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Gießen, Freitag, den 6. März

1896.

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Ausgabe

Gießen.

adeszeikung.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile.

Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

okales und Provinzielles.

* Gießen, 5. März. Die gestrige erste Auf führung des Schlierseer Bauerntheaters and vor ausverkauftem Hause statt. Dieselbe übelnde Aufnahme, welche's Liserl vom Schliersee am Abend vorher in Marburg and, wurde ihm gestern Abend hier zuteil. In erer gestrigen Nummer finden unsere Leser ie Besprechung der Marburger Aufführung. as dort Gesagte trifft auch für die hiesige lorstellung zu. Der Erfolg war demgemäß serselbe: Stürmischer Applaus bei offener Scene uud mehrmaliger Hervorruf nach jedem Aktschluß. den Löwenanteil des Beifalls trug gestern Abend ud Leder un herr Xa ver Terofal als Klaxrinetten-Muckl Gulet ß, Javon. Bei den vorzüglichen Leistungen der

Schlierseer ist es begreiflich, daß dieselben überall dor ausverkauftem Hause spielen.

* Hungen, 4. März. Der auf der Grube ind BrikettfabrikFriedrich bei Trais⸗Horloff seschäftigte Arbeiter Emmrich von Langd fiel züf seinem Heimwege in die Horloff und er⸗ tank. Emmrich war angeblich dem Trunke geben. 5 * Bermuthshain(Vogelsberg), 4. März.

un der hiesigen Volksschule, die zur Zeit 07 Kinder besuchen, soll am 1. Mai eine weite Lehrerstelle errichtet werden. Das st unseres Erachtens aber auch ein dringendes gedürfnis.

* Ober⸗Ohmen, 4. März. Der Plan zur gründung einer Molkerei ist hier endgültig zufgegeben worden; er ist an der Platzfrage, vodurch Differenzen entstanden, gescheitert. Da⸗ egen beabsichtigt man in unserer Nachbargemeinde 43 oß⸗Eichen eine Molkerei zu errichten. Hierzu dollte man ein hier leerstehendes Fabrikgebäude uwwerben, allein die Molkereigenossenschaft Nieder⸗ Ihmen kam dieser Absicht zuvor und kaufte das Fabrikgebäude.

* Worms, 2. März. Unter überaus zahl⸗ cher Beteiligung wurde der Stadtverordnete Nax Michaelis, dessen Ableben wir bereits meldet haben, zur letzten Ruhe bestattet. Nach berrn Rabbiner Dr. Stein sprach Herr Ober ürgermeister Küchler, der dem hingebungsvollen Mitarbeiter, seit 1874 im Stadtvorstand, die öchste Anerkennung zollte und ihm ein stets ährendes Andenken bei der gesamten Bürgerschaft üsicherte. Namens der Verwaltung des städtischen

piel⸗ und Festhauses sprach Herr Kranzbühler. sahllose Kränze wurden niedergelegt, darunter uch vom Darmstädter Hoftheater und Mainzer Stadttheater.

I. Mainz, 4. März. Die Verurteilung süniger Soldaten des 117ten Regiments brachte ne Gemüter der Oberrodener Einwohner in üscht geringe Aufregung. Die Leute waren zu Weihnachten nach Oberroden beurlaubt und be⸗ 3 sich hierselbst in die Wirtschaft von Bla⸗ uus Graf, woselbst der Scozialdemokratische

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1 75 eine Abendunterhaltung arrangiert hatte ind wobei sich die Soldaten lediglich als Zu⸗

schauer beteiligten. Die Leute wurden denunzirt und durch kriegsgerichtliches Urteil von 6 Wochen dis zu 2 Monaten Festung verurteilt.

Mainz, 4. März. Vor dem Schwur⸗ gericht begann heute der Prozeß wegen be trügerischen Bankerotts und Beihilfe dazu gegen den Uhrmacher Adam Toussaint aus Mainz, dessen Ehefrau Bertha Moens aus Belgien, dessen Bruder Wilhelm Toussaint und den Tapezierer Joseph Kretzschmer, beide aus Mainz. Die Ver handlung wurde mittags abgebrochen und nimmt voraussichtlich den ganzen Tag in Anspruch.

