichtet, die lediglich auf mangelhafte und falsche Hilfe⸗
leistung zurückzuführen sind. Ein Hitzschlag entsteht, wie
man weiß, bei starker Hitze, wenn der Mensch die durch
Gehen oder Arbeiten gesteigerte innere Wärme nicht ge⸗
nügend abgeben kann. Die Gefahr liegt bei Hitzschlägen
in der allzu hohen Eigentemperatur des Menschen, die oft
höher ist als im stärksten Fieber und besonders durch be⸗
engende Kleidung sehr befördert wird. Ein am Hitzschlag
Erkrankter zeigt folgende Symptome: er leidet an hef⸗
tigem Kopfschmerz, an Schmerz in der Herzgegend und
großer Mattigkeit; Schwindel, Bewußtlosigkeit, Zuckungen
im Gesicht, in den Armen und Beinen stellen sich ein, die zuweilen zu einem plötzlichen Zusammensinken in tiefste
Ohnmacht führen; dann wird die Gesichtsfarbe bleich oder
bläulich, und der Atem geht schwer und röchelnd. Eine
vernünftige Hilfeleistung wird nun zunächst darauf bedacht
sein müssen, den Kranken aller hemmenden Kleidungsstücke
zu entledigen und ihn so rasch wie möglich an einen
kühlen, schattigen Ort zu bringen. Ist ein solcher nicht
in der Nähe, so spannt man einen Schirm über ihn aus,
lagert ihn wagerecht mit etwas erhöhtem Kopfe, bespritzt
sein Gesicht mit kaltem Wasser, legt ihm kühl angefeuchtete
Tücher auf Stirn, Schläfen und Kopf, giebt ihm ein
wenig Kaffee oder Branntwein zu trinken, wenn er zu
schlucken vermag, und läßt ihn, sobald er sich einiger⸗
maßen erholt, auf einer Bahre oder in einem Wagen nach
Hause transportieren, jedoch unter keinen Umständen gehen. Die genaue Befolgung dieser Methode, die von maßgeb⸗
lichen Autoritäten dringend empfohlen wird, dürfte selten
erfolglos sein. Sie ist sehr einfach und kann ohne ärzt⸗
liches Eingreifen von jedem Laien angewandt werden.
Vergeßlichen Leuten raten wir, das gedruckte Rezept sich
auszuschneiden und immer, so lang die Hitze währt, bei
sich zu tragen. Sie werden dann nicht in peinliche Ver⸗
legenheit geraten, wenn es gilt, einem Freunde oder
Fremden im Notfall barmherzige Sameriterdienste zu
leisten!
*Echzell i. d. W., 4. August. Dem kürz⸗ lichen Fund eines Menschen-Skeletts, das nach dem Ausspruch eines Fachmannes der Ueberrest eines ungewöhnlich großen Kämpfers aus dem Kriege 1796,97 ist, folgten noch weitere interessante Ausgrabungen bei den Neubahn⸗ arbeiten in unserer Gegend. Abgesehen von eigentümlich geformten Hufeisen, Schalen und
Krügen wurden vor einigen Tagen römische
Das Plaue Herz.
Roman von Karl Ed. Klopfer. (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
1 Ignaz war indessen förmlich gewachsen, geistig
wenigstens. Zuweilen staunte er über sich selbst und griff sich mit einem gelinden Schauder an die Stirn. Immer mehr befestigte sich in ihm das Gefühl, daß er ein ganzes Schicksal in den Händen halte. Der Leichtmut, mit dem er anfangs an seine geheime Aufgabe gegangen, war dahin. Immer drückender verspürte er die ungeheure Verantwortung, die er auf sich genommen. Zuerst hatte er sich in der Vorstellung gefallen, Herrn von Fröden zu „ daß die„dichterische Phantasie“, die man ihm so spöttisch vorgeworfen, keine so unnütze Gabe sei. Jetzt begann ihm bange zu werden, je mehr e gewisse„Roman⸗Idee“, die er verfolgte, in die phäre einer unheimlichen Wirklichkeit rückte. Er satte sich sogar schon einmal die zage Frage vor⸗ gelegt, ob es am Ende nicht besser sei, die Finger
aus dem Werke zu ziehen und mit geschlossenen
Augen wieder in's Reich der alten Sorglosigteit rüctzuhüpfen, die die Dinge dieser Welt ruhig als das hinnahm, was sie schienen, und Alles wohl:
fand, was Zeit und Umstände in Gewebe f 2 7 Da hatte ihn aber ein einziges Wort wie angespornt, den einmal betreteuen Pfad Dieses einzige Wort war ein im Traum gesprochen von Herrn n. Da war's ihm klar geworden. daß der
noch immer an der geheimen Wunde litt,
und mehr noch: jetzt wurde Ignaz es sich bewußt, daß er selbst eine schwere Schuld auf sich genommen hätte, hätte er jetzt noch„Alles laufen“ lassen, wie es mochte.„Adele!“ das drang ihm jetzt als ein gewaltiger Mahuruf zu Gemüt; es war einfach eine— Menschenpflicht, was er gegen diese Adele zu üben hatte..
