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Evangelische Warte
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Hauptschriftleiter: Edwin Hamburger in Staden(Oberhessen).][ Erscheint Samstags.— Bezugspreis 50 Pfennig monatlich.
Verantwortlich für Politik und Wirtschaft: Edwin Hamburger, für den Unterhaltungsteil: W. Greb in Weisenau bei Mainz.
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3. Jahrgang.
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Sonnabend, den 26. Februar 1927.
Was wir Sind.
Es war am 17. Februar 1827. Tief verschneit lag das Schweizerland. Wildunbändig wehrte sich die Aaare gegen die Frostfesseln. Die Morgensonne stieg rot über die Alpenkette, als zu Brugg sich eine edle Men— schenseele ihrer irdischen Hülle entrang. Zwei Tage später wurde, was sterblich an Pestalozzi war, auf dem Friedhof zu Birr ins Grab gsenkt. Klein war das Ge— folge, das den verewigten Menschenfreund zur letzten Ruhe geleitete.
Schon zu Lebzeiten war es einsam um Pestalozzi geworden. Er, der in rastlosem Feuereifer an der Wohlfahrt der Menschheit mit Rat und Tat gebaut, Schulen und Erziehungsanstalten gegründet und Ruhm und Ehre vor der ganzen Welt geerntet hatte— er hatte seine Unternehmungen und Gründungen eine nach der anderen zusammenbrechen sehen, sah seine Bücher verstauben und seine Lorbeerkränze verwelken. Mußte ihm nicht selbst sein Leben, das ein Leben der Liebe und Selbstaufopferung gewesen war, als ein erfolgloses Leben erscheinen? Von allen schließlich verlassen, die sich seine Freunde nannten, verachtet, verspottet von Männern, die durch ihn erst Lebensinhalt gewonnen haben, verleumdet, geschmäht, er, der 81jährige Greis. von demjenigen, dem er sein ganzes Vertrauen ge⸗ schenkt hatte, den er aus seiner Ungekanntheit in seine Erziehungsanstalt nach München⸗Buchsee berufen und ihm die Auswertung seiner eigenen Ideen überlassen hatte. Das macht ihm das Sterben schwer. Die Todes⸗ schmerzen wühlen schon in seinem Gebein, als er zur Ab⸗ wehr jener Schmähschrift in ruhlosen Tagen, in schlaf⸗ losen Nächten seine Verteidigung aufs Papier kritzelte. Dabei geht der Feder die Tinte aus. Er merkt es nicht, er kritzelt weiter; sinnloses Mühen! Endlich erlöst ihn der Tod. Ein Gekreuzigter! Unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit dem Meister von Nazareth auf.
Wohl erstmalig ausgesprochen, hat diese Aehnlich⸗ teit ein Zeitgenosse Pestalozzis und Großer dieser Erde, der einen Monat nach ihm ins Grab sank: Ludwig van Beethoven.
Es ist eine Zeit der großen Geister, die Pesta⸗ lozzi⸗Zeit, die Zeit um 1800. Damals lebten Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Wieland, Kant, Fichte und der Freiherr von Stein.
Der gute Hirte. Joh. 10, 12. Ich bin der gute Hirte. gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Eine fast unerschöpfliche Menge von Gleichnissen und Ver⸗ gleiche Jesu sind uns erhalten geblieben. Die meisten Ver⸗ gleiche brachte er vom Reiche Gottes. Heute vergleicht sich der Herr selbst einmal, und zwar mit einem guten Hirten. Wir müssen, um diesen Vergleich verstehen zu können, hinaus zu den Schäfern gehen, müssen uns einmal zu ihren Herden stellen und den Hirten ausfragen. Wenn draußen auf unseren Wiesen im Frühjahre die Schäfer weiden, dann bin ich gern zu ihnen ge⸗ gangen und habe sie ausgefragt. Diese einsamen Menschen sind dann sehr froh, wenn jemand kommt, mit dem sie sprechen können. Bald geht Herz und Mund auf und sie erzählen. Da ist ein Lämmchen, das ist beim Springen über den Graben in das Wasser gefallen. Der Schäfer ist herbeigeeilt und hat es heraus⸗ gezogen. Dort ist ein anderes, das hat sich den Fuß vertreten und hinkt. Da ist wieder ein anderes, das hat eine ausgezeich- nete Wolle. So geht es weiter. Von jedem der vielen Schafe
Der
weiß er mir etwas zu berichten. Die Zeit wird einem gar nicht
lang bei diesen Erzählungen des Hirten. Bald kann man sich von ihm ein Urteil bilden: Das ist ein guter Hirte.