Mainz, 4. März. Aus Berlin ist die Nachricht hierhergekommen, daß ein dort ver storbener Rentner Herr Simon Bladt die Städte Berlin, Mainz und Bingen zu Universal⸗ erben seines Vermögens im Betrage von etwa 1½¼ Millionen Mark eingesetzt hat. Berlin erhält die Hälfte, Mainz und Bingen je ein Viertel. Die Schenkungen sollen zur Förderung von Kunst und Gewerbe verwandt werden, nähere Mitteilungen sind vorbehalten. Welches die Be⸗ ziehungen des Erblassers zur hiesigen Stadt sind, daß er ihr sein Wohlwollen zuwandte, ist vorerst noch nicht festgestellt. Nach einer derKl. Pr. von anderer Seite zukommenden Mitteilung war Herr Bladt vor Jahren Reisender einer Mainzer Weinhandlung.

j. Mainz, 4. März. Die Stadt Mainz hatte durch ihren Vertreter, Herrn Rechtsanwalt Ferd. Börckel, gegen den Weinwirt Schröder deßhalb einen Prozeß angestrengt, weil derselbe das von der Stadt gemietete Oktroihäuschen auf der Rheinstraße unter nichtigen Vorwänden ablehnte, zu beziehen. Heute hat das Land⸗ gericht, I. Zivilkammer, dahin Urteil gesprochen, daß Schröder an die Stadt 1525. nebst Zinsen zu zahlen hat. Auch die nicht unbedeu⸗ tenden Kosten fallen ihm zur Last. Das ist ein teures Oktroihäuschen.

Sehwurgerichtssitzung. Gießen, 5. März.

Um 9 Uhr eröffnete der Vorsitzende, Landge richtsrat Seeger, die heutige Sitzung. Zur Verhandlung kommt die Sache gegen den Vieh händler Nathan Sommer II, geboren am 10. Dezember 1866 zu Crainfeld, wohnhaft da⸗ selbst, wegen Meineid. Die Staatsbehörde wird vom Staatsanwalt Koch vertreten. Als Verteidiger ist Rechtsanwalt Katz erschienen. Es sind 44 Zeugen in der Sache geladen, von denen ein Teil erst Morgen zu erscheinen hat. 3 Sach⸗ verständige sind zur Stelle, nämlich der Tierarzt Remy von Schlüchtern; der Tierarzt Nuß von Niedermoos und der von der Verteidigung ge⸗ geladene Professor Dr. Pflug-Gießen. Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, daß er am 4. Juli 1895 vor dem Amtsgericht Herbstein in der Civilprozeßsache Seipel wider ihn wissent⸗ lich falsch beschworen, daß er nicht gewußt habe, daß ein von ihm dem Seipel für Mk. 170. verkauftes Pferd Flachhuf oder Zwangs⸗ huf an den Vorderfüßen hatte, so daß das Tier am ordentlichen Gebrauch und festen Auf setzen derselben gehindert gewesen sei. Der Angeklagte erklärte wegen Hausfriedensbruch vorbestraft zu sein. Er hat an Augustin Seipel, Landwirt in Ulmbach, ein Pferd für 170 Mark

verkauft unter der Zusicherung, das Tier sei nicht über 6 Jahre alt und habe keinen Fehler. Man vereinbarte wasSchriftliches, indem der Angeklagte sich verpflichtete, wenn der Schimmel binnen 4 Wochen einen Fehler zeige, diesen auf Ver⸗ langen zurückzunehmen. Binnen dieses Zeit⸗ raumes kam es zwischen den beiden Parteien zu Differenzen. Seipel erklärte, das Pferd sei älter als 6 Jahr und lahm. Es kam zum Prozeß und wurde Sommer in erster Instanz verurteilt. Vor der Berufs⸗Justanz in Hanau endete die Sache damit, daß dem Augeklagten der Eid auf erlegt wurde, den er geschworen. Er erklärte, die Wahrheit bekundet zu haben. Er habe den Ausdruck Flachhuf oder Zwangshuf nicht ver⸗ standen, es sei ihm bekannt gewesen, daß der Gaul alt und bockig war, das hat der Käufer aber auch gesehen. Seipel wurde auf Grund dieser Eidesleistung mit seiner Klage wegen Auf⸗ hebung des Kaufgeschäfts abgewiesen. Das Urteil des Landgerichts Hanau wird in seinem ganzen Um⸗ fang verlesen. Es wird nun in die Zeugenverneh mung eingetreten. Zeuge und Sa cherständiger Tierarzt Nuß-Niedermoos wird vorerst nur über Thatsächliches vernommen. Er hat den Schimmel in Ulmbach auf Seipels Auffordern auf Alter und Huf untersucht. Das Tier hatte einen Flach⸗ und Zwangshuf an den Vorderbeinen. Der Zeuge setzt ausführlich auseinander, inwiefern diese Fehler sich nachteilig für die Verwendung des Pferdes äußern. Zeuge und Sachverständiger Tierarzt Remy⸗Schlüchtern hat das Pferd 1893 in Schlüchtern gesehen und untersucht. Es sei ihm aufgefallen, daß das Tier einen klammen Gang zeigte, doch ist dem Zeugen nicht erinner lich, ob er den Huf untersucht. Er schloß aus dem Gang, daß der Gaul hufkrank gewesen sei. (Die Verhandlung dauert bei Schluß der Redak⸗ tion fort.)