Und so ging er weiter den Weg, auf dem er nicht mehr umkehren durfte.
Er hatte alle seine Ersparnisse mobil gemacht, um die Dienste eines juristischen Auskunftsbureaus in Anspruch zu nehmen, und bezahlte pünktlich, was man von ihm forderte. Täglich benützte er die Stunden, wo er sich freimachen konnte, um sich nach dem Verlaufe der eingeleiteten Forschu gen zu erkundigen, und fast jedesmal kam er mit neuen Schriftstücken heim: Depeschen, kurzen amtlichen Akten, Auszügen und Notifikationen von den ver⸗ schiedensten Seiten; das sammelte er Alles sehr sorgfältig.
Endlich blieben weitere Resultate aus, und Ignaz mußte sich die Frage stellen, was ihm jetzt zu thun obliege. Das Bündelchen seiner„Akten“ säuberlich zusammenschnüren und— an die Wiener Staatsanwaltschaft adressieren? Der Gedanke durch— prickelte ihn recht peinlich.— Endlich glaubte er einen Mittelweg gefunden zu haben: Andere sollten die letzte Eutscheidung treffen; er hatte genug gethan, wenn er ibnen einfach sagte: So liegen die Dinge— thut nun, was Euch beliebt und Ihr vor Eurem Gewissen verantworten zu können glaubt!“..
So erschien Herr Ignaz eines Spätnachmiltags wieder im Vorzimmer des Freiherrn v. Effenberg, diesmal aber nicht in Livrèe, sondern in beschei— denem Bürgerkleide, in seinem schwarzen„Ausgeh— Gewande“.
Wetti, die ihm in den Weg kam, wollte an⸗ fangs sehr„fremd“ thun, aber sein feierliches Auf— treten floß te ihr die Meinung ein, daß sie damit keinen besonderen Eindruck machen würde. So ent⸗ schloß sie sich zu freundschaftlicher Vertraulichkeit, umsomehr als sie dadurch hoffen konnte, in die hochwichtigen Angelegenheiten eingeweiht zu werden, die ihn augenscheinlich hierherführten.
„Ah, der Musjöh Ignaz! Was verschafft uns denn wieder einmal die Ehre?“
„Ich möchte den Herrn Baron sprechen. Man sagte mir, daß er um diese Stunde zu treffen sei.“
„Hu! Sie thun ja gerade so, als wollten Sie den gnä' Herrn zu einer Leich'“) einladen....“
„Lassen Sie die Spassetten bei Seit', Mamsell Wetti! Mir ist meiner Seel' nicht darnach zumut.“
„Ei, ei! Was ist Ihnen denn dann über die Leber gelaufen?“
Ignaz seufzte und wollte kopfschüttelnd lehnen, dann besann er sich doch eines Anderen.
„Ich kann Ihnen jetzt mein Herz noch nicht ausschütten. Aber meine Pflicht wird mir doch etwas leichter werden, wenn ich weiß, daß ich auf Ihre Teilnahme rechnen kann. Mamsell Wetti,
ab;
) Im Wiener Volksmund ist„die Leich'“ gleichbe⸗
deutend mit Begräbnis und Leichengepränge.
geben Sie mir Ihre Hand und glauben Sie mir, daß es nur meine Schuldigkeit vor Gott und den Menschen ist, wenn ich Ihrem Herrn jetzt eine Ge— schichte erzähle, die— in einen schauderhaften Skandal ausarten wird.“
Wetti wußte nicht, ob sie lachen oder sich ent— setzen sollte. Dann entschied sie sich für das Letztere.
„Hören S' auf, Sie reden ja, daß einem angst und bang' werden könnt'! Was ist denn geschehen? Und wie blaß als Sie ausschau'n!“
(Fortsetzung folgt.)
— Bahperischer Durst. Aus Würzburg, 2. August, wird geschrieben: Vom bajuwarischen Durst, der hessische und rheinländische Trinkfreudigkeit weit in den Schatten stellt, weiß ich ein Stücklein zu vermelden, dessen schaudernder Augenzeuge ich selbst vor Jahresfrist ge⸗ wesen. Bei einem Volksfeste auf einem hiesigen Bierkeller wollten einige Studenten feststellen, bei welcher Menge des edlen Gerstensaftes eine bayerische Kehle ihre sprichwörtlich gewordene Trockenheit zu verlieren beginnt. Zu diesem Zweck warfen sie einem Brauburschen in eine„Maß“ (S1 Liter) ein Markstück, das er jedesmal behalten durfte, wenn er den Krug auf einen Zug geleert hatte. „Er setzt' ihn an, er trank ihn aus“ und schob das Markstück in die Tasche. Mit einer unglaublichen Schnellig⸗ keit war der wackere Zecher bei der ungeheuerlich klingen⸗ den Zahl 27(0) angelangt, ohne Miene zu machen, daß es ihm zuviel sei. Ich wandte mich von dem grausamen Spiel ab, weiß also nicht, wie weit der Durstige noch gekommen ist. Vermuthlich hat aber das geleerte Porte⸗ monnaie die Musensöhne eher zum Ende gezwungen, als den durstigen Bayern der volle Magen.


