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Nr. 49.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
In dem Dorfe Datten enthielten sich die Familien⸗ angehörigen des Bauers Kaschka(der Vater, die Mutter, ein 18jähriger Sohn, eine 19jährige Tochter), die Magd und vier Bauernfrauen, seit Sonnabend aller Speise. Gebete murmelnd und Litaneien singend, springen die Leute zeitweise unbekleidet im Hause, im Hofe und vor dem Gehöfte umher. Sie halten sich für Auser⸗ wählte Gottes. Ein kürzlich vom Militär losgekommener Sohn Kaschkes, der den Humbug nicht mitmachen wollte, wurde von den fanatischen Menschen schwer mißhandelt. Der Gemeindevorsteher mußte Anordnungen treffen, da⸗ mit der Viehbestand Kaschkes nicht Hunger leide; zwei Ortseinwohner teilen sich lediglich in die Arbeit der Fütterung. Am Donnerstag wurde Frau Kaschke tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Ihr Gesicht ist blut⸗ rünstig, die Todesursache wird erst amtlich festgestellt werden. Neben der Leiche liegen die anderen Personen in religiösen Verzückungen. Es ist ein furchtbarer An⸗ blick. Die kranken Menschen gehören der Sekte der Irvingianer an.(Diese Sekte wurde von dem Schott— länder Edw. Irwing— gest. 1834— begründet und gewann seit 1848 auch in Deutschland Verbreitung. Sie erwartet die baldige Wiederkunft Christi.)
Dieser Fall erinnert an einen ganz ähnlichen, der sich in der Nähe von Wetzlar, vor reichlich zwei Jahren ereignete und wo ebenfalls eine ganze Familie sast zu Grunde ging. Besonders in Rechtenbach, Lützellinden und anderen Orten treiben verschiedene Sekten ihr Unwesen, die eifrig Anhänger werben, auch über eigene Bet⸗ säle ꝛc. verfügen. Diese Menschen sind in einem so hochgradigen, geradezu Mitleid erregenden, religiösen Fanatismus befangen, daß es gar kein Wunder ist, wenn sie schließlich dem Wahn⸗ sinn anheimfallen. Obwohl wir keinem Menschen wegen seiner religiösen Ansichten irgendwie Vorhalte machen wollen noch dürfen, so muß es doch unsere Aufgabe sein, soviel in unsern Kräften steht, aufklärend zu wirken, um dadurch solcher gemeingefährlichen Muckerei das Wasser abzugraben.
h. Kapital und Arbeit. Die Verwal⸗ tung der Buderusschen Eisenwerke schlägt eine Dividende von 6— 7% bei höheren Ab⸗ schreibungen als im Vorjahre vor. Den Arbeitern wurden aber wiederholt Lohnabzüge gemacht.— Das Zementwerk Zisseler arbeitet nur noch mit verminderter Arbeitszeit; auch in Haiger sollen 100 Arbeiter gekündigt worden sein.
— Wegen Sittlichkeitsverbrechen, begangen an Kindern unter 14 Jahren, verurteilte die Wetzlarer Strafkammer vorige Woche einen Kaufmann aus Haiger zu fünf Jahren Zuchthaus und zehnjährigem Ehr⸗ verluft. In der Verhandlung wurde sogar ein erst 6 jähriges Mädchen als Zeugin vernommen.— Aus derselben Verhandlung ist noch die Verurteilung eines 10 jährigen Schülers zu 5 Monaten Gefängnis wegen mehrerer Diebstähle zu erwähnen. Fünf Monate Ge⸗ fängnis für ein Kind! Ob die Richter glauben, den Jungen dadurch zu bessern? Wir sind der Ueberzeugung, daß er sich auf die Art erst recht zum vollendeten Verbrecher entwickeln wird.
* Der Antisemiterich Reuther aus Offenbach hat am Samstag in Dutenhofen eine Versammlung abgehalten, sich aber gehütet, sie vorher in seinem Arizonakiker bekannt zu machen, jedenfalls weil er die Anwesenheit unserer Genossen fürchtete. Triumphierend berichtet er, daß man auf ihn ein Hoch ausgebracht habe, in welches die Versammlung zeinstimmig ein⸗ stimmte“. Schön gesagt. Will er damit sich selbst oder die Versammlung kennzeichnen?
Aus dem Nreife Marburg⸗Rirchhain.
St. Der Gesangverein„Eintracht“ wird auch in diesem Jahre wieder— und zwar am ersten Weihnachtstage, abends von 7 Uhr ab— im Lokale von D. Jesberg dahier eine Weihnachtsfeier veranstalten, an welcher auch Gäste teilnehmen können. Durch Versteigerung eines Christbaumes, Geschenkver⸗ losung, Liedervorträge u. a. m. ist für Unter⸗ haltung reichlich gesorgt und dürfte dieser Familienabend voraussichtlich einen recht gemüt⸗ lichen Verlauf nehmen. f f
85 Die Frequenz der hiesigen Universi⸗ tät beträgt in diesem Wintersemester 1148 Hörer, darunter 6 Damen; also 32 Studirende mehr als im vorigen Winter. Es sind fast sämtliche größere Nationen vertreten. Rußland und England sind vorherrschend. Auch 8 Astaten, eine Anzahl Amerikaner und ein Australier
befinden sich hier.
