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Evangelische Warte

drgan der Evangelischen Volksgemeinschaft

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Sonnabend, den 29. Januar 1027.

dun Die Wirtschaftslage in der Landwirtschaft ist zur z Zeit sehr schlecht, ja teilweise geradezu trostlos. Die M Steuerlast ist erdrückend. Der Bauer muß fast jede Mark, die er aus dem Verkauf von Erzeugnissen erlöst, u aufs Finanzamt tragen. Hat er ja schließlich auch den n, eigenen Nahrungsbedarf, so bleibt doch kaum etwas an übrig für Kleidung und kulturelle Bedürfnisse. Die Schulden sind vielfach rasch wieder angewachsen und, da mug die Zinssätze fast dreifach so hoch sind als vor dem Krieg, igen, drücken sie auch bei zahlenmäßig geringerem Schuldbe— the, trag ebenso schwer. Die Preise für die Erzeugnisse sind mug wohl verhältnismäßig befriedigend und der Geldent— chen, pertung angepaßt, aber die Preise der landwirtschaft— uh. lichen und industriellen Erzeugnisse haben sich wie die un) Schenkel einer Schere auseinander bewegt. Diese len. Preisschere“, wie der Volkswirt diesen Zustand nennt, gut, hat sich noch nicht völlig geschlossen. Alles in allem: die noh Landwirtschaft ist zur Zeit unrentabel. Der Bauer en muß auf jede Ernte drauflegen. Von einer Verzinsung ich, des Anlagekapitals kann kaum mehr gesprochen werden. lu. der Verlustverkauf der Ernte 1925 hat vielfach kata— den trophale Wirkungen gehabt. Besonders unsere Klein— de bauern, die ohnehin um ihre Existenz schwer zu ringen li haben, wenn sie nicht Nebenbeschäftigung in der In— uu dustrie oder sonstwo finden, sind äußerst hart betroffen. wir Zweierlei kommt in Betracht, um zu helfen: un) Staatshilfe und Selbsthilfe. Letztere ist wichtiger und win, schließlich ausschlaggebend. Erstere kann nicht entbehrt as werden. alen Die staatlichen Maßnahmen haben sich zu erstrecken del, auf die Steuerpolitik, die Kredithilfe und Kontrolle hn und auf die Beeinflussung der Preise. gute 1. Wenn auch selbstverständlich die Landwirtschaft däm, licht völlig von den Staatslasten befreit werden kann, o kann sie doch auf steuerlichem Gebiet eine ihrer be— sonderen Lage entsprechende und gerechte Behandlung 1 erwarten. Die Steuerverteilung zwischen Landwirt- 2 Bart Gewerbe und Industrie hat in letzter Zeit in Württemberg Anlaß zu schweren Auseinandersetzungen 2 gegeben. Auffallend ist übrigens der Unterschied in teuerlichen Behandlung des Großgrundbesitzes, 2 mittleren und des Kleinbauern. Nach Angabe 0 hreußischen Finanzministers im preußischen Landtag 4 ind 80 Prozent des Großgrundbesitzes in Preußen von der Einkommensteuer befreit. Der mittlere und kleinere Besitz wird immer noch scharf herangezogen. Diese unterschiedliche Behandlung rührt zunächst davon her, 2 haß bei der Einschätzung des Großgrundbesitzes die häufig don besonderen Sachverständigen geführte Buchhaltung 5 qu Grunde gelegt werden darf. Diese zu führen, ist der Bauer aber teils nicht in der Lage, teils aber wird sie ihm, wenn er sie führt, wie ich dies in Bayern festzu— 2 zellen Gelegenheit hatte, nicht als Anterlage für die 2 Einschätzung anerkannt. Er ist so einer rohen Pau⸗

der des des

schaleinschätzung ausgeliefert, die den besonderen Ver— hältnissen nicht Rechnung trägt. Weiterhin kann der Großbesitz die anfallenden Arbeitslöhne als Werbe— kosten abziehen, während dies bei dem fast völlig mit eigenen Kräften arbeitenden Bauern nicht oder nur in kleinem Maßstab gestattet ist. Darin liegt wiederum eine große Härte.— An der Unwirtschaftlichkeit der Großbetriebe zu zweifeln, liegt kein Anlaß vor. Aber kann denn der kleine Landwirt eher Steuer aus einem Einkommen bezahlen, das er gar nicht bezieht, als der Großagrarier? Wenn der Großbetrieb steuerfrei ist, sollte es in den meisten Fällen auch der Kleinbetrieb sein!— Steuerliche Gerechtigkeit ist unsere erste For— derung. Solche Zustände sollten nicht geduldet werden. Die Geduld, mit der die Bauern diese häufig ungerechte Behandlung ertragen, ist mir schon of- bewunderswert erschienen.