Was will aber dieses sorgenfreie Hirtenleben bedeuten gegenüber dem schweren Berufe der Hirten in Jesu Heimatland? Damals gab es in den Bergen Palästinas noch wilde Tiere. Da war keine Herde und kein Hirte sicher. Da hieß es kämpfen um seine Schafe und um das eigene Leben. Wer da eigene Schafe zu weiden hatte, wie das Hirtenvolk in vielen Gegenden Palästinas, der bewachte seine Herde; denn das war ja sein ganzer Besitz. War dieser Befitz so groß, daß er noch Gehilsen
Die Evangelische Volksgemeinschast ist oie Sammlung aller bewußt evangelischer Frauen und Männer, welche die Bedeutung und die Rechte unserer evangelischen Bevölkerung auch in den Parlamenten des Reiches, oer Länder und Kommunen gewahrt wissen wollen.
Pestalozzi.
Es ist die Zeit der Königin Luise, aber auch die Zeit der napoleonischen Gewaltherrschaft. Und bis auf Napoleon, der sich vor Schlachtenplänen und Sieges⸗ feiern nicht um Pestalozzis Abc⸗Lehren kümmern konnte, haben alle regsten Anteil genommen an Erziehungs⸗ fragen und jeder von seinem Standpunkt aus gebaut an der Menschenbildung. Denn welche hohe Kraft traute man nicht der Erziehung zu! Pestalozzi hält für den bürgerlich, geistig und sittlich gesunkenen Erdteil Rettung überhaupt nur noch möglich durch die Er⸗ ziehung. Wie ein Prophet verkündet er seine Wahr⸗ heit in einer Gleichnisrede, die Rudolph Schäfer in seinem„Lebenstag eines Menschenfreundes“ diese Form gegeben hat. Während Pestalozzi mit seinen Burg⸗ dorfer Lehrern das Wunder des Alpenglühens stau⸗ nend betrachtet, beginnt er fragend:„Was meint ihr, daß einer im Keller unseres Schlosses von diesem Abend sähe? Die Lucken im Gewölbe, zu hoch für die Augen, werden ihm nur einen bläßlichen Schein der Röte geben! Besser wird es in den Stuben des unteren Stockwerks sein; obwohl es nach außen keine Fenster hat, sieht man den Widerschein im Hof und ahnt die Herrlichkeit. Nur oben, wo die Fenster aus den Sälen nach allen Seiten den freien Ausblick gestatten, kann der Bewohner sich gemächlich in eine Nische setzen, den Anblick zu ge— nießen! Nun denkt euch, Freunde, es gebe keine Treppe in diesem Haus, sodaß die Herren in den Sälen die einzigen Genießer wären, die Bürger in den Stuben darunter könnten nicht hinauf, obwohl ihnen der Wider⸗ schein im Hof das Blut unruhig machte; das arme Volk aber in den Gewölben säße gefangen im fensterlosen Dunkel und hätte von Gottes Sonne nur die trübe Röte an der Luke!— So, Freunde, ist das Haus des Unrechts um die Klassen der Gesellschaft gebaut. Darum habe ich mich gemüht mein Leben lang und bin ein Narr geworden in ihren Augen, daß ich in dieses Haus des Unrechts die Treppe der Menschenbildung baute!“
Aus diesen Gründen widmete sich der Jüngling dem Studium der Theologie, um mit Gottes Wort die sozialen Schäden am Volkskörper zu heilen. Er wendet sich später der Rechtswissenschaft zu, weil er meint, in ihr das Rüstzeug eines Volksanwalts und Volksführers zu haben. Schließlich wird er Landwirt und träumt anstellen mußte, dann war bei diesen gemieteten Hilfskräften weniger Liebe zu den Tieren anzutreffen. In der Stunde der Gefahr brachten sie sich erst in Sicherheit, mochten die wilden Tiere mit den Schafen machen, was sie wollten.