— Eine Neueinschätzung der Grund⸗ stücke nach dem gemeinen Wert wird gegenwärtig in hiesiger Stadt seitens der Einschätzungs— kommission vorgenommen. Vom sozialen Stand⸗ punkt aus betrachtet ist diese Einschätzungsmethode, welche auch schon in mehreren größeren Staͤdten ausgeführt wurde, ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Der Ertrag der Grundsteuer wird dadurch nicht erhöht. Maßgebend ist bei der neuen Einschätzung, daß Grundstücke, deren Ertrag an sich wohl gering ist, die aber durch ihre Lage erheblich im Werte sich steigerten, und zwar ohne Zuthun der Besitzer, sondern nur allein durch die von der Allgemeinheit aufge— brachten aus der Stadtkasse fließenden Mittel, zur Steuer herangezogen werden. Die seither festgehaltenen Baugrundstücke werden dadurch billiger und gelangen eher zum Verkauf. Auch dürfte dadurch das Bauen befördert und die Mieten billiger werden, was für uns die Haupt⸗ sache ist.
— Zur Stadtveror dnetenstichwahl am Freitag, 13. d. Mts. entfalten die bürgerlichen Kreise eine rege Agitation. Auch uns sucht man hauptsächlich für die Wahl der Herren Lehrer Dörbecker und Kupferschmied Klee zu animieren. Wenn wir auch persönlich nichts gegen diese Leute einzuwenden haben, so möch— ten wir doch alle Arbeiter, welche sich an der Wahl beteiligen wollen, auffordern, ihre Stim⸗ men nur solchen Kandidaten zu geben, welche unabhängig von der Stadt sind oder keine Arbeiten für dieselbe ausführen. Da bleiben nur die beiden andern Kandidaten, Mechanikus Engel und Rentmeister Vial übrig.
Weitere Wahlerfolge
außerhalb Hessens sind zu berichten aus Hachenburg, wo Genosse Kaufmann Richter mit großer Mehrheit in die Stadtverordneten⸗ Versammlung gewählt wurde. Man sieht, auch im Westerwalde geht's vorwärts!— Ferner wurden in Schwelm(Westph.) zum ersten⸗ male 2 Genossen mit über 500 Stimmen in der dritten Klasse gewählt; in Langerfeld bei Schwelm ebenfalls zwei, die Wahl des einen wurde jedoch für ungültig erklärt.
Kleine Mitteilungen.
* Vergiftung durch Thee. Der Gast⸗ wirt Krupp in Wiesbaden hatte wegen seines Asthmaleidens Thee aus einer Apotheke bezogen. Nach Genuß desselben erkrankte er selbst, sowie seine beiden Kinder sehr schwer.
* Eine gehörige Pleite. Zum Kon⸗ kurse des früheren Direktors der Aktiengesellschaft für Trebertrocknung in Kassel, Schmidt sind nach Zeitungsmeldungen im ganzen Forderungen in Höhe von mehr als 127 Millionen an⸗ gemeldet worden. Das ist wirklich keine Bagatelle!
** Durchgebrannter Bankdirektor. Unter Mitnahme von 100000 Mk. flüchtete der Bankdirektor Blembel in Leipzig. Die von ihm geleitete Firma R. Blembel und Ko. hat ihre Zahlungen eingestellt. f
** Zwei schwere Eisenbahunfälle ereigneten sich vorige Woche. Auf der Strecke Köln⸗Düren bei Buir entgleiste am 28 Nov. ein Personenzug, wobet mehrere Passagiere getötet und zahlreiche verwundet wurden.— Zur gleichen Zeit stieß bei Seneca(Staat New⸗York, V. St.) ein Schnellzug auf einen Einwandererzug, der zertrümmert wurde und in Brand geriet. 80 Tote und 150 Verwundete werden gemeldet.
** Wegen Ermordung seiner Ge⸗ liebten wurde in Gotha der Student der Rechte, Fischer zu 10 Jahren Zuchthaus und Ehrverlust von gleicher Dauer verurteilt. Das Motiv der That war Eifersucht. Merkwürdiger⸗ weise hatte die Mutter der Ermordeten das Bild ihrer Tochter dem Angeklagten ins Gefäng⸗ niß geschickt,„weil er ihr so leid that.“
** Ein falscher Burenfreund. Die Strafkammer des Landgerichts Passau ver⸗ urteilte den Bauzeichner Emmerich aus Magde⸗ burg, der sich als Ingenieur v. Deutschmann von Johannesburg ausgab und einen Vortrag über die Kriegführung der Buren halten wollte,
in Wirklichkeit niemals einen Buren gesehen hat, zu 2 Jahren 3 Monaten Zuchthaus.— Uebrigens sind mehrere„unechte“ Buren in Deutschland herumgezogen, die Vorträge über den südafrikanischen Krieg hielten und dabei Geld verdienten.
