Sonnabend, den 20. August 1927.
„Evangelische Warte“
Nr. 34.
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tenden durch ihre Gaben bestärkten und ihnen dadurch an ihrer Seele schadeten. Wie oft war es vorgekommen, daß die mit Geld beschenkten Handwerksburschen sich Schnaps und Zigaretten ge⸗ kauft, oder gute und brauchbare Gegenstände, wie Stiefel, Hosen und dergleichen um einen Spottpreis für Alkohol vertauscht hat⸗ ten. Der arme Pfarrer war sehr erschrocken, als er dieses alles hörte, und seine Frau nicht weniger. Er hatte es so gut gemeint, hatte den Leuten helfen wollen und war nun so betrogen wor⸗ den. Am meisten schmerzte es ihn, daß er selbst es gewesen, der die Bettelnden in Versuchung geführt, indem er ihnen die Mit⸗ tel geschenkt hate, sich schädliche Dinge zu kaufen, und indem er sie durch seine Leichtgläubigkeit in ihren Lügen bestärkt hatte. Er nahm sich fest vor, es künftig anders und besser zu machen; er sah ein, daß nicht Geld, sondern Arbeit das Mittel ist, womit ge⸗ holfen werden muß. So beriet er denn mit seiner jungen Frau, wie es wohl möglich sei, künftig den Bettlern Arbeit zu ver⸗ schaffen. Vor allem wendete er sich an das Arbeitsamt, das ja auch in seiner kleinen Gemeinde der gegebene Weg war, um Ar⸗ beitswilligen zu helfen. Sollte aber bei der großen Arbeitslosig⸗ keit in unserer Zeit da nichts zu machen sein, so richtete er in sei— nem Hof einen Holzpark auf, legte eine Axt dazu und beauftragte jeden Bettler, der an seine Türe kam, damit eine bestimmte Menge Holz zu hacken und sich damit Geld zu verdienen, anstatt zu erbetteln. Für Frauen hatte er von einem nahen Oekonomie⸗ hof zerrissene Säcke erbeten. Diese unter Aufsicht der Pfarrfrau zu flicken, war eine leichte Arbeit, die zede Frau leisten konnte, und für die ihr dann ein entsprechender Lohn ausgezahlt wurde. Wohl kam es einmal vor, daß ein Mann mit der Axt heimlich davonging, ebenso wie eine Frau einen Sack mitnahm, aber es waren Ausnahmen und ließen sich bei genügender Aufsicht ver⸗ meiden.
Merkwürdig war es, wie von dieser Zeit an die Bettler ab⸗ nahmen. Nur wirklich Bedürftigen wurde fortan geholfen, und zwar nicht mit Geld, sondern durch Erkundigung nach ihren Ver⸗ hältnissen, Empfehlungen, guten Adressen und Verschaffen von Arbeitsgelegenheit. Und damit gewann der Befehl Christi: „Liebe deinen Nächsten“ einen viel tieferen Inhalt, seine⸗ Aus⸗ führung wurde wohl schwerer, aber wirklicher. Nicht mehr schöne Ideale, aber Kraft und Leben ging künftig von diesem Pfarr⸗ haus aus, und kehrte in reichem Maße auf seine Bewohner zurück.
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Gretchens Erlebnis.
Die Dorfjugend hat sich gesammelt. Schon seit einer Stunde steht sie in der Nähe der Kirche und wartet auf die Hochzeits⸗ leute, die heute getraut werden sollen. Aeltere Frauen kommen
nun auch hinzu, denn die Glocken beginnen zu läuten, und der
Nuf„Sie kommen“] geht von Mund zu Mund. Beinahe geord⸗ net steht die Schar der Zuschauenden zu beiden Seiten der mit Guirlanden geschmückten Kirchentür, als hätten sie den Auftrag, eine Ehrenkompagnie zu bilden. Heute feiert Minchen, des Schulzen Schwester, Hochzeit, und das ist doch etwas Besonderes!
Da kommen sie, voraus kleine Mädchen Blumen streuend, die sie in zierlichen Körbchen tragen. Ein Schimmer und Zau⸗ ber liegt auf dem heranziehenden Zug. Sie tragen alle ihr Feierkleid mit viel Würde und ehrfürchtig sieht man auf das Brautpaar, das gesenkten Hauptes in die Kirche eintritt.