Womit kann sich unser Herr und Heiland vergleichen? Er vergleicht sich mit dem guten Hirten. Die Schafe, das find die Menschen, sein Eigentum. Er ist kein Mietling, sondern Gott hat ihm die Menschen zum Eigentum gegeben. Auch Du bist das Eigentum unseres guten Hirten Jesus. Sein Wesen war ganz Liebe für die Menschen. Wie hat er sie gerufen mit seinem warmen Heilandsruf:„Kommet her zu mir alle, die ihr müh⸗ selig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ Wie ein⸗ drucksvoll ist das Bild, das Jesus von den Bewohnern Jerusa⸗ lems braucht, wenn er sagt:„Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel.“ Das ist alles Hirtenliebe, die aus diesen Worten des Herrn zu uns spricht. Jesus war eben ganz Liebe. Er hatte ja die Liebe seines Vaters im Himmel den Menschen zu bringen.
Allerdings, was für Schase hat dieser gute Hirte! Lieber Leser, schaue nicht in diesem Augenblick kopfnickend auf andere. Sie auf dich selbst und werde rot! Sei ehrlich gegen dich selbst! Sei mutig und tapfer, vor dir und Gott im Himmel eigene Schande einzugestehen! Trotzdem hat der Herr auch für dich sein Leben dahin gegeben. Mehr konnte er doch nicht tun, als sein Leben für uns zu opfern.„Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde!“ Wie hoch erhaben steht da unser guter Hirte Jesus. Wie arm und
klein sind wir ihm gegenüber.
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Vergünstigung. Nummer 9. Die Krise im Jungdeulschen Orden.
Die Pressestelle der Ballei Oberhessen des Jung⸗ deutschen Ordens bittet uns um folgende Richtigstellung:
Es ist falsch, daß die„bislang dem Jungdo ange⸗ hörende Ortsgruppe Elberfeld“ die Ordenspolitik einer Verständigung mit Frankreich ablehnte. Richtig ist vielmehr, daß diesen Standpunkt nur ein verschwindend kleiner Teil der Bruderschaft Elberfeld eingenom⸗ men hat, sich treulos vom Orden getrennt und sich dann selbst unter dem falschen Namen„Bruderschaft Elber⸗ feld“ an die Oeffentlichkeit gewandt hat.
Es ist falsch, daß man den Namen des Generals Watter genannt hat. Es ist falsch, daß deutsche Jugend während der Ruhrbesetzung in französische Maschinen⸗ gewehre hätte hineingetrieben werden sollen. Richtig ist vielmehr, daß der Name Watter von Herrn Reichs⸗ wehrminister Geßler zuerst öffentlich genannt worden ist. Richtig ist weiterhin, daß es sich nicht um ver⸗ gangene Dinge während der Ruhrbesetzung gehandelt hat, sondern um sehr aktuelle, gegenwärtig für das deutsche Volk äußerst katastrophale Machenschaften.
Falsch ist, daß die Einreichung der Denkschrift eine unberufene Einmischung in den Pflichtenkreis des Reichswehrministers war. Richtig ist, daß die Ein⸗ reichung der Denkschrift auf Ersuchen des Reichswehr⸗ ministeriums erfolgt ist.
Falsch ist, daß so viele Geistliche in der Reihe des Ordens standen. Richtig ist, daß sie darin stehen.