Vermischtes.

Eine wilde Fahrt. Vor ein paar Monaten fiel in Paris eine Lokomotive nebst Tender und Postwagen von der Einsteigehalle des Bahnhofes Montparnasse auf die vor dieser gelegene Place de Rennes hinab, zum nicht geringen Ent⸗ setzen der gesammten Pariser Einwohnerschaft. In jenem denkwürdigen Augenblicke stand, so muß bis zum Bekannt⸗ werden unwiderleglicher Gegenbeweise angenommen werden, der Droschkengaul Nr. 10 536 auf dem Platze. Er hat den Maschinensturz mit angesehen und sich in der Folge seine eigenen Gedanken über das Vorkommniß gemacht, das er vermuthlich für eine Probefahrt ansah. Seither hat der Ehrgeiz den armen Gaul nicht mehr schlafen lassen; unablässig trachtete er nach einer Gelegenheit, es der Maschine, die er jedenfalls für ein belebtes Wesen hielt, gleich oder womöglich zuvor zu thun. Die strenge Zucht jedoch, in der ihn die nervige Faust seines Auto⸗ medon hielt, ließ ihm keine Möglichkeit offen, seinen nimmer ruhenden Ehrgeiz zu bethätigen. Da endlich, in der Nacht zum Sonnabend, so erzählt der Pariser Berichterstatter derStraßburger Post, glaubte das feurige Droschkenroß zu bemerken, daß sein Leiter sich des süßen und wohl⸗ verdienten Schlummers im Innern des Gefährts erfreue, und diesen günstigen Augenblick beschloß es daher ohne Zögern zu benutzen. Da die Droschkenpferde den Plan von Paris mindestens ebenso gut, wenn nicht besser, kennen, wie ihre Lenker, so erinnerte sich der Gaul Nummer 10536, daß sich ganz in der Nähe seines derzeitigen

Standortes des Nordbahnhofes die sogenannte Hufeisentreppe befindet, die in zwei großen Absätzen von der Rue d'Alsace nach der Westfrond des Ostbahnhofes hinabführt.Wenn du die in sausendem Galopp hinunter⸗ jagen würdest, Fuhrwerk und Kutscher hinter dir her⸗ ziehend?! dachte der wackere Gaul Nummer 10 536. Gedacht, gethan. Ehe der unglückliche Rosselenker recht zur Besinnung kam, war er schon mit schwindelnder Rasch⸗ heit an dem oberen Ende der besagten Treppe angelangt, so daß ihm gerade nur noch die Zeit blieb, Hals über Kopf aus dem Wagen zu springen, um sich vor einem anscheinend sicheren Tode zu retten. Er stürzte etwas unsanft auf das Straßenpflaster, doch kam er mit kleineren äußeren Verletzungen davon.Und Roß und Fuhrwerk sah man niemals wieder, wird der Leser gewiß aus⸗ rufen. Doch man sah sie beide wieder, obzwar erst nach etwa halbstündigem Suchen. Zunächst näherte man sich mit Erstaunen und Grauen dem Treppengeländer, denn man vermutete, unten, zwölf Meter tiefer, einen Brei von Wagentrümmern und Pferdeknochen zu erblicken. Aber nichts Grausiges bot sich den Blicken der sich von Sekunde zu Sekunde mehrenden Zuschauer dar: Roß und Wagen blieben verschwunden. Nun wagte man sich weiter vor, man suchte in dem Güterbahnhofe der Ostbahn, doch auch dort war keine Spur von demRekordrosse zu entdecken. Endlich, nach langen Wanderungen, spürte man den kühnen Renner auf dem Boulevard Straßburg auf. Er hatte sich ganz ruhig einer dort stehenden Droschkenreihe angefügt und schien sehr stolz auf seine bisher noch unerreichte Leistung zu sein. Der Wagen war nur wenig beschädigt, der Gaul zeigte keinerlei Ge⸗ brechen, und nur die Treppe wird noch lange die Spuren derwilden, verwegenen Fahrt tragen. Der Kutscher hätte besser gethan, im Wagen zu bleiben, dann hätte er sich nicht verletzt. Aber freilich, wer kann Alles vorher wissen!