Die der Landwirtschaft aus Staatsmitteln zuge— führten Kredite sind zu dem kleinen Bauern vielfach überhaupt nicht vorgedrungen, und wenn dies der Fall war, so hatten sie sich auf dem weiten Weg von der Staatskasse her so sehr verteuert, daß sie nicht billiger waren, als die untragbaren Kredite der Privatbanken.

Die Zinsgebahrung gerade der öffentlichen Spar— kassen, landwirtschaftlichen Genossenschaften und Dar— lehenskassen fordert häufig scharfe Kritik heraus.

Es ist nicht angängig, daß z. B. heute noch das Leihgeld einer Darlehenskasse, für das sämtliche Grund— stücke einer Landgemeinde solidarisch verhaftet sind, 10 v. H. und mehr kostet.

Es hilft nichts, wenn über die Tyrannei der Groß⸗ banken gejammert wird, während die landwirtschaft— lichen Selbsthilfeeinrichtungen auch nicht besser handeln. Alle Geldinstitute, ob privat oder öffentlich, ob Christ oder Jude, wollen zuviel und zu rasch verdienen. Man stelle einmal fest, was die Geldanstalten selbst bezahlen, sei es für aufgenommene Spar- oder Depositengelder, sei es für Wechsel, welche ihnen die Reichsbank seit Juli ds. Is. zu 6 Prozent diskontiert. Und dann stelle man fest, was diese Institute fordern. Wo kann man Geld bekommen unter 10 Prozent? Und wo bleibt der Zwischengewinn von vollen 4 Prozent?

Der Reichsbankdiskontsatz war im Jahre 1926 wie folgt festgesetzt: Ab 12. 1. 8 Prozent, ab 27. 3. 7 Prozent, ab 7. 6. 6½ Prozent, ab 6. 7. bis Schluß 6 Prozent. Die obenerwähnte Darlehenskasse wird den Zinssatz im Jahre 1926 vermutlich auf 11 bis 12 Prozent festsetzen. Also verteuert sich zwischen der allen guten Geldanstal— ten offenstehenden Geldquelle und dem Empfänger das Geld um teilweise 50 bis 100 Prozent.— Dieser Zwi⸗ schengewinn verbleibt natürlich nur zum kleinsten Teil bei der Darlehenskasse. Zum größeren Teil fließt er in die Tasche der Zwischenglieder in der Kette von dem Zentralinstitut zum Kreditnehmer. Und diese Zwischen— händler leisten dafür nichts als eine Unterschrift! Wa⸗

1 Die wirtschaftliche Lage der Landwirtschaft.

rum müssen denn die in Jahrzehnten angesammelten, freilich in der Inflation vernichteten Rücklagen dieser Kassen im Lauf von ein paar Jahren auf die alte Höhe gebracht werden? Warum will man so schnell wieder reich werden? Was sich dort rasch ansammelt, muß sich der Landwirt am notwendigsten Lebensbedarf ab⸗ sparen. Die Kassen wollen rasch wieder hoch kommen, aber diese Gewaltkur zapft dem Landwirt, wie übrigens auch den anderen Ständen, das Blut ab. Die Kassen sind die Verwalter der meist flüssigen, öffentlichen Gel⸗ der und deshalb doppelt verpflichtet, gemeinnützig und gemeinsinnig zu wirtschaften. Wer schiebt hier Riegel vor? Wer hat ein Auge auf die Zinsspannen der Kas⸗ sen und Banken? Ist nicht bei diesen Umständen die Geldwirtschaft„reif“ zur Verstaatlichung?

Wie aber kann die Preisfrage gelöst, wie die „Preisschere“ geschlossen werden? Durch Zölle?