Da, wer kommt noch im letzten Augenblick über den Kirch⸗ platz gelaufen? Pastors Gretlein ist's; schon steht sie in den Reihen der Zuschauenden. Sie ist noch damit beschäftigt, die saubere Schürze umzubinden, denn sie mußte doch schnell mit der groben Küchenschürze vertauscht werden. Es war nach Tisch, und Gretchen wollte gerade anfangen mit Aufwaschen. Das heiße Wasser war schon eingegossen, und eigentlich. Einen Au⸗ genblick überlegt sie noch, denn es ist ihr plötzlich so unbehaglich zumute:„Soll ich nicht doch lieber fragen?“ Doch schnell ist aller Zweifel zurückgedrängt, und mit leuchtenden Augen und hochroten Backen eilt sie mit den andern zuru Empore hinauf. Die Orgel setzt ein und mit dem schönen alten Liede:„Jesu, geh' voran“. Das Brautpaar tritt vor den geschmückten Altar. Die Sonne sendet ihre Strahlen durch die bunten Fensterscheiben. Die vielen Blumen glühen so leuchtend, und die alten Messing⸗ leuchter blitzen. Jetzt schweigt die Orngel, und die Worte des Pfarrers klingen voll Ernst und Warmherzigkeit zu den an⸗ dächtig Lauschenden. Nun kniet das Paar nieder, um den Se⸗ gen Gottes zu empfangen. Die Orgel spielt leise dazu:„So nimm denn meine Hände“. Ach, Wie ein Schauer geht es dem Gretlein den Rücken herunter. Dieses shöne, liebe Lied hatte sie selbst einmal vor dem Altar gesungen. Es war noch nicht so lange her, als sie dort auch gekniet hatte münden andern Kon⸗ firmanden, und aus tiefstem Herzen mitgesungen:„So nimm' denn meine Hände und führe mich“. Ja, es war iin Ernst ge⸗ wesen:„Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Säxitt, wo Du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.“ Seithet liebt sie dieses Lied ganz besonders und singt es oft. Heute will es nicht recht gelingen, die Kehle ist wie zugeschnürt. Warum wohl nur? Bloß, weil sie ohne Erlaubnis gegangen war? Ach was! Frau Pastor hatte es ja immer erlaubt, daß sie zusehen durfte, warum sollte sie heute etwas dagegen haben? Nun ist ja auch die Trauung zu Ende. Wie schön ist es doch anzusehen, wenn der Brautzug langsam hinter dem Altar herumschreitet! Jetzt kommt er wieder nach vorn und bewegt sich vom Altarraum herab durch das Kirchenschiff hinaus. Die letzten Orgelklänge ver⸗ hallen, und mit den Zuschauern ist auch unser Gretlein die Trep⸗
Nun schnell an die Arbeit! Noch einmal so flink soll es jetzt gehen, damit die versäumte Zeit eingeholt wird. Vielleicht merkt es dann keiner, und man braucht nichts mehr davon zu sagen, so denkt Gretchen auf dem kurzen Weg zum Pfarrhaus. Doch— wie ungemütlich!— Frau Pastor ist in der Küche. Sie sagt kein Wort des Tadels, und doch wäre ein Tadel jetzt beinahe eine Erlösung gewesen. Mit einem bedrückten Herzen tut Gret⸗ chen ihre Arbeit. Sie macht auch noch Besorgungen im Dorf, bei denen sie vom Regen überrascht wird. Sie ist naß geworden, was ihr sonst gar nichts macht— heute aber fühlt sie sich schlecht, hat Kopfschmerzen, und als Frau Pastor sie voll Teilnahme nach
schauer, in den sie ohne Regenschirm geraten sei. Aber die Pfarrfrau sieht tiefer. Sie sagt:„Mein Gretlein, stimmt das wirklich? War das der Regenguß, oder haben die Kopfschmerzen nicht noch eine andere Ursache?“ Und indem sie ihr dabei voll Liebe in die Augen schaut, bricht das Mädchen in Tränen aus. Unter Schluchzen stammelt sie die Worte:„Nein, nein, es ist nicht der Regen, es ist ja von heute Mittag, weil ich fortging, ohne zu fragen.“ Nun ist es heraus! Ein tiefer Seufzer folgt, und wie befreit sieht sie die Pfarrfrau an, die sagt:„Nicht wahr, so schwer machst du dir das Leben nicht wieder. Ein an⸗
Hochzeitsleuten zusehen kannst.“ Jetzt fühlt Gretchen eigentlich erst richtig, wie schrecklich doch der Nachmittag gewesen ist, jetzt, wo der Druck von ihrem Herzen gewichen ist. Sie hatte sich kaum mehr vorwärts zu schleppen vermögen, und nun ist's plötz⸗ lich, als seien ihr Flügel gewachsen, so leicht beschwingt eilt sie durchs Haus. Eine Kleinigkeit hat dem Gretlein den ganzen Nachmittag verdorben. Frau St.
Aus unserer Bewegung.
Stellungnahme zum RNeichsschulgesetzentwurf.
Der in Nr. 32 der„Evangelischen Warte“ genannte Aus⸗ schuß der Evangelischen Volksgemeinschaft tagte am 15. August im Hospitz„Baseler Hof“ zu Frankfurt a. M. Die Verhand⸗ lungen wurden eingeleitet durch zwei tiefgründige Referate, von denen das erste den Standpunkt der Bekenntnisschule, das zweite den der christlichen Simultanschule vertrat. Die nach⸗ folhende Aussprache entsprach der Höhe der beiden sachverstän⸗ digen Vorträgen und dem Ernst und der Wichtigkeit des Gegen⸗ standes. Zuletzt einigte man sich auf eine das Ergebnis der Aussprache zusammnenfassende Entschließung, welche zugleich die
Wir werden dieselbe in der nächsten Nummer der„Evangelischen Warte“ zum Abdruck bringen und gleichzeitig eine ausführliche
pe hinab⸗ und hinausgeeilt.
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