Das Räthsel der Mumie. Aus Wien wird berichtet: Auf Anregung des Custos an der egyp⸗ tischen Abtheilung des Kunsthistorischen Hofmuseums in Wien wurde der Inhalt einer uneröffneten altegy p⸗ tischen Mumie mit Hilfe der Röntgen'schen Strah⸗ len an der Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren photographirt. Diese Mumie, welche die öußere Form einer menschlichen Gestalt hat, gilt als Collectiv-Mumie der von den alten Egyptern für heilig gehaltenen Ibisse, jedoch war die Annahme nicht erwiesen. Da man diese Mumie, welche als Unikum gilt, nicht auswickeln wollte, so erschien als das einzige Mittel, sich über den Inhalt zu vergewissern, die Photographie mittels der Röntgen'schen Strahlen. Die Mumie wurde dann auch mit Erlaubniß des Oberstkämmerers in das photochemische Versuchslaboratorium der bezeichneten Anstalt gebracht, und daselbst belichtete man jene Partie der Mumie, welche der Form nach dem Kopfe und den Schul⸗ tern einer menschlichen Figur entsprechen würde, mit den Röutgen'schen Strahlen. Die Photographie ergab deutlich die Umrisse von Vogelknochen und die Abwesenheit menschlicher Skelettheile. Damit ist der Inhalt der Mumie, welche nun definitiv als Ibis-Mumie zu bezeichnen ist, in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise festgest ellt und zugleich die Thatsache der Verwendbarkeit der neuen Methode für ähnliche wissenschaftliche Zwecke dargethan.

Von Lord Leighton, dem füngst verstorbenen Präsidenten der englischen Akadamie, erzähltTruth folgende Anekdote: Eines Tages sah er bei einem Antiquitäten händler ein Bildnis, das ihn fesselte: einen Ritter aus dem 16. Jahrhundert. Der Preis war ihm jedoch zu hoch und er kaufte es nicht. Wenige Tage später war er bei einem berühmten Londoner Bankier zu Gaste ge⸗ laden und was sieht er: seinen Ritter, dasselbe Bild, das er beinahe gekauft hätte.O, fragt er den Bankier, wie kommen Sie zu dem Bilde?Zu dem? Es

Das Recht des Kindes. Von Reinhold Herrmann. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wie sie jetzt in dem Rahmen des Feysters stand und auf das ferne Dämmern der Sterne in den ginnenden Abend blickte, die schöne Gestalt mit u frauenhaft weichen Umrissen, leise zur Seite geneigten Kopfes leicht auf die Hand gestützt, die guf dem blinkenden Riegel ruhte, war sie das Werk r in sich ausgeglichenen Weise ihres Bräutigams, homit dieser ihrem selbständigen Denken die rich gen Bahnen gewiesen, ihr ein freundlicheres Ver ändnis für die Vorgänge zwischen ihren Eltern ermittelt hatte.

Der erste Bescheid des Richters in dem Er sehungsstreit der beiden unversöhulichen Ehegatten i jedenfalls zu Recht gegeben, wenn man bedächte, diß es ein Kind im zartesten Alter war, dem es 1 galt ein Alter, in dem es von Natur schon auf de Mutter angewiesen sei. Ja, in dieser Anord lung sei das Gesetz sogar wohlthätig zu nennen, un in der gemeinsamen Sorge um das Kind ligten sich die Hände, die einander zuvor zurück kstoßen in neunundneunzig von hundert Fällen zieder und oft fester zusammen, als es die erste, 90 süchtige Freundschaft vermochte. Wider ein so starkes Ipchologisches Motiv käme das Bedenken, die Eltern böchten über dem Wohl des Kindes das persönlich sse Trennende nicht vergessen, nicht auf. Schaffte s sich aber mit Gewalt Geltung und gelangte so

zu den Ohren des Richters, so sei dieser wiederum auch voll und ganz befugt, beide Teile der Not wendigkeit einer Zusammenkunft zu überheben, in dem er an die Stelle der väterlichen Aufsicht einen Fremden, sogenannten Pfleger setze. Und lediglich dies sei in dem Sylvias Eltern betreffenden Falle geschehen.