Alle Volkswirtschaftler von Bedeutung sind sich da⸗ rüber einig, daß Getreide- und Viehzölle, wie auch an⸗ dere Zölle, auf die Dauer kein wirksames Mittel zur Hebung der Erzeugung sind, da sie wie ein künstliche⸗ Belebungsmittel wirken, dessen anfeuernder und be— lebender Wirkung die Erschlaffung auf dem Fuße folgt. Nur sogenannte Kampfzölle zur Beeinflussung der Zoll— gesetzgebung der Nachbarländer hält man noch für be⸗ rechtigt und zweckmäßig. Auch Professor Dr. Areboe, früher Direktor der landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim, einer der bedeutendsten Köpfe der Agrar⸗ wissenschaft, lehnt aus diesen Gründen die Zölle ab, da nur der freie Wettbewerb auf die Dauer die Erzeugung hebe. Es ist zuzugeben, daß solche Einwände in nor⸗ malen Zeiten und unter normalen Bedingungen ihre Berechtigung haben. In Zeiten besonderer Not sind aber rasche Maßnahmen nötig. Dabei unterliegt die deutsche Landwirtschaft stets ungünstigeren Erzeugungs⸗ bedingungen als ihre ausländischen Konkurrenten, be— sonders in Amerika. Sie kann überdies ihre Erzeug⸗ nisse nur einmal im Jahr umsetzen, während die In⸗ dustrie in dieser Beziehung unbegrenzte Möglichkeiten hat. Es ist ein Unding, Industriezölle zu bewilligen und der Landwirtschaft, welche die Industrieerzeugnisse kaufen muß, solche zu versagen. Führende Bauern in Süddeutschland haben es offen ausgesprochen, daß sie bereit wären, auf Getreidezölle zu verzichten, wenn auch die Industriezölle wegfallen würden. Nachdem diese aber bewilligt waren, hätte es den Ruin der Land⸗ wirtschaft bedeutet, wenn man sie ohne Zollschutz gelas⸗ sen hätte.

Durch den Zoll wird der Preis des täglichen Brotes bestimmt, darüber sind wir uns klar. Wir sind durch⸗ aus keine unbedingten Anhänger des Schutzzolles, umso mehr aber ist uns deutlich, daß der übrigens sehr mäßige Zollschutz der Landwirtschaft für diese zur Zeit Lebens⸗ notwendigkeit ist.

5 deu Persönlichkeit.

. Matthäus 10,34. Ich bin nicht gekommen Frieden zu 0 senden, sondern das Schwert. 2 Von Nietzsche ist bekannt, daß er dem Christentum aus dem

N brunde feindlich gesinnt war, weil ihm Jesus zu mitleidig war. 9 das ist das Bild, das sich viele von unserem Heiland machen. sse sehen in ihm einen nachgiebigen, sanftmütigen, mitleidigen Es fehlt ihnen im Bilde des herrn das Kraftvolle und Harte. Das ist ja sicher richtig, daß a bir alles Schwächliche nicht ertragen können. Eindruck macht 5 uf die Menschen nur der Starke und Entschiedene. War Jesus jun so, wie jene ihn sich vorstellen, dann können wir nicht be⸗ steifen, daß das Christentum eine so gewaltige Ausbreitung er⸗ uhren hat. Untersuchen wir deshalb einmal die Persönlichkeit

2 gesu, wie sie uns in den Evangelien entgegentritt. 2. Jesus erbarmt sich voller Barmherzigkeit und Mitgefühl 5 ler Not seiner Umgebung. Er heilt die Kranken, tröstet die RNühseligen und erlöst die Beladenen. Von seinen Jüngern for⸗ Eke er, daß sie ihre Nächsten lieben wie sich selbst. In seinen —jbleichnissen legt er dar, wie er dem einzelnen verirrten Schäf⸗ kin nachgeht. Oder er preist die Barmherzigkeit des Sama⸗ 6 ters. Als er gefangen genommen wird, verbietet er dem Pe⸗ 13 kus, sich mit dem Schwert zu wehren. Wenn man diese Stel— lech alle sich vorstellt, dann kann man allerdings sagen:„Jesus

f st mir zu weichlich“.