Arbeiterbewegung.
T Der Metallarbeiter streik bei der Firma Giese und Co. in Offenbach wurde beigelegt. Die Firma hat von der ursprünglichen 25 prozentigen Lohnreduktion 15 pCt. nachge⸗ lassen, sodaß die Arbeiter 10 pCt. zu tragen haben. Die Firma verpflichtet sich, außerdem diejenigen Arbeiter(5 an der Zahl), welche nicht sofort eingestellt werden können wegen Mangel an Arbeit, bei eintretender Besserung zuerst ein⸗ zustellen, bevor andere Arbeiter anfangen können. Im Weiteren verpflichtet sich die Firma, nachdem die im Geschäft vorhandene gegenwärtige un⸗ günstige Geschäftslage überwunden ist, die alten Akkord⸗ und Lohnsätze wieder zu bezahlen. Daraus ergiebt sich wiederum die Lehre, wie nützlich die Organisation für den Arbeiter wirkt. Ohne dieselbe hätten sich die Arbeiter eine 25 prozentige Lohnreduktion gefallen lassen müssen und sie hätten in drei Wochen soviel an Lohn eingebüßt, als die Gewerkschaftsbeiträge das ganze Jahr hindurch betragen.
Die Wahlen zum Reichs ver⸗ sicherungsamt, die vor einiger Zeit stattfanden, sind nach dem Korrespondenzblatt der Gewerkschaften in größerem Maaße zu unsern Gunsten Zzusgefallen. Nur den reak⸗ tionären Aucharbeitern von der Seeunfall-Be⸗ rufsgenossenschaft ist es diesmal noch gelungen, den Sieg über unsere Genossen von der See— schiffahrt davonzutragen.
Versammlungskalender.
Samstag, den 7. Dezember.
Gießen. Sozialdem. Wahl verein. Abends
9 Uhr Mitgliedersammlung im Lokale Orbig. Sonntag, den 8. Dezember.
Gießen. Glaserverband. Vormittags 10 Uhr Versammlung bei Orbig.— Gesang⸗Verein „Eintracht“. Abends 8 Uhr Zusammenkunft Albold„Zum Gambrinus“.
Montag, den 9. Dezember.
Gießen. Tapezierer. Abends 9 Uhr Versamm⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).
Alten⸗Buseck. Volksverein. Abends 8 Uhr Versammlung bei Wirt Wilh. Becker. Pünttliches und vollzähliges Erscheinen unbedingt erford erlich.
Samstag, den 14. Dezember.
Friedberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr
Versammlung bei Ihl, Stadt New-⸗York. Sonntag, den 15. Dezember.
Gießen. Metallarbeiter. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Orbig.
Volksversammlungen: Samstag, den 7. Dez. in Ortenberg und Sonntag, den 8. Dez. in
Bergheim(Kreis Büdingen).
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Aus dem Gießener Standesamtsregister.
Aufgebote. 28. November: Friedrich Büttner, Friseur dahier mit Auguste Henrich in Soden. 3. De⸗ zember: Karl Berg, Bäcker mit Anna Hinkler, geb. Backhaus dahier. 4. Dr. phil. Franz Kummer, Gym⸗ nasial⸗Oberlehrer in Chemnitz mit Marie Rudolph da⸗ hier. 5. Emil Mayer, Kaufmann in Wiesbaden mit Else Friedberger dahier.
Eheschließ ungen. 30. November: Wilhelm Schmidt, Bahnarbeiter in Alten⸗Buseck mit Katharine Hartmetz dahier. Georg Zimmer, Bahnarbeiter mit Anna Röhrig dahier. Wilhelm Hedderich, Schreiner mit Friederike Berthel dahier. 4. Dezember: Gustav Maisch, Zimmermann dahier mit Katharine Haas in Annerod. 5
Geborene. 23. November: Dem Kreiskasserech⸗ ner Adam Kaus e. T. Dem Eisendreher Justus Horn e. T. 27. Dem Schneider Christian Vaubel e. T. 28. Dem Schaffner Karl Henkel e. S. 30. Dem Taglöhner Konrad Döring e. S. 1. Dezember: Dem Buchhalter Peter Castein e. T. 2. Dem Lokomotivheizer Karl Buseck e. S. Dem Lackierer Philipp Weigel e. S.
Gestorbene. 30. November: Wilhelm Aumann, 1 Jahr alt. 1. Dezember: Hermann Homberger, 62 Jahre alt, Fabrikant. 2. Victoria Wagner, 1 Monat alt. Ernst Lotz, 49 Jahre alt, Rentner. 4. Wilhelm Hirdes, 4 Monate alt. Johann Schneider, 63 Jahre alt, Schlosser.