Ein tiefer Seufzer hallte durch das dunkelnde Gemach, in dem sie allein zurückgeblieben war, nachdem der Assessor sich für ein paar Stunden, bis zum Beginn der Vorfeier ihres Hochzeitstages zärtlich von ihr verabschiedet hatte. Das junge Mädchen war in ihren Träumen bis zu jener sehn süchtigen Stelle in ihrem Herzen gekommen, die sie gern durch die Liebe zum Vater ausgefüllt hätte. So war er ihr fremd geblieben. Mochte Alles noch so weise geordnet sein vom Recht des Kindes war nichts vorgesehen. Das war geradezu einer tödlichen Mißachtung begegnet. Man hatte nicht bedacht, daß sich der eine heiße Tropfen fremden Blutes in ihr einmal empören und sich mit Ge walt Geltung fordern koͤnnte. Sie war so weit; sie konnte sich nicht mehr mit dem juristischen Gange der Dinge begnügen; sie mußte, Auge in Auge, von ihrem Vater hören, daß kein Platz für sie in seinem Herzen sei.

Sie trat vom Fenster zurück, zündete die Lampe an und öffnete den Schrank, sich zum Ausgange zu rüsten. Mit kindlicher Freude wählte sie eine Klei dung, welche ihr am vorteilhaftesten stand 1 sis wollte den Vater von vornherein schon durch ihr

Aeußeres für sich einnehmen. Ein Zeitungsblatt, das ihr, als sie vor einigen Tagen mit ihrem Bräutigam ein Café besucht hatte, zufällig in die Hände gekommen, vermittelte ihr die Adresse des Ungekannten, indem es die Rückkehr des Dichters von einer langjährigen Reise meldete und die Er wartung anknüpfte, sehr bald ein neues in der Fremde vollendetes Werk von ihm auf der Bühne zu sehen.

Ihr Vater war also ein berühmter Mann ge worden, der in der öffentlichen Meinung als ein litterarischer Charakter gar hoch und beliebt da stand. Das Glück hatte ihn somit doch sichere Wege geführt und die Mutter schleppte ihr Leben lang an dem schweren Fluch, ihn verkannt zu haben.

Sylvias Herz klopfte heftig, als sie nach Be⸗ endigung ihrer Toilette, und einer flüchtigen Ent schuldigung vor der Mutter, daß sie noch einen dringenden Gang habe, die Treppen des eiafachen Hauses hinabeilte und ihren Weg nach dem fernen, westlichen Stadtviertel antrat, in dessen vornehmstem Teil ihr Vater wohnen sollte. In den Straßen brannten schon die Laternen, obgleich es kaum 5 Uhr war, aber ein trüber Wintertag ging zu Ende und es war früher dunkel geworden.

Der hastig über den gefrorenen, zum Teil not dürftig von den Bürgersteigen weggekehrten Schnee Dahinschreitenden war gar nicht, als sei dies der letzte Tag eines schweren Jugendlebeus, der letzte Abend ihrer jungfräulichen Selbständigkeit, und als würde nun ein Glück kommen, nach dem jedes

Weibes Herz bangt das Glück an der Seite eines geliebten Gatten, dem sie schon morgen ange traut werden sollte, sie war ganz von dem Gedanken eingenommen, dem sie 18 Jahre nicht hatte leben dürfen und in dessen Entbehrung sie ärmer gewesen war, als das Kind des Bettlers.

Wieviel mehr hätte sie am Leben Teil haben, wie vollkommener hätte ihre Bildung sein können an der Seite eines solchen Vaters, dessen um fassender Geist alles Hohe und Schöne in der Welt sein nannte der in zwar schwerem, langwierigem, aber doch endlich glücklichen Ringen sich eine solche Stellung geschaffen hatte. Zweifellos würde er seinen Kindern die starken Wurzeln einer so müh samen Erkenntnis und eines so festen Bewußtseins der eigenen Werdekraft eingepflanzt haben, und sie hätte sich nun und nimmer begnügen müssen, im breiten Heerhaufen mitzuwandeln.

Jetzt war sie am Ziel. Ein breiter, nicht hoher, villenartiger Bau am Anfang eines weiten parkähnlichen, winterstillen Gartens, etwa zurück von der vornehm ruhigen, asphaltierten Straße zu beiden Seiten des verschlossenen, matt erhellten Portals wuchtige Karyatiden das Ganze hinter einem hohen, gußeisernen Gitter mit kunstvoll ge⸗ schmiedetem Thor und darin ihres Vaters Künstler⸗ heim. Es war kein Irrtum möglich. Er bewohnte dieses palastähnliche Haus mit einem Königlichen Kommerzienrat, dessen Schulfreund er war, wie die Mutter oft erzählt hatte.

(Fortsetzung folgt.)