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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung“
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Nr. 4b.
e 10 Unterhaltungs-Ceil. 7
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Trost im Winter.
Ein rauher Wind kam her von Nord, Die letzten Blüten mußten fort, Der Winter kam zu töten! Die Blätter fegte er vom Baum, Sie konnten vor Entrüstung kaum Und ile mehr erröten.
Mit Starrsinn führte er sich ein, Aus Groll besteht sein ganzes Sein, Die Erde starb vor Kummer;
Doch ew'ge Furcht fühlt der Tyrann, Daß ein Erlöser aus dem Bann Sie weckt, aus Tod und Schlummer.
Die Lehre kennt er, weise, alt: Noch nie konnt' schlimme Rohgewalt Sich lang auf Erden halten—
Ein Bess'rer nimmt die Hügel fest Und heilt der Erde schwer Gebrest, Durch gutes, weises Walten.
Durch edles Thun, gerecht und klug, Den Wunden, die der Winter schlug Gilt rasch sein erstes Sorgen.
Nur Gutes schafft er Schlag auf Schlag Und läßt ersteh'n aus düsterm Tag, Den sonnengoldnen Morgen!
Das ist der Lenz, der Freiheit Sohn, Er stürzt den Winter von dem Thron Mit seinen starken Händen! Ein Zukunftsbild— nach starrem Leid Wird auch der Held, der neuen Seit, Der Menschheit Schicksal wenden.
Srlösung! jubelt dann die Welt, Der Unechtschaft starre Fessel fällt! Nach rauher Stürme Wehen, Dann, einem Paradiese gleich, Aus Trümmern wird ein goldnes Veich, Im Völkerlenz erstehen! Frieda Pritzlaff.
Der erste Schnee. Skizze von E. Schröpel. Nachdruck verboten.
Auf den Stufen der Domkirche saß ein altes, notdürftig bekleidetes Mütterchen. Sie achtete nicht des rauhen Herbstwindes, der mit den Blätterleichen der nahen Anlage ein tolles Spiel trieb, sie schlen auch die empfindliche feuchte Kälte nicht zu fühlen. Regungslos, zusammen— gekauert, die matten Augen starr auf den Aus- gang der Kirche gerichtet, saß sie da, ein Bild menschlichen Jammers.
Der Gottesdienst war beendet, die Kirchen— besucher strömten dem Ausgange zu. Doch Niemanden aus der„frommen Schax“ rührte das stumme Flehen der greisen Bettlerin. Die Kirche war geleert und alsbald kam der behäbige Meßuer, das Thor zu sperren. Er wies harsch das arme Weib von ihrem Sitze; mühsam raffte sich dieses empor und stieg unsicheren Schrittes die Stufen herab.
Unschlüssig, Hilse suchend, stand die Greisin auf der bereits erhellten Straße. Der Wind wurde elsiger und ungestümer, einzelne, große Schneeflocken jagten dahin, es fiel der erste Schnee.
Die suchenden Blicke der Bettlerin blieben auf einen Bäckerladen haften, in dessen Schau— fenster das Gebäck verlockend ausgestellt war. Einem raschen Eutschlusse folgend, trat sie in denselben ein.
Doch kaum, daß die Alte die Thür hinter sich geschlossen hatte, fuhr sie der Eigentümer des Ladens mit den Worten grob an:
„Scher Dich hinaus, alte Hexe und lasse mir die Kälte nicht herein!“
„O sind ste alle herzlos— die Menschen!“ rief die Greisin, als sie sich wieder auf der Straße befand, verzweifelt und voll Bitterkeit.
Sie hatte noch mehr als eine Wegstunde zurückzulegen, um das Ziel ihrer Wanderung, das Asyl für Obdachlose, zu erreichen. Mit dem Reste der ihr bereits versagenden Kräfte schleppte sie sich durch die verödeten Straßen der Stadt mühsam fort. Das Asyl lag außer⸗ halb der Stadt, eine langgestreckte Chaussee führte dahin. Die frosterstarrten Füße wollten den müden, ausgehungerten Körper nicht mehr tragen; völlig erschöpft ließ sich das arme Weib auf einen abseits befindlichen Steinhügel nieder und alsbald senkte sich ein tiefer Schlummer auf ihre schweren Augenlider. Der Wind hatte sich etwas gelegt, doch der Schnee fiel immer dichter und dichter.