Der von uns in Nr. 6 unserer„Evangelischen Warte“ gebrachte Aufsatz unseres Mitarbeiters Chri⸗ stian Deutschmann bat uns mehrere Zuschriften aus verschiedenen Gegenden des Reiches eingebracht. Alle Zuschriften stimmen in dem Hinweis überein, daß im Jungdeutschen Orden starke ultramontane Einflüsse wirksam sind. Zum Beweis meldet ein Bericht aus Marburg, daß dort der Jesuit Pater Joseph Kauf⸗ mann am 23. Februar ds. Is. auf Einladung des Jungdeutschen Ordens sprechen würde über„Volksge⸗ meinschaft(1) oder Klassenkampf“. Sollte dieser Be⸗ richt aus Marburg richtig sein, so müßten wir dies sehr bedauern. Die vielen Pfarrer, welche laut obiger Be⸗ richtigung der Ballei Oberhessen noch Mitglieder sind, dürften sich, wenn solche Männer als Redner eingeladen werden, mehr und mehr zurückziehen. Wir müssen dann jedenfalls von dieser Bewegung weit abrücken. Steht doch Bismarck nicht allein mit der Ansicht, daß die Jesuiten Störer der deutschen Einheit sind der gerade der Jungdeutsche Orden nach seinen Druckschriften dienen will. Die Schriftleitung.
davon, die endlose Weite des öden Birrfeldes in eine Fruchtaue umzuschaffen zum Segen des Landvolkes. Nach wenig Jahren steht er vor dem Bankerott seines Unternehmens, der nur dadurch abgewendet werden kann, daß die Frau ihr Vermögen opfert. Auf der Grundlage eines wirtschaftlichen Ruins eröffnet Pesta⸗ lozzi eine Armkinderanstalt. And wieder schenkt er sich an den Armen arm, sodaß eine neue Verschuldung über
Was können wir diesem Jesus für sein großes Opfer geben? Solch große Tat fordert auch einen großen Lohn. Hat der Herr sein Leben für uns gegeben, dann können wir nicht weniger tun, als unser Leben auch ihm zu geben. Damit aber übernehmen wir Aufgaben. Weihen wir unser Leben dem großen Hirten, dann treten wir ja in seinen Dienst. Dann haben wir ihm zu helfen, seine Schafe weiden. Wieviel Seelen hat dir Gott an⸗ vertraut? Bist du ihnen ein guter Hirte? Bist du ein Miet⸗ ling, der allerlei fürchtet? Es ist ja ein schönes Bild, den Herrn als Hirten vieler Schäflein darzustellen. Gefühlsmenschen mögen von diesem Bilde schwärmen. Was helfen aber alle schönen Gefühle? Nein, lernen sollen wir bei unserem Heiland. In die Schule des besten Lehrmeisters müssen wir gehen. Auch seine Hirtentreue haben wir zu lernen. Jesus will nicht gefühls⸗ mäßig verehrt werden, er will vielmehr Proben unserer Nach⸗ folge haben. Die Mietlinge tun nur, was sie unbedingt müssen; die Hirten tun alles, was sie können. Der Mietling gibt nur soviel Zeit und Kraft hin, als ihm bezahlt wird; der gute Hirte gibt sich ganz hin in seinem Berufe. Der Mietling hat keinen inneren Anteil an der Sache, der er dient; der Hirte lebt völlig darin. Der Mietling scheut alles unbequeme und Unangenehme. Der Hirte harrt aus, auch wenn es zu leiden gibt. Laßt uns alle Hirten sein und keine Mietlinge!
Jesu, frommer Menschenherden guter und getreuer Hirt!
Laß mich eins von denen werden, die dein Ruf und Stab regiert. Ach, du hast aus Lieb' dein Leben für die Deinen hingegeben
und du gabst es auch für mich.
Laß mich wieder lieben dich! Amen! Hr.
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