Wenn man aber über jemand ein Arteil fällen will, dann ch luf man nicht Stücke der Persönlichkeit herausgreifen, sondern s muß das ganze Bild dieser Person vor uns stehen. Dann 0 ther erkennen wir auch ganz andere Seiten unseres Herrn Je— u. Schon die Aussendungsrede Matthäus 10 enthält Stellen, en i uns den Heiland hart und herb erscheinen lassen.„Wo euch 0 mand nicht annehmen wird, noch eure Rede hören, so gehet

1 ind immer geduldigen Mann.

von euren Füßen. Wahrlich ich sage euch: Dem Lande der So— domer und Gomorrer wird es erträglicher gehen am jüngsten Gericht denn solcher Stadt. Dazu tritt das obige Wort:„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“ Wie rücksichtslos klingt sein Wort:„Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert“. Wenn ferner Jesus von seinen Zeitgenossen mit dem Worte spricht:„Diese böse und ehebrecherische Art“, so klingt das auch gerade nicht sehr zart. Alsdann dürfen wir unser Augenmerk auf das 23. Kapitel des Matthäusevangeliums richten. Dort hält Jesus seine gewaltige Rede gegen seine Feinde, die Phari— säer. Diese Rede hat mich schon in meiner Jugend mächtig be— rührt. Da ist Jesus mir immer so gewaltig vorgekommen, wenn er in steter Wiederholung sein„wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer“ auf seine Widersacher herunterprasseln läßt. Diese ganze Rede verrät keinen Weichling, sondern eine mächtige Per⸗ sönlichkeit, die wuchtig die Fehler der Mucker und scheinheiligen „Frommen“ um der Wahrheit willen aufdeckt. Stellen wir da⸗ zu noch das Bild von dem Manne, der den Tempel mit der Peitsche in der Hand säubert, dann sage niemand mehr, Jesus sei ein Schwächling gewesen. Ganz im Gegenteil hatte Jesus etwas Stahlhartes, Herbes und Wuchtiges in seinem Auftreten.

Nun wird man vielleicht geneigt sein, die Frage zu stellen: Welches ist denn nun die wirkliche Persönlichleit Jesu? War es die zuerst dargestellte oder die an zweiter Stelle? Die Frage ist berechtigt, führt aber zugleich zur richtigen Erkenntnis. Bei⸗ des gehörte eben zur Jesu Persönlichkeit. Er war nicht einseitig. Er war nicht so, wie ihn Menschen gerne sich denken. Sein We— sen war keine ausgeklügelte Größe. Vielmehr konnte Jesus, wenn es nötig war, zürnen und strafen ebenso wie er verzeihen und vergeben konnte. Die Juden ärgerten sich darüber, daß er

gegen die Sünderin so mild war. Ebenso ärgerten sie sich aber auch über seine Strenge gegen die Pharisäer. Dort wo eben Liebe nötig war, war der Herr mild und voller Barmherzigkeit. Dort wo Strenge am Platze sein mußte, da trat er mit seiner ganzen Herbheit auf. Daß das nicht mit den Gewohnheiten seiner Zeitgenossen übereinstimmte, das störte ihn wenig.

In Jesus sehen wir die Liebe, wie wir sie auch üben sollen. Nicht nach hoch oder niedrig haben wir uns zu richten, sondern nach den seelischen Bedürfnissen des Mitmenschen. Wo Liebe allein einem anderen, auch einem sündigen Bruder, weiter hilft, dann sollen wir ihm mit der größten Liebe begegnen. Aber dann gibt es andere, die würden über unsere Liebe lachen. Was hilft da anders als Strenge, unbarmherzige Strenge. Auch un⸗ sere evangelischen Geistlichen verfallen in falschem Verständnis der Persönlichkeit Jesu manchmal in ein weichliches Auftreten, wodurch sie weder dem Evangelium, noch der Kirche Jesu etwas nützen. Hassen wir doch diese stets sanftmütige Pose, wodurch man sich lächerlich macht. Auch Jesus hat sich nicht gescheut zu sagen, daß er gekommen ist, das Schwert zu senden! Auch Jesus hat die Peitsche genommen und hat draufgeschlagen. Wollen wir wirklich etwas erreichen, dann müssen wir unseren Mit⸗ menschen auch etwas zumuten.

Vergessen wir nie, daß in der Welt des Guten alles zusam⸗ mengehört. Das ist ja gerade das, worinnen wir die Vollkom⸗ menheit Jesu erkennen. Er war nicht einseitig, sondern hatte neben der Geduld die Entschlossenheit, neben der Barmherzigkeit die Härte, neben der Friedensbereitschaft den Kampfesmut. Auch darin wollen wir unserem Herrn Jesus immer ähnlicher werden.

Einen Heldenmut, der da Gut und Blut

gern um deinetwillen lasse

und des Fleisches Lüste hasse,

gib mir, höchstes Gut, durch dein teures Blut! Amen. Hr.

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