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Beilage eur Aitteldleutschen Sonntags-Leitung.
Nr. 50.
Gießen, Honntag, den 15. Dezember 1901.
8. Jahrg.
Uebermut eines gräflichen Brotwucherers.
„Der Vater wird wohl Alles ver⸗ soffen haben!“ So rief im Reichstage der Junker Graf Arnim dem Genossen Bebel zu, als er schilderte, wie in Köln ein Kind auf die Frage des Lehrers, warum es denn gerne im Himmel sein möge, geantwortet habe:„Dann hätte ich keinen Hunger mehr!“ Jener Zuruf, den das Gräflein gewiß bereute, als er dem Gehege seiner Zähne entschlüpft war, wirft aber ein grelles Licht auf die Denkart der Wucher⸗ zöllner. Die schmachvolle Roheit und Gewissen⸗ losigkeit des Junkertums und seiner Trabanten trat in diesem Zwischenfalle klar zu Tage. Wenn es auch vereinzelte Fälle geben mag, wo infolge schlechten Verhaltens oder Trunk⸗ sucht der Eltern die Kinder darben müssen— fast immer liegt aber auch dies in unserer „göttlichen“ Gesellschaftsordnung begründet. Aber bei einer Schilderung der Notlage weiter Bevölkerungsschichten, die jedem Fühlenden nahe gehen muß, die Armen ob ihrer Notlage zu berhöhnen und ihnen die Schuld dafür auf⸗ zubürden, während doch die Herrschenden allein die Schuld trifft— das ist eine unerhörte Gemeinheit.
Graf Arnim hat die Wucherparteien schwer getroffen, meint der Vorwärts, indem er ihre wahren Gesinnungen, die sie klug zu ver⸗ bergen versuchten, in beschränkter Tölpelhaftig⸗ keit vor aller Welt kund machte. Die elemen⸗ tare Empörung in den sozialdemokratischen Reihen, die der Cynismus des Mitglieds der Stummpartei erregte, wird weithin in das Land fortschwingen und die Aufreizung der Massen gegen den Wuchertarif und die Parteien des Wuchertarifs fördern. Wir sind dem Grafen Arnim, dem Verteidiger des Hänge⸗Peters und aller Kolonialabscheulichkeiten dankbar verpflichtet, daß er auch im jetzigen Kampf das richtige Wort für das Treiben der Wucherparteien gefunden.—
Und wer ist der Mensch, der solchergestalt die Armut verhöhnte? Es ist gut, sich seine Verhältuisse etwas anzusehen. Graf Arnim besitzt in Schlesten im Kreise Rothenburg und im Kreise Sagan nicht weniger als 18 Ritter⸗ güter, die eine Gesamtfläche von 31632 Hek⸗ taren Land umfassen. Außerdem besitzt der Graf im Niederbarnimer Kreise das Rittergut Elisenau⸗Blumberg, das 1185 Hektare umfaßt.
Demnach hat der Graf von Arnim einen Grundbesitz 32817, Hektar. Zur Veranschaulichung der Größe dieses von Arnim⸗ schen Riesengrundbesitzes sei angeführt, daß der gesamte Kreis Spremberg in der Mark Bran⸗ denburg nur 31019 Hektar in sich schließt.
Der Vorteil, welcher dem Grafen Arnim aus dem Getreidezoll erwächst, berechnet sich folgendermaßen: Von den 2464,52 Hektaren Ackerland mag nur die Hälfte, also 1232,26 Hektar, mit Getreide, das zum Verkauf dient, bepflanzt sein. Nach Abzug der Einsaat erntet ein Großgrundbesitzer im Durchschnitt mindestens vom Hektar Roggenboden 880, Weizenboden 1223, Gerstenboden 1190, Haferboden 1020 Kilogramm. Das giebt also, schlecht 1194005 durchschnittlich vom Hektar Getreideland 100 Kilogramm oder eine Tonne Getreide. Jede Mark Zoll erhöht den jährlichen Ertrag jedes Hektars des Großgrundbesitzes also um 10 Mk. Der Zoll beträgt zur Zeit 35 Mk. pro Tonne Roggen und Weizen. Also erwächst dem Grafen b. Arnim aus dem bestehenden Getreidezoll ein Vorteil von 43 129 Mk. jqährlich. Werden aber die Zölle nach den Wünschen der Junker⸗ partei, der Arnim angehört, erhöht, also auf Mk., so steigt der jährliche Vorteil des Grafen v. Arnim allein durch die Getreidezölle nuf 86 288 Mk. Dazu kommt, noch der Vorteil, den der Graf aus den Holzzöllen be⸗
zieht und diese Summen sind bei einem Wald—
besitz von 28677 Hektaren nicht gering.
Dagegen betragen die Löhne, die den ländlichen Arbeitern, in den Kreisen, wo die Arnim'schen Güter liegen, gezahlt werden, nach amtlichen Feststellungen 1.20 Mk. für männliche und 65 Pfg. für weibliche erwachsene Arbeiter, einschließlich der Naturalleistungen!
Aus diesen Zahlen ersteht man, was für Summen dieser zu den„Edlen und Besten der Nation“ gehörige„Volksvertreter“ durch die Wucherzölle, die von den Aermsten aufgebracht werden müssen, einheimst. Er verlangt, daß ihm die Gesetzgebung ein üppiches Leben ermög⸗ liche; mögen dabei die Kinder des Armen ver⸗ hungern, er hat dafür nur Spott und Hohn!
Bezeichnend für das Organ der hessischen Trabanten des Bundes der Landwirte, der antisemitischen Offenbacher„Volkswacht“ ist es, daß es der gräflichen Gemeinheit zustimmt. Zu wundern braucht man sich darüber aller- dings nicht. Bei dieser Gesellschaft ist die Scham längst zu den Hunden entflohen; ihre antisemitische Ueberzeugung hindert sie bekannt⸗ lich auch nicht, jüdischen Zeitungsbesitzern Be⸗ richte zu liefern, wenn sie dabet ein Geschäft machen können, warum sollen sie sich an Ge⸗ meinheit und Rüpelhaftigkeit von einem Grafen übertreffen lassen?
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Zu dem von Bebel erwähnten Vorfall mit dem Schüler erklärt der betreffende Lehrer in der„Köln. Volksztg.“, daß der Vater des Kindes kein Trinker sei, sein Verdienst sei aber unzureichend. Es handelt sich um eine siebenköpfige Familie, die in einer Dachstube wohnt. Das älteste Kind ist sieben Jahr alt; die Frau kränkelt. Bebels Erzählung beruht also durchaus auf Thatsachen. Und solchem Elend gegenüber haben vollgefressene Junker und antisemitische Mittelstandsretter nur Spott und Hohn! f
Von Nah und Fern.
Die Lokomotive im Wartesaal.
Der Frankfurter Hauptbahnhof war am Freitag früh der Schauplatz eines eigentümlichen Eisenbahnun⸗ glücks, das unter Umständen ein fürchterliches Blutbad hätte anrichten können, aber glücklicherweise ohne schwere Verletzungen von Menschen abging. Der Orient⸗Expreß⸗ zug Ostende⸗-Wien war, von Ostende kommend, von Mainz mit 85 Minuten Verspätung abgefahren. Um etwas Zeit einzuholen, hat der Lokomotivführer zwischen Mainz und Frankfurt ein sehr schnelles Tempo einge⸗ schlagen. Bei der Einfahrt in den Frankfurter Haupt⸗ bahnhof fuhr der Zug mit einer Geschwindigkeit von 82 Kilometer pro Stunde, während das vorgeschriebene Einfahrtstempo 20 Kilometer ist. Nun war es, da die Bremse versagte, dem Führer unmöglich, den Zug anzuhalten. Er überfuhr am Ende der Geleise zunächst die Kiesschüttung und das dahinterliegende, etwa 20 Centimeter starke Asphaltpflaster, riß dann den schweren eisernen und stark verankerten Prellbock wie ein Streich⸗ holz zusammen, fegte im Weiterrasen die Buchhandlungs⸗ bude mit ihrem gesamten Inhalt weg, überfuhr den Querperron und durchschlug die Vorderfassade des Em⸗ pfangsgebäudes zum südlichen Wartesaal erster und zweiter Klasse, und blieb mitten im Wartesaal stehen, da zentnerschwere Quadersteine, die eine Säule tragen, die Weiterfahrt hemmten. Verletzt ist außer einem Bahnsteigschaffner Niemand. Fürchterlicher Schreck ergriff natürlich die wenigen im Wartesaal anwesenden Personen. Beschädigt ist nur die Lokomotive, die Wagen hatten vorher sich losgerissen.— Der betreffende Lokomotiv⸗ führer fuhr den Expreßzug nur vertretungsweise. Schon in Bingerbrück stieß dieselbe Maschine mit einem Güterzug zusammen, indessen blieb dieser Unfall ohne ernstere Folgen, möglich ist aber, daß der Führer sich infolge dessen in Aufregung befand.
Wie Ritualmordmärchen entstehen zeigt folgende Geschichte, die kürzlich aus Arns⸗ wal de berichtet wurde. Vor etwa sechs Jahren verschwand aus dem Dorfe„Mienken der dreijährige Sohn des Besitzers Fenske.
Nachdem alles Nachsuchen vergeblich gewesen, nahm ein Theil der Bevölkerung an, daß das Kind von einer um diese Zeit in der Gegend gesehenen Zigeunerbande entführt worden sei; die Antisemiten aber suchten hier wieder einen Ritualmord zu konstruiren. Jetzt ver⸗ lautet nach der„Volksztg.“, daß ein in jener Gegend wohnender Förster R. auf seinem Sterbette bekannt habe, daß er den Knaben ver⸗ sehentlich erschossen und dann aus Angst, bestraft zu werden, verscharrt hätte. Die Behörde beschäftigt sich bereits mit dieser Angelegenheit und so wird es hoffentlich gelingen, Licht in die mysteribse Sache zu bringen.— In ähnlicher Weise haben sich manche„Ritualmorde“ aufge⸗ klärt und es sollte uns gar nicht überraschen, halte es in dem Konitzer Falle sich ähnlich ver⸗ ielte.
Kleine Mitteilungen.
** Verschütteter Brunnenbauer. In Wollmar bei Marburg wurde der Brunnen⸗ bauer Koch bet seiner Arbeit durch Erd massen verschüttet. Bergleute begaben sich sofort ans Rettungswerk, leider konnten sie den Verun⸗ glückten nicht mehr retten; nach angestrengter Arbeit fand man ihn mit zerschmettertem Kopfe
** Plötzlicher Tod in der Gerichts⸗ sitzung. Freitag wurde mitten in einer Sitzung des 4. Strafsenats beim Reichsgericht in Leipzig Reichsgerichtsrat Braunbehrens vom Schlage getroffen und war auf der Stelle tot.
* 4 Personen ertrunken. Drei Tech⸗ niker in Bingen und ein bei ihnen zu Besuch weilender Freund mieteten sich am Sonntag Nachmittag einen Nachen und fuhren stromauf nach Geisenheim. Auf der Rückfahrt nach Bingen sind sie wahrscheinlich infolge des herrschenden Sturmes verunglückt. Der Nachen und die Leiche des einen wurden am Dienstag bei Kemp⸗ ten(oberhalb Bingen) geländet, am Mittwoch auch die Leichen der drei anderen.
* Mpsauer und To? In alting(Oberbayern) wurde der Pfarrer und Distriktsschulinspektor Graf wegen Sittlichkeits⸗ delikten, begangen an Schulkindern, verhaftet, aber nach Erlegung einer hohen Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt. Er amtirt nun ruhig als„Seelsorger“ weiter, nur die Schulinspektion wurde ihm abgenommen. Schon sechs Jahre lang hat der Schweinepriester jene Verbrechen begangen und mag in dieser Zeit schon manches Kindergemüt vergiftet haben.
Splitter.
Gab es denn jemals eine Herrschaft, welche Deuen, die im Besitz derselben waren, micht natürlich erschien? f
Mill.
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Von all den Beschuldigungen, die man gegen den Sozialismus anführt, giebt es keine, die man nicht einst gegen das Christentum erhoben hätte.
Cötvös,
Humoristisches.
Ein braver Handwerksmann. Schreiner: „Der katholisch' und der protestantisch' Pfarrer san meine Kundschaft und mach'n z'gleich a B'stellung. Was thoa? Hab' i zu an jeden schö stad g'sagt, daß i den andern an rechten Schund liefer', da war'n s' z fried'n und i a!“
Bedenklicher Trost. Unteroffizier: Herr Feldwebel, die Leute beklagen sich, daß die Mehlsuppe zu dünn wäre. Feldwebel: Lassen Sie ste nur erst ein paar Monate hier sein, dann werden sie sie schon dick kriegen.
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