Wie kam es, daß die noch vor wenigen Jahren in zwar bescheidenen, aber geordneten Verhältnissen lebende Greisin, in diese verzweifelte Lage geraten war? Er währte nicht lange, der moderne, gesellschaftlicheZerstörungs— prozeß, dem jährlich tausende und abertausende brave und rechtschaffene Arbeiterfamilien zum Opfer fallen.
Mehr als zwanzig Jahre lebte ste glücklich und zufrieden an der Seite ihres Gatten, eines Maschinenbauers. Eines Tages wurde sie be— nachrichtigt, daß ihm in der Fabrik ein Unglück zugestoßen sei. Ein schweres Eisenstück war auf den Unglücklichen beim Abladen gestürzt und hatte ihm den Brustkorb eingedrückt. Er war bereits eine Leiche, ehe man ihn ins Krankenhaus gebracht.
In diese Zeit fiel ihres einzigen Sohnes Milttärpflicht. Einige Monate nach dem harten Schlage traf die unglückliche Witwe ein neuer— licher, wuchtiger Schlag. Ihr Sohn war den Strapazen, welchen er bei dem Kaisermanöver ausgesetzt war, erlegen.
Nun war sie auch ihres letzten Trostes, ihrer einzigen, künftigen Stütze beraubt. Und so kam es, daß das bejahrte, von den harten Schlägen eee Weib gezwungen wurde betteln zu gehen.—
Am nächstfolgenden Tage brachten die Tages— blätter glossenreiche Berichte über den a ten Schneefall und Eintritt der Winterzeit. Neben— sächlich wurde auch erwähnt, daß der erste Winter— frost schon ein Menschenopfer gefordert habe.
„Ein altes, verkommenes Weib,“ hieß es in den Zeitungen,„das auf dem Wege nach dem Asyl für Obdachlose, offenbar im trunkenen Zustande in den Straßengraben gefallen war, wurde heute früh von Landleuten im Schnee verweht, erfroren aufgefunden.“—
Unter dem Pantoffel stehen.
Man sagt, daß man die Ehen in zwei große Arten teilen könne, in unglückliche und in solche, wo der Mann„unter dem Pantoffel stehe“. Mit dieser letzteren Redensart bezeichnet man allgemein die Ehe, wo die Frau das Regiment im Hause führt. Diese Redensart erklärt sich aus einem Rechtsaltertum der Deutschen. Bei den Germanen galt nur der als vollgiltiges und selbstständiges Gemeindeglied, der alle Pflichten, die die Gemeinde auferlegte, zu er— füllen vermochte. Da dies der Frau unmöglich war, war damit auch schon ihre Unselbstständig— keit ausgesprochen und sie in die Gewalt des Mannes gegeben, der sie nach außen hin zu schützen und zu vertreten hatte. Mit der Hochzeit trat die Frau aus der Mundschaft des Vaters in die des Gatten. Altdeutsche Sitte war es nun, diese Mundschaftsübertretung dadurch sinn— bildlich zu bezeichnen, daß der Bräutigam der Braut ein Paar Schuhe schenkte. Sobald diese die Schuhe anzog, in den Schuhen des Mannes also stand, stand sie auch unter seiner Gewalt. Wenn nun in einer Ehe der Mann unter der Herrschaft der Frau stand oder steht, so kann man von einer solchen Ehe sagen, der Mann steht in den Schuhen der Frau. Und als im 17. Jahrhundert für den leichten Frauenschuh der Name Pantoffel aufkam, hieß die allgemeine Redensart: Der Mann steht in dem Pantoffel der Frau.
Wie aber ist es zu erklaren, daß die Redens. nicht„in dem Pantoffel“, sondern„unter dem 9 Pantoffel“ lautet. Alte Bücher erzählen, daß 11750 mächtige Könige den unterworfenen Fürsten 0 d ihre Schuhe schickten, welche diese zum Zeichen threr Unterwerfung tragen mußten. Aber nicht ö f, etwa an den Füßen, sondern auf der Schulter, damit die Besiegung allgemein erkennbar sel. Solche Fürsten waren also thatsächlich unter den Schuh gekommen. Erinnert sei hierbei auch% fl! an die Sitte des Altertums, wo der Sieger dem Besiegten den Fuß auf den Nacken setzte. a Auch bei den wilden Völkern findet sich dieselbe! Sitte: Freitag setzte zum Zeichen seiner Unter- würfigkeit den Fuß Robinsons auf seinen Nacken.“
Und so lautet denn unsere Redensart: Unter dem Pantoffel stehen.
Mit diesen alten Rechtsgebräuchen hängt dann auch mancher noch heute geübte Hochzeits⸗ ö gebrauch zusammen. An manchen Orten ist es— noch heutzutage üblich, daß der Bräutigam der Bräutigam der Braut vor der Hochzeit ein Paar Schuhe verehrt. Mancherorts lebt auch der Glaube, daß der Teil, der dem anderen de
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während der Trauung auf den Fuß tritt, die ue:
Herrschaft in der Ehe erlange. Gelingt dies r der Frau, so wird ihr Mann ein Pantoffel⸗ 1 5 held. In anderen Gegenden wieder glaubt“ man, daß der Frau die Herrschaft zufalle, wenn 11 es ihr gelänge, sich vom Bräutigam den linken 10 65 Schuh zubinden zu lassen. 10 Wer soll nun den Pantoffel schwingen, Frau oder Mann? Die Frage ist so wichtig nicht, wenn nur die Gatten in Eintracht, Liebe und Treue miteinander den Lebensweg gehen, „In einer guten Eh' ist wohl das Haußt der Mann. Jedoch das Herz das Weib, das er nicht missen kann.“ Schrieb Moltke doch auch an seine Braut; „Ich verlange nichts Besseres, als unter Deinem kleinen Pantoffel zu stuhen, und es wird Deine Aufgabe sein, mich durch Sauftmut, Nachgiebig⸗ keit und Güte auch dahin zu bringen.“
Ein Sprüchwort.
Hat der Bauer Geld, hat's die ganze Welt. Uever diesen oft von den Agrariern wiederholten Satz äußerte sich der verstorbene Zentrumsführer Abg. Peter Reichensperger n einer 1887 erschienenen Schrift„Die Gemein⸗ schädlichkeit der in Aussicht gestellten Erhöhungen der Kornzölle“ wörtlich wie folgt:„Dleser Spruch ist ja im allgemeinen vollkommen richtig, allein er bezieht sich auf den Erutesegeh, der vom Himmel fällt und als solcher, wie mit seinem Geldertrage, direkt oder indirekt allen zu gute kommt. Hier aber handelt es sich um Geld, das dem Städter erst abgenommen werden soll, um wie man sagt, damit den Bauer, zum Vorteil des Städters, kauffähig zu machen. Diese Kunstleistung scheitert indessen schon daran, daß nach dem Vorhergesagten nur eine kleine Minderheit von Bauern, keineswegs der wirklich massenhafte Bauernstand, durch dle 0 Brotverteuerung wohlhabender und kauffähiger wird, der letztere vielmehr ebenso wie alle übrigen Volksklassen durch die Verteuerung an Kaufkraft verliert. Handel und Judustrie können U daher auch nicht indirekt wieder gewinnen, was 10 sie direkt durch Verteuerung des eigenen Brotes, außerdem aber noch indirekt durch die in freund⸗ liche Aussicht gestellte, eventuelle Lohnerhöhung 1 der Arbeiter verlieren müssen, ganz abgesehen davon, ob bei einer solchen Lohnerhöhung noch
die Konkurrenz unserer Industrie mit der aus⸗ 2
ländischen bestanden werden kann.“ Heute singt 1
auch das Zentrum anders. Gemeinnütziges. 105
um die e der Schweine zu erhöhen, empfiehlt es sich, jedem Tier täglich etwa zwei Hände voll gesalzenen Hafer zu geben. Der Hafer ist zwei Tage in der Weise in ein Gefäß zu legen, daß zwischen jede Luge Körner eine dünne Schichte Salz aufgestreut ö wird, und darüber kommt nach dem Eindrücken ö mit den Händen etwas Wasser. Zu beachten 1
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