Ausgabe 
24.3.1901
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 12. 3

b Unterhaltungs-Cril.

1848.

Märztage in Wien. (Aus demWahren Jacob.) (Fortsetzung statt Schluß.)

Die Wiener waren nervös; die Leidenschaft mußte ihnen eingeflößt werden und das geschah von Ungarn aus, von Preßburg, wo die ma⸗ gyarischen Deputierten weilten.Wir wälzen den Stein des Sisyphus, rief dort am 3. März Kossuth, der glänzendste Rhetor der achtundvier⸗ ziger Bewegung;wir martern uns auf der Tretmühle ab mit nutzlosem Thun und aus der Beinkammer des Wiener Regierungssystems qualmt eine erstickende Luft, welche die Nerven austrocknet... Nur die Vereinigung der österreichischen Nationalitäten auf dem Boden einer Verfassung schütze vor dem Niedergang der Monarchie; Bureau und Bajonett vermögen ihn nicht zu hindern.

Das hieß, trivial ausgedrückt, der Katze die Schelle anhängen. In unzähligen Abschriften zirkulierend, ward diese sublime Brandrede ge⸗ lesen und wieder gelesen; sie hatte ein Echo, welches die Schläfer aufjagte und in den Cafes und Kneipen Wiens sprach man so laut und ungemert davon, als seien dieNaderer, wie die Spitzel damals hießen, alle schon drauf⸗ gegangen.

Hatte die liberale Schweiz gesiegt und Frankreich einen König abgeschüttelt, galt es, sich zu sputen. Mit Adressen, die weder Hörner noch Zähne hatten, fing das an. Das war so deuisch-loyal; mannahte der Krone in De⸗ mut. Der niederösterreichische Gewerbeverein schritt voraus, der politisch⸗juridische Leseverein, das Zentrum derIntelligenz folgte nach, bie atademische Jugend stieß hinzu; zweitausend Hörer der Uuiversimät unterzeichneten ein Ge⸗ such um Rede⸗ und Preß⸗, um Lehr⸗ und Lern⸗ sreiheit, um gleiches Recht der Konsessionen und verwandte Dinge. Die frechen Jungen der Aula sollten ausgepeischt werden, war die An⸗ sicht einer Hofwanze und eine Flut von billigem, ulbernem Spott ergoß sich nachmals über die Knaben, die statt kommentmäßig zu saufen und und zu randalieren, die revolutionäre Vorhut wurden. Grüne Politiker in der That, naiv auffassend und drollig eifernd, und doch ein braves Korps, von dem ein poetischer Schimmer auf die Rebellion hin leuchtete.

Wo die Konfusion am größten, ist die Krisis am nächsten; am 13. Marz war sie daa. In der katserlichen Burg erwogen Staats⸗ und Fumilienrat im Schweiße ihres Angesichts, wie wohl die Aufregung zu dämpfen sei; die schlimme Sophie bohrte wie besessen gegen Metternich. Man kam zu keinem Schluß. Die Wiener Bürger aber, die wohlgebürsteten und mit Cylinderhut versehenen, promenerten vor das Landständelokal, dieser unschuldigen Ge⸗ nossenschaft zu eröffnen, man stehehinter ihr, wenn sie die Wünsche des Volkes beim Herr⸗ scher aus richte. Auch die Studenten erschienen in stattlicher Kolonne, so sehr Prosessor Hye im Leichenbitterton sie davor warnte. Doch Niemand, der die Formel faud, bis plötzlich ein helles Lebehoch auf die Freiheit schallt und herunter vom Dache des Brunnens ein junger Tiroler die Kossuthrede deklamiert; das Signal zum brausenden Chor. Was ängstlich bisher verschwiegen worden, es barst jetzt nur so aus der Kehle. Abdanken sollte Metternich, zum Teufel sollte die jesuitische Blase gehen, man

sprach von Waffen, forderte ein konstitutionelles

Oberhaupt und stürmte, da oben die Herren im Stäudesaal staatsmännisch schlotterten, zu ihnen hinauf so ungestüm, daß Wände krachten und Scheiben klirrten und der Landes⸗ marschall zum sauren Gange sich herbeiließ. Mit einem Rudel Kollegen, geschoben, geschleppt

von den Studenten, ging er nach der Burg, ward nicht vorgelassen und vertröstet, daß man daszum allgemeinen Wohle Dienende schleu⸗ nigst anzuordnen gedenke; das amtliche Gauner⸗ Deutsch. 5 Weithin kreiste indessen schon das Gerücht von Exzessen, die beim Ständehause stattge⸗ funden hätten. Dorthin geschickte Patrouillen vermochten sich nicht durchzuquetschen und eine Kompagnie böhmischer Grenadiere richtete eben⸗ so wenig aus; man lachte vergnügt, als sie in eine Seitengasse schwenkte, hob aber, zumal sie wieder kommen konnte, Steine und Bretter⸗ trümmer auf. Da tauchte die Gestalt des Stadtkommandanten, des Erzherzogs Albrecht auf. Unter ihm hatten die Wachen zum öfteren Personen niedergeknallt, nur weil sie nicht eilig genug Zigarre oder Pfeife aus dem Munde ge⸗ nommen; er war deshalb sehr unbeliebt. Sie möchten die Vivats sparen und sich trollen, schnarrte er die Hüte und Kappen Schwenkenden an, salutierte ironisch, als gezischt ward, und jetzt traf ihn ein Holzspluter. Der Erz⸗ herzog ritt ab und gleich darauf kamen im

Laufschritt Pioniere, auf den Knäuel Wehrloser

feuernd und mit dem Kolben dreinschlagend. Kanaillen, Lumpen, da habt ihrs! kreischte ihr Hauptmann, wie toll mit seinem Säbel um sich metzgernd. Einzelne Gruppen zersprengte die Reiterei. Die Soldateska hatte es gut. Es gab in Wien noch keine Barrikaden⸗Wissen⸗ schaft.

Ward das heiße Eisen nicht geschmiedet, gings den Studenten an den Kragen; sie, die Anstifter, wußten, was ihrer wartete, wenn es nicht gelang, die Gewalthaber wuchtig an die Wand zu drücken. Auf die ehrsamen, wohl⸗ situierlen Biedermänner, die momentan schnau⸗ bend mit Flinte und Hirschfänger auf den plätzen erschienen, war wenig Verlaß; gar zu leicht kippten die um. Boten rannten deshalb nach den ärmeren Quartieren, die proletarische Bevölterung aufzubieten, und die untere Schich⸗ ten griffen auch munter ein nach ihrer Weise. Sie nahmen Wachtlotale und össentliche Gebäude aufs Korn, schuussen die Fenster eines Flügels der Hofburg ein, rumterten die Villa Metter⸗ nichs so grundlich, daß nur die nackten Mauern noch landen, und auf dem Glacis wurden weithin die Gasrohren bloßgelegt; gespenstisch flackerie das brennende Gas zum Nachthimmel auf.

Der Toten und Verwundeten waren fünf⸗ zig an diesem 13. März.Freilich, es fehlte furchtbar wenig, daß vor den Thoren der Burg elbst ein Blutbad angerichtet wurde. Die Menge stand dort so dicht, daß ihre Vorder⸗ reihe hart an die Bajonette der absperrenden Postentette und an die Mündungen der daselbst aufgefahrenen Kanonen geschoben war. Einer der vielen Erzherzoge, die sich unnütz machten, befahl zu kartätschen; allein ein verständiger Feuerwerker nahm den Artilleristen die bren⸗ nenden Lunten weg und trat sie aus. Feuer⸗ werker müssen Verstand besitzen, Erzherzöge müssen geboren werden.(Schluß folgt)

Bauernehre.

Von Georges de Lys. Autorisierte Uebersetzung von Wilhelm Thal. (Fortsetzung statt Schluß.) 1 Am nächsten Morgen saß in einem kleinen Pachthaus ein Bauer an einem Tische, dessen düsteres Gesicht eine schwere moralische wie physische Müdigkeit verriet. Sein Weib beugte sich über den gußeisernen Kessel, der über dem Herde hing und dessen rötliche Strahlen die Runzeln, die sein Gesicht durchfurchten, noch schärfer hervortreten ließ. Seine Haare fielen in struppigen Strähnen aus der zerknitter ten und schiefsitzenden Mütze. Der Tisch und die

Bänke wackelten, während das Büffet, der Stolz der Pächterinnen der Bresse, auf seinen schmutz⸗ igen Fächern nur zerbrochene Teller und un⸗ gleiche Schüsseln aufwies. Rostige, längst nicht mehr gebrauchte landwirtschaftliche Gegenstände lagen in den Winkeln herum.

Menschen und Geräte verrieten das Elend, jenes Elend, das der Zusammenbruch und die

Verzweiflung nach sich zieht.

Jean Drevon erschien auf der Schwelle, 5 erkannte mit einem Blicke die herrschende Not, und das Herz schnürte sich ihm zusammen.

Gott zum Gruß, Vater Brichet! rief er und faßte mit einer Bewegung, die an den mili⸗ tärischen Gruß erinnerte, an den Rand des Ihr erkennt mich nicht? ich bin der

Hutes. Sohn von Drevon, Eurem alten Freunde.

Fühle mich sehr geschmeichelt über Ihren

Besuch... ich wollte eben essen... wollen Sie mithalten? fügte Brichet hinzu und warf seiner Frau einen unruhigen Blick zu.

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Das schlage ich Euch nicht ab, sagte 1 75 Jean, einen fröhlichen Ton annehmend.Ich

habe einen guten Marsch zurückgelegt, und die

Heimatluft hat mich hungrig gemacht. Ich

bin hergekommen, um mit Euch zu sprechen, und es plaudert sich vor einem Glase Wein

besser. Die Mutter Brichet hatte ihre Schürze über den Tisch gebreitet und zwei noch annehm⸗

bare Teller und Gläser gefunden; sie brachte

jetzt die Kohlsuppe herbei, fügte etwas gelben

Speck und auch Schinken hinzu und legte neben

jeden Teller einen hölzernen Löffel.

Die Männer zogen das Messer, von dem sich der Bauer nie trennt, aus der Tasche und schnitten sich ein langes Stück aus dem Laib

Schwarzbrot, das, wie üblich, in einen Lappen

gewickelt war. Die Frau ging hinaus und kam mit einem

Steinkrug wieder, den sie den Speisenden hin⸗ 135

stellte.

Wir haben gestern unsern ganzen guten

Wein ausgetrunken, Herr Drevon, entschuldigte sie sich,und können ihnen deshalb nur Krätzer aubieten. b

Das erfrischt noch mehr und ich habe gerade großen Durst, versetzte Jean.Nun,

fügte er hinzu, sich wieder an Brichet wendend, 0 wie gehts denn bei Euch? Ist Euer Pachthof

eben so gut wie Sangris?

Ach, Herr Drevon, ein Unglück führt immer noch andere mit sich. Das Unglück mit unserer Tochter, von dem Ihnen Ihr Vater wohl er⸗

zählt hat, hat mir allen Mut genommen. Das Pech ist mit Katherines Fehltritt bei uns ein⸗

getreten und es ist dageblieben, selbst als sie

von uns fortgezogen ist.

Katherine ist nicht hier? rief Jean,Sie haben sie fortgejagt?

Nein, Herr Drevon, obwohl sie's verdient

hatte, aber wir haben kein so hartes Herz. 1

Aber hier ging es nicht mehr. Da merkte sie denn, daß sie uns Unglück brachte und hat in

Lyon eine Stelle angenommen, jetzt ist sie dort 9 5

bei reichen Leuten in Dienst.

Und ihr Kind? 8

Das haben wir hier behalten; den Jungen haben wir hier behalten; da sehen Sie, er er⸗ wacht gerade!

Jean sprang auf das Bett zu, nahm das Kind auf den Arm, betrachtete es mit tiefer Bewegung und murmelte dann schluchzend: Mein Sohn!

Die Alten rissen verdutzt die Augen auf 9

und sahen ihn verwundert an. 5 Verzeihung, sagte er ernst und würdig, ich bitte Euch um die Hand Eurer Tochter

Katherine. (Schluß folgt.)

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über den Inhalt derMitteldeutschen Sonntagszeitung ersuchen wir unsere Ge⸗ 125 direkt an die Redaktion, Kirchen platz 11 zu richten; wegen mangelhafter Zustellung wende man sich an die Expedition, Sonnenstraße 25.

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