Ausgabe 
17.3.1901
 
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Gießen, Sonntag, den 17. März 1901.

8. Jahrg.

Nr. 11. Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mauserung der Sozialdemokratie.

Fast die gesamte bürgerliche Presse beschäf tigte sich diese Woche mit einem an sich und für uns äußerst harmlosen Vorgange, den aber das Spießertum für ein welterschütterndes Er⸗ eignis hält. Einen bis auf die Knochen mo⸗ marchischen, königstreuen, nicht blos vor jedem gekrönten Haupte, sondern womöglich schon vor jedemVon in tiefster Ehrfurcht ersterbenden Bürger muß allerdings das Blut in den Adern stocken, wenn er hört, daß ein wirklicher Groß herzog sich mit einem waschechten sozialdemo⸗ kratischen Republikaner an den Biertisch setzt und mit ihm sichtlich interessiert, längere freundschaft⸗ liche Unterhaltung pflegt. Und es war That sache, was das Depeschen⸗Büreau vorige Woche aller Welt mitteilte, daß sich der Großherzog von Hessen etwa ¼ Stunden mit den Ab⸗ geordneten für Offenbach, Genossen Ulrich, über allgemeine Fragen unterhielt. Unser Offen⸗ bacher Parteiorgan bemerkt dazu, daß es mit dem Genossen Ulrich der Meinung gewesen sei, der Vorgang sei so wenig von öffentlicher Bedeutung, daß er nicht erwähnt zu werden brauche, es gehe erst darauf ein, nachdem fich eine Anzahl Blätter mit der Geschichte beschäftigt hätten. Dann sagt es weiter:

Es handelt sich um den ersten parlamen⸗ tarischen Abend, der vom Präsidenten der zweiten Kammer, Herrn Geheimrat Haas, im Hotelzur Traube in Darmstadt arran⸗ giert und auch vom Großherzog besucht war. Alle Parteien waren erschienen; auch unsere Genossen Berthold, Cramer und Ulrich nahmen daran Teil, nachdem ihnen durch den Präsidenten Haas versichert worden war, daß keinerlei monarchische Ovationen zu er warten seien.

Und der Verlauf des Abends bestätigte das. Keinerlei militärisches oder monarchisches Ge⸗ präge war zu bemerken; einfach und schlicht, echt parlamentarisch, ging es her; und als die Tafel aufgehoben war, unterhielt man sich zwanglos bald mit diesem, bald mit jenem, bald mit einem Kollegen und bald mit einem Vertreter der Regierung. Der Großherzog ging ebenfalls von Tisch zu Tisch und kam so, ge⸗ führt vom Präsidenten Haas, auch an den Tisch, an welchem der Abgeordnete Ulrich saß, mit dem er nach stattgehabter Vorstellung durch den Präsidenten eine längere Unterredung anknüpfte, die teilweise recht lebhaft geführt wurde und 585 Allgemeinen um politische Tagesfragen rehte.

DiesemEreignis widmen nun die bürger⸗ lichen Blätter tiefsinnige Betrachtungen. Wäh⸗ rend die einen, die nationalsozialen, die uns immer allerdings zu spät sagen müssen, wie wir unsere Taktik zweckmäßig einzurichten haben, weil wir sonst weder aus noch ein wüßten, die halbstündige Plauderei Ulrichs mit dem Großherzog alseinen Riesenschritt vor⸗ wärts für die Sozialdemokratie bezeichnen, damit natürlich die Bekehrung der Sozialdemo⸗ kratie zum Monarchismus meinen, entrüsten sich die Scharfmacherorgane darüber. Natürlich vorsichtig⸗ehrfurchtsvollst, damit sie nicht mit den Majestätsbeleidigungsparagraphen in Kon⸗ flikt kommen. Andere, wie die agrarische deut⸗

sche Tageszeitung, spötteln in verbissenem Grimm über Sozialdemokratie, deren Führer sich dem nächst wahrscheinlich in Kniehosen an den höfi schen Festen beteiligen würden.

Solche Leute, die stets auf den revolutionären Charakter der Sozialdemokratie hinweisen, um damit die Notwendigkeit von Aus nahmegesetzen darzuthun, die gewohnt waren, uns von hoher Stelle aus alsvaterlandslose Gesellen, alsMenschen, die nicht wert sind, den Namen Deutsche zu tragen, bezeichnen zu hören und solchen Aeußerungen ihren leb haftesten Beifall spendeten, mußte die gemütliche Unterhaltung des Großherzogs mit Ulrich pein⸗ lich berühren.Sämtliche nationalliberale So⸗ zialistenfresser fragen sich entsetzt, schreibt die Frkftr. Zig.,wohin das noch führen soll: der Großherzog mit demroten Ulrich an einem Tisch beim Glase Bier in gemütlicher Unter⸗ haltung? Da müssen ja alle staatserhaltenden Triebe stocken. Im Ernst ist dieses Verhalten des jungen hessischen Großherzogs ein sehr er freulicher Beweis für eine vorurteilsfreie und allen Parteien des Landes ohne Ausnahme unparteiisch gegenüberstehende Sinnesart.

Das meinen wir auch. Will man bei dieser Gelegenheit von einem Fortschritt reden, so liegt er weniger auf sozialdemokratischer Seite, als vielmehr auf der des Großher zogs, der beschränkten Vorurteilen einer emi⸗ nenten Kulturbewegung gegenüber keinen Raum giebt. Mit Recht weist derVorwärts auf die eifrige Mitarbeit hin, die unsere Partei im Landtag, sehr vielen Gemeindevertretuggen und besonders in Offenbach entfalte und die an⸗ erkannt werden müsse, auch von den regieren den Kreisen.

Unsere Parteigenossen, die diesenAbend besuchten, sind zurückgekehrt zu ihrer Thätig⸗ keit, ohne Schaden an ihrer Gesinn⸗ ung erlitten zu haben. Dem offiziellen Besuch und Festessen bei Großherzogs, anläßlich der jeweiligen Eröffnung des Laud tags werden unsere Genossen natürlich auch in der Folge fernbleiben und sie wären auch dem Besuche dieses parlamentarischen Abends ferngeblieben, wenn dabei monarchische Huldigungsakte, wie Hochs oder Hurrahs zu zu erwarten gewesen wären. Dieses war aber im Voraus aus geschlossen, weshalb irgend welche Bedenken zur Ablehnung der Einladung des Kammerpräsidenten nicht gut geltend zu machen waren. Ulrich wird auch nach der Un⸗ terredung mit dem hessischen Landesfürsten das bleiben, was er war. Und die Sozialdemokratie erst recht!

Opfer der Arbeit.

Wie wir in der letzten Nummer kurz mit⸗ teilten, hat sich auf der Zeche Konsolidation bei Gelsenkirchen eine Explosion schlagender Wetter ereignet. Einundzwanzig Arbeiter sind dabei Opfer ihres Berufes geworden. 11 von ihnen wurden als Leichen aus den Trümmern des Schachtes ans Tageslicht befördert, 10 Ar⸗ beiter wurden schwer verletzt, 8 von ihnen sind den erlittenen entsetzlichen Verletzungen erlegen, die noch verbliebenen 2 Verunglückten ringen

mit dem Tode. So hat in 21 Familten namenloses Elend seinen Einzug ge⸗

halten. Eine große Kinderschar ist des Vaters, des Ernährers beraubt, Mütter beweinen den in der Blüte des Lebens jäh dahingerafften Sohn. Am Sonntag sind die Toten beerdigt worden. Noch ein paar Tage und außer den Bewohnern der nächsten Umgebung des Unsall⸗ ortes wird kein Mensch mehr der Toten ge denken.

21 Bergarbeiter verunglückt! Der Arbeiter liest es, schreibt dazu unser Magdeburger Partei⸗ organ, er weiß, daß sie gefallen sind auf dem Schlachtfelde der Arbeit, das jährlich tausende Opfer fordert, er wird ihnen ein ehrendes An⸗ denken bewahren. Die bürgerligsen Blätter haben in dürren Zeilen die Kunde von dem Unglück verbreitet, wozu sollen sie ihre Leser auch durch Besprechung dieses Unglücks in irgendwelche Erregung versetzen, ihnen Gelegen heit zum Nachdenken geben? Es waren ja nur 21 Arbeiter, und die Zahl der jährlich ver⸗ unglückenden Bergarbeiter ist Legion. Handelte es sich wie seiner Zeit bei dem Unglück auf der ZecheKarolinenglück um mehr als 100 Men⸗ schenleben, dann würde auch die hartgesottenste Kapitalistennatur ein paar Tage rührselige Klagen über denbraven Bergman anstimmen. Von dem neuesten Unglück nimmt man kurz Notiz und bezeichnet es als Folge einer toxce majeur, als höhere Gewalt!

In uns rief die Unglücksbotschaft die Er⸗ innerung wach an ein anderes Unglück, das wir gleich tief bedauern, das uns aber zum Ziehen einer Parallele veranlaßt; wir meinen bas Offenbacher Eisenbahnunglück vom 8. November v. J., das in seinen Einzelheiten noch in Aller Erinnerung ist. Damals waren alle bürgerlichen Zeitungen angefüllt mit spalten⸗ ja seitenlangen Berichten über das schreckliche Unglück, kein Ende wollte das Mitleid mit den bedauernswerten Opfern nehmen. Und die Ur⸗ sache dieser Erscheinung? Es handelte sra, wie gesagt, um Passagiere eines D⸗Zuges, um Angehörige der besitzenden Klasseu. Daher das überströmende Weitgefühl, das sich Luft machte in scharfen Verurteilungen der Thielenschen Eisenbahnpolitik und in Reform- vorschlägen für den Bau und die innere Ein⸗ richtung der D-Zug⸗Wagen.

Gewiß, auch wir haben unumwunden unser tiefstes Bedauern über den Vorfall ausgedrückt, und es war alles andere nur keine Schmeichelei, was Herr von Thielen über sein System da⸗ mals in der sozial demokratischen Presse lesen konnte. Aber, fragen wir, wo bleiben jetzt die bürgerlichen Preßstimmen, die beim Offenbacher Eisenbahnunglück so tapfer in die Saiten griffen und die schärfsten Töne anschlugen? Warum erheben sie jetzt anläßlich des furchtbaren Gruben unglücks nicht mit uns ihre Stimme für eine gründliche Reform der Berggesetzgebung, damit Leben und Gesundheit der Arbeiter mehr als bisher geschützt werden?

O, sie werden sich hüten, hier den Hebel der Kritik anzusetzen und den Stachel zu löcken wider die nimmersatte Profitgier der Gruben⸗ magnaten. Und sollten einige Blätter den schüchternen Versuch wagen, ihre Haltung zu verteidigen, so werden wir den schon so oft gemachten Vorwand hören, gegen schlagende Wetter lasse sich so gut wie nichts unternehmen, gegen derartige elementare Gewalten